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Der Krieg im Kopf stört beim Lernen

Lesezeit: 4 Minuten

Amir* sitzt vor mir in einer NMS in Wien und wirkt uninteressiert. Er zieht nicht mal seine Jacke aus, hat seine Hände in den Hosentaschen und schaut gelangweilt. Er scheint nicht sicher, ob er überhaupt hier an unserem Workshop teilnehmen will.

Traumafolgen in der Schule
Amirs Lehrer*innen haben ihn als Teilnehmer für unser Programm „Kräfte stärken – Trauma bewältigen“ vorgeschlagen. Wir, vom Verein AFYA, bieten dieses für Schüler*innen an, die Krieg und Flucht erlebt haben, und häufig unter den Traumafolgen leiden.
Die Lehrer*innen der NMS haben uns genau deswegen kontaktiert: sie sehen Schüler*innen, die Probleme haben, ihre Emotionen zu kontrollieren, oft abwesend wirken, sich schwer konzentrieren können und immer unausgeschlafen zur Schule kommen. Von der einen oder anderen Erzählung wissen sie, dass diese Kinder vor ihrer Ankunft in Österreich Traumatisches erlebt haben.

Traumabewältigung in der Muttersprache
Als Gesundheitstrainer werde ich nun wöchentlich für je 2 Unterrichtsstunden mit Amir und sieben seiner ebenso geflüchteten Mitschüler arbeiten. Unser Ziel ist, „die Ruhe im Kopf wiederzufinden“, wie das ein Jugendlicher ausgedrückt hat. Wir werden in acht Einheiten Informationen, mentale Techniken und Entspannungsübungen vermitteln, sodass die Teilnehmenden ihre Trauma-bedingten Stress-Symptome verstehen, erkennen und kontrollieren können.
Die meisten von uns Gesundheitstrainer*innen haben selbst Fluchthintergrund und damit sprechen wir mindestens eine der Erstsprachen geflüchteter Kinder. Bei mir ist es Arabisch. Mein Kollege Farzad spricht Farsi. Unsere Kolleginnen arbeiten im Nebenraum mit der Mädchengruppe auf Arabisch und Somali. Wir halten die Kurse zweisprachig ab und wechseln auf die Muttersprache der Kinder, wenn ihnen das Sprechen über emotionale Themen dann leichter fällt.

Eine normale Reaktion – nicht verrückt!
Das versuche ich auch bei Amir, der immer noch unbeeindruckt vor mir sitzt. An seinem Akzent erkenne ich, dass er aus einer Region in Syrien kommt, in der der Krieg besonders grausame Züge annahm. Ich ahne, was er erlebt hat und starte mit dem Programm. In der ersten Stunde erzähle ich die Geschichte von Ali. Es geht darum, dass auch Ali (der immer ähnlich alt wie die Teilnehmer ist) auch etwas sehr Schlimmes im Krieg erlebt hat. In der Geschichte wird von seiner Angst, seinen Schlafprobleme, seinen Albträumen erzählt, und davon, dass der dann tagsüber müde und unkonzentriert ist. Wir reden darüber, dass Ali nicht verrückt ist, sondern seine Probleme ganz normal sind, nachdem was er erlebt hat; und dass seine Probleme sich bessern werden! Die Gruppe hört konzentriert zu und ich merke, wie auch Amir über seine eigenen Erinnerungen und Sorgen nachdenkt. Zur Auflockerung spielen wir ein Spiel, bei dem der Zusammenhalt in der Gruppe gestärkt wird. Das macht allen sehr viel Spaß.

Fotos: AFYA, Andrea Zehetner

Ressourcen stärken
In der nächsten Einheit erstelle ich mit den Jugendlichen einen Stressplan. Sie sollen herausfinden, was sie stresst und was ihnen dabei hilft, sich zu entspannen. Ich frage, wer beginnen will. Da meldet sich Amir. Ich merke, dass ihm die Geschichte von Ali geholfen hat, zu verstehen, was in ihm selbst vorgeht.

