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In den vergangenen Wochen war in den Medien immer wieder von Lehrer*innen, Direktor*innen, Eltern und Bildungsexpert*innen zu hören, die ihre Sichtweise der momentanen Situation schildern. Doch wie gehen Schüler*innen mit dem Lockdown um? Welche Herausforderungen gibt es, welche Sorgen, welche Wünsche? Redakteurin Simone Peschek hat sich mit zwei ihrer Schüler*innen unterhalten und daraus erstmalig einen Schulgschichtn-Podcast gestaltet.

Musik: Komiku – School
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Die Krise zeigt auf, was im Schulsystem schief läuft und was zu lange vernachlässigt wurde. Damit birgt sie große Chancen, eine konstruktive Entwicklung anzustoßen und voranzutreiben.

Ein gerechteres System

Es ging groß durch die Medien, hat Aufsehen erregt und für viele Diskussionen gesorgt. Die Ergebnisse einer Umfrage zeigten, dass 20% der Kinder – so war es zumindest am Beginn des Homeschoolings – nicht erreicht wurden. Das ist eine unheimlich große Zahl an Kindern und zurecht war die öffentliche Empörung darüber enorm. Kennt man aber Schulen, in denen Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien kommen, überrascht diese Zahl kaum noch. Die traurige Tatsache ist nämlich, dass auch im “Normalbetrieb” nicht alle Kinder immer erreicht werden. Fehlende Unterstützungssysteme, Traumatisierungen, zahllose Fehltage oder familiäre Verantwortung, die keinem Kind zugemutet werden sollte, führen auch im Regelbetrieb dazu, dass Kinder zurückbleiben, dass man nicht zu ihnen durchdringt und dass sie den Anschluss verlieren. Auch wenn es vielleicht nicht immer 20 Prozent sind, ist dennoch jedes Kind, dass auf diese Weise zurückgelassen und aufgegeben wird, eines zu viel. Endlich empört sich auch die Öffentlichkeit darüber. Endlich wird der Blick auch in diese unangenehmen Ecken unseres segregierenden Schulsystems gelenkt. Endlich wird sichtbar, was viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Was einmal an der Oberfläche ist, kann nicht mehr so leicht verdrängt werden. So ist die Sichtbarmachung dieses systemimmanenten Problems hoffentlich der erste Schritt in Richtung einer Lösung. Ein Schritt hin zu einer Schule und einem Schulsystem, das erst dann als erfolgreich gilt, wenn es in der Lage ist Ungleichheiten aufzuzeigen und auszugleichen und in dem kein Kind mehr übersehen oder nicht erreicht werden kann.

Teamarbeit

Der Lehrer*innenberuf ist vielerorts leider immer noch geprägt von Einzelkämpfertum. Die derzeitige Krise hat durch das Social-Distance-Learning viele Lehrkräfte und Pädagog*innen zur Teamarbeit gezwungen. Aufgaben müssen aufeinander abgestimmt, Abgabetermine koordiniert und Kommunikationskanäle vereinheitlicht werden. Natürlich ist hier noch viel Luft nach oben, Eltern und Schüler*innen klagen über Social-Distance-Learning via 5 verschiedener Apps und 3 verschiedener Videotools. Dennoch blitzen immer mehr Phasen des echten Teamworks auf, wo gemeinsame Ziele und Aufgaben für eine Klasse geschaffen werden. Diese Art des Zusammenarbeitens, die Koordination, die Absprache und das Schaffen gemeinsamer Ziele sollten nach Überstehen der Krise zum Arbeitsstandard an jeder Schule zählen. Hoffentlich hilft uns das Virus, das Einzelkämpfertum im Lehrer*innenzimmer hinter uns zu lassen und als Team zusammenzuarbeiten.

Digitaler Unterricht als Normalität 

Schulalltag ist stressig und dicht getaktet. Stunden vorbereiten, Material erstellen, verbessern und natürlich: unterrichten. Meist bleibt wenig Zeit und Raum für “Spielereien”. Man hört immer wieder von neuen Tools, spannenden Websites und Angeboten und nimmt sich vor, sich diese “mal anzuschauen” und auszuprobieren. Im Alltag neigen solche Vorsätze allerdings dazu, in den Hintergrund zu verschwinden. Wenn man Vorbereitungen nach einem langen Unterrichtstag macht, wird in der Regel doch auf Bewährtes und Vertrautes, meist Analoges, zurückgegriffen.

