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Passierschein A38

Es klingelt. Um mich herum hasten Kolleg:innen zurück in die Klassen, noch schnell ein illegaler Schluck aus der Cola Zero Flasche genommen – immerhin sind wir Vorbilder- und weiter geht’s. 

Als ich den Klassenraum betrete, finde ich einen einsamen Haufen an Jugendlichen vor, der Rest dürfte noch irgendwo in den unendlichen Weiten des Ganges verloren sein, bevor sie dann mit fünfminütiger Verspätung endlich den Weg zurück in die Klasse finden. Ich möchte gerne starten, aber leider bin ich anscheinend die einzige Person in diesem Raum, die das im Sinn hat. Die meisten Schüler:innen sitzen noch auf Plätzen, die nicht ihnen zugeteilt wurden, in der Hoffnung, dass ich es nicht merke und sie neben ihrem „Bro“ sitzen bleiben können. Sehr zum Verdruss merke ich es aber doch und schicke sie zurück. Während ich auf Ruhe warte, kommt von hinten plötzlich ein Papierknäuel geflogen und landet neben mir auf dem Boden. Großes Gelächter folgt, denn das Ziel war eigentlich der Papierkorb drei Meter neben mir. 

„Kannst du nicht zielen, Alter?“, ruft es von ganz hinten.

„Der schießt wie Mädchen!“, ertönt es von links vorne. 

„He, hast du was gegen Mädchen?“, schaltet sich nun auch die weibliche Fraktion ein. 

„Ihh, er hat gefurzt!“, schrillt es von der Mitte. 

Sofort eilt ein Schüler zum Fenster und reißt dieses auf, streckt kurz den Kopf hinaus und holt theatralisch Luft. Einige Zeit vergeht bis er endlich meinen Aufforderungen folgt und sich wieder hinsetzt. 

Ich setze mich auf den Lehrertisch und warte immer noch, dass Ruhe einkehrt. Endlich begreifen auch die letzten, dass ich gerne mit dem Unterricht starten würde und hören auf miteinander zu reden, als plötzlich, wie aus dem Nichts, das Unvorstellbare passiert. 

„Oh Gott!“, schreit es hysterisch vom Fenster. Kinder springen auf, rennen durcheinander, fuchteln wild mit den Armen. Eine Biene hat die Bühne des Klassenraums betreten. All mein gutes Zureden von wegen, bleibt ruhig, dann passiert nichts, eine Biene stirbt, wenn sie einmal sticht und hat kein Interesse daran, außer sie hat Todesangst, wird geflissentlich ignoriert. Endlich – nach gefühlt Stunden – erbarmt sich die Biene, lässt uns alle am Leben und verzieht sich wieder nach draußen. 

Zwanzig Minuten sind vergangen, als endlich alle leise auf ihren Plätzen sitzen und mich erwartungsvoll anschauen. Na gut, anschauen, die Hälfte starrt auf ihre unter dem Tisch versteckten Handys, aber wenigstens ein Teil blickt zu mir und wartet. Ich selbst bin nach diesen 20 Minuten schon etwas erschöpft, denn der Weg zu dieser Stille war kein leichter. 

Ich denke an ein Lied „Dieser Weg, wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“ und seufze, ja steinig ist es hier auf alle Fälle. 

Ich teile den Kindern ein Arbeitsblatt aus, es geht um Kinderrechte und sie sollen die einzelnen Artikel daraufhin leise für sich lesen. Während das mit dem „Leise lesen“ nicht ganz so perfekt funktioniert, wie ich es mir gewünscht hätte, schweifen meine Gedanken ab. 

Ich erinnere mich daran, als ich genau dieses Thema damals in meiner Schulpraxisklasse machen sollte. Was war das für eine traumhafte Stunde, was war ich motiviert. 25 Augenpaare strahlten mich begeistert an, warteten nur darauf, dass ich ihre Köpfe mit Wissen überschütten würde. Stundenlang hatte ich diese eine Unterrichtseinheit geplant und mich darauf vorbereitet und freute mich auf angeregte Diskussionen und Erfahrungsaustausch mit den Jugendlichen. Alles klappte wunderbar und danach verließ ich fröhlich summend das Schulgebäude und freut mich schon darauf, endlich mit dem Studium fertig zu sein und unterrichten zu können. 

Jetzt saß ich da und fragte mich, was zur Hölle ich hier eigentlich tat. Hier waren 22 Kinder vor mir, die mich tagtäglich an den Rand des Wahnsinns trieben. Regeln? Ja, sind gut, aber muss man sich nicht unbedingt daran halten. Neues Lernen? Ja, auch das wird irgendwie von uns Lehrpersonen überbewertet, bockt einfach total nicht. Hausübungen machen? Na wo kommen wir da denn hin, immerhin haben die Jugendlichen von heute Wichtigeres zu tun, dringende Termine und so. 

Was zur Hölle war mit meinem Traum des Unterrichtens passiert und wo waren all die lieben, leuchtenden Augen meiner Praxisklasse hin verschwunden, die doch so gerne etwas lernen wollten?

