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Hürden, Eigeninitiative und pures Glücksgefühl

Manche wollen sie haben, andere wehren sich vehement dagegen. Viele Personen sprechen darüber, einige setzen sich dafür ein und ein paar haben sich dem Thema voll und ganz verschrieben.

Mich haben technische Innovationen schon immer interessiert. Ich war zwar weder an einer technischen Schule, noch habe ich ein Studium in diese Richtung absolviert. Digitale Geräte und Tools haben in mir aber schon sehr früh eine gewisse Faszination ausgelöst, von der ich mich nicht lösen konnte.

Vor meiner Lehrtätigkeit war ich mehrere Jahre als Projektmanager in einer Agentur tätig. Schon dort stieß mein Drängen auf den Einsatz neuer Technologien nicht selten auf taube Ohren. Gewisse Abläufe mache man ja immer schon so – und zwar ganz erfolgreich. Wozu also Veränderung? Also habe ich mich mehr und mehr dem System gefügt und meine E-Mails nicht nur digital abgelegt, sondern Zettel für Zettel akribisch genau in einen großen Aktenordner sortiert – unabhängig davon, von welcher Relevanz der Inhalt war.

Einige Jahre später befinde ich mich im Lehrerberuf, stehe in der Klasse und stelle mir die Frage, was ich den Kindern hier vermitteln möchte. Will ich dazu beitragen, dass sie so analog arbeiten, wie es immer gemacht wurde? Oder will ich vielleicht derjenige sein, der ihnen neue, digitale Wege aufzeigt und einen Beitrag dazu leistet, dass sie selbst neue Dinge ausprobieren? Ich habe mich für Letzteres entschieden und mir im Herbst 2017 zum Ziel gesetzt, so viel wie möglich für die Digitalisierung meiner Schule beizutragen. Was folgte, war eine zweijährige Achterbahnfahrt mit Hürden, von denen ich nicht zu träumen wagte.

Ein erster Versuch

Da es an der Schule an Beamern mangelte, organisierte ich mir privat einen aussortierten Flachbildfernseher, zerrte ihn zuerst ins Uber und dann in meine Klasse. Die erste große Innovation – eine Präsentationsmöglichkeit im Klassenzimmer – war gegeben. Zumindest für drei Monate. Dann musste das Gerät aus Sicherheitsgründen wieder aus meiner Klasse verschwinden. Es hätte ja sein können, dass ein Kind durchs Bildschirmglas köpfelt. Eine fixe Montage an der Wand war leider auch nicht möglich, weil ja nichts in die Wände gebohrt werden durfte. Also durchforstete ich alle Schulschränke und fand tatsächlich noch ein paar alte Projektionsgeräte, die von der Schulgemeinschaft als defekt erklärt wurden. Es fehlten aber lediglich ein paar günstige Kabel und Verbindungsstücke – und schon war unsere Schulgemeinschaft um vier Beamer reicher. Eine fixe Montage an der Decke war aus bereits erklärten Gründen weiterhin nicht möglich. Aber immerhin wurden Projektorwägen angeschafft, sodass bei Bedarf meistens ein mobiles Projektionsgerät zur Verfügung stand. „Der erste Schritt ist vollbracht!“, dachte ich mir und bespielte meine damalige 3. Klasse von nun an mit anschaulichen Präsentationen, Erklärfilmen und dem ein oder anderen interaktiven Quiz zur Festigung des Lehrstoffes. Hierfür durften sie ihre Smartphones nützen, wobei natürlich immer ein paar Schüler*innen dabei waren, die keines hatten oder Opfer des lahmen Schul-WLANs wurden.

Pilotprojekte und Fortbildungen

Ja zur Digitalisierung“, sagte ich mir, „aber wenn, dann ordentlich. Tablets müssen her!“. Ich schrieb ein Konzept, reichte es für ein Pilotprojekt ein und bekam kurze Zeit später für drei Monate Tablets in Klassenstärke. Um den Unterricht so kreativ und begeisternd wie möglich zu gestalten, informierte ich mich über die Einsatzmöglichkeiten, schaute hunderte, vorwiegend skandinavische und amerikanische Videos zur digitalen Bildung und testete unzählige Apps. Die Begeisterung der Schüler*innen war enorm, ließ aber innerhalb kürzester Zeit wieder nach. Die zur Verfügung gestellten Tablets waren veraltet, langsam und so klein, dass viele lieber zum Smartphone griffen. Darüber hinaus war auch das WLAN-Problem noch nicht gelöst und es kostete allen Beteiligten viele Nerven, mit diesen Geräten zu arbeiten. Ich erklärte das Projekt für gescheitert – zumindest vorerst – und beschränkte die Digitalisierung im Klassenzimmer in den nächsten Monaten wieder auf meine Präsentationsinhalte und gelegentliche Online-Quizze zur Festigung.

