Schlagwortarchiv für: #Mittelschule

Lesezeit: 4 Minuten

Neuer Tag, neues Glück denke ich mir, als ich durch das Schultor trete. Ich gehe direkt ins Lehrer:innenzimmer, der kleinen paradiesischen Insel mitten im stressigen Schulalltag – sollte man meinen – und lausche einem Gespräch zwischen zwei Kolleginnen.  „Und stell dir vor, besitzt der doch tatsächlich die Frechheit, nicht mal zu grüßen. Wo kommen wir da hin?“ „Ja, die Kinder werden immer frecher, nicht mal die normalsten Dinge kann man mehr erwarten“, folgt sogleich die Erwiderung. Noch etwas müde höre ich zu und mein noch nicht ganz einsatzfähiges Gehirn versucht zu erkennen, was gerade das Problem ist. Ah, M. war anscheinend kurze Augenblicke davor an meiner Kollegin vorbeigegangen, ohne guten Morgen zu sagen, was ihm offenbar als Kapitalverbrechen angerechnet und als absolute Verrohung der Jugend gewertet wird. 

„Vielleicht war er einfach noch müde?!“, merke ich an. „Tz, müde, der hat mich direkt angeschaut und ist einfach weitergegangen.“ Ein Gedanke schießt mir ein und mein immer noch schläfriges Gehirn gibt leider zu schnell die Freigabe zu sprechen: „Wenn es dir so wichtig ist, hättest du doch auch zuerst grüßen können.“ Stille, gespenstische Stille. 

Okay, großer Fehler, bemerke ich schnell, als ich die entsetzten Blicke meines Gegenübers spüre. Zuerst grüßen, einen Schüler, geht anscheinend gar nicht. Schnell verzupfe ich mich, die bohrenden Blicke meiner Kolleginnen im Rücken und gehe in meine Klasse. 

Das Gespräch beschäftigt mich weiterhin. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass es eine gottgegebene „Grüßordnung“ gibt, dass es unabdingbar ist, dass meine Schüler:innen mich zuerst grüßen müssen. Oft kommt mir ein freudiges „Guten Morgen“ schon von Weitem entgegen, manchmal grüße ich einfach zuerst, weil mich das Kind nicht gesehen hat und manchmal gibt es auch Situationen, in denen ich eine freundliche Begrüßung von mir gebe, aber überhaupt nichts zurückkommt. Ich habe nie hinterfragt, dass das eine böse Absicht oder gar Respektlosigkeit sein könnte. Meine Gedanken zu dem Thema werden durch das Läuten gestoppt, der Tag beginnt. 

„Du bist doch schon was. Du bist Türke.“

Wir haben einen Workshop zum Thema Rassismus und Mehrsprachigkeit. Ein sehr wichtiges Thema wie ich finde, gerade bei unseren Kindern, die mit ihren 13-14 Jahren schon unzählige rassistische Erfahrungen in ihrem Alltag machen mussten. In ihrem Alltag, so dachte ich bis jetzt, also nach der Schule, in ihrer Freizeit. Nach und nach kommen aber auch Geschichten aus der Schule ans Licht. 

Der Workshopleiter erklärt den Unterschied zwischen Rassismus und rassistischen Äußerungen, erklärt, dass jeder von uns sich rassistisch äußern kann und noch lange kein Rassist sein muss. Meine Schüler:innen nennen keine Namen und ich merke wie ich mich verkrampfe, weil ich Angst habe, dass auch mir vielleicht einmal eine rassistische Äußerung herausgerutscht sein könnte. Die Kinder hören gespannt zu, immer wieder kommen Geschichten von ihnen. „Meine Volksschullehrerin hat mich damals die Schulordnung schreiben lassen, weil ich mit meiner Freundin auf Türkisch geredet habe“, erzählt I. „Zu mir hat mal ein Lehrer gesagt, dass so wie ich Deutsch rede, nie was aus mir wird. Geht gar nicht!“ „Aber du bist doch schon was, du bist Türke Bro!“ Der Bro lächelt stolz. 