Hier starren mich gerade eher genervte und gelangweilte Augen an. Viele davon starren auch nicht mich an, geht ja auch schwer, wenn man gerade nebenbei auf Tiktok hängt. 

„Kann ich Klo?“ „War doch gerade erst Pause!“ „Frau Lehra, da musste ich andere Sachen machen!“ Alles klar, wie konnte ich auch denken, dass man in der Pause Zeit hat, um in Ruhe die Toilette aufzusuchen. Während A also zur Tür hinaus verschwindet, steht V auf. „Was machst du?“ „Wasser!“ „Kannst du nicht bis zur Pause warten?“

„Man, Frau Lehraaaa, ich verdurste.“ 

Während ich V zugestehe, sich vor dem sicheren Tod durch Verdursten zu bewahren, schießen sich E und F hinten in der letzten Reihe gegenseitig mit Kugelschreibern ab. 

„Genug jetzt!“, sage ich etwas lauter, während hinter mir beim Wasserhahn ein lautes Schlürfen erklingt. Allgemeines Gelächter folgt darauf. 

Genervt rolle ich mit den Augen und sage: „Bei euch ist es wie bei Asterix und Obelix im Haus, das Verrückte macht, mir fehlt nur der Passierschein um weiterzukommen!“ 

„Was für ein Pissschein?“ 

Jetzt werden sie doch neugierig und wollen wissen, was es mit Asterix und Obelix auf sich hat. 

Ich erkläre kurz und nun wenden wir uns dann doch gemeinsam den Kinderrechten zu. 

„Jedes Kind hat das Recht auf Schutz vor Gewalt.“ steht da und ein allgemeines Raunen geht durch die Menge. „Wenn Vater sauer ist, ist er halt sauer, kann man nix machen!“, ruft A von hinten. 

Ich versuche ruhig zu erklären, dass niemand – auch nicht Eltern – das Recht haben, Kinder zu schlagen, aber das wollen sie so leicht nicht gelten lassen. 

„Ach, bisschen Schlag tut nichts, tut mir gar nicht weh!“, meint A., doch seine Augen sagen etwas Anderes. „Ja genau, Watsche ist bei uns ganz normal, ist bei Ausländern so!“ „Meine Mutter schießt immer mit Patschen, wenn sie sauer ist!“ 

Nach und nach tauschen die Kinder ihre Erfahrungen aus und man merkt, dass die meisten schon mit Gewalt innerhalb der Familie zu tun hatten. 

Wir besprechen die verschiedenen Formen von Gewalt und was das mit einem macht, als es zur Pause läutet. Wildes Durcheinander, die meisten stürmen auf den Gang, sicher nicht, um die Toilette zu besuchen, sondern um andere Sachen zu machen, wichtigere Sachen. 

Am Gang angekommen, landet eine Flasche vor meinen Füßen. „Ups Frau Lehra, sorry, du musst doch fangen!“ Ich hebe die Eisteeflasche auf und runzle die Stirn. „Jaja, ich weiß, ist verboten, aber ist für dich!“ 

Ich rufe meinem Schüler noch ein Danke nach, lasse die illegale Eisteeflasche schnell in meinem Rucksack verschwinden und mache mich auf den Weg zum Lehrer:innenzimmer. 

Auf dem Weg dorthin, fängt mich eine Schülerin ab und sagt leise: „Frau Lehrerin, war eine gute Stunde. Können wir bitte noch einmal über das Thema reden? Hat mir gefallen.“ Ein bisschen perplex nicke ich und gehe weiter. 

Ich denke wieder an das Lied. Nein, dieser Weg wird nicht leicht sein, aber vielleicht lohnt er sich ja doch! Auch in einem Irrenhaus kann es schöne Momente geben, Momente, in denen die Augen leuchten, in denen man zusammen weiterkommt und vielleicht sind es genau diese kleinen Momente, die es ausmachen! 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Wiener Mittelschule.

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Ich will nach Hause

Ich bin mit den Schüler:innen der KSDU, Klasse mit Schwerpunkt Deutsch und Ukrainisch im Kreativraum. Zwei lange Tische, viel Licht und jede Menge Farben. Platz für Kreativität und Kommunikation. Die meisten Schüler:innen bemalen die Blätter, die wir zuvor im Augarten gesammelt haben. Drei haben Kopfhörer in den Ohren, scheinen sich weg zu beamen. Zwei arbeiten an einer Bleistiftzeichnung, weil Kunstunterricht nicht bedeuten muss, dass alle zur gleichen Zeit an der gleichen Sache arbeiten. B. guckt in die Luft. „Alles okay?“, frage ich ihn. Er sieht mich lange an und nach gefühlten drei Stunden antwortet er: „Ich will nach Hause.“ „I feel you“, antworte ich, während ich mit den Tränen kämpfe. „Danke“, sagt er ganz leise und starrt weiter auf einen Punkt, der sich allem Anschein nach irgendwo in diesem Raum befinden muss.

