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Ist doch eh schon voll normal!

Das ist ja schon voll selbstverständlich!

Was? Diskriminierung findet überhaupt noch statt?

Ich kann nicht glauben, dass das immer noch so ist….

Tja, und das ist absolute Realität an nicht nur einer „offenen“ Wiener Mittelschule.

Viele werden wahrscheinlich keine Regenbogenflagge aufhängen.. außer sie können die Direktionen noch überreden … warum? Das versteht niemand!

5-10% der Bevölkerung ist LGBTIQA*, das sind bei einem Kollegium von 30 Lehrer*innen 2-3 Personen, bei 300 Schüler*innen 15-30 Kinder. Es ist ein Thema, welches man nicht wegdenken kann, nicht ignorieren und schon gar nicht verhindern.

Wie wichtig sind Role-Models und/oder Identifikationspotentiale an Schulen?

Es ist ein wunderbares Zeichen, wenn die Regenbogenfahne aus der Schule raushängt, keine Frage, aber – war es das dann auch schon? Was ist unsere Aufgabe in Sachen Wertevermittlung, Schaffung von Toleranz, Akzeptanz und Respekt?

Das ist doch nur eine Flagge mit a paar unterschiedlichen Farben.“ Nein. Das bedeutet so viel mehr. Das bedeutet Sichtbarkeit für eine Menge von Menschen, die nicht dem wunderschönen Idealbild von heterosexuell und cis entsprechen, sondern mitunter vielfältiger und bunter sind – nämlich Teil der LGBTIQA* Community. Dass diese Community so akzeptiert und respektiert ist, wie sie es sein sollte, ist leider noch lange nicht so und umso wichtiger ist es, ein Zeichen zu setzen – ein Zeichen von Respekt, Toleranz, Akzeptanz und eigentlich von … Selbstverständlichkeit, dass wir alle so sein dürfen wie wir sind und lieben dürfen wen wir wollen.

Um Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben sich zu entdecken, ihre Identität zu erforschen und zu verstehen, was eigentlich alles möglich ist – brauchen Kinder Vorbilder. Vorbilder, die hinter ihnen stehen, wenn sie ein offenes Ohr brauchen, und Vorbilder, die selbst aufgrund ihres Aussehens schon das klassische Bild einer Frau bzw. eines Mannes zu durchbrechen.

Erst wenn sie Bilder, die sie aus dem Internet kennen, insbesondere durch Plattformen wie Instagram oder TikTok, auch im realen Leben wiederfinden, sehen sie eine Möglichkeit und Chance, sich auch frei zu entfalten. Anfangs ist es oftmals nur eine Fantasie und man fühlt sich zu dem, was man im Internet sieht, hingezogen, kann aber oft nichts damit anfangen. Insbesondere Kinder, die mitunter unter ihren Peers niemanden finden, mit denen sie ihre Gedanken teilen können und diese deshalb verdrängen und versuchen wegzustoßen. Will ich anders sein? Traue ich mich anders zu sein? Vermutlich nicht…

Hilft es mir, jemanden zu sehen, der auch anders ist? Finde ich diese Person, oftmals sogar unausgesprochen, auch nur durch gegenseitiges Angrinsen à la wir wissen voneinander dass wir beide anders sind, kann alleine diese Tatsache helfen: zu wissen, da ist noch jemand anders.

In meiner Schulzeit hat es diese Person leider nicht gegeben. Ich hätte mir gewünscht, eine Lehrkraft zu haben, die ebenfalls nicht in das klassische Bild einer Frau passt, um so zu sehen, dass mein Drang anders zu sein okay ist und ich nicht alleine bin. Damals, zu meiner Schulzeit, hat die Schule für mich nur aus Schulfreund*innen und Hoffreund*innen bestanden. Der Radius war sehr begrenzt und in diesem Falle niemanden zu haben, dem man ähnlich ist, ist durchaus eine Herausforderung.

Sichtbarkeit an der Schule

Es ist immens wichtig, dieses „fremde“ und „komische“ an Wiens Schulen zu bringen, um es greifbarer zu machen und den Schüler*innen eine Möglichkeit zu geben, mit Menschen, die anders wirken, eine Beziehung herzustellen.

