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Er ist wieder da. Gemischte Gefühle kommen in mir hoch, als ich am Montagmorgen zwei aufgeweckte Augen über der FFP2 Maske blitzen sehe und mir ein freudig schwungvolles „Frau Lehrerin! Guten Morgen!“ entgegengeschmettert wird. Einerseits freue ich mich, einen Schüler wieder zu sehen, der mich oft zum Lachen bringt und bei dem ich weiß, dass ihm das selbstständige Arbeiten im Lockdown schwerfällt, der gezielte Deutschförderung benötigt. Andererseits realisiere ich erst nachdem mir ein freundlich strenges „Schön, dass du wieder da bist! Die Maske haben alle auf und das diskutiere ich nicht“ rausrutscht, dass es mich auch stresst. Alle Kinder werden leise und schauen etwas verwundert drein. Frau Lehrerin, die in der Regel nicht so schnell eisige Töne anschlägt, legt gleich in den ersten 45 Sekunden dieser Schulwoche damit los. 

Was mich nachdenklich macht an meiner Aussage, ist nicht der Hinweis auf die sinnvolle Maske, sondern das Ende meiner Diskussionsfreudigkeit. Die Worte „Ich diskutiere das nicht“ entsprechen nicht gerade meinem Ideal einer Deutschlehrerin. Mir, der Dialog auf Augenhöhe, Demokratieerziehung, Medienverständnis und Diskussionsfähigkeit doch sonst so wichtig sind. 

Der Schüler, über dessen Anwesenheit ich mich eigentlich freue, hadert mit dem Gedanken, dass es Corona wirklich gibt. Seine gesamte Familie ist zwar mittlerweile genesen, aber die Medien würden weltweit Lügen verbreiten und die Maßnahmen seien Teil einer großen Verschwörung, so der immer wieder durchflackernde Grundtenor. Das Tragen der FFP2 Maske also eine Tortur und eine Gemeinheit, um arme Kinder zu quälen. Auch „diese Tests“ werden laufend mit Kommentaren begleitet, die ich hier mit dem sanften Wort der Zumutung umschreiben möchte. 

In der Regel meldet sich auf seine Äußerungen sofort jemand aus der Klasse und es gibt Pro und Kontra, verschiedene Meinungen stehen nebeneinander im Raum. Pragmatisch, wie Schule so oft ist, testen sich schließlich alle nach Vorschrift und lassen die Maske auf. 

Es ist mir wichtig, dass jede Meinung geäußert werden darf, weil ich denke, dass Silencing keine Lösung ist, sondern nur noch mehr Öl ins Feuer gießt und Verschwörungstheoretiker*innen sich vermutlich erst recht in ihrer Perspektive gestärkt fühlen. Dennoch war bei mir an diesem Montagmorgen die Luft schon beim ersten Anblick einer neuen Diskussion draußen. Am Weg zum Klassenzimmer hatte ich mich gefreut, dass wir mittlerweile auch PCR-Tests für Lehrkräfte haben und dass bestätigt wurde, dass die FFP2 Masken sehr gut vor Ansteckung und Übertragung schützen. Ich freute mich über jedes Kind, das mir in Fleisch und Blut gleich gegenübersitzen würde, das ich nicht digital mehr schlecht als recht versuchen würde zu erreichen, parallel mitzubetreuen, auf Distanz individuell zu fördern – für mich gefühlt die Quadratur des Kreises. Ich freute mich auf ein kleines Stückchen Struktur und geregelte Abläufe im Anbetracht der sich überschlagenden Ereignisse der letzten Wochen. Auf Unterricht und Bedürfnisse, auf die ich ad hoc reagieren und wahrnehmen könnte, im Gegensatz zum distance learning. Vielleicht wollte ich mir mit diesem Diskussionsriegel die Freude, das Privileg und den kleinen Triumph über das Virus nicht nehmen lassen, dass es zumindest unter gewissen Voraussetzung möglich ist, Kinder regulär zu unterrichten. 