KSDU und Neu in Wien

Seit Mai 2022 gibt es an unserer Schule eine KSDU, die damals noch Neu-in-Wien-Klasse hieß. Von Beginn war klar, dass sich die Schüler:innen willkommen und gut aufgehoben fühlen sollten. Es gab Päckchen mit Filzstiften, Buntstiften und Schokolade. Auch den neuen Kolleg:innen, beide vereinte die Tatsache, dass sie Ukrainisch sprechen, sollte diese Gefühle vermittelt werden.

Schnell etablierte sich eine Klasse, bei der immer die Türe verschlossen war, auch in den Pausen. Davor standen immer Schüler:innen, die ganz gerne gewusst hätten, was denn da so los war. Ob diese Kinder und Jugendliche denn anders waren? Warum waren sie überhaupt hier? Und wurden sie nicht viel freundlicher empfangen, als sie, die vor sieben Jahren nach Österreich kamen? Warum hatten die Markenschuhe, so richtig teure? Kamen die nicht direkt aus dem Kriegsgebiet?

Als Lehrerin stand ich dazwischen. Wollte diese Türe so gerne öffnen, hatte aber gleichzeitig Angst, dass sich alle in die Haare kriegen würden. Und ich verstand sie alle, draußen und drinnen besser als dieses Konzept, das uns einfach vor die Nase gesetzt wurde. Deutschförderklassen für die Schüler:innen, die nicht aus der Ukraine kamen. Härte bei den MIKA-Tests, nur neun Stunden im Klassenverband und meistens von nur einer Lehrkraft unterrichtet. Neu-in-Klassen für die anderen. Dazu Doppelbesetzung während des gesamten Vormittags und viel Toleranz, falls einzelne Schüler:innen gleich in eine Regelklasse wechseln wollten. Wäre ich Mohamad aus Syrien, würde ich mich auch verschaukelt fühlen und wütend werden.

Man versuchte zu beschwichtigen. Bis zu den Sommerferien waren es nur zwei Monate, danach würde alles anders werden.

Neubeginn im Herbst

Ja, zu Schulbeginn wurde tatsächlich alles anders. Die Bezeichnung der Klasse wurde von Neu-in-Wien-Klasse  in Klasse mit Schwerpunkt Deutsch Ukrainisch umgetauft. Schon logisch, jetzt waren die Kinder ja nicht mehr neu in Wien, oder? Die Schüler:innenzahl beträgt mittlerweile 22. 22 Kinder und Jugendliche, die Krieg nicht nur aus Filmen kennen. 22 Kinder und Jugendliche, die gezwungen waren meistens mit ihren Müttern sich hier in Wien eine neue Existenz aufzubauen. 22 Kinder und Jugendliche, die wie B. einfach nur nach Hause wollen. 22 Kinder und Jugendliche, deren bisheriges Leben wir nur erahnen können. 22 Kinder und Jugendliche von Schulstufe vier bis acht, alle in einem Klassenraum. Vermutlich traumatisiert, tieftraurig oder einfach nur wütend, weil sie ihr Land verlassen mussten.

Dazu unterschiedliche Lehrkräfte, die mit dieser Klasse ziemlich allein gelassen wurden und werden, sieht man von vereinzelten sehr guten Angeboten ab. Lehrkräfte, die eine ganze Klasse nicht verstehen. Ja, den einen Lehrer, der zumindest die Muttersprache der Schüler:innen spricht, gibt es noch. Einen!

Wie denn?

Nun – wie unterrichtet man Jugendliche, die in die Welt kein Zutrauen mehr haben. Die ein komplett anderes Schulsystem gewohnt sind? Die nach Hause wollen? Die nachmittags Unterricht über Zoom von ihrer Schule aus der Ukraine und eine ordentliche Portion Hausübungen bekommen? Die überhaupt keinen Sinn im Erwerb der Unterrichtssprache sehen, weil sie sowieso nicht lange hier bleiben wollen.

Wie also?

Was wir tun sollten!

Wie alle Schüler:innen, die die Unterrichtssprache nicht beherrschen, sollen auch diese 20 Stunden Sprachförderung in Deutsch erhalten. Kennen wir aus der Deutschförderklasse. Die Schüler:innen der DFK gehen danach in ihre Stammklassen, um zumindest ein bisschen Kontakt zu anderen Klassenkolleg:innen zu haben. Die Schüler:innen der KSDU? Sie bekommen unter anderem Unterricht von dem einen Kollegen, der ihre Sprache spricht. 

Kleine Randnotiz: Russisch ist nicht Ukrainisch.

Was wir tun können

Die Schüler:innen sind nicht oder kaum motiviert. Haben null Bock auf Schule. Wollen nicht Deutsch lernen und auch der Rest der ganzen Sache Unterricht in Wien kann fast allen gestohlen bleiben. Sie bemühen sich auch nicht, diese Haltung zu verbergen. Hängen während des Unterrichts viel am Handy, liegen mit dem Kopf am Tisch oder unterhalten sich mit ihren Nachbar:innen.

Ja, da muss man doch mal dreinfahren! So hören wir es immer wieder, von jenen Kolleg:innen, die meinen, dass mit viel Autorität jedes Problem abgeschafft werden könnte.

