Beiträge

Lesezeit: < 1 Minute

Dieses Jahr hat man öfters von der „geschenkten Matura 2020“ gehört. Aber wie viel hat man den Schüler*innen dieses unglücklichen Jahrgangs wirklich geschenkt?

Schauen wir uns die Fakten an: Die Mehrheit der Vorwissenschaftlichen Arbeits-Präsentationen wurde gestrichen, die mündliche Matura wurde auf eine Anzahl von Freiwilligen beschränkt und ein 50/50 System, das erstmals in Österreich Jahres- und Klausurnote kombinierte, wurde ausprobiert. Da kann man meinen, dass den Maturant*innen Vieles erspart blieb…

Doch diese „geschenkte“ oder „kleine“ Matura hat auch ein anderes Gesicht. Durch Covid-19 bekamen die 8. Klassen ihre letzten Vorbereitungen (oder eventuell noch letzte Stoffgebiete) auf elektronischem Weg ins virtuelle Klassenzimmer geschickt, was nicht die gleiche Lernqualität bietet wie eine reale Schulstunde. Nach Monaten kamen sie dann in ihre tatsächlichen Räumlichkeiten zurück und erhielten dieselbe schriftliche Matura, die sie ohnehin bekommen hätten (was man unter anderem daran erkannte, dass selbst das alte Datum auf den Drucken nicht ausgebessert war). Teil der schriftlichen Klausuren war noch dazu eine der schwersten Mathematik-Maturen seit Beginn der Zentralmatura, wie auch die Zeitungen berichtet haben.

Und das 50/50 System? In meiner Klasse hat es wenig verändert und nur einen einzigen Kopf gerettet. Die Leerabgeber? Einzelfälle, die man mit der Hand abzählen kann. Geschenkte Matura? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber das Frühjahr 2020 hat uns wenig geschenkt.

Die Autorin ist Schülerin an einem Gymnasium in Wien.

Lesezeit: 4 Minuten

Die schriftliche Matura ist nun knapp 3 Wochen her und ich kann mich seither stolz Maturaabsolventin nennen. Das Gefühl des Erfolgs war noch nie so spürbar wie jetzt, da ich 12 Jahre Schulzeit hinter mir lasse und nur noch die Maturafeier ansteht.

Zeugnis erhalten, Hände schütteln (oder auch nicht), Anstoßen und dann ist die Schule endgültig vorbei. Es war eine lange und prägende Zeit, aber am Ende – coronabedingt – zog es sich doch und jetzt liegt mein Empfinden zwischen Erleichterung und Ernüchterung.

Fairness

Die Matura sichert ihren Absolvent*innen, wie jede Abschlussprüfung, Qualifikationen und erworbene Kompetenzen zu. Das gilt bei der Diplomprüfung genauso wie beim Seepferdchen oder dem Fahrradführerschein. Die österreichische Matura hat bereits einige Entwicklungsstadien hinter sich, bis wir nun bei der seit 2015 bestehenden Zentralmatura angekommen sind.

Diese soll Fairness versichern, weil alle Maturant*innen österreichweit ein und dieselbe Prüfung schreiben. Aber genau da sehe ich auch einen großen Nachteil des zentralisierten Systems. Im Gymnasium besteht ein Unterschied zwischen dem naturwissenschaftlichen Zweig und dem sprachlichen Zweig. So unterscheidet sich gerade im Fach Mathematik das Niveau erheblich, weil Schüler*innen des sprachlichen Zweigs über drei Jahre hinweg eine Stunde weniger Mathematik haben als Schüler*innen des naturwissenschaftlichen Zweigs. Das hört sich nicht dramatisch an, es bedeutet aber ganze 25% weniger Unterricht in drei Schuljahren.

Dennoch schreiben alle dieselbe Matura, wodurch Schüler*innen, die weniger Unterricht hatten, offensichtlich einen Nachteil haben. Wo bleibt da die Chancengleichheit?

Ich halte eine Zentralmatura nur für gerecht, wenn sie an die einzelnen Schultypen und Zweige angepasst ist.