Schule wird oft als der Ort konstruiert, an dem gesamtgesellschaftliche Konflikte sichtbar seien, weil bis zu einem gewissen Alter jede*r hinmuss, der*die in Österreich wohnt. Müsste ich der gesamtgesellschaftlichen Dialog- und Konfliktkultur der letzten Wochen eine Note geben, wäre es ein knappes Genügend. Müsste ich mir selbst eine geben, verstumme ich lieber mit meinen Urteilen. Die Situation, in der wir uns alle befinden, ist so komplex, so vielschichtig und blöder Weise gleichzeitig so dringend, dass der ruhige, nachvollziehbare Dialog oder ein gründliches, fundiertes Abwägen von Darstellungen oder Maßnahmen viel zu oft auf der Strecke bleibt. Es ist Verunsicherung spürbar: bei den Schüler*innen, den Eltern, den Kolleg*innen, bei mir selbst. 

Ich schätze an meinem Kollegium, dass viele andere Standpunkte stehen lassen können. Wir waren nicht alle einer Meinung, dass es so toll ist, die Kinder doch in die Schule gehen zu lassen, während alles andere zusperrt. Dafür ziehen manche zum ersten Mal seit über 50 Jahren auf Demos mit, die von Polizeihubschraubern begleitet werden und mir wiederum nur ein Kopfschütteln abringen. Trotzdem gehen an einem Dezembermorgen Kolleg*innen mit FFP2 Maske durch das Konferenzzimmer und verteilen Schokolade. Ein Mini-Nikolaus gesellt sich zu meinem sehr geschätzten PCR-Test. Jede*r freut sich über diese kleine Geste der Normalität, das Bekannte, das Verbindende und den Zusammenhalt. 

Obwohl ich eisig sagte, ich wolle nicht darüber diskutieren, ob wir die Maske im Unterricht tragen, verkraften die Kinder das recht gut. Es wird gescherzt, mitgearbeitet und vor allem auf den Adventkalender und unser Keksritual hingewiesen. Das darf ja nicht vergessen werden! 

Die Kinder haben wie so oft recht. Es sind auch diese kleinen Dinge, die uns zusammenbringen und auf die ja nicht vergessen werden darf. Wer an Beziehung und Dialogkultur in guten Zeiten arbeitet, hat sich für die großen Brocken in schweren Zeiten einen Startvorteil verschafft, denke ich. 

Utopisch würden viele meine Vision von Dialogkultur an der Schule bezeichnen. Vermutlich haben sie recht. Schließlich sind wir alle nur Menschen, die jeden Tag unterschiedlich gut drauf sind, umgeben von einer Vielzahl an Faktoren, die ein friedliches Miteinander und gute Kommunikation nun mal stören. Trotzdem finde ich es wichtig, dass wir uns weiterhin bemühen, vielfältige Gedanken, Ängste, Vorstellungen und Pläne zu besprechen und ernst zu nehmen. 

Ich komme zu dem Schluss, dass manche Themen und Diskussionen besondere Zeitpunkte und Orte brauchen und nicht „sofort montags um 7:31“ stattfinden müssen. Dankbar bin ich aber auch dafür, dass wir es jeden Tag besser machen können. Jeden Tag gibt es die Chance aus dem gestrigen für den morgigen zu lernen und um’s Lernen geht es doch schließlich an der Schule. 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Oberösterreich

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Das magische Tabu

Er ist gnadenlos, machtbesessen, verbreitet Angst und Schrecken. Wagt es jedoch jemand seinen Namen auszusprechen, droht demjenigen ein übles Schicksal. So wird nur in kleinen geheimen Kreisen über ihn geflüstert. Harry Potters Narbe an der Stirn schmerzt, wenn er in seiner Nähe ist. Es ist, Sie wissen schon, wen ich meine.

