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Schule ist mehr als Unterricht. Sie ist ein Beziehungsraum. Lernen geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo Kinder sich gesehen, respektiert und sicher fühlen. Als Lehrpersonen wissen wir: Ohne Beziehung keine Bildung. Genau an diesem Fundament rüttelt das Kopftuchverbot – und zwar mit voller Wucht.

Denn das Verbot betrifft nicht abstrakte Symbole oder politische Debatten. Es betrifft konkrete Kinder. Mädchen, die jeden Morgen vor uns sitzen. Die lachen, lernen, zweifeln. Und denen wir nun signalisieren sollen: Ein Teil von dir ist hier nicht erwünscht.

Beziehungsarbeit lebt von Vertrauen – nicht von Zwang

Viele Lehrpersonen investieren jahrelang in den Aufbau tragfähiger Beziehungen zu ihren Schüler:innen. Besonders zu jenen, die bereits Ausgrenzung, Rassismus oder institutionelles Misstrauen erlebt haben. Vertrauen entsteht langsam. Es braucht Zuhören, Ernstnehmen, Schutz.

Ein Kopftuchverbot wirkt all dem entgegen.

Wie sollen wir Vertrauen aufbauen, wenn wir gezwungen sind, einem Kind zu sagen, dass seine Kleidung – und damit seine Identität – ein Problem sei? Wie sollen Mädchen sich uns anvertrauen, wenn ausgerechnet wir zum verlängerten Arm eines Gesetzes werden, das sie kontrolliert, beschämt und diszipliniert?

Gerade für Kinder, die potenziell tatsächlich unter Druck oder Gewalt leiden, ist Vertrauen der einzige wirksame Schutzfaktor. Doch dieses Verbot zerstört die Grundlage dafür. Es isoliert die Mädchen weiter, statt ihnen Räume zu öffnen. Es treibt sie in die Unsichtbarkeit, statt sie zu stärken.

„Kinderschutz“ ohne Kinderperspektive ist Augenwischerei

Das Argument, das Kopftuchverbot diene dem Schutz von Kindern, klingt fürsorglich – hält aber einer pädagogischen Realität nicht stand. Wir Lehrpersonen wissen: Schutz entsteht durch Ressourcen, durch Zeit, durch multiprofessionelle Unterstützung. Durch Sozialarbeit, Beratungsstellen, Gewaltschutzeinrichtungen. Nicht durch Verbote.

Ein pauschales Gesetz, das alle Mädchen mit Kopftuch unter Generalverdacht stellt, ist keine Schutzmaßnahme, sondern ein Misstrauensvotum. Es entmündigt genau jene, die angeblich „gerettet“ werden sollen – ohne sie je gefragt zu haben.

Studien zeigen zudem klar, dass antimuslimischer Rassismus Mädchen und Frauen besonders hart trifft. Schule sollte ein Ort sein, der vor Diskriminierung schützt – nicht einer, der sie gesetzlich festschreibt.

Neutralität heißt nicht Unsichtbarmachung

Als Lehrpersonen wird von uns Neutralität erwartet. Doch Neutralität bedeutet nicht, nur bestimmte religiöse Ausdrucksformen zu verbieten. Sie bedeutet Gleichbehandlung. Wenn Kreuze hängen dürfen, wenn andere religiöse Zeichen akzeptiert sind, dann ist die Fixierung auf den Hijab kein Ausdruck von Neutralität, sondern von selektiver Ausgrenzung.

Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft – und sollte zugleich ein Ort sein, an dem Vielfalt gelebt und reflektiert wird. Nicht ein Ort, an dem Vielfalt sanktioniert wird.

Unsere pädagogische Verantwortung

Lehrpersonen haben die Pflicht, ein diskriminierungsfreies, rassismuskritisches Lernumfeld zu schaffen. Diese Verantwortung können wir nicht einfach an Gesetze abtreten – vor allem dann nicht, wenn diese den Grundwerten guter Pädagogik widersprechen.

Das Kopftuchverbot stellt uns vor ein Dilemma: Entweder wir setzen ein Gesetz um, das Beziehungen zerstört. Oder wir bleiben unserer professionellen Haltung treu – und stellen das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt.

Viele von uns wissen längst, auf welcher Seite wir stehen.

Denn gute Schule beginnt dort, wo Kinder nicht lernen müssen, Teile von sich selbst an der Türe abzugeben.

Franziska Haberler mit Unterstützung von schule.brennt