Bis vor ein paar Wochen hätte ein Großteil der Lehrkräfte digitale Planungen, Lernvideos, Arbeitsaufträge, Quizzes oder Share Plattformen wohl kaum zu diesem bewährten und vertrauten Aufgabenkanon gezählt. Nun wurde die Umsetzung dieses lange vor sich hergeschobenen Vorsatzes von der Krise beschleunigt, ja regelrecht erzwungen. Innerhalb weniger Tage und Wochen fand ein Großteil der Lehrkräfte neue Wege, hat teilweise von 0 auf 100 begonnen digital zu arbeiten. Und siehe da, es ist gar nicht so kompliziert wie gedacht, es kann funktionieren und die Arbeit nicht nur für die Kinder ansprechender und zeitgemäßer gestalten, sondern sogar für Lehrkräfte Vorteile und Erleichterungen bringen. Natürlich läuft noch bei weitem nicht alles optimal, es werden zu viele verschiedene Plattformen genutzt und durch das problemlose Erstellen von Aufgaben werden Kinder teilweise mit Aufgaben überflutet. Hier muss also noch nachgebessert werden, aber die Richtung stimmt. Wenn diese Entwicklung auch nach der Krise nicht vergessen, sondern fortgeführt, weiterentwickelt, vereinheitlicht und perfektioniert wird, liegt darin die Chance Schule und Unterricht tatsächlich zu modernisieren und obendrein auch Schüler*innen wirklich digital zu bilden.

Schulautonomie mitnehmen

Viele Vorgaben, wie mit den neuen Herausforderungen umzugehen ist, gab und gibt es in Corona-Zeiten nicht. Schulleiter*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen müssen deshalb gemeinsam für ihren Standort Entscheidungen treffen. Welche E-Learning Plattform wollen wir verwenden? Wie kommunizieren wir miteinander? Wie werden Journaldienste eingeteilt? Mit der stufenweisen Öffnung der Schulen ab Mai werden hier noch viele weitere Fragen gestellt und Lösungen gesucht werden müssen. Die Krise zeigt: Jede Schule braucht etwas anderes und die Kolleg*innen und Schüler*innen vor Ort wissen am besten, was für sie der richtige Weg ist. Auch nach Corona sollte die Schulautonomie gestärkt werden, damit jede Schule selbst entscheiden kann, wie der Schulalltag gestaltet sein soll. Nur so ist auch Innovation im Bildungssystem möglich!

Autonomie hat ihre Tücken – auch jetzt

Schulautonomie ist wichtig, kann aber auch dazu führen, dass manche Verantwortlichen ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. So zeigt die Krise durchaus auch, dass es Schulleiter*innen gibt, die sich der Suche nach Lösungen entziehen und die Kolleg*innen ohne Vorgaben oder Kontrollen machen lassen was sie möchten. Es gibt Lehrer*innen, die sich kaum Mühe geben, das Homeschooling so zu gestalten, dass es bei den Schüler*innen auch ankommt. Es gibt Schulen, in denen Kommunikation in diesen schwierigen Wochen kaum stattfindet. Schulautonomie soll deshalb nicht Wegschauen bedeuten: Wir brauchen zentrale Vorgaben, wir brauchen Ziele und auch Überprüfung, aber vor allem brauchen wir Angebote und Ressourcen. Wie soll eine Schule innerhalb von 2 Tagen eine E-Learning-Strategie erarbeiten, diese allen Schüler*innen und Lehrer*innen nahebringen und dann auch noch die nötigen Geräte bereitstellen? Dieses Versäumnis gilt Bildungsministerium und Bildungsdirektionen – diese Strategien hätten schon längst eingefordert werden müssen, mit der nötigen Begleitung und (auch finanziellen) Unterstützung. Dann können sie auch je nach Schule autonom gestaltet werden. Hoffentlich lernen wir aus dieser Krise, dass wir uns auf die nächste besser vorbereiten sollten, anstatt erst dann zu handeln, wenn wir schon mittendrin stehen.

Die Krise legt offen, was schon lange schief geht

Die derzeitige Krise schafft neue Probleme, keine Frage. Vor allem aber legt sie jene Probleme schonungslos offen, die schon seit Jahren (mehr oder weniger) latent im System vorhanden sind.  Dass ein gewisser Prozentsatz von Kids an Mittelschulen nur schwer oder gar nicht erreichbar ist, empört zu recht, überrascht aber wenige, die im System arbeiten. Schon vor der Krise gab es dieses Problem, fand aber in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung.  Dass die Krise besonders jene trifft, die es sowieso schon nicht leicht haben, zeigt, dass unser Bildungssystem auch davor schon ungerecht war. Dass manche Lehrer*innen von digitalen und pädagogischen Neuerungen nichts wissen wollen, war auch vorher schon klar. In der Krise zeigt sich, wer seine Verantwortung wahrnimmt. Fehlende Konzepte und gemeinsame Ziele, fehlende Abstimmung, Koordination und Vereinheitlichung waren schon lange ein Problem (ändert sich gerade, siehe oben) und wird durch die Krise deutlich offenbart.