Nein, Lord Voldemort ist in der Mittelschule nicht allgegenwärtig, und auch leide ich nicht an hochgradigem Realitätsverlust. Aber wir haben auch ein Problem dieser Art. Kaum jemand spricht darüber, wenn nur in kleinen, wohlvertrauten Kreisen.  Wir schütteln die Köpfe und bestätigen einander Fassungslosigkeit. Dann stehen wir wieder in den Klassen. Denn von offizieller Seite hat es unser Problem lange nicht gegeben.

Wir haben ein Problem. Sie wissen schon.

Als in den Sommerferien Generation Haram von Melisa Erkurt erscheint, verschlinge ich das Buch innerhalb von 48 Stunden. Ein Buch, das das System Schule gebraucht hat. Denn die Autorin spricht unter anderem jenes Problem an, über das bis dahin immer noch Stillschweigen geherrscht hat. Sie spricht über Rassismus. Über jenen Rassismus, der von Lehrer*innen ausgeht und die Schüler*innen bis ins Mark trifft. Über Alltagsrassismus, den es immer schon gegeben hat und der bis heute nicht aus den Schulen verschwunden ist.

Ein kurzer Rückblick

Ich unterrichte seit fast dreißig Jahren an der Mittelschule. Schon in der Ausbildung wurde uns von vielen Lehrer*innen vermittelt, dass früher alles besser war. Nämlich als die Schüler*innen noch Hansi, Lisi und Wolfgang hießen. Da war die schulische Welt noch im Lot. Aber wir, also die, die vor 30 Jahren zu unterrichten begonnen haben, würden diese Zeit der Hansis nie mehr erleben, unsere Realität werden Alis und Zehras sein.

Meine Klassenliste liest sich wie das türkische Telefonbuch,“ hat mir eine meiner Betreuer*innen damals erklärt. Dazu kamen dann jene Kolleg*innen, die mir tatsächlich nahelegten meine Berufswahl zu überdenken. Noch hätte ich die Chance es mir anders zu überlegen. Das Lehrer*innnendasein wäre heutzutage, also vor 30 Jahren, kein Honiglecken mehr.

Ich habe mich zum Glück nicht abschrecken lassen. Ich empfand die Klassengefüge nie als defizitär. Im Gegenteil, ich hatte von Beginn an das Gefühl in wache, interessierte Augen zu gucken. Ich bewunderte von Anfang an den Mut und die Ausdauer dieser Schüler*innen. Was mich schon zu der Zeit abschreckte, war diese geballte Ladung an Rassismus. Würde ich das aushalten?

Die alltäglichen Bemerkungen

Nahezu 30 Jahre sind vorbei. Ich habe nicht nur an einer Schule unterrichtet. In zahlreichen Fortbildungen habe ich Kolleg*innen aus allen schulischen Bereichen kennengelernt. Es waren und sind großartige Kolleg*innen dabei, die mich bewusst oder unbewusst in meiner Berufswahl bestärkt haben oder bestärken.

Aber, mich umgeben in den unterschiedlichsten Settings auch jene, deren rassistische Haltung für mich immer unerträglicher wird. Deren Bemerkungen, die ihnen so im Laufe des Tages auskommen, mich kalt erwischen und verstummen lassen.

Das wird man doch noch sagen dürfen,“ wurde und wird mir bis heute erklärt. Ich möge nicht so empfindlich sein. Schließlich sagt man das den Schüler*innen nicht ins Gesicht.

Also, das wird man doch noch sagen dürfen

Ja was eigentlich?

Bei uns sind die A-Klassen die Vorzeigeklassen. In den anderen Klassen ist nur mehr der Schrott. Kaum einer hat österreichische Eltern.

Wie soll ich unterrichten, wenn in meiner Klasse heuer vier „Nix sprechta Kinder“ sitzen?

Jetzt hat die auch schon so einen Fetzn am Kopf.

Der N (das N-Wort ist gemeint) und der Asoziale haben sich in der Gangaufsicht in die Pappn gehaut.

Wo ist der Araber?

Die Z-Oma (das Z-Wort ist gemeint) hat sich schon wieder beschwert.

Nurhan heißt die? Knurhan wäre besser, passt auch zu ihrem Gesicht.