Ah, müsste man das? Mit welchem Erfolg? Welche Konsequenzen sollten wir ihnen denn androhen? Gibt nämlich keine. Sie wissen, dass sie zurzeit keine Zensuren erhalten. Selbst wenn, sie wären ihnen egal. Sie sind, wie schon erwähnt, nur auf Abruf hier.

Was ich diesen Schüler:innen sagen kann? I feel you! Ja, ich verstehe sie. Keinen Strich würde ich unter diesem Umständen machen, noch dazu, wenn ich nachmittags drei Stunden auch noch Schule hätte. Ich würde auch mein Handy nicht aus der Hand geben. Weil vielleicht meine beste Freundin noch im Kriegsgebiet ist, und ich seit Tagen auf eine einzige Nachricht von ihr warte. Vielleicht geht es auch um meine Oma? Lebt sie noch oder ist sie schon unter den Trümmern ihres Wohnhauses begraben? Und dazwischen würde ich mich mit TikTok ablenken, weil zumindest da die Welt noch in Ordnung ist.

Aber wir können Angebote setzen, die nicht wahrgenommen werden müssen. Eine Lernecke, in der Laptops stehen. Bücher, in den gearbeitet werden kann. Zwei Stunden im besten Kreativraum der Welt, in dem jede:r malen oder zeichnen kann. Wir können einen sicheren Ort und Sportunterricht anbieten. Und jede Menge Ausflüge in einer Stadt, die diesen Kindern und Jugendlichen momentan wenig Freude bereitet. Unter den Motto: Ihr müsst Wien nicht mögen, aber gebt dieser Stadt – und somit diesem absurden Lebenszeitsbschnitt – zumindest eine Chance. Oder ein klein wenig Sinn. 

Die Autorin ist Lehrerin in einer KSDU Klasse einer Wiener Mittelschule

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S

Viel Ehrlichkeit zu Beginn

Sommerschule. Beim bloßen Gedanken an dieses Wort erschaudern die meisten erfahrenen und angehenden Lehrer:innen. Zwei Wochen der Sommerferien, die man für Kinder opfern soll, die sich wünschen würden, so weit wie möglich von der Schule entfernt zu sein. Weshalb sollte überhaupt jemand in Erwägung ziehen an diesem noch nicht ganz ausgereiftem Bildungsprojekt teilzunehmen?  Nun ja, in meinem Fall lautet die Antwort ECTS und die neu eingeführte Bezahlung, aber auch der Drang sich beweisen zu wollen. 

Überrascht, dass es mir nicht in erster Linie um die Schüler:innen gegangen ist?  Ich denke es wäre unehrlich und naiv zugleich zu behaupten, dass sich Student*innen bloß aus reiner Herzensgüte am Projekt beteiligen. Natürlich sind uns die Kinder wichtig und wir möchten ihnen helfen, aber dieses Gefühl gewinnt erst richtig an Stärke, wenn wir eine Beziehung zu unserer Klasse aufgebaut haben. In der Sommerschule arbeitet man mit Lernenden, denen man wahrscheinlich zum ersten Mal begegnet, was das dringende Bedürfnis zu helfen und sich zu kümmern in den meisten Fällen als Beweggrund in den Hintergrund rücken lässt. 

Bis jetzt hört sich das alles nicht besonders positiv an. Dennoch kann ich behaupten, dass ich diese zwei Wochen um nichts in der Welt eintauschen würde, da die Erfahrungen, die ich gemacht habe und die Entwicklung meiner Schüler:innen, aber auch meine eigene, unbezahlbar für meine Karriere als Lehrerin sind.

Wie würde ich nun rückblickend meine Tage als Sommerschullehrerin beschreiben? Chaotisch, unerwartet, physisch und psychisch herausfordernd, aber auch wunderschön, prägend und unvergleichlich befriedigend. 

Man kann sagen, ich habe Glück im Unglück gehabt, da ich statt einer ursprünglich geplanten Deutsch Regelklasse, eine Deutsch Förderklasse mit den verschiedensten Kindern aus aller Welt betreut habe. Nicht jeder bekommt die Gelegenheit mit so vielen Kulturen in Kontakt zu treten. So wie meine Schüler:innen von mir Deutsch gelernt haben, habe ich ihre Gepflogenheiten kennen lernen dürfen und sogar einen Einblick in ihre Sprache bekommen. 

Die ersten paar Tage würde ich als Eingewöhnungsphase bezeichnen, da in dieser Zeit beide Parteien versucht haben sich aufeinander einzustellen. Langsam aber sicher habe ich ein Gefühl für die Bedürfnisse meiner Schüler:innen bekommen und habe auch gesehen, um was für Persönlichkeiten es sich handelt. Die meisten von ihnen sind herzlich, wissbegierig und überaus intelligent gewesen, aber auch verloren und voller Selbstzweifel. Aus diesem Grund habe ich es mir zur Aufgabe gemacht nicht nur an ihrem Deutsch zu arbeiten, sondern viel mehr an ihrem Selbstvertrauen. Denn Lob und Anerkennung sind diesen Kindern anscheinend fremd gewesen. Viele von ihnen haben gar nicht gewusst, wie sie auf ein nettes Wort oder eine freundliche Geste reagieren sollen. 