Bei all den Erzählungen spüre ich ein drückendes Gefühl auf der Brust. Wie klein sie sich oft fühlen müssen, wie verletzend Sprache sein kann, gerade von uns als Lehrpersonen. Eine unbedachte Äußerung, die beim Gegenüber aber tiefe Spuren hinterlässt. 

Ich biete an, den Workshop zu verlassen, damit die Kinder wirklich frei erzählen können und warte vor der Türe. Während der Wartezeit denke ich an Dinge, die ich zu den Kindern gesagt habe, Dinge, die vielleicht nicht mal böse gemeint waren, aber verletzend ankommen könnten und beschließe, zukünftig noch mehr darauf zu achten, was meine Worte bewirken können. Während mein perfektionistisches Ich mich innerlich zum Scheiterhaufen für Lehrpersonen führt, läutet es und die Kinder stürmen aus der Klasse. Einige setzen sich zu mir und erzählen vom Workshop. 

Mein schlechtes Gewissen bedrückt mich. „Kinder, tut mir leid, wenn ich auch schon mal etwas gesagt habe, dass euch verletzt hat. Ich hoffe ihr wisst, dass das nicht mit Absicht war.“ 

„Machst du eh nicht Frau Lehra. Dir sagen wir es eh gleich.“ „Haha, ja, bei dir geht das.“ „Ja, so wie das eine Mal, da haben Sie gesagt ich bin eine Zicke – geht gar nicht. Aber ich bin eh nicht mehr böse.“ Puh, Glück gehabt, denke ich, mein Lehrer-Ich hat also doch nicht vollständig versagt. 

Danke, aber wofür eigentlich?

Nach vier Stunden ist der Workshop aus und ich setze mich für eine kurze Nachbesprechung mit dem Workshopleiter K. zusammen. „War ein guter Vormittag. Anstrengend, aber gut.“ Ich muss grinsen, ja anstrengend ist es hier immer, aber immerhin haben alle überlebt, niemand hat sich umgebracht und sie haben sogar motiviert mitgemacht, in meiner Welt ist das ein voller Erfolg. 

„Ich wollte dir noch etwas sagen. Sie respektieren dich sehr, das merkt man und du sie auch“, sagt K. „Ja, diesen Respekt spür ich eh immer wieder, wenn sie machen, was sie wollen“, erwidere ich – allerdings lächelnd. „Nein im ernst! Danke, dass du so zu ihnen bist.“ 

Gerührt aber auch irgendwie irritiert schaue ich K. an. Danke? Aber wofür? Das ist doch mein Job. Ein Job, bei dem ich die meiste Zeit das Gefühl habe, dass ich ihn nicht mal besonders gut mache und nur irgendwie den Alltag überlebe. Ein Job, der mich tagtäglich an meine Grenzen bringt, bei dem regelmäßig Dinge vor meinen Füßen landen, die durch die Klasse geflogen kommen, ein Job, bei dem ich tagtäglich Regeln einfordere, damit sie am nächsten Tag wieder vergessen werden. Aber auch ein Job, der einem tolle Momente mit jungen Menschen beschert. Respektvoller Umgang? Ein Muss meiner Meinung nach, denn wenn nicht wir, wer dann soll es den Schüler:innen vorleben. Es ist okay für mich, meine Schüler:innen zuerst zu grüßen, weil sie es vielleicht an diesem Tag nicht können, weil sie vielleicht müde sind, in Gedanken versunken oder irgendwelche Sorgen haben. Es ist okay für mich, wenn mal eine pampige Antwort kommt, weil er oder sie in der Situation vielleicht nicht anders aus kann. Es ist okay für mich, wenn meine Schüler:innen in ihrer Erstsprache, ihrer für mich Herzenssprache, miteinander sprechen, weil sie sich so vielleicht wohler fühlen. Genau solche Situationen sind es über die man dann sprechen, sie nächstes Mal besser oder anders machen und aus ihnen lernen kann und genau dafür ist doch Schule da, zum Lernen. 

Meine Schüler:innen verlassen freudig das Schulhaus. „Schönen Nachmittag!“, rufe ich ihnen nach. „Tschüüüüüß Frau Lehra!“, tönt es zurück. 