Ich mag die Serben nicht, mit denen kann ich gar nicht. Die sind alle faul.

Also bei uns funktionieren die Türken besser.

Früher war alles besser. Da hat es noch die Heime gegeben, wie die Hohe Warte (das Kinderheim Hohe Warte war eines der berüchtigsten Kinderheime in Wien). Da hast dann solche hin abschieben können.

Die versteckt sich hinter ihrem Kopftüchl.

Der Maximalpigmentierte aus der 1. Klasse.

Stinkfaul, Z (das Z-Wort ist gemeint) eben.

Typisch türkisches Mädchen. Sitzen eh nur die Schulpflicht ab und heiraten dann.

Wenn es den Eltern nicht passt, dann sollen sie ihr Kind abmelden und sich zurück am Balkan schleichen.

Die Analphabeten-Mutter.

Der Kollege, der im Sommer die Liste seiner künftigen Schüler*innen im Internet veröffentlicht hat, der ist ein unglaublich toller Kollege. Der liebt die Kinder. Die Liste war nur ein Scherz unter Freunden.

Fikrije? Die heißt tatsächlich so? Na bumm. Hoffentlich ist der Name nicht ihre zukünftige Bestimmung.

Mit diesem Material (gemeint sind die Schüler*innen) kann ich nicht arbeiten. Ich bin dafür nicht ausgebildet.

Diese Aufzählung zu vervollständigen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Sie stellt einen minimalen Auszug aus unterschiedlichen Settings aus dreißig Jahren Unterrichtstätigkeit dar.

Es ist an der Zeit

Viel zu lange habe ich weggehört. Habe geschluckt, und wenn es mir tatsächlich zu heftig geworden ist, kopfschüttelnd das Lehrer*innenzimmer verlassen. Zu Beginn fühlte ich mich zu jung, zu unerfahren, um auf Bemerkungen dieser Art zu reagieren. Ich war zu feig und bin es heute zum Teil auch noch. Lange habe ich mich damit begnügt, Menschen mit dieser Gesinnung aus dem Weg zu gehen, sie in Gedanken zu blockieren. Lange glaubte ich, es würde reichen, Menschen mit dieser Haltung zu verachten. Dann habe ich begonnen vorsichtig das Gespräch zu suchen. Ab und zu wurde ich lauter. Bewirkt hat das leider nicht viel. Außer der Tatsache, dass mich, so ich im Lehrer*innenzimmer bin, eisiges Schweigen umgibt. Die Kolleg*innen tauschen sich dann maximal über ihre kleinen Wehwehchen aus.

In Wahrheit helfen solche Tür-und-Angelgespräche gar nichts. Es ist an der Zeit, dass Rassismus an Schulen zur Chefsache und nicht mehr verschwiegen wird. Lehrer*innen, die sich in dieser Art äußern, brauchen Hilfe. Denn die Aussagen, die oft verharmlost werden, spiegeln eine eindeutige Haltung wider.

Und ich?

Ich lerne, dass ich mir Verbündete suchen muss. Gemeinsam steht es sich leichter auf. Und zum Glück gibt es überall, in jeder Schule, in jeder Fortbildung, Menschen, die meine Ansichten teilen.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.


Für Betroffene von Rassismus oder Diskriminierung gibt es in Österreich mehrere Beratungsstellen, an die man sich wenden kann. Eine vollständige Liste wurde uns dankenswerterweise von der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen zur Verfügung gestellt.

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Die Zensuren

In einer ersten Klasse liest die Klassenlehrerin die endgültigen Noten vor. Es herrscht Totenstille.

Mathematik 3, Deutsch 2, Englisch 1, Geografie 1, Biologie 1, Bewegung und Sport 1, Bildnerische Erziehung 1, Geografie 2, Musik 1. Du hast das Schuljahr mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen.