In vielen dieser Bereiche finden gerade innovative Prozesse und Verbesserungen statt. Wir müssen diesen Schwung mitnehmen um nach der Krise nicht wieder in alte Muster zu fallen.

Felix Stadler, Simone Peschek und Verena Hohengasser

Dieser Beitrag erschien auch auf der Plattform umbruch.at.

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Eine Videobotschaft geht viral

Vergangene Woche ging die Videobotschaft einer Mutter aus Israel viral. Eine Mutter, die genauso gut aus Österreich, Deutschland oder Frankreich kommen könnte. Sie hat vier Kinder, die zurzeit nicht in die Schule gehen können. Zusätzlich arbeitet sie von zu Hause aus. Die Kinder sind nicht motiviert. Umso mehr scheinen die Lehrer*innen motiviert zu sein. Es ist zu viel und übersteigt ihre Fähigkeiten. Die meisten Kommentare zu dieser Botschaft bestätigen die, meines Erachtens, zu Recht verzweifelte Mutter.

Es folgten und folgen neue Beiträge zu dem Thema allgemeine Überforderung. Ich selbst muss auch gestehen, dass ich zu Beginn Arbeitsblätter zusammengestellt habe, bei denen ich die Realität ausgeblendet habe. Aufgefallen ist mir das ziemlich schnell. Ich hab mich hingesetzt und die Aufgaben durchgerechnet und so zu Papier gebracht, wie das von den Schüler*innen erwartet wird. Also, ordentlich, übersichtlich, bunt. Meine Konsequenz daraus? Reduzieren, kürzen, nochmals rechnen, nochmals kürzen. Ich nehme an, dass viele Kolleg*innen ähnlich agieren.

Lehrer*innen unter Druck

Dazu kommt, dass sich in mir eine Übersättigung breit macht. Die Vielzahl der neuen Lernplattformen sprengt meine Aufnahmebereitschaft. Außerdem schwingt bei mir permanent der Gedanke mit, ob es ausschließlich die Vermittlung des Lernstoffs ist, den unsere Schüler*innen zurzeit brauchen. Ich frage mich auch, warum wir Lehrer*innen so unter Strom stehen. Warum wir es nicht schaffen zwei Gänge rückzuschalten? Woher kommt dieser Druck, allen beweisen zu müssen, dass wir gute Arbeit leisten?

Coronaferien

Mitte März, kurz vor dem Lockdown, hatte sich eine der fast-gratis Zeitungen den Headliner Coronaferien ausgesucht. Der Begriff Ferien löst in die vielen Köpfen bestimmte Assoziationsketten aus. Ferien – Lehrer*innen – arbeiten wenig – verdienen zu viel. Dass zu diesem Zeitpunkt niemand in Ferienstimmung war, konnte ich dem oder der Schreiber*in der Schlagzeilen leider nicht mitteilen. Denn bevor ich dazukam, überschlugen sich in der Schule die Ereignisse.

Wenn wir jetzt, mal abgesehen von den Journaldiensten, zuhause sitzen, dann stehen wir tatsächlich unter dem Beweiszwang der Welt zu zeigen, dass wir enorm viel arbeiten und nicht Ferien machen. Keiner von uns Lehrer*innen hat nämlich Lust in diesen trüben Zeiten an den Pranger gestellt zu werden. Denn, es sind keine Ferien und wir machen keine Ferien.

Was ich gerne machen würde

Würde ich meinen Instinkten folgen, dann wäre ich vermutlich eine von diesen, die gar nichts mehr an die Schüler*innen verschickt. Deren Welt steht ohnehin, so wie unsere, Kopf. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Es ist auch egal, ob wir jetzt Anfang oder Ende Mai starten. Wir werden nicht sang- und klanglos dort weitermachen können, wo wir Mitte März aufgehört haben. Wir müssen damit rechnen, dass wir den Schüler*innen helfen müssen die letzten Wochen zu verdauen. Lernstoff, Prüfungen, Tests und Schularbeiten werden in diesem Zusammenhang zweitrangig sein.

Okay, ich ziehe zurück. Klar, ich will meine Schüler*innen ganz viel schicken und anbieten. In erster Linie Tanz-, Theater- oder andere Angebote. Ich möchte Videokonferenzen machen, in denen wir lachen und Spaß miteinander haben. Vielleicht würde ich ihnen sogar raten die Schulsachen in die Ecke zu legen und durchzuatmen.