Eine Abschlussprüfung am Ende der Schulzeit ist sinnvoll, auch dass die vorwissenschaftliche Arbeit miteinbezogen wird halte ich für fair. Die Miteinbeziehung des Abschlusszeugnisses der 8. Klasse, wie es dieses Jahr stattfindet, ist eine gute Möglichkeit, das bisherige System zu entschärfen. Mit einer 50:50 oder 60:40 Regelung werden keine Noten geschenkt, sondern nur der Druck der singulären Matura-Prüfungen auf die Schüler*innen minimiert. Wird die endgültige Note aus Maturaprüfungen, vorwissenschaftlicher Arbeit und Noten des letzten Jahres zusammengesetzt, ergibt das eine deutlich repräsentativere Note, als nur die Maturaprüfung alleine.

Reife

Für tatsächlich fragwürdig halte ich die die Rolle der Zentralmatura als „Reifeprüfung“. Ich kann nicht sagen, dass ich mich reifer fühle als noch vor einem Monat, mit meinem Abschluss alleine kann ich nämlich nicht viel anfangen. Schüler*innen wird immer suggeriert, dass die Matura der Schlüssel zum Traumstudium an der Hochschule ist, aber in der Praxis ist das nur selten so. Das Bestehen der Matura und die darin erzielten Noten sollen Auskunft über die Kompetenzen ihrer Absolvent*innen geben, trotzdem wird in vielen Studiengängen die Zulassung nur mit dem zusätzlichen Bestehen eines Aufnahmetests ermöglicht. Also spielen die Maturanoten sowieso keine Rolle? Die Aufnahmetests sollen in erster Linie die „Studierfähigkeit“ feststellen, mit dem Ziel, die Studienabbrecherquoten und die Studiendauer zu verringern. Im Gegensatz zu Deutschland, wird hier die Matura nur als Voraussetzung, nicht aber als zusätzliches Auswahlkriterium herangezogen. Das dortige Verfahren stützt sich auf die Erkenntnis, dass Schulnoten, vor allem in den Kernfächern, sehr gute Indikatoren für den Studienerfolg sind. Die Zentralmatura als weiteres Auswahlkriterium wäre ein konsequenter Schritt in diese Richtung. Wieso wird also eine so genannte Reifeprüfung erwartet, wenn die Studiengänge sowieso eigene Aufnahmekriterien haben um sich nur die Besten der Besten herauszusuchen? Ich persönlich hielte es für wesentlich gerechter, wenn die Leistung der Zentralmatura, die nun wirklich zum Vergleichen einlädt, mindestens zu 30 % Einfluss erhalten würde. Sowohl eine lernintensive Matura, als auch teils sehr schwere Aufnahmetests vorauszusetzen, halte ich für ineffektiv.

Enttäuschung

Die Verlierer*innen der Schulschließung sind die Schüler*innen. Die, denen Bildung entzogen wird und die auf sich alleine gestellt sind. Für drei Wochen keine Schule, ja okay – für zweieinhalb Monate keine Schule in der Abschlussklasse – ein No-Go.

Die Matura ist für viele von uns Absolvent*innen ein persönlicher Erfolg, in dem die Noten den Lernaufwand widerspiegeln. Ich selbst habe seit Anfang März beinahe täglich für Mathematik gelernt – saß bei der Matura aber teils ratlos da. Ich war immer eine gute Schülerin, trotzdem empfand ich die Prüfungen als schwer und verließ den Prüfungsraum mit ungutem Gefühl. Die Enttäuschung über die mangelnd betreute Vorbereitung und die dafür recht schwere Matura teilen meine Mitschüler*innen, die so wie ich, viel Zeit und Mühe in das Lernen investiert haben. Die Schüler*innen des Matura-Jahrgangs haben knapp zweieinhalb Monate zuhause in Quarantäne verbracht – wie kann man auf diesen Umstand so wenig Rücksicht nehmen und die Matura nicht minimal anpassen? Eine unter normalen Umständen schon schwere Prüfung, dann noch ohne Unterricht zuvor, zu schreiben, ist ein bisschen viel verlangt. Dass knapp 50 Prozent aller AHS-Schüler*innen und 40% der BHS-Schüler*innen ein „genügend“ oder „nicht genügend“ erhalten haben, bestätigt meinen Eindruck. Die Schuld auf die Schüler*innen zu schieben, nach dem Motto „man ruhe sich auf der 50:50 Regelung aus“ ist schlichtweg falsch. In manchen wenigen Fällen mag dies zutreffen, doch der Großteil der Maturant*innen strebt trotzdem das für ihn oder sie bestmögliche Ergebnis an. Wenn die Noten schon nicht für das Studium relevant sind, wieso muss eine Prüfung dann so gestaltet werden, dass Schüler*innen ihre persönlichen Ansprüche nicht erreichen können? Ich bezweifle, dass unsere Lehrer*innen dafür verantwortlich sind, ist nicht eher der Erwartungshorizont des Bildungsministeriums zu abgehoben?