Und ich muss lächeln. Nein, es stört mich nicht, mich zuerst zu verabschieden, denn Respekt ist keine Einbahnstraße. Respekt ist nichts, das wir Lehrpersonen einfach so bekommen, sondern das wir auch zurückgeben müssen. Respekt ist auch nichts, das sich Kinder und Jugendliche erst verdienen müssen, denn jeder Mensch, egal wie alt, egal welcher Herkunft hat Respekt verdient und wenn meine Schüler:innen das in den vier Jahren bei mir lernen, dann habe ich vielleicht doch nicht alles falsch gemacht. 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien

Lesezeit: 3 Minuten

Stellen wir uns das Schulsystem mal als einen riesigen Ozeandampfer vor. Kein Kreuzfahrtschiff, nein, keine Disko, kein Pool, keine Klaviermusik. Eher so ein Teil, das kürzlich im Suezkanal steckte. Riesig, zu wenig Personal, teilweise unmanövrierfähig. 

Stellen wir uns vor, das Ding bricht gerade auseinander. Die wenigen Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen und Psychagog:innen, die noch nicht im Corona-Hafen festsitzen, paddeln mit kleinen hölzernen Booten und den viel zu wenigen Rettungswesten herum.

Der Steuermann hält sich krampfhaft am Lenkrad fest, hat jedoch jedweden Funkkontakt zur Besatzung verloren. Noch hat er nicht gemerkt, dass die Kommunikation schon längst abgebrochen ist. 

Die Kapitänin liegt aufgrund eines unglücklichen Zwischenfalls auf der Krankenstation im dritten Unterdeck und hält sich mit Rum über Wasser. 

Da wäre noch der Stellvertreter der Kapitänin. Dieser brüllt mit Hilfe eines Megaphons Befehle in den Wind, die selbiger gnadenlos verschluckt. Kurze Windstille. Endlich kann die Mannschaft seine Befehle verstehen. Doch wenn die Wellen fast über den Köpfen der Kolleg:innen zusammenschlagen, ist das Tragen von Hausschuhen eher Nebensache. 

Einige Kolleg:innen haben sich mit flotten Kayaks ausgestattet und behindern die Rettungsmanöver. Als wäre das nicht schon genug, erzeugen sie weitere Hindernisse und Zusammenstöße. Auf diese Weise kann keine Ruhe einkehren. Besonders weil man schon von hinten das bedrohliche Rauschen der sechsten Coronawelle hören kann. Dabei muss doch noch die jetzige Welle bewältigt werden, zumindest irgendwie. Das Treibholz und die Container mit schlechten Nachrichten aus der Ukraine, unbewältigten Traumata und bösen Vorahnungen trudeln als ständige Bedrohung um das Schiff.

Von vorne weht der Wind der Teuerungen und Inflation, der unsere Schüler:innen zu neuen Ufern schickt, neue Unterkünfte müssen gesucht werden, unbezahlbare Rechnungen wehen hoffnungslos an gebrochenen Masten. Sechs Euro für einen Kinobesuch an Land werden für viele Eltern zur Herausforderung. Dann bleibt das Kind lieber am sinkenden Schiff oder darf nicht mitkommen.

Der strahlende Ramadan bedarf Aufmerksamkeit und Achtsamkeit im positiven Sinn. Wird aber von vielen Kolleg:innen in den Kayaks als zusätzlicher Ballast wahrgenommen und konterkariert. Die von engagierten Kolleg:innen in zahlreichen Unterrichtsstunden ausgehändigten Rettungswesten, die kaum ein:e Schüler:in ablehnt, werden auf diese Art zu löchrigen nahezu unbrauchbaren Hilfsmitteln. So kann sich niemand über Wasser halten. Den Kanuten ist das egal. Alle könne man nicht vor dem Untergang retten. Dann müssten eben die nicht-angepassten Schüler:innen das Boot verlassen. Wenn sie Glück haben, werden sie in der Nähe des Ufers ausgesetzt. Ansonsten müssen sie  eben schauen, wie sie mit den löchrigen Rettungswesten in den nächsten Hafen schwimmen können.

