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Warum ich nicht mehr Lehrerin bin (und es trotzdem der beste Job ist)

Lesezeit: 4 Minuten

Ich gehe um ca. 8:30 Uhr durch den Haupteingang und fahre mit dem Lift hinauf in den 3. Stock. Ich nutze meine Zugangskarte, um die Tür zu öffnen und gehe die paar Schritte zu meinem Büro. Ich bin als erstes hier, alles ist noch still. So mag ich das. Ich setze mich an meinen Platz und drehe den Computer auf. Dann stehe ich auf und hole mir aus der Küche einen Krug Wasser und einen Löffel für mein Joghurt, das ich morgens immer in der Arbeit esse. Ich schaue auf meinen Kalender und die To Dos für den Tag: unser wöchentliches Jour fixe im Team, Anrufe und Mails beantworten, ein paar administrative Aufgaben, ein paar inhaltliche Aufgaben, später noch ein Meeting. Ich ziehe meine Schuhe aus und lege los.

Vor ein paar Jahren war das noch anders. Vor ein paar Jahren wäre ich um diese Uhrzeit in einem Raum mit 25 Jugendlichen gestanden, hätte womöglich gerade Formulare eingesammelt oder ausgeteilt, Unterschriften im Mitteilungsheft kontrolliert, die Woche besprochen. Montag eben. Mein Arbeitstag hätte schon eine gute Stunde früher begonnen, mit einem hektischen Last-Minute Anstehen am Kopierer, um die Arbeitsmaterialien für die 5. Stunde noch zu kopieren, weil ich in meiner freien Stunde supplieren müsste und bis dahin keine Pause mehr hätte. Oder mit einem Gespräch mit einem Elternteil. Oder vielleicht hätten wir im Klassenzimmer auch Musik aufgedreht und auf das Eintrudeln der Schüler_innen gewartet.

Zwischen meinem alten und meinem neuen Arbeitsalltag liegt eine Elternkarenz. Sicherlich hat meine Elternschaft auch meinen Blick auf mein Arbeitsleben verändert: Wo liegen meine Prioritäten? Was will ich schaffen, was ist mir wichtig? Wo sind meine Energien gut eingesetzt?

Die Entscheidung, nicht mehr in den Lehrberuf zurückzugehen, war vor allem eine sehr persönliche. Die Gründe sind vielschichtig und lassen sich nicht einfach in ein paar Stichpunkten zusammenfassen. Trotzdem möchte ich hier einen Versuch wagen. Denn obwohl meine Entscheidung sehr persönlich war, die Gründe, die dazu führten, sind es nicht (alle).

Die mental load – “Ich kann einfach nicht mehr”

Es mag sicher Lehrer:innen geben, die eine ruhige Kugel schieben, wie man so schön sagt. Mir sind davon nicht sehr viele untergekommen. Klar, nach zig-Dienstjahren ist man sicher routinierter und nimmt manches leichter oder weiß schon, wie man am besten damit umgeht. Meiner Erfahrung nach war die Zeit an der Schule alles andere als eine „ruhige Kugel”. Den vielen verschiedenen Ansprüchen gerecht werden (nicht zuletzt den eigenen!), Wissen zu vermitteln, Schüler_innen bei diversen Problemen zuhause zu unterstützen, Konflikte in der Klasse bearbeiten, Konflikte im Kollegium bearbeiten, Konflikte mit Eltern bearbeiten. Schüler_innen beim Formulare-Ausfüllen helfen (wissend, dass es teilweise um Ansuchen geht, wo die Existenz der Familie am Spiel steht). Schüler_innen, die mitten im Schuljahr neu dazukommen und andere, die plötzlich nicht mehr da sind. In meiner Zeit als Lehrerin brauchte ich nach meinem Arbeitstag oft noch mehrere Stunden, um den Tag zu verdauen. Um mit Menschen in meiner Umgebung Gespräche nochmal durchzugehen, Lösungen durchzudenken. Es war viel, oft zu viel. Damit komme ich auch schon zu Punkt 2 –

Die fehlende Unterstützung

Alle oben genannten Punkte sind machbar, müssen ja auch bearbeitet werden. Doch Lehrpersonen alleine, denen darüber hinaus die Ausbildung in vielen Bereichen schlicht fehlt, können das nicht schaffen. Es braucht Sozialarbeiter:innen, Schulpsycholog:innen, Schulärzt:innen, Jugendcoaches, Muttersprachenlehrer:innen, Lehrer:innen zur Deutschförderung, zur Alphabetisierung, Supervision für Lehrer:innen, administrative Unterstützung an den Schulen. Und allem voran: eine bessere Durchmischung. Denn manche Probleme sind in ihrer Menge nicht bewältigbar, manche Konflikte spitzen sich zu, weil es zu viele verschiedene Konfliktherde gibt. Zu viele Belastungen. Irgendwann geht es nicht mehr.