Dragana springt auf und jubelt. „Und ich hab so Angst gehabt, dass ich einen Vierer habe.“  Ich wundere mich. Dragana ist das, was man als eine gute Schülerin bezeichnet. Okay, ab und zu vergisst sie ihre Hausübungen oder ist nicht so perfekt auf eine Überprüfung vorbereitet. Weil sie eine gute Schülerin ist, wird ihr das verziehen. Also wo genau sollte da eine Vier herkommen?

Als die Lehrerin Valentinas Noten vorliest, merke ich, dass Valentina immer mehr in sich hineinkriecht. Jede Vier macht sie ein Stückchen kleiner. Beim Sehr gut in Bildnerischer Erziehung lächelt sie kurz. Dann versinkt sie wieder in sich. Auch die Zwei in Bewegung und Sport stimmt sie nicht wirklich froh. Ein bisschen wundere ich mich, weil ich sie im Theaterunterricht als sehr bewegungsfreudige Schülerin erlebe, ständig Handstand an die Wand machend oder Räder schlagend. Tanzfreude hat sie ohnehin enorm viel in sich. Vielleicht hat sie die Zwei, weil sie ab und zu ihre Sportsachen vergisst. Als nicht so gute Schülerin kann sie nicht auf Nachsicht hoffen.

Es geht weiter.

Denis jubelt über eine Vier in Mathematik. Mehmet zuckt mit den Schultern und unterstreicht mit einer Handbewegung, dass ihm die Schule ohnehin egal ist. Nicoletta kämpft mit den Tränen und Anna hält sich die Ohren zu, weil sie keine Lust auf ihre Noten hat.

Die Frage

Die Klassenlehrerin verlässt den Raum, ich bleibe mit den Schüler*innen zurück. Kurz nachdem die Türe zufällt, entlädt sich die Spannung.

Unfair!“ „Meine Eltern bringen mich um!“ „Geil, ich bekomme ein neues Handy!“ „Nicht einmal eine einzige Eins habe ich!“ „Ich hasse die Schule!“ „Ehrlich, bei mir ist das so. Ich kann lernen, so viel ich will, aber meine Noten ändern sich nicht!“ „Voll! Bei mir auch. Für Geografie habe ich gar nichts gelernt, aber ein Zwei bekommen.“ „Kenn ich. Deshalb lerne ich gar nichts mehr.

Nach zwei lauten Minuten ist der größte Frust draußen. Ich habe mir das alles angehört, habe nicht eingegriffen. Ab und zu dürfen Kinder auch laut sein, müssen sie sogar.  Ich bin sowieso der Meinung, dass man Kinder und Jugendliche erst dann nachhaltig erreicht, wenn man sie einmal so richtig laut erlebt hat.

Eine Frage hätte ich an euch.“ Ich muss die Stille nützen. „Was habt ihr dieses Schuljahr gelernt?“ Schweigen. „Ehrlich, was habt ihr gelernt?“, hake ich nach.

Nichts“, ruft Dennis. Andere stimmen ihm zu. Ich bin fassungslos. Wo kommen dann all die Noten her, wenn diese Schüler*innen, ihrer Ansicht nach, nichts gelernt haben. Irgendwann meldet sich Dragana zu Wort. „Dezimalzahlen“, ruft sie. Zumindest etwas denke ich mir. Auch wenn das Kapitel Dezimalzahlen das allerletzte Kapitel war, das wir in diesem verrückten Schuljahr durchgenommen haben. Aber es hängt allem Anschein nach noch im Kurzzeitgedächtnis. Ein anderer Gedanke kommt mir auch. Vielleicht fällt es Dragana deshalb so schwer sich selbst einzuschätzen, weil sie keine Ahnung hat, was sie in diesem Schuljahr gelernt hat.

Ich stelle diese Frage auch in anderen Klassen. Meistens bekomme ich die gleich ernüchternde Antwort. Ein Mädchen antwortet, dass sie nun wüsste, was Corona sei. Am liebsten würde ich sie umarmen.

Wozu also Notengebung?