Meine Ängste

Allerdings schwingt bei mir die Angst mit, dass sich Eltern oder Kolleg*innen beschweren könnten. Zum Beispiel, dass ich nichts verlangen und arbeiten will. Dass ich die Schüler*innen Ferien machen lasse. Dass ich kein Interesse am Fortkommen der Schüler*innen habe.

Dennoch trage ich seit Tagen den Gedanken herum, alle Ressentiments über Bord zu werfen und meine Ideen zu verwirklichen. Ich glaube nicht, dass ein Kind in den nächsten Wochen Rechnen oder Schreiben verlernt. Und sollte das der Fall sein, dann bringe ich es ihnen wieder bei. Denn das ist schließlich meine Aufgabe.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Ein Gastbeitrag einer Mutter

Unsere Kinder haben von heute auf morgen ihren „Alltagsrhythmus“, ihren Schulalltag und die lebendig-interaktive Beziehung mit ihren Lehrer*innen und Mitschüler*innen verloren. Der Schock ist groß.

Was ist die Chance? 

Die Chance ist, die Kinder in diesen Krisenmonaten erfahren zu lassen, dass die Schule ihr Freund ist, ein Backup-System, ein Kreis aus wohlgesonnenen Begleiter*innen, die vermitteln, dass Lernen Spaß macht. Ein System, das Erleichterung bringt, unterhaltsam ist und Langeweile vertreiben kann. Diese Chance nicht zu nutzen wäre nicht nur schade, sondern könnte sich als bedrohliches Szenario für den Familienalltag in Zeiten der Coronakrise herausstellen. Darum müssen wir Eltern, Direktor*innen und Lehrer*innen mit konstruktiv-kritischem Blick auf Weisungen von Bildungsdirektion und Bildungsministerium schauen. Weisungen, die dahin gehen, dass am Ende dieser Zeit das „Ergebnis“ der zuhause für die Schule erbrachten Leistungen bewertet wird und in die Note miteinfließen könnte. Die Auswirkungen solcher Weisungen können aber, in einer Ausnahmesituation wie dieser, auch zur Destabilisierung vieler Familien beitragen.

Zu allererst ist in diesem Appell wichtig ein Verständnis für beide Seiten zu generieren:

Verständnis für alle Lehrer*innen und Direktor*innen, die sich für ihre Schüler*innen bemühen, das Richtige zu tun und ihr Bestes geben, sowie für alle Eltern, die ebenfalls bemüht sind das Richtige zu tun und ihr Bestes geben.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auf die Schulen schauen, die es den Schüler*innen, durch raschen Kontakt und Vermitteln von Strukturen, ermöglichen eine Art von Sicherheit, Normalität und Orientierung zu erfahren, um weiter lernen zu können.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auch auf alle Eltern schauen, die ihren Kindern jetzt Mut zusprechen, Gespräche führen und ihnen ein entspanntes, sicheres Zuhause bieten.

ABER muss es nicht der Hauptfokus in einer solchen Krise sein, emotionales Verdauen in den Vordergrund zu stellen, Quality Time miteinander zu haben, Entspannung zu generieren und die Kinder auf diese Weise seelisch gesund zu halten? Wenn wir als Eltern durch Weisungen und Verpflichtung zu konkreten Leistungen auch noch Kontrollinstanz für unsere Kinder sein müssen, kann nichts gutes dabei herauskommen. Im Gegenteil.

Manche Familien sind glücklicherweise von diversen Ressourcen gestärkt, haben Unterstützung, weil mehrere Erwachsene im Haus sind, weil sie Zugang zu Garten oder Wald haben, oder weil es ihnen ihre Bildung oder Charakterstruktur erlaubt, Autoritäten zu hinterfragen. Weil sie nicht allen Weisungen Folge leisten und eigene Prioritäten setzen. In solchen Familien wird der Druck zu lernen vermutlich nicht zu groß werden und dadurch wird Raum entstehen für die Entfaltung von kindlicher Kreativität. Aber bei Weitem nicht alle Familien sind so begünstigt.

Denken wir nur an Alleinerziehende, die vielleicht sogar mit mehreren Kindern aus unterschiedlichen Klassen in der Stadt in kleinen Wohnungen zusammenleben und nicht wirklich hinaus können. Denken wir an Eltern, deren Einkommen von heute auf morgen wegbricht. Eltern, die derzeit versuchen von zuhause aus zu arbeiten und dies nicht tun können, weil sie 24/7 von den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Kinder umringt sind. Denken wir an Eltern, die sich nicht trauen Autoritäten herauszufordern, und den Druck unhinterfragt an ihre