Unser Jahrgang wird immer der „Corona-Jahrgang“ bleiben, doch sind wir wirklich die mit der geschenkten Matura? Die, die ihren Abschluss ohne Bemühung erhalten haben, weil 30 von knapp 40.000 Schüler*innen einen leeren Zettel abgegeben haben?

Wir sind die erste Generation an Maturant*innen, die ihren Abschluss im Lockdown geschrieben hat, die kaum betreute Vorbereitung hatte und trotzdem erfolgreich maturiert hat. Beweist nicht gerade das wahre Reife? Wir haben etwas für das Leben gelernt, unseren Abschluss hart erarbeitet und darauf können wir stolz sein!

Die Autorin ist Schülerin an einem Gymnasium in Wien.

Lesezeit: 2 Minuten

Kurz vor den Sommerferien des denkwürdigen Schuljahres 2020. Im „ausgedünnten“ Klassenzimmer dümpeln 10 müde Schüler*innen dahin. Sie haben eine lange Phase des Homeschooling hinter sich und ein paar merkwürdige Schulwochen unter widrigen Bedingungen. Das bereits erworbene Wissen wurde vielfach wieder vergessen, es fällt den Kindern zunehmend schwerer, sich an den „Hausaufgabentagen“ zu ihren Aufgaben zu motivieren. Auch mir fällt es derzeit schwer, als Lehrkraft motiviert und optimistisch zu bleiben …

Wir wiederholen zum gefühlt dreihundertsten Mal das Futur. An die Tafel schreibe ich Beispiele; achte darauf, dass sie der Lebenswelt der Kids entsprechen: Ich werde ins Kino gehen. Du wirst einkaufen fahren. Er/Sie/Es wird in die Schule kommen. Wir werden in den Park gehen. Ihr werdet die Jause essen. Sie werden …

Ich werde von einem Geräusch unterbrochen. In der Tür stehen zwei junge Männer in schwarzen Anzügen mit blütenweißen Hemden und schmalen Krawatten. Einer hat einen John-Lennon-Look, der andere eine Frisur wie aus einem Tarantino-Film. Sie winken, grinsen. An ihren Sakkos prangen kleine Abzeichen der HTL. Jetzt erkenne ich die beiden. Es sind meine ehemaligen Schüler, A. und M. Vor mittlerweile fünf Jahren habe ich sie in meinem ersten zwei Jahren als Lehrerin in Deutsch unterrichtet. Wir haben die beiden damals als Lehrer*innenteam stark gefordert, immer wieder zu besseren Leistungen gedrängt und ihnen zuletzt guten Gewissens Noten gegeben, die ihnen einen Eintritt in eine weiterführende Schule ermöglicht hatten.

Die Wiedersehensfreude ist groß. Ich bitte sie in die Klasse und sie erzählen, dass sie gerade maturiert haben. Sie zeigen die kleinen Nadeln an ihren Anzügen her; eine ist silbern und steht für einen guten Erfolg, die andere ist golden und belegt die Matura mit Auszeichnung. Die 1B ist plötzlich aufmerksam und wach. Sie erzählen den Kids von ihrer Schulzeit an der NMS, geben Tipps, machen ein paar witzige Bemerkungen über mich und berichten, wie sehr ihnen unsere Schule geholfen hat, ihren Weg zu gehen. Next step: Uni.

Ich freue mich unglaublich und spüre, wie meine Motivation wieder erwacht. Wir machen ein Selfie zur Erinnerung an diesen besonderen Moment. Im Hintergrund prangt das Tafelbild mit der symbolträchtigen Überschrift „Das Futur / die Zukunft“.