Chaotisch, unerwartet, aber auch wunderschön und prägend

In der zweiten Hälfte der Woche hat man gemerkt, wie die Kinder aufgeblüht sind und die ursprünglichen Cliquen, neuen Freundeskreisen gewichen sind. Eine große Mädchengruppe hat sich gebildet, in der sich alle gut verstanden haben. Das Erfreulichste ist daran gewesen, dass sie gezwungenermaßen auch in ihrer Freizeit und den Pausen Deutsch gesprochen haben, da dies die einzige gemeinsame Sprache gewesen ist. Dies hat selbstverständlich einen enorm positiven Effekt auf die Sprachentwicklung gehabt. Ich habe beobachten dürfen, wie sich Äußerungen aus wenigen Worten, in richtige, teilweise sogar komplexere Sätze verwandelt haben.

Die Jungs haben sich zu einer weniger homogenen Gruppe zusammengeschlossen. Sie hatten von Anfang an ein größeres Problem mit der Sprachbarriere. Gänzlich unerwartet ist jedoch die Rivalität gewesen, die bei Spielen zwischen den Mädchen und den Jungs entstanden ist. Teilweise hat diese auch in gehässigen Kommentaren resultiert, die ich schnellstmöglich unterbunden habe. Das zeigt wiederum auch, dass Lehrer*innen nicht nur für die fachliche Wissensvermittlung zuständig sind, sondern eine bedeutende Rolle in der Erziehung spielen. Oftmals vergisst man das, da der Fokus im Studium auf dem fachlichen Wissen liegt. Wir sind wichtige Bezugspersonen für unsere Schüler:innen; unser Aufgabenbereich umfasst so viel mehr als nur das Unterrichten.

In der zweiten Woche sind wir bereits eine zusammengeschweißte Klasse gewesen und haben effektiv arbeiten können. Die Lernenden haben fleißig mitgemachten, sind engagiert gewesen und haben manchmal sogar ein wenig Spaß am Unterricht gehabt. Ich habe auch Einblicke in ihr Privatleben erhalten dürfen, was mir klar gezeigt hat, wie sehr sie mir nach dieser kurzen Zeit bereits vertrauten. Ich sage nicht, dass es keine negativen Zwischenfälle gabt, immerhin handelt es ich um Schüler:innen, die gerne die Grenzen austesten, aber es ist immer eine schnelle, friedliche Lösung gefunden worden. 

Die Tage sind schnell verstrichen und der Abschied ist uns allen schwergefallen. Die Zeit als bloße Studentin ohne jeden Tag früh aufstehen zu müssen und unterrichten zu dürfen sind mir fast unwirklich erschienen. Ein Teil von mir hat sich über die zurückgewonnenen Freiheiten gefreut, der andere Teil hat jetzt schon die Kinder vermisst und sich gefragt, was sie wohl nach der Sommerschule erwartet und ob sie zurechtkommen werden. Schon nach einem derart kurzen Zeitintervall hat sich ein Band zwischen mir und meiner Klasse entwickelt, das eindeutig unter Beweis stellt, dass dieser Beruf der einzig richtige für mich ist und dass ich mich trotz all der Hürden definitiv richtig entschieden habe. 

Ich gebe zu, die zwei Wochen sind anstrengend gewesen, sehr anstrengend sogar, aber ich empfehle jeder zukünftigen Lehrerin und jedem angehenden Lehrer an der Sommerschule teilzunehmen. Es gibt nämlich nichts Erfüllenderes als diesen Kindern bei der Entwicklung und beim persönlichen Wachstum zu helfen und zuzusehen. Egal was einen dazu veranlasst bei diesem Projekt mitzuwirken, bereits nach wenigen gemeinsamen Unterrichtsstunden sind es garantiert die richtigen Gründe. 

Allen Schüler:innen, die selbst noch unentschlossen sind, was sie später werden wollen und/oder unsicher sind, ob sie zur Lehrerin/zum Lehrer geeignet sind, kann ich nur sagen, traut euch! Es gibt nichts Schöneres.

Die Autorin ist Lehramtsstudentin und hat an einer Wiener Mittelschule im 20. Bezirk an der Sommerschule unterrichtet.

Lesezeit: 4 Minuten

Schüler:innen und Lehrer:innen feiern gerne. Ganz ohne Aufforderung bringen viele Kinder und Jugendliche zu ihrem Geburtstag Torte, Kekse, Saft und Schokolade. Sie teilen ihre Freude mit allen. Achten darauf, dass alle etwas am Teller haben. Ertragen, die manchmal sehr schräg gesungenen Geburtsständchen. Und versprechen fürs nächste Jahr mehr Torte, Chips und Saft, damit tatsächlich alle satt werden.

Kinder und Jugendliche brauchen Feste. Das Ritual des Geburtstagsfeiern bringen sie meistens aus der Volksschule mit. Dass es in der Adventzeit einen Kalender gibt, finden sie perfekt. Sie malen hingebungsvoll Weihnachtskarten, und auch zu Ostern basteln alle an der Osterdeko. Neu in diesem Schuljahr ist, dass endlich eine Klasse an den Ramadan gedacht hat. Ramadan kareem und wunderschöne Laternen schmücken die Pinnwand vor der Klasse.