Ich kann mich gut an meinen ersten Schultag als Lehrkraft erinnern. Ich habe mich extra eher femininer gekleidet, um ja nicht gleich aufzufallen. Lieber ins Schema passen und nur nicht auffallen. Wer weiß, was diese Kinder fragen werden?

Mehr und mehr, über die Monate, habe ich mit den Kids eine Beziehung aufgebaut und konnte mehr und mehr sein, wer ich eigentlich bin: zurück zu meinem wahren Ich, weniger feminin kleiden und kurze Haare haben. Viele Schüler*innen meinten „Ich dachte, Sie wären ein Mann!“ – hat man aber mal eine Beziehung aufgebaut, kann man dies mit den Schüler*innen sehr gut thematisieren und klassische Bilder etwas in Frage stellen. Selbst der Kleidungsstil wird thematisiert. Sie finden kein Rosa an mir, sie finden keine Blumen an mir und sie werden keinen Schmuck finden, außer schwarze Ohrringe. Das ist für die Schüler*innen ungewöhnlich. Wir thematisieren es – wir machen kein Tabuthema daraus, sondern wir gehen dieses Thema Schritt für Schritt an und hinterfragen, was wir davon halten, wenn jemand anders ist. Gefällt uns das? Nein? Können wir es dennoch akzeptieren?

Aber dennoch entscheiden viele Direktor*innen, dass sie diese Flagge eher nicht aufhängen wollen. An einer offenen Wiener Mittelschule? Wie bitte? Ist das denn dann eigentlich ein sicherer Arbeitsplatz für mich bzw. ein sicheres Umfeld für so viele Schüler*innen? Welche Werte werden hier vermittelt? Die, die viele Menschen ausgrenzen und ihnen nicht das Symbol von Vielfalt, Diversität und Akzeptanz zeigt, das sie sich endlich verdienen, ohne dass es je in Frage gestellt wird.

Nicht nur, dass es konservativer und engstirniger nicht mehr geht, müssen wir uns fragen, was setzen wir uns als Ziel? Wie wollen wir denn, dass die Schüler*innen aus der Schule gehen? Offen, tolerant und respektvoll? Mit Weitblick? Aber nur in den Aspekten, die uns reinpassen… sprich: lernt Deutsch, seid offen, aber nur nicht zu offen!

Ich kann es nicht fassen, dass wir immer noch diskutieren müssen, ob wir eine Regenbogenflagge aus der Schule hängen, wieso darf das überhaupt zur Frage stehen?

Liegt es an der Partei? Geht es darum? Interessiert es einen 10-jährigen, der sich eventuell als schwul outet, ob der Direktor oder die Direktorin Teil einer gewissen politischen Partei ist und eventuell deshalb das Flaggerl nicht raushängen will? NEIN. Die Schüler*innen wissen nur, dass ihre Schule sie in dem Sinne nicht unterstützt und das so wichtige Symbol von Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz nicht zeigt. Wie traurig ist das… als ob es nicht eh schon schwer genug ist, sich 2390324 Mal im Leben zu outen und mitunter nicht von jeder Seite Unterstützung zu bekommen, positioniert sich auch noch die Schule gegen einen, wo man jeden Tag ein und aus gehen muss. Danke, dass wir so mit unseren Schüler*innen umgehen und sie „so schätzen wie sie sind“. Die ganzen klassischen faden Aussagen à la „schön, dass wir alle unterschiedlich sind aber wir sind alle gut so wie wir sind“ können wir uns langsam schon am Bauch klatschen… es wird Zeit vom langwierigen Reden ins Tun zu kommen und Action zu zeigen. Langsam ist es mehr als nur mehr unglaublich.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Wer heutzutage schon als Lehrer*in in der Klasse gestanden ist, weiß, dass es ganz anders ist als früher. Ich hätte mich als Schüler nie getraut, einem Lehrer oder einer Lehrerin eine Frage zum Privatleben zu stellen. Mich hat es also extrem überrascht, als schon in den ersten paar Tagen meine Schüler*innen von mir alles Mögliche wissen wollten, und vor allem: „Herr B., haben Sie eine Freundin?