Die Verantwortung – zu viel und zu wenig

Verantwortung hatte ich genug. Verantwortung für 25 Jugendliche und deren Lernerfolg, deren Zukunft, deren Wohlergehen. Und trotz all der Überforderung schlich sich manchmal auch ein Gefühl der Unterforderung ein. Wie kann ich mich beruflich weiterentwickeln? Welche Möglichkeiten habe ich, strukturell Verantwortung zu übernehmen? Macht es beruflich überhaupt einen Unterschied, wenn ich Fortbildungen absolviere? Natürlich kann ich immer weiterlernen, mich weiterentwickeln – und das ist super für mich persönlich und für meine Schüler_innen. Wer berufliche Aufstiegsmöglichkeiten sucht, ist falsch an der Schule. Wer nicht gleich Direktor_in werden möchte, hat keine anderen Möglichkeiten. Und selbst wenn ich zur kompetentesten Lehrperson des Landes werde, so bringt mir das im System nichts, was mich zum nächsten Punkt bringt:

Das Gehalt

Sicher, Lehrpersonen kurz vor der Pension verdienen super. Außerdem hat man viele Ferien und dadurch sicherlich einen höheren Stundenlohn. Trotzdem verdiene ich jetzt in einem Teilzeitjob so viel wie an der Schule in Vollzeit*. Am frustrierendsten aber fand ich: Meine Kollegin, die mit Ende 50 nur noch das Nötigste macht, verdiente das doppelte und dreifache von dem, was ich mit all meinem Einsatz und meiner Motivation verdiente. Konsequenzen gibt es dafür natürlich keine  – weder für meinen Einsatz noch für den Mangel an Einsatz bei meiner Kollegin. Und ich meine hier auch nicht nur finanziell. Es machte überhaupt keinen Unterschied in der Art und Weise, wie wir vom “System” gesehen wurden.

Das Prestige

Ja, hier kommt jetzt zum Schluss vielleicht noch ein bisschen mein Ego zu Wort. Wenn ich Bekannten erzählte, was ich mache, war die Antwort meist eine von zweien:

“Boah, arg. Das könnte ich nicht!”

oder

“Aha.”

Lehrer:in, das wird man doch nur wegen Juli und August. Dienstag Z’Mittag mach ich Schluss. Demgegenüber Horror-Stories aus den Wiener Mittelschulen. “Kulturkampf.” Nein. Keines von beiden. Ich will mich weder rechtfertigen müssen noch als einfältig abgestempelt werden, nur aufgrund eines Jobs.

Denn was ich hier alles nicht sage, ist, dass ich es auch vermisse. Nicht all das, was oben im Text steht, aber das, was jetzt kommt: Die Arbeit mit den Schüler_innen. Es gibt nichts Schöneres, als junge Menschen beim Erwachsenwerden zu begleiten. Zu sehen, wie mein Input ankommt, wie sie lernen, sich kritisch mit sich und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Wie man zusammenwächst und so viel gemeinsam schafft. Wie viel ich in Diskussionen von meinen Schüler_innen lernen konnte. Wie oft ich stolz war auf sie. Wie unglaublich bereichernd der Zusammenhalt und die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen sein kann. Schule ist ein eigener Mikrokosmos. Mit Herausforderungen, mit Höhen und Tiefen, mit wunderbaren Kindern und Jugendlichen. Und das vermisse ich auch. Also, liebe Politik, tut was, damit dieser Job auch wieder so geleistet und gelebt werden kann, wie er das verdient, wie sich das unsere Schüler_innen verdienen!

*Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass sich das Lehrer:innendienstrecht mittlerweile geändert hat und das Einstiegsgehalt für neue Lehrpersonen nun etwas höher ist; die Gehaltskurve flacher. Da man das Dienstrecht allerdings nicht wechseln darf, bringt mir diese Neuerung leider nichts.

Die Autorin war mehrere Jahre Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

4. Oktober 2024/0 Kommentare/von Redaktion
https://www.schulgschichtn.com/wp-content/uploads/2024/10/IMG_3234-scaled.jpeg 1920 2560 Redaktion https://www.schulgschichtn.com/wp-content/themes/schulgschichtn/images/logo-sg-kreis.png Redaktion2024-10-04 16:07:552024-10-04 16:07:56Warum ich nicht mehr Lehrerin bin (und es trotzdem der beste Job ist)

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