Ramadan

Leider wirbelt der Beginn des Fastenmonats schon Wochen davor Staub auf. Ich versuche das auszublenden und freue mich über die Gesichter meiner Schüler:innen, die in Bälde fasten werden. Sie sind aufgeregt und voller Vorfreude. Die Mutter einer ehemaligen Schülerin läuft mir über den Weg. Wie so oft würden wir gerne auf einen Kaffee gehen. Wenn der Ramadan vorbei ist, dann aber wirklich, sagt sie. Eigentlich klingt das so, wie wenn ich sage, wenn Weihnachten vorbei ist.

Dennoch, der Ramadan polarisiert. Plötzlich beginnt die Sorge um jene Kinder und Jugendlichen, die von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang fasten müssen. Das ist der erste Irrtum. Es muss niemand fasten, aber die Kinder und Jugendlichen wollen es. Kinder sind ausgenommen vom Fasten, aber sie wollen ein Teil der Gemeinschaft sein. In manchen Familien wird daher zum Beispiel das Kinderfasten etabliert. Kinder essen zwischen den Mahlzeiten nicht. Und, Ramadan ist viel mehr als eben eine Zeit lang nicht zu essen und zu trinken. Aber, das wird alles beiseitegeschoben. 

Eine andere Variante ist, Ramadan bewusst nicht zum Thema zu machen. Ausgehend davon, dass Religion Privatsache ist, und die Schule nichts angeht. Mit dieser Haltung verbunden ist, dass der Austausch über den Fastenmonat abgewürgt wird. Wer Durst hat und nichts trinkt, ist selbst schuld. Wer im Sport nicht ordentlich mitmacht, weil es schon später ist, und der Hunger größer wird, bekommt ein Mitarbeits-Minus. Dann sollen sie eben essen und trinken, verbietet ihnen ja niemand.


Beide Zugangsweisen finde ich nicht akzeptabel. Welches Licht werfen Sorgen um ihre Kinder auf muslimische Eltern? Es wird bei genauerer Betrachtung Müttern und Vätern unterstellt, sie würden ihre Kinder bewusst vernachlässigen oder quälen. Wie oft werden im Zusammenhang mit der Leistungsbeurteilung die wahren Ursachen eines Versagens ausgeblendet. Wie oft hört man, es ist mir egal, was die Leistungen der Schüler:innen maßgeblich beeinflusst? Einmal im Jahr ist dann alles anders. Diese vermeintlichen Sorgen haben nicht das Kind zum Thema, sondern sind einer beinharten Wertung geschuldet. Ramadan ist kein Fest „von hier“, von „unserer“ Kultur. Wenn Religion tatsächlich Privatsache sein soll, warum wird dann das Schulhaus weihnachtlich geschmückt, ein Adventkalender gebastelt oder ein Ostergedicht gelernt? Warum werden Weihnachtslieder gesungen und die Eltern informiert, weil sich Büsra* weigert mitzusingen? Ihr Argument, sie würde nicht Weihnachten feiern, regt auf. Nein, ich erzähle nicht von einer konfessionellen Schule. Es handelt sich um eine öffentliche Mittelschule in Wien.

Der Kinobesuch

Eine Kollegin hat für die Woche vor der Osterferien einen Kinobesuch festgelegt. Jene Schüler:innen, die fasten, sind enttäuscht. Es ist Ramadan, sie dürfen im Kino nichts essen und trinken.

Die Kollegin ist verunsichert, was durchaus verständlich ist. Während des Lehramtstudiums werden kaum Kompetenzen in dieser Richtung vermittelt. Die Tatsache, dass wir in den Mittelschulen in der Stadt wenig autochthone Schüler:innen haben, wird schlichtweg unter den Tisch gekehrt.

Ich hole mir Rat bei dem Bekannten, der mir so viel Positives über den Fastenmonat vermittelt hat.

„Soll ich den Kinobesuch verschieben? Immerhin betrifft das doch einige Schüler:innen?“

„Was wollen du und deine Kollegin mit dem Kinobesuch bezwecken?“

„Sie sollen Spaß im Kino haben. Keine pädagogischen Hintergedanken, ausnahmsweise.“

„Hmm? Ins Kino gehen ist für die Kinder viel mehr als nur rein ins Kino, Film schauen, und dann wieder rausgehen. Kino ist auch Nachos mit scharfer Sauce essen. Kino ist, Hey Bruder koste mal die gelbe Sauce. Kino ist, wenn es Freude machen soll, ein Gesamtpacket. Also, würde ich es verschieben.“

Dos und Don’ts während des Ramadans

Auf der Plattform Instagram habe ich einen wunderbaren Podcast entdeckt, der ganz unaufgeregt die Dos und Don’ts während des Ramadans vermittelt. An oberster Stelle steht, der sensible Umgang mit der Materie. Niemand ist gezwungen alles zu verstehen. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Zugänge zum Thema Religion. Aber es kann hilfreich sein, sich damit auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt sollten immer die Kinder und Jugendlichen stehen, mit denen wir sehr viel Zeit verbringen.

