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Salih

Ich halte Gangaufsicht. Für eine Zehn-Uhr-Pause ist es erstaunlich ruhig, irgendwie fast zu ruhig. Liegt es an diesem trüben Herbsttag, der auch mich nicht so richtig wach werden lässt? Jussuf bietet mir einen Teil seiner Jause an. „Selbst gemacht von meiner Mama, Lahmacun. Nehmen Sie! Ich hab genug!“ Ich greife zu und denke mir, dass ich an dieser Schule sicher nie verhungern werde. „Lass deine Mama grüßen. Ich liebe es,“ sage ich zu Jussuf. Er strahlt mich an und verschwindet in seine Klasse. Gerade als ich den letzten Rest der geschenkten Glückseligkeit hinunterschlucke, höre ich nicht definierbare Schreie aus dem Klassenraum der 1c. Es folgt ein dumpfer Knall.

Was geht da ab? Und wo zur Hölle ist eigentlich jene Kollegin, die laut Plan mit mir am Gang stehen sollte?

Ahh! Frau Lodjn, kommen Sie! Kommen Sie schnell! Salih ….!“, ruft mir Kübra zu. Ohne meine Reaktion abzuwarten, schnappt sie mich an der Hand und zerrt mich ins Klassenzimmer.

Ich will Respekt! Respekt, R-e-s-p-e-k-t!“, schreit Salih. Um ihn herum stehen seine Klassenkolleg*innen und starren ihn fassungslos an. „R-e-s-p-e-k-t! R-e-s-p-e-k-t!“, skandiert Salih mit hochrotem Kopf und beginnt sich um seine eigene Achse zu drehen. Immer schneller, wie ein Derwisch. Meine Schockstarre dauert keine zwei Sekunden. Ich dränge mich an den Schüler*innen vorbei und versuche Salih zu bremsen. „Lass mich“, kreischt er und holt aus. Um Schlimmeres zu verhindern halte ich ihn fest. Wir straucheln und landen beide am Boden. „Lass mich!“, schluchzt er noch einmal und dann vergräbt er seinen Kopf in meinen Sweater.

Salih leidet an einer Autismus-Spektrum-Störung. Wobei ich mir mit dem Begriff leiden ein bisschen schwer tue. Leidet er wirklich? Die meiste Zeit erleben wir ihn alle als einen sehr ausgeglichenen Jungen. Aber es gibt eben auch ganz schlechte Tage, so wie heute. Da taucht ein klitzekleines Störgefühl auf, das ihn völlig aus der Bahn wirft.

Was war? Will mir irgendjemand was erzählen?“, frage ich vorsichtig in die Runde. Ein paar Schüler*innen gucken sich an. Andere zucken mit den Schultern. „Keine Ahnung, Frau Lodjn. Plötzlich hat Salih Selmas Tisch umgekippt und dann hat er zu schreien angefangen,“ sagt Marco.

Stimmt! Da liegt ein Tisch. Ist mir gar nicht aufgefallen. Der dumpfe Knall, klar.

Ehrlich Frau Lodjn, es war nichts,“ pflichtet ihm Selma bei. Sie hat begonnen ihre Hefte, Bücher und Stifte einzusammeln. „Ich glaube, dass Salih nur will, dass ihr ihn in der Pause in Ruhe lassts,“ wirft Ayse ein und setzt sich zu Salih und mir. Ganz vorsichtig beginnt sie Salihs Arm zu streicheln. Ein Wagnis, das scheitern könnte. Aber, er lässt es zu. Rada bringt ihm ein Taschentuch, Emre schenkt Salih eine Flasche Eistee und Fatih legt eine Handvoll Nüsse neben ihn. Alle drei gesellen sich zu uns. Nach und nach sitzt die ganze 1c am Boden.

Ayse hat Salihs Hand genommen. „Weißt du Salih, wenn du Respekt willst, dann darfst du nicht schreien. Das musst du anders machen,“ rät sie ihm.

Aber wie?“, will Salih wissen.

Ayse guckt mich planlos an. „Keine Ahnung!

Salih legt seinen Kopf schief, kneift die Augen zusammen. Das macht er immer, wenn er nachdenkt. „Soll ich alle schlagen?

Bitte nicht,“ werfe ich ein. Gelächter erfüllt den Raum.