Die Antwort auf diese Frage war auf der einen Seite ein eindeutiges „Nein“, auf der anderen Seite etwas komplexer. Denn die Frage, die danach immer gekommen ist – „Warum denn nicht?“ – wollte ich nicht ehrlich beantworten. Was würde passieren, dachte ich mir, wenn ich ihnen erzählen würde, dass ich schwul bin? Können sie selbst damit umgehen, was werden die anderen Kolleg*innen oder sogar ihre Eltern sagen? Ich fragte ein paar mir vertraute Kolleg*innen, was sie davon hielten – fast alle haben mir davon eindeutig abgeraten.

Aber Schüler*innen sind Schüler*innen und lassen bei dem Thema nie los. In meinem zweiten Jahr an der Schule bekam ich zwei kleinere Gruppen (zu je 14 Schüler*innen) der 4. Klassen, die ich jeden Donnerstag den ganzen Tag betreute und die ich sehr gut kennen lernen konnte. Die haben mich auch regelmäßig gefragt und da habe ich meine Entscheidung getroffen: Ich wollte es ihnen irgendwann erzählen.

Warum? Ich habe zurück an die eigene Schulzeit gedacht – da hatte ich in dem Alter noch keine schwulen Vorbilder. Obwohl ich in einem sehr liberalen Umfeld aufgewachsen bin, habe ich nicht wirklich gewusst, wie ein Schwuler ein „normales“ Leben führen könnte, da ich es selbst nie gesehen habe. Ich wollte meinen Schüler*innen zeigen, dass es doch auch in ihrem Umfeld solche Menschen gibt. Schließlich gibt es statistisch gesehen ein paar LGBTQ Schüler*innen in meinen Klassen, die vielleicht noch mit dem Thema kämpfen.

Also nach der Entscheidung kam nur noch die Frage des Wie und Wann. Da das für mich ein gewisses Risiko geborgen hat, wollte ich einen späten Zeitpunkt wählen – falls es nach hinten losgehen sollte, wären die Klassen nicht mehr länger dort. Gleichzeitig wollte ich genug Zeit lassen, damit die Schüler*innen noch Fragen stellen könnten, die ihnen vielleicht nicht sofort eingefallen wären. Da der Juni sowieso meistens mit Ausflügen und Sportwochen ausgebucht ist, entschied ich mich für die letzte Stunde im Mai. Als Bedingung nannte ich allerdings, dass die Frage nach meinem Beziehungsstatus bis dahin nicht gestellt wird – daran hielten sich die Schüler*innen auch brav.

Um die Schüler*innen dort abzuholen, wo sie waren, habe ich eine Geschichte aus meiner Schulzeit erzählt. Hierbei ging es um mein eigenes Coming Out, das durch meine Ex-Freundin erfolgt ist. Die Geschichte baute ich absichtlich so auf, dass die Tatsache meiner Sexualität die Pointe gebildet hat – damit wollte ich eine ehrliche, sofortige Reaktion bewirken.

Als ich in die Stunde ging, war ich ziemlich nervös. Die Schüler*innen hatten teilweise den Termin sogar in den eigenen Kalender eingetragen, es führte also für mich kein Weg vorbei. Ich war auf ziemlich alles vorbereitet – homophobe Beleidigungen hatte ich unter den Schüler*innen immer wieder gehört und ich wusste nicht, wie genau sie dazu stehen würden.

Auf die Reaktion, die kam, hätte ich mich aber nicht vorbereiten können. Eine Reaktion so voller Freude hatte ich noch nie erlebt. Alles von „Ich hab‘ es gewusst!“ über „Ich mag Sie jetzt viel mehr.“ bis „Haben Sie einen Freund? Kann ich Fotos sehen?“. Meine Bedenken und Vorurteile, sowie die meiner Kolleg*innen, wurden sofort widerlegt.

Dabei wurde für mich bewiesen, dass es sich auszahlt, den Schüler*innen mehr zuzutrauen, als man selbst glaubt. Der Tag bleibt für mich eine der schönsten Erinnerungen an meine Zeit als Lehrer.

Der Autor war bis 2018 Lehrer an einer NMS in Wien.