Das Boot steckt fest, endgültig. Das Treibholz, die Container und die Kayaks haben es zum Stillstand gebracht. Nur ein kleiner Teil der Mannschaft will die Weiterfahrt um jeden Preis. Es könnte ja sein, dass im nächsten Hafen alles besser wird. Es sind jene, die verstanden haben, dass Jammern wenig Sinn macht. Sie kleben die Rettungswesten, reden den Systemsprenger:innen gut zu und versuchen die Kanuten irgendwie wieder an Bord zu holen. Wo ist die versprochenen Verstärkung, die am Hauptschiff mitanpackt? Dann hätten die, die schon seit Wochen durcharbeiten wieder ein bisschen Luft und eine kleine Pause. Alle werden nie in einem Boot sitzen. Wenn nur der Steuermann das Loch in der Funkverbindung findet und zuhören kann, welche Sorgen und Ängste seine Mannschaft haben. Wenn nur die Kolleg:innen den Coronahafen verlassen könnten.

An den Ufern sitzen staunenden Zuschauer und kommentieren fleißig das Geschehen im Standard-Forum. Alle wissen alles besser und die faulen Lehrer:innen, die da draußen um nackte Überleben paddeln, werden beschimpft, geschasst und milde belächelt, denn die wenigen Stunden die die da rumpaddeln, das hätten wir ja mit links geschafft. Hört’s auf zum Jammern. Ihr habt’s ja eh bald Ferien. 

Ferien ? Ja. Wo? Wo ist die Insel, die winzig kleine Osterinsel, die schon irgendwo aus den Weiten des Ozeans aufragt? Ein Moment der Entspannung – wenn keine Schularbeiten zu korrigieren sind – ein Moment zum Durchschnaufen, wenn es nicht bei einem Schüler wieder brennt, weil die Freundin schwanger ist oder bei einer Schülerin, weil die Mama mit ihren Depressionen nicht mehr aufstehen kann und sie sich um die kleinen Geschwister kümmern muss und sich deswegen nicht mehr um sich selber kümmern kann – oder ein Moment des Loslassen, wenn nicht neue Schüler:innen aus der Ukraine kommen, die dringend Mika-D getestet werden müssen und die Kapazitäten der Deutschförderklasse ausgeweitet werden müssen. 

Naja, wir werden sehen. Sollen wir je dort ankommen. 

P.S. Eigentlich hätte an dieser Stelle ein schöner Text stehen sollen, ein Text darüber, wie schön, wie rewarding, wie vielseitig der Lehrberuf ist. Ein Text, der es vermag, die wirklich guten und engagierten Menschen für diesen Beruf zu begeistern. 

Aber wir haben es nicht geschafft. Es hätte in dieser Zeit einfach nur höhnisch gewirkt…

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an einer Wiener Mittelschule

Lesezeit: 4 Minuten

Corona nervt! Das lässt sich wohl aus allen verfassten Texten herauslesen. Manche sind geimpft, manche nicht, manche finden eine Impfpflicht gut, andere weniger, viele sind dennoch geimpft. Doch sind die meisten von ihnen der Meinung, dass es nichts gebracht habe. Es wurde ihnen versprochen, dass sie dann keinen Lockdown mehr haben werden, keine Masken, kein Testen. Tatsächlich hat sich das Leben von allen verschlechtert.

Keiner geht mehr raus, nicht ins Kino, kein Treffen mit Freunden. Zu viele haben schon bezahlt, weil sie zu wenig Abstand hielten, keine Masken trugen oder keinen gültigen PCR Test hatten, um etwas einzukaufen oder irgendwo was zu essen. 

Corona nervt. 