Am 2.7. war Heinz Faßmann in der ZiB2 zum Interview eingeladen. Lou Lorenz Dittelbacher fragte nach einer möglichen Note im Krisenmanagement der Schulen.

Weil ich ja durchaus für Ziffernnoten bin, möchte ich hier keine Ausweichantwort geben. Ich würde mir ein Gut geben.

Mit ist ohnehin schon länger klar, dass es kaum Chancen gibt, die Schule in den nächsten Jahren zu einem beurteilungsfreien Raum wachsen zu lassen. Mit der nicht vorhandenen Unterstützung von obersten Stelle gehe ich mal davon aus, dass meine mittlerweile zweijährige Enkeltochter auch ab sechs Jahren ein Sehnsuchtsziel haben wird, nämlich nur Einser im Zeugnis.

Aber was sagt das aus? Was bedeutet das Gut, dass sich Faßmann selbst für sein Krisenmanagement gegeben hat? Was sagt ein Zeugnis mit lauter Einsern aus? Was kann das Kind? Was hat es gelernt?

Kinder und Jugendliche wollen sich vergleichen. Das ist eines der Argumente, die ich nicht mehr hören kann. Ja, sogar den jüngsten Volksschulkindern ist es wichtig, dass sie Ziffernnoten haben. Dann wissen sie, woran sie sind. In erster Linie dienen die Zensuren in diesem Fall den Eltern, die ihre Kinder mit anderen vergleichen wollen. Später vergleichen sich die Schüler*innen tatsächlich, weil sie es nicht anders gelernt haben.

Ohne Noten würde ich nichts lernen, sind sich die meisten Schüler*innen einig. Die meisten Lehrer*innen sehen das ähnlich.

Schule als beurteilungsfreier Raum – eine Illusion?

Einigkeit herrscht auch darüber, dass, würde man auf Noten verzichten, ohnehin alles beim Alten bliebe. Mit dementsprechenden Formulierungen wäre ja dennoch klar, dass der/die Schüler*in  versagte, ein Ziel nicht erreicht hat. Ich teile diese Meinung sogar. 

Bei der Forderungen nach Abschaffung der Noten gehe ich einen Schritt weiter. Ich will die Schule und damit auch Lernen zu einem beurteilungsfreien Raum machen.  Es muss doch irgendwann Schluss sein mit der Anhäufung von Bulimiewissen. Warum kann man nicht mal Kinder und Jugendliche fragen, was sie lernen wollen. Bei allem was sie wissen und erlernen wollen braucht man ein Basiswissen. Auch diese Erfahrung  werden die Schüler*innen ganz schnell machen. Lernen um des Lernens Willen, das wäre mein ersehntes Ziel.

Klar, würde es zu einer Umstellung im Bereich Schule und Notengebung kommen, müssen wir damit rechnen, dass zu Beginn der Lerneifer der Schüler*innen schwinden würde. Nur bin ich mir sicher, dass dieser nach einer Übergangsphase wieder zum Leben erwacht. Und vielleicht wissen dann zumindest ein paar Schüler*innen, was sie in diesem Schuljahr gelernt haben.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Still ist es geworden

Im Schulhaus ist so still wie schon lange nicht mehr. Am Gang sehe ich selten Schüler*innen und aus den Klassenräumen dringt kaum Lärm. Meine Kolleg*innen sehe ich ab und zu, manche in der Früh, manche mal zwischendurch und manche schon seit drei Tagen nicht mehr. Und auch in den diversen Lehrer*innenzimmern ist kaum etwas los. So könnte ein Albtraum beginnen, denke ich mir. Wenn es ein Traum wäre, dann müsste jetzt aus irgendeiner Ecke ein schleimiges, grünes Monster kriechen, das mich mit lautem Schmatzen langsam zerkaut.

Vielleicht ein Geschenk?

Die ersten Tage der Schulöffnung fühlten sich eigenartig an. Die Stille machte mir zu schaffen. Ich empfand sie als  bedrückend, auch weil die Verunsicherung und die Angst aller deutlich zu spüren waren. Es war keine neue Normalität. Nichts war normal. Es war und ist immer noch eine Ausnahmesituation.