Ab diesem Zeitpunkt ist Amir bei jeder Übung sehr aufmerksam und teilt seine Erfahrungen mit der Gruppe. In der Einheit zum Thema „gut schlafen“ erzählt er von seinen Problemen beim Einschlafen: „Abends habe ich immer so viele Gedanken im Kopf, vom Krieg. Dann bin ich am Handy oder spiele Playstation, um mich abzulenken. Meistens schlafe ich erst um drei in der Früh ein.“ So geht es auch vielen seiner Mitschüler. In der Gruppe erarbeiten wir Punkte, die den Schlaf fördern und wir probieren Übungen für einen besseren Schlaf, z.B. „die Schildkröte“, die vor dem Schlafengehen alles ganz langsam und entspannt macht. Amir meint, dass er die Übung ausprobieren möchte und berichtet später, dass er jetzt auch in der Nacht schlafen kann und nicht nur in der Früh.

Beim fünften Treffen werden Albträume behandelt und Amir erzählt uns: „Ich habe oft denselben Traum, in dem meine Eltern in einen glühenden Vulkan fallen und verbrennen. Das macht mir Angst und ich schlafe nicht mehr ein.“ Wir suchen mit Amir eine Möglichkeit anstelle dieses traurigen Endes ein friedliches zu finden. Über eine arabische Sage finden wir die Lösung: Amir stellt sich vor, dass über dem Vulkan ein großer Vogel geflogen kommt, der seine Eltern rettet und davonträgt. Das ist ein Meilenstein im Programm: für die Teilnehmer zu erfahren, dass sie ihre Erinnerungen und Träume wie Bilder betrachten und verändern können.

„Nicht vergessen und verdrängen – aber Umgang lernen und Kontrolle erlangen.“

ist unser Leitspruch

Begleitende Angebote für Eltern und Lehrer*innen
Genau das vermitteln wir bei einem zusätzlichen Termin auch den Eltern der Teilnehmer*innen. Wir informieren darüber, was ihre Kinder bei uns lernen und ermutigen sie u.a. dazu, ihren Kindern zuzuhören, wenn sie von ihren Erinnerungen und Albträumen erzählen.

Auch für Lehrer*innen bieten wir begleitend einen halbtägigen Workshop, um über die wichtigsten Inhalte und Werkzeuge aus unserem Programm zu informieren und um Herausforderungen rund um Traumafolgen in der Schule zu bearbeiten.

Bildungschancen gestärkt!
Zu Abschluss des Programms schreiben die Jugendlichen einen Brief an Ali und erzählen ihm, was sie gelernt haben und was auch ihm helfen könnte, um sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Ich bin immer sehr glücklich, wenn ich sehe wie viel die Schüler*innen vom Kurs mitgenommen haben. Bei unserer letzten Übung legen die Schüler anhand von Blumen und Steinen ihren Lebensweg und erkennen, dass sie viel Schweres erlebt haben, aber auch stolz sein können auf das, was sie geschafft haben. Es freut mich besonders, als Amir sagt: „Ich fühle mich jetzt stärker.“ Voller Stolz überreiche ich ihm sein Teilnehmer-Zertifikat.

Das Auseinandersetzen mit ihren posttraumatischen Stress-Symptomen ermöglicht es den geflüchteten Schüler*innen in der Regel, sich im Alltag besser zu konzentrieren, ihre Gefühle zu benennen und zu kontrollieren. Eine Programmevaluation, die wir 2019 durchgeführt haben, bestätigt das deutlich. Die Stressbelastung der teilnehmenden Schüler*innen ist gesunken. Wir sind überzeugt, dass das ein wichtiger Schritt ist, um fairere Bildungschancen für geflüchtete Kinder und Jugendliche zu schaffen. In den letzten zwei Jahren haben 300 Kinder und Jugendliche an dem Programm „Kräfte stärken – Trauma bewältigen“ teilgenommen. In den nächsten Jahren wollen wir mindestens 1000 weitere erreichen.

Die Teilnahme am Programm ist für Schulen kostenlos. Im laufenden Schuljahr sind noch Gruppen an weiteren Schulen möglich. Weitere Infos: AFYA

*Name und Details wurden für diese Geschichte geändert.

Abdalla Mohammad war Schulpsychologe in Syrien und ist ausgebildeter Traumapädagoge.
Seit November 2017 ist er Gruppenleiter im interkulturellen Gesundheitstraining bei AFYA.

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