Ja! Die Mittelschüler und Mittelschülerinnen trifft es besonders hart. Viele haben vier und mehr Geschwister, viele wohnen in sehr engen Wohnverhältnissen. Durch das Ansteigen der Betriebskosten hat sich diese Situation verschärft. Etliche unserer SchülerInnen mussten umziehen. Sie haben jetzt einen längeren Schulweg. Mehr öffentliche Verkehrsmittel, noch mehr Möglichkeit sich anzustecken. Und wenn nicht sie, dann die Eltern in ihren systemrelevanten Jobs als Reinigungskraft, Pflegepersonal und/oder im Lager. „Die Arbeit meiner Eltern ist schwerer geworden!“, sagt Maria. Auch Pia stöhnt: „Wir sind alle zweimal geimpft – wir hatten alle schon Corona. Früher hatte ich Angst, jetzt habe ich keine Angst mehr. Ich möchte keinen Masken mehr tragen. Ich möchte auch nicht mehr täglich testen. Es kostet sehr viel Zeit in der Schule.!“

David hat Angst etwas anzugreifen, seinen Freunden nah zu sein. Tanja klagt, sie bekäme von der Maske Pickel. Klaus ist sich sicher, dass Corona, also zumindest die Delta und die Omikron Variante nur Erfindungen der Regierungen seien, damit die Menschen Angst hätten. Denn Angst bekäme man vor allem vor dem Unbekannten, Unsichtbaren. Er glaubt, dass die Regierung diese zur Manipulation der Menschen ins Leben gerufen hätten. 

Hannah hat Angst um ihre fünf kleinen Geschwister. Sie wäre seit Jahren zuhause eingesperrt, nichts sei mehr lustig. Man gehe nicht mehr gemeinsam raus, denn dass alle Familienmitglieder gleichzeitig einen gültigen PCR Test hätten, sei ein Ding der Unmöglichkeit. 

Fast alle Geimpften hatten auf ein Ende der Masken gehofft. Auf ein Ende des Testens. 

„Frau Lehrerin, lügen die uns an?“

„Aus meiner Familie hatten schon alle COVID“, schreibt Daniel, „ich finde, sie sollten die Schulen gleich schließen und uns nicht dauernd nach Hause schicken.“ „Und schon zweimal durfte ich nicht in die Schule, weil ich keinen gültigen PCR Test hatte. Das nervt!“

„Ich möchte Frieden und Ruhe! Die Medien machen die Welt verrückt!“ konstatiert Jens. „Ich hoffe, das hört dieses Jahr auf!“

Ja ständige positive Test in der Klasse, die Unklarheit, ob ein Schultag, eine Schulwoche „normal“ zu Ende geführt werden können. Solbad die Lehrkraft sagt: „So, und jetzt packen wir alle Sachen ein!“ Die Angst im Nacken – werden wir schon wieder nach Hause geschickt?

Paul meint: „Homeschooling macht mir nichts, da bin ich eh brav!“, aber viel lenke ihn zuhause ab. Die kleinen Geschwister, das Handy in Griffweite, die Mama in der Küche…

Informationen bekämen sie von TikTok, also alle. Oder eben aus dem Internet. Manchmal auch aus der Kronenzeitung. Aber TikTok erklärt eh alles. Und ja, Corona hat das Leben verändert: Die Erschöpfung der Bevölkerung, das seelische Verhalten. Alles sei halt ein bissi schwerer geworden. 

Corona NERVT!

Corona NERVT! Das ist auch der Grundtenor an einer Wiener HAK. Viele sind von der oft widersprüchlichen Kommunikation der Politik frustriert. Können die Inkonsistenz der verlautbarten Regelungen nicht nachvollziehen. Dennoch: Mittlerweile ist die überwiegende Mehrheit der befragten Schüler*innen geimpft. Sie stehen der Impfung positiv – „sie schützt mich vor schwerem Verlauf“ – bis pragmatisch – „ich wollte wieder Freund*innen treffen“ – gegenüber. Einige führten Solidarität als Beweggrund an. Andere nannten ihre Eltern als maßgeblichen Einflussfaktor.

Nur wenige sind nicht geimpft. Hier sind es die Eltern und Geschwister häufig auch nicht. Sie sehen die Impfung skeptisch; wollen lieber abwarten, haben noch Ängste wegen möglicher Nebenwirkungen. Eine will sich erst impfen lassen, wenn es „notwendig“ ist, eine weitere erst, wenn es „Pflicht“ werde. Andere wiederum führen die Angst ihrer Eltern oder deren Impfaversion an.