Nachdem die beiden weg sind, vervollständige ich das fehlende Beispiel an der Tafel:

„Sie werden maturieren.“

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 2 Minuten

Aus meiner Sicht ist die präsenzunterrichtsfreie Zeit gut mit einer unbefriedigenden Achterbahnfahrt vergleichbar – Es gab mehr Tiefen als Höhen. Die Höhen kamen vor allem durch einzelne besonders engagierte Lehrpersonen. In meiner Klasse hat der Fernunterricht in Mathe beispielswiese großartig funktioniert. Wir haben immer genau gewusst, was zu tun ist, unser Lehrer hat uns Fragestunden angeboten und uns sogar gebeten, mittels Umfragen Feedback zu geben. In anderen Fächern sah das jedoch nicht so aus. Der digitale Teil des Unterrichts bestand oft darin, Arbeitsblätter vom Computer aus auszudrucken, die erledigten Arbeitsblätter dann wieder zu fotografieren und zurückzuschicken. Einige Lehrpersonen waren in ihrer Überforderung mehr darauf bedacht, ihre eigene Arbeit so unkompliziert wie möglich zu gestalten, als das Lernsetting für uns Schüler*innen. Mit einer Lehrperson hatten wir Schwierigkeiten, da sie nahezu jedes Wort in ihren E-Mails abgekürzt hat und wir so nicht verstehen konnten, was sie uns vermitteln wollte. Doch solche Probleme konnten wir meistens mit der betreffenden Lehrperson lösen. Die wirklichen Tiefen waren die unlösbaren Probleme, vor die viele Schüler*innen durch das Agieren des Bildungsministeriums gestellt worden sind.

Falscher Fokus

Vor den Schulschließungen hieß es erst, der Inhalt des Distance Learnings solle nicht in die Leistungsbeurteilung einfließen. Das wurde dann noch am allerletzten Schultag geändert. Anschließend gab es immer wieder Pressekonferenzen mit eher geringem Informationsgehalt. Auf Instagram gingen etliche Memes über Minister Faßmann viral, also sich über seine Planlosigkeit lustig machende Postings. So etwas ist für das „Opfer“ nie ein gutes Zeichen. Als dann die Entscheidung über die Matura verkündet wurde, offenbarten sich grundsätzlich falsch gesetzte Prioritäten. Statt nämlich den Fokus darauf zu legen, die Eltern jüngerer Schüler*innen schnellstmöglich in der Betreuung zu entlasten, sollten als allererstes die Abschlussprüfungen abgehalten werden. Dass die Megaprüfung Matura hier wichtiger war als die politische Verantwortung gegenüber den Hunderttausenden Eltern, ist ein Armutszeugnis für das Krisenmanagement des Bildungsministeriums.

Platz und Sicherheit

Zu guter Letzt wurde nun auch der Präsenzunterricht für die Sekundarstufe 2 wieder aufgenommen. Die dafür benötigten Räumlichkeiten der Oberstufenklassen hätten auch verwendet werden können, um mehr Platz und Sicherheit für die Schüler*innen der Unterstufe zu schaffen, oder sie an mehreren Tagen in die Schule zu holen. So wäre auch die Ansteckungsgefahr deutlich geringer, sie könnten mit gutem Gewissen in die Schule gehen. Wir als Oberstufe, die ja keine Betreuung durch Eltern mehr brauchen, hätten dann die letzten Schulwochen wie inzwischen gewohnt von zuhause aus absolvieren können.

Notwendige Anpassungen

Klar ist: Das nächste Schuljahr kann nicht ohne Anpassungen im Bildungssystem stattfinden. Wir brauchen flächendeckende Schulungen zum digitalen Lernen für Lehrpersonen, die Lehrpläne müssen angepasst werden, wir müssen unsere Bundesschüler*innenvertretung endlich selbst wählen können, damit sich in solchen Situationen wirklich jemand für uns einsetzt. Außerdem sollen auch künftig Leistungen der Oberstufe ins Abschlusszeugnis einfließen.

Der Autor ist Schüler an einem Gymnasium in Wien.