Die Anspannung, die vor ein paar Minuten noch so stark zu spüren war, ist verflogen. Ich schlage vor, dass wir ja mal den Tisch aufstellen könnten. Da steht die Kollegin, die ich in der Gangaufsicht schmerzlich vermisst habe, in der Türe. Sie beginnt sofort zu brüllen. „Seid ihr verrückt geworden? Stellt den Tisch auf! Geht auf eure Plätze! Wieso holt ihr niemanden, wenn keine Lehrerin in der Klasse ist?“ Ich versuche mich bemerkbar zu machen, leider erfolglos. Salih löst sich aus meiner Umklammerung und steht langsam auf. Er guckt die Lehrerin an. „Weißt du, wenn du Respekt willst, dann darfst du nicht schreien,“ erklärt er ihr ernst. Schweigen. Die  Kollegin ist dabei den Mund aufzumachen, als sie mich erblickt. Kopfschüttelnd verlässt sie die Klasse.

Schüüüsch! Respekt Bruder. Hätte ich mich nie getraut. Die ist urstreng,“ stellt Dejan fest. Er klopft Salih anerkennend auf die Schulter.

Salih geht lächelnd zu seinem Platz, schlägt das Mathematikbuch auf und sagt: „Können wir jetzt bitte mit Mathe anfangen? Ich bin hier, um zu lernen. Wir werden sonst nicht fertig.

Maria Lodjn ist Lehrerin an der Mittelschule Staudingergasse

Dieser Text entstand im Rahmen des Gschichtnwettbewerbs „Respekt“, einer Kooperation zwischen Schulgschichtn und dem Projekt Respekt – gemeinsam stärker der Stadt Wien.

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Respekt

Das Wort „Respekt“ ist vieldeutig. Respekt kann Wertschätzung, Höflichkeit, Toleranz oder Fairness bedeuten.

Viele Jugendliche bezeichnen Respekt als altmodisch und unnötig, wobei Respekt meiner Meinung nach immer eine große Bedeutung auf der Welt hat und haben wird. Man soll sich immer denken, dass wenn man selbst nicht bereit ist, anderen Respekt zu schenken, man keinen von seinen Mitmenschen erhaltet.

Wir sollen alle Personen in unserer Gesellschaft so akzeptieren, wie sie sind und sie nicht verurteilen oder uns respektlos verhalten. Es ist völlig egal welche Hautfarbe, Sprache, Herkunft oder Religion ein Mensch besitzt, alle haben dieselben Werte und keiner sollte als besser oder schlechter angesehen werden.

Natürlich kommt es auch nicht auf den Beruf eines Menschen an, denn sie haben es verdient von den anderen respektiert zu werden, es hat nichts mit ihrem Rang in der Bevölkerung zu tun.

Nicht zu vergessen, dass wir die Meinungen anderer Menschen bzw. ihre Denkweise zu einem Thema ebenso akzeptieren und respektieren sollen. Außerdem finde ich, dass Respekt kein Alter und Geschlecht kennt, daher spielt es keine Rolle ob du ein Mann oder Frau, Kind oder ein*e Erwachsene*r bist, du solltest Respekt geben, um Respekt zu bekommen.

Hilfsbereitschaft gegenüber einem anderen Menschen zähle ich auch zu Respekt hinzu, weil du einer Person in einer schwierigen Situation behilflich sein kannst und somit zeigen kannst, wie respektvoll du bist. Beispielsweise du hilfst einer alten Dame die Straße zu überqueren oder du hilfst deinem Freund oder deiner Freundin bei einem Umzug.

Ich möchte noch beifügen, dass man seine Mitmenschen respektiert, egal wer es auch sein mag, dass man nicht gewisse Grenzen überschreiten soll, das bedeutet, dass man nicht verletzende Wörter, Beleidigungen oder Schimpfwörter benutzen sollte, denn somit macht man den Respekt zwischen demjenigen und sich selbst kaputt. Anstatt dessen sollte man höflichere und respektvollere Formulierungen benutzen.

Respekt heißt noch für mich, einen sogenannten Selbstrespekt zu besitzen, das heißt sich selbst zu respektieren und wertzuschätzen, denn nur so kannst du deinen Mitmenschen zeigen, dass du diesen Respekt verdienst.

Abgesehen davon sollte man sich selbst die Frage stellen, wie sollen mich andere respektieren, wenn ich es selbst nicht kann? Du bist genauso wichtig und wertvoll wie alle anderen Menschen.

Hasti Alim ist Schülerin am Gymnasium Brigittenau

Dieser Text entstand im Rahmen des Gschichtnwettbewerbs „Respekt“, einer Kooperation zwischen Schulgschichtn und dem Projekt Respekt – gemeinsam stärker der Stadt Wien.