Es könnte alles so einfach sein

Die Sache mit dem Kino habe ich mit meiner Kollegin thematisiert. Wir haben die Schüler:innen gefragt, ob wir den Termin verschieben sollen. Nein, wäre nicht notwendig, haben sie uns nahezu einstimmig erklärt. Manchen würden für einen Tag das Fasten brechen, andere würden dann eben nichts essen. Wichtig war uns in diesem Zusammenhang, die Schüler:innen wahrzunehmen und anzuhören.

Ähnlich könnte es theoretisch im Sportunterricht ablaufen. Es geht um 30 Tage, nicht um ein Schuljahr. Muss es tatsächlich sein, dass in genau dieser Zeit der härteste Sportunterricht ever gemacht wird? Nein! Wenn Schüler:innen merken, dass ihnen die Energien ausgehen, dann können sie Pause machen. Alle dürfen das ohne Ausnahme.

Wir könnten auch die Notwendigkeit einer Schularbeit oder eines großen Tests überdenken.

Wir könnten neben Weihnachts- und Osterwünschen, Ramadanwünsche auf die Homepage der Schule stellen. Oder im Schaukasten ein schönes Plakat passend zum Ramadan hängen.

Es könnte alles so einfach sein!

In diesem Sinne Ramadan Kareem

Maria Lodjn, MS Staudingergasse Wien

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Mit Schüler:innen über den Krieg reden

Es ist Krieg, 600km von Wien entfernt. Wir haben Redaktionssitzung. Ratlosigkeit ist uns ins Gesicht geschrieben.

Zwei Jahre lang haben wir mit unseren Schüler:innen versucht die Pandemie zu thematisieren. Wir haben Kinder und Jugendliche erlebt, die nichts lieber wollten, als endlich wieder in der Schule sein zu können. Keine Coronatests, keine Masken, kein Distancelearning und keine Quarantäne. Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, aber wir haben uns damit arrangiert. Nichts wird so sein wie früher. Die Pandemie hat uns alle verändert. Unsere Sehnsucht nach Ruhe ist groß.

Und jetzt herrscht dieser verdammte, so unnötige Krieg. Wie spricht man mit Kindern und Jugendlichen über den Krieg? Wie geht man dieses Thema an, im Bewusstsein, dass es in vielen Klassen Schüler:innen gibt, die im Unterschied zu uns wissen, wie Krieg sich anfühlt? Drei Lehrer:innen haben uns ihre Erfahrungen und ihre Zugänge zu diesem heiklem Thema aufgeschrieben.

  • Wie beeinflusst das Thema Ukraine derzeit deinen Unterricht?

Lorena*

Meine Schüler*innen hängen fast ständig in den sozialen Medien, vor allem auf TikTok ab, und werden somit täglich mit Bildern aus dem Kriegsgebiet konfrontiert. Das löst Sorgen und Ängste aus, die wir in den Unterrichtsstunden thematisieren. Auch Begriffe wie „Atomkrieg“ oder „Dritter Weltkrieg“ kommen häufig auf.

Lotta*

Ich stelle mir folgende Frage ganz oft: Ist der Stoff, den ich gerade unterrichten sollte, wirklich wichtiger, als das Ukraine-Thema zu besprechen? Ich komme mir etwas albern vor, eine Stunde über Musicals zu machen, wenn wir eigentlich viel wichtigere Fragen diskutieren könnten. Dazu kommt, dass es auch mir schwerfällt mich auf das Unterrichten zu konzentrieren. Die aktuellen Nachrichten lese und höre ich schon beim Frühstück. Es lässt mich nicht kalt, Emotionen kochen hoch. Dann stehe ich in der Klasse und muss meine Schüler:innen durch den Tag führen, schließlich bin ich Lehrerin und damit so etwas wie eine Autoritätsperson. In den nächsten Tagen soll ein aus der Ukraine geflüchtetes Mädchen zu uns in die zweite Klasse kommen. Die Schüler:innen habe ich darauf vorbereitet. Jetzt hoffe ich auf die Empathie meiner Schüler:innen, und auch auf ihr Fingerspitzengefühl. Ich bin mir sicher, dass das Mädchen nicht die Einzige sein wird, die zu uns an die Schule kommen wird. Es werden mehr werden. Da bin ich mir sicher. 

Tuba*

Der Ukraine-Krieg ist allgegenwärtig. An dem Tag, als wir erfahren haben, dass Krieg in Europa herrscht, waren die Schüler:innen wie gelähmt. In jedem Unterrichtsfach, sogar in den Pausen, sind die Schüler:innen zu uns gekommen und haben gefragt, was das für sie bedeuten würde. Viele Eltern meiner Schüler:innen und einige Kinder haben Kriege miterlebt. Durch die Bilder, die auf Social Media gleich zu Beginn kursiert sind, waren sie sehr verunsichert. Eine Schülerin hat mich gefragt, ob sie jetzt wieder flüchten müsse. Ein TikTok-Video, in dem behauptet wird, Putin würde den 10.Bezirk angreifen, geht viral. 