In der zweiten Woche ging es mir besser. In mir keimte der Gedanke auf, dass diese letzten Schulwochen ein Geschenk sein könnten. Die Klassen sind in zwei Kleingruppen geteilt. Aufgrund der aktuellen Bestimmungen sollten die Schüler*innen keinen Notendruck mehr haben. Sie können sich, rein theoretisch, nur mehr die Zensuren verbessern. Auch von den Lehrer*innen fällt der Druck weg, denn es muss nicht mehr irgendein Kapitel des Lehrplans noch schnell abgeschlossen werden.

Was geht, geht. Was nicht mehr geht, geht eben nicht mehr.

Dieser Umstand öffnet neue Türen, nämlich sechs Wochen Zeit mit Kindern und Jugendlichen für lustvolles Lernen abseits eines vorgegebenen Plans. Es könnten die besten sechs Wochen meines Lehrerinnendaseins werden. Wir machen das, was uns gefällt.

Mit einer Klasse möchte ich in jedem Fall die Werkstücke fertig machen, die wir vor Corona angefangen haben. Zum einen, weil es schade wäre, wenn diese unfertig im Mistkübel landen. Zum anderen steckt da jede Menge Arbeit und Herzblut der Schüler*innen drinnen.

Dann werde ich versuchen mit theaterpädagogischen Mitteln den Lockdown zu thematisieren. Vielleicht gelingt uns ja eine kleine Präsentation zum Abschluss des Jahres.

Wenn es das Wetter erlaubt, will ich mit den Schüler*innen in den Park gehen. Sie sollen sich am Spielplatz mit ihren Freund*innen austoben, das nachholen, was zehn Wochen lang verboten war.

Es dürfen zwar keine Lehrausgänge gemacht werden, aber in jedem Wiener Bezirk steckt ganz viel Geschichte, die es zu erkunden gilt. Außerdem könnten Klimawandel und andere aktuelle Tagesthemen behandelt werden.

Geile Zeit, denke ich mir. Was für ein Geschenk.

Die Wirklichkeit

Soweit es mir möglich ist, ziehe ich meine Pläne durch, stoße dabei aber sehr schnell auf Widerstände. Als ich mit einer Gruppe in den Werkraum gehen will, ist meine Kollegin wenig begeistert. Die Gruppe A hat eine einzige Mathematikstunde in dieser Woche. Die muss genützt werden, um im Kapitel XY weiterzukommen. Denn schließlich brauchen die Schüler*innen auch eine Hausübung. Das ist so vorgeschrieben. Ich halte dem entgegen, dass sie ja ohnehin in anderen Unterrichtsfächern unter Garantie Arbeit für die freien Tage bekommen würden. Ich schlage vor, dass sie zur Abwechslung einen Arbeitsauftrag in Bildnerischer Erziehung bekommen könnten. Denn mir ist aufgefallen, dass einige Schüler*innen in der Coronazeit ein Sketch-Book angelegt haben.

Fülle ein paar Seiten in deinem Sketch-Book. Wer keines hat, bekommt eines. Wir zahlen es mit dem Geld der Klassenkasse. Dann kann jede*r Schüler*in mitmachen. Ich mag diese Idee.

Mein nächstes Angebot ist, dass wir gemeinsam eine Choreografie entwickeln könnten. Zuhause soll die dann gefestigt werden.

Nein, das sind alles keine richtigen Hausübungen, wird mir deutlich gemacht. Es muss Mathe sein.

So wie es Mathe sein muss, muss es auch Deutsch, Englisch, Biologie und so weiter sein. Schließlich müssen wir ganz dringend jetzt noch sechs Wochen Schule spielen.