Beim Besuch verschiedener Bildungsmessen und Digitalisierungsveranstaltungen holte ich mir meine Motivation zurück. Ich hörte von einem einmonatigen Pilotprojekt, reichte ein adaptiertes Konzept ein und bekam kurze Zeit später wieder einen Tablet-Koffer geliefert. Diesmal handelte es sich um aktuelle Geräte eines anderen Herstellers mit einem größeren Bildschirm. Inkludiert war auch ein WLAN-Router, der das Problem mit dem lahmen Schul-WLAN löste. Die nächsten vier Wochen standen ganz im Zeichen des Ausprobierens. Wir testeten alle möglichen Apps auf ihre Tauglichkeit. Oft blieben die Kinder, die mittlerweile die 4. Klasse besuchten, auch freiwillig länger an der Schule, um mir als Tablet-Probanden zur Verfügung zu stehen. Schnell entdeckten wir die schier unendlichen Möglichkeiten des digitalen Lernens und spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich diesen Weg weiterhin verfolgen möchte.

Einführung von Tablet-Klassen

Ich überzeugte meine Direktorin von der Einführung einer Tablet-Klasse ab dem darauffolgenden Schuljahr und ein paar Kolleg*innen davon, diesen Schritt mitzutragen. Ich besuchte eine Fortbildungsreihe zum Unterrichtskonzept „Flipped Classroom“, recherchierte was das Zeug hält und tauschte mich mit Lehrkräften anderer Schulen aus, die diesen Weg schon viel früher einschlugen. Nicht selten fand ich mich in meinem alten Beruf als Projektmanager wieder. Ich holte Angebote ein, schrieb Excel-Listen mit komplexen Funktionen und verhandelte Budgets.

Da für die Umsetzung seitens Schule und Elternverein kein Geld zur Verfügung stand, entschieden wir uns für die privat finanzierte Umsetzung. Um die finanziell schwierigen Umstände der Familien unserer Schüler*innen etwas abzufedern, reichte ich wieder einmal ein Konzept ein. Diesmal beim Förderprogramm von „SEED – Hier wachsen Ideen“. Das Projekt wurde aufgenommen und wir bekamen eine Finanzspritze, um einerseits die Erziehungsberechtigten etwas zu entlasten und andererseits notwendige Lehrer*innen-Geräte anzuschaffen. Mit der Förderung einher ging ein einjähriges Begleitprogramm mit regelmäßigen Terminen, um den Fortschritt des Projektes zu beobachten und zu dokumentieren.

Finanzielle Hürden

Als wir die Erziehungsberechtigten bei der Schuleinschreibung im Februar 2019 von unserem Vorhaben informierten, war der Zuspruch überwältigend. Daraus resultierte, dass unser Musikraum beim Informationsabend aus allen Nähten platzte und tatsächlich alle Besucher*innen ihr Kind in der Tablet-Klasse unterbringen wollten. Kurzerhand entschieden wir, den Projektumfang auszuweiten und uns gleich auf drei Tablet-Klassen einzulassen. Um mit Beginn des neuen Schuljahres zu starten, mussten die Geräte noch vor dem Sommer bestellt und auch bezahlt werden. Da dies leider nicht allen Familien möglich war, wurden Kreditangebote eingeholt, Teilzahlungsmodelle ausgearbeitet und private Vorschüsse durch die Lehrkräfte geleistet. Parallel wurden unzählige Telefonate mit Lieferanten, Erziehungsberechtigten und Kolleg*innen geführt, um alles auf Schiene zu bringen – auch inmitten der Sommerferien und direkt aus dem Urlaub.

Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Tablets erst ein paar Wochen nach Schulbeginn an die Schüler*innen zu verteilen, damit die Gewöhnungsphase an die neue Schule nicht gestört wird. Diese Wochen nützten interessierte Lehrkräfte auch für den Besuch von Weiterbildungen und Tablet-Trainings. Anfang Oktober stand ein Spediteur vor den Schultoren und hatte zwei Paletten voller Tablets im Gepäck. Nach wenigen Tagen waren sie richtig zugeordnet, konfiguriert und bereit für den Einsatz im Unterricht.

Begeisterung und Glücksgefühle

Heute, etwa ein halbes Jahr später, gehe ich durch die Reihen der drei Tablet-Klassen und verspüre ein pures Glücksgefühl. Die Schüler*innen navigieren durch die unzähligen Bildungsapps, als würden sie das immer schon so machen. Sie gestalten kreative Präsentationen, recherchieren im Internet und erstellen Online-Quizze für die Mitschüler*innen. Sie drehen Wetterberichte, kreieren englische Comics und bearbeiten gemeinsam, aber vom eigenen Tablet aus, literarische Texte. Im Unterricht arbeiten sie selbständig an digitalen Arbeitsplänen, während wir Lehrkräfte als Lerncoaches agieren. Für viele Aufgaben benötigen sie das Tablet, auch wenn die klassischen Hefte und Schulbücher auf gemeinsamen Wunsch des Kollegiums weiterhin dominieren. Es herrscht eine angenehme und förderliche Arbeitsatmosphäre und die Kinder haben innerhalb kürzester Zeit eine Problemlösungskompetenz entwickelt, die mich zum Staunen bringt.

Besonders stolz war ich am Tag der offenen Tür, als die Schüler*innen den Volksschulkindern zeigen durften, was sie schon gelernt hatten. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meiner Klasse nicht glauben, dass sie erst seit wenigen Monaten mit den Tablets arbeitet.

Es kommt nicht selten vor, dass mir Schüler*innen morgens im Bus erzählen, dass sie die Arbeitspläne des aktuellen Tages schon fertiggestellt hätten, weil ich sie am Abend zuvor schon für sie freigeschaltet habe. Diese Motivation und Eigeninitiative beobachte ich auch, wenn ich ihnen mittels zentraler Verwaltung der Tablets neue Apps installiere, ohne ihnen genauere Anweisungen dazu gegeben zu haben. Sie probieren, gestalten und lösen von zuhause aus, ohne dass sie dazu aufgefordert werden. Damit ist genau das auf sie übergeschwappt, was meine Motivation für dieses Projekt war und ist: Neugierde, Begeisterung und Eigeninitiative.

Nicht alle Lehrkräfte im Kollegium waren von der Projektumsetzung angetan. Viele davon konnten aber in den letzten Monaten überzeugt werden und setzen die Tablets mittlerweile selbst regelmäßig im Unterricht oder für Hausaufgaben ein. Die Vorbereitungen für die nächsten Tablet-Klassen sind voll im Gange, was bedeutet, dass sich wieder neue Lehrkräfte unserer Schule dafür entschlossen haben und dazu beitragen, dass unser Digitalisierungsprojekt wächst.

Ich kann nur alle interessierten Lehrkräfte dazu ermutigen, sich für die Digitalisierung im Klassenzimmer stark zu machen und nicht darauf zu warten, bis es die Bundesregierung macht. Ja, es ist ein steiniger und mühsamer Weg, auf dem viele Hürden warten, mit denen man vorher nicht gerechnet hat. Aber die Schüler*innen werden es ihnen mit Begeisterung, strahlenden Augen und – vielleicht wie in unserem Fall – einer regelmäßigen Hausaufgaben-Abgabequote von fast 100 Prozent danken.

Der Autor ist Lehrer an einer NMS in Wien.

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An einer Mittelschule, soviel habe ich nach nur einem Jahr unterrichten bereits gelernt, ist die Frage „Was möchtest du später werden?“, immer drängender als in anderen Schultypen. Während sich die gleichaltrigen Kolleg*innen am Gymnasium häufig über ihre Berufswünsche noch wenig Gedanken machen müssen – oft weil ohnehin klar ist, dass sie bis zur Matura in der Schule bleiben werden – stellt sich die Frage für NMS-Schüler*innen danach, wie es weitergehen soll, allerspätestens in der 4. Klasse. Soll man eine weiterführende Schule besuchen? Oder doch lieber eine Lehre absolvieren? Und falls zweiteres: Wie soll man sich bitte für einen der über 200 (!) möglichen Lehrberufe entscheiden?

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