Die Stimmung bei den Schüler:innen und bei den Lehrer:innen war in den ersten Tagen sehr bedrückt und wir haben viel darüber gesprochen. Da uns immer wieder aufgefallen ist, dass einige Schüler:innen den Krieg verherrlichen bzw. behaupten, dass dies gar kein Krieg wäre, haben wir bemerkt, dass wir unbedingt zum Thema Fake News Unterrichtseinheiten gestalten müssen. Das Projektthema stand schon seit September fest, jedoch haben wir den Projekttag auf eine Projektwoche ausgedehnt, um uns ausgiebig mit dem Thema Fake News zu beschäftigen und den Schüler:innen Werkzeuge mitgeben zu können, die sie beim „Entlarven“  dieser unterstützen.

  • Wie behandelst du den Krieg mit deinen Schüler:innen?

Lorena

Ich versuche einerseits ihre Ängste und Sorgen wahrzunehmen, allerdings auch möglichst sachlich zu argumentieren, um sie nicht unnötig zu beunruhigen.

Leider gibt es eine Klasse, bei der diese Diskussion besonders schwierig ist. Es gibt zwei Schüler, die Putin und seine Taten verherrlichen. Da fällt es mir besonders schwer, sachlich zu bleiben. In diesem Fall biete ich den Schüler*innen Quellen an, wo sie sich – meiner Meinung nach – möglichst objektiv informieren können.

Lotta

Man geht eine Gratwanderung. Ich möchte den Kinder die Ernsthaftigkeit der Lage näherbringen. Auch damit sie verstehen, warum die Frage zu wem man hält, völlig unpassend ist. Ich rede mit ihnen sehr ehrlich über fast alles, möchte ihnen aber keine Angst machen. Pressevideos von Explosionen und anderen Horrorszenarien zeige ich den Schüler:innen bewusst nicht. Mit Hilfe von Landkarten versuche ich die Situation zu verbildlichen. Wo ist die Ukraine? Wie groß ist sie? Wenn Schüler:innen mir Fragen stellen, dann antworte ich ehrlich und so informiert wie möglich. Aber auch ich habe Fragen an die Kinder. In den ersten paar Tagen des Krieges hat dieser Austausch die gesamte Unterrichtsstunde in Anspruch genommen. Mir war es großes Anliegen, dass die Schüler:innen auch über die geschichtlichen und geografischen Hintergründe viel Information bekommen. Und wir haben über Österreichs Position gesprochen. Was die Neutralität in diesem Zusammenhang bedeutet und wie es mit den militärischen Kapazitäten aussieht.

Tuba

In der Projektwoche ging es um grafische Manipulationen, das Analysieren von Quellen und Kontext und um statistische Kennwerte und journalistisches Arbeiten. Wir haben einige Videos, die wir vorbereitet hatten, analysiert. Die Schüler:innen konnten in dieser Woche auch Videos, die sie in ihren Social Media-Kanälen gesehen haben, mit der Klasse teilen und wir haben sie gemeinsam aufgearbeitet. Gleichzeitig haben wir versucht, glaubwürdige Berichte zu lesen und haben mit den Schüler:innen darüber diskutiert.

Das Thema ist für alle sehr belastend. Als Lehrer versuche ich, das Thema zu behandeln, aber nicht den kompletten Unterricht und jede Pause damit zu verbringen.

Bei einigen Schüler:innen hatte ich das Gefühl, dass diese re-traumatisiert wurden. Panikattacken häufen sich wieder. Wir bemühen uns dennoch um ein großes Maß an Offenheit, wollen aber trotzdem auch Raum und Zeit für andere Themen schaffen, die den Schüler:innen ein Anliegen sind.

Sebastian hat uns außerdem eine Begebenheit aus seiner Klasse geschildert. Eine, die uns allen verdeutlicht, wie komplex die gesamte Situation ist: 

Eine ukrainische Schülerin ist zu uns in die Schule gekommen. An dem Tag, als sie ankam, war meine Klasse ganz aufgeregt. In der großen Pause sind sie zu ihr gestürmt und haben sie ausgefragt: „Wie alt bist du? Wo hast du gewohnt? Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie? Erzähl uns, wie ist es bei dir zuhause?“ Ich habe das Verhalten mitbekommen und meine Schüler:innen sofort gebeten in die Klasse zu kommen. Dort angekommen, habe ich lang und breit erklärt, warum man das nicht tun sollte. Dass ich es großartig fände, dass sie so viel Interesse zeigen, aber dass dieses Verhalten auch bei dem Mädchen etwas auslösen könnte und vielleicht möchte sie das gar nicht. Als ich dann gefragt habe, ob sie das nachvollziehen können und wie sie sich fühlen, antwortete einer meiner Schüler, der selbst geflüchtet ist: „Ich habe das gemacht, weil ich mir damals gewünscht hätte, dass andere Kinder zu mir kommen und mich ausfragen. Ich wollte ihr zeigen, dass wir da sind und dass wir uns interessieren für sie. Bei mir hat das damals niemand gemacht und das fand ich blöd.“

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Sammelbeitrag mit Aussagen von Wiener MS Lehrer:innen