Wieder eine nicht genützte Chance

Kein Monster hat Schüler*innen und Lehrer*innen verschluckt. Die Stille rührt daher, dass in den meisten Klassen die Schüler*innen auf ihren Plätzen sitzen und geduldig dem hauptsächlich angebotenen Frontalunterricht folgen, der nur eines zum Ziel hat: Nämlich in den kommenden sechs Wochen so viel wie möglich nachzuholen, damit der Start ins neue Schuljahr möglichst reibungslos verläuft. Vielleicht gelingt es ja sogar, dass alle Kapitel des Lehrplans erfüllt werden. Was für ein Erfolg. Trotz zehn Wochen Distanzlehre, wurde alles in die Köpfe der Kinder und Jugendlichen hineingestopft. Ob es dort hängenbleibt, ist eine andere Frage.

Schade. Wir hätten die Chance gehabt zu beweisen, dass Schule auch ohne Notendruck großartige Lernerfolge liefern könnte.

Anmerkung der Autorin:

Aber in ein paar Klassen gibt es kleine, feine Projekte. Und das finde ich großartig.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Der Übertritt von der Volksschule in die nächsthöhere Schule ist ein großes Ereignis für ein Kind und ein großer Schritt für seinen weiteren Bildungsweg. Doch bevor dieser neue Weg begangen werden kann, gibt es noch viel zu bewältigen in der Volksschule.

Schularbeiten, Tests und Überprüfungen stehen an! Ein gefühltes Hinarbeiten von einer Prüfung zur anderen belastet die Kinder sehr. Doch nicht nur in der Schule stehen die Kinder unter Strom, nein, auch zu Hause wird von den Eltern viel verlangt. „Mein Kind muss ins Gymnasium“, heißt es oft bei Elterngesprächen, „was können wir tun?“. Das „Wir“ wird stak in den Vordergrund gestellt, da Kinder in diesem Alter noch enorm auf die Hilfe von anderen beim Lernen angewiesen sind. Hier offenbart sich aber oft das große Problem, dass Eltern aus bildungsferneren Schichten die nötige Hilfe ihrem Kind nicht bieten können. Die Problematik in unserem Bildungssystem ist aber, dass in diesem Alter schon selektiert wird, wer eine höherbildende Schule besuchen darf und wer nicht.

Doch leider gibt es auch die andere Seite. Manche Schüler*innen bekommen eine Gymnasiumreife ausgeteilt und melden sich in der 4.Klasse in einer NMS an. „Ich war auch in der Hauptschule, mein Kind soll auch dort hin gehen.“ Die Eltern fühlen sich überfordert und haben Befürchtungen ihrem Kind in einer höheren Schule nicht helfen zu können.

Kinder mit Eltern aus bildungsferneren Schichten haben somit von Grund aus schlechtere Chancen einen hohen Bildungsabschluss zu erreichen.

Jährliche Überprüfungen, die von der Bildungsdirektion vorgeschrieben sind, kennen die Schüler*innen schon seit der 1. Klasse. Alles beginnt mit dem Lesen und Schreiben lernen sowie dem sinnerfassenden Lesen. In der 4. Klasse kommen die IKM (Informelle Kompetenzmessung) Überprüfungen bzw. die Bildungsstandardtests hinzu. Ein einfaches Erledigen dieser Prüfungen ist es leider nicht. Der Lehrer bzw. die Lehrerin muss die Kinder auf diese Tests speziell vorbereiten. Denn die Formulierungen sind sehr kompliziert und mit einem großen Wortschatz geschrieben, die leider nicht jede*r Schüler*in gleich versteht. Oft wird etwas Einfaches verlangt, jedoch so hochgestochen beschrieben, dass es Schüler*innen falsch lösen.

Hilf mir es selbst zu tun“, sagte schon Maria Montessori. Um den Kindern einen Schritt ins eigenständige Lernen bieten zu können, bedarf es jedoch recht viel Übung. Da ist es gut, sich Hilfe zu holen. Lese- und Rechenpaten sind in der Schule eine große Hilfe und Unterstützung. Sie bieten ihre Arbeit unentgeltlich an und kommen regelmäßig in die Schule um im Unterricht zu helfen.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Volksschule in Wien.