Aber: Corona nervt! Viele nervt das Thema. Es nervt sie, tagtäglich mit News rund um Corona konfrontiert zu werden. Neue Bestimmungen, neue Verbote, neue Einschränkungen. Lockerungen folgen Einschränkungen folgen Lockerungen folgen – Sie wissen, wie es weiter geht. Einige haben das Thema satt. Sie wollen nicht mehr darüber reden, vermeiden es „so gut wie möglich“ darüber zu sprechen. Eine dazu: „Mir ist es egal geworden“, sie habe sich an die „Pandemie/Situation gewöhnt“.

Andere wiederum beschäftigen sich intensiv damit. Diskutieren in den Familien und halten sich gegenseitig am Laufenden. Manche über die Vorteile der Impfung, andere nur über „die Nachteile der Impfung“. Als Quelle dient ihnen häufig Insta und TikTok. Der ORF wird auch immer wieder genannt. Ob wegen „sozialer Erwünschtheit“ oder seinem neuen TikTok-Kanal bleibt hier unbeantwortet.

Corona nervt!

 Es nervt, weil Freund*innen erkranken und nicht getroffen werden können. Es nervt auch, weil es eine weitere Sorge um Angehörige und Verwandte darstellt. Viele kennen zumindest eine Person, die an Corona erkrankt ist. Davon hatten die meisten – zum Glück – einen leichten Verlauf. Einer erwähnt seinen Vater, der unter Long Covid leide; eine ihre Tante, die einen schweren Verlauf mit Hospitalisierung hinter sich habe. Manche waren selbst schon Corona positiv. Eine schon zweimal: Delta und Omikron, trotz Impfung. „Überall gekostet“, scherzt sie müde.

Die Demos gegen Corona-Maßnahmen halten die meisten für „unnötig“, sie „bringen nichts“ und würden nur zu „mehr Ansteckungen“ führen. Sie sollten sich „lieber an die Ordnungen“ halten. Trotz dieses Hangs zur Ordnung wird demonstrieren für viele als gut und richtig angesehen. Seine Meinung öffentlich kundzutun, wird als wichtig erachtet: „Meinungsfreiheit“ sei wichtig, genauso wie das „Recht auf ein freies Leben“. Jedoch wird ihr Effekt für Veränderungen als kaum existent eingeschätzt. Vielleicht liegt das auch an dem gerade erst mit massivem Polizei-Einsatz geräumten Protest-Camp.

Ein anderer wiederum schreibt, dass Freunde auf die Demo gingen, sie seien gegen die Impflicht und sähen die Maßnahmen der Regierung als „unnötig“ an.

Corona nervt, voll hart! 

Besonders tangiert die Jugendlichen Corona in ihrem Sozialleben. Eine fühle sich nicht mehr „frei“. Eine betont, „Jugendliche wollen ihre Freiheit und ihren Spaß“ – wer kann dem nicht zustimmen? Keine*r sagt, es hätte sich nichts verändert. Viele klagen über Verlust von sozialen Kontakten. Vereinsamung. Vermisste Partys. Regelmäßige Treffen und Unternehmungen seien unmöglich bis eingeschränkt. Das Maskentragen nerve. Man kenne kaum noch die Gesichter der Freund*innen. Zudem sei die Haut vom vielen Tragen irritiert. Oftmals wird sie auch zu Hause vergessen und dann stünde man „blöd“ da.

Bei einigen seien die Eltern „ständig“ zuhause. Einige wegen Jobverlust. Andere wegen Homeoffice. Allemal nerve ihre ständige Anwesenheit. Es fehlten Rückzugsorte. Privates. Intimität. Enge Wohnverhältnisse, fehlende Kontakte, eingeschränkte Treffmöglichkeiten, das ständige Testen. Oftmals ist es viel. Viel, das nervt.

Der Text ist eine Zusammenfassung von Schüler*innen-Befragungen an einer HAK und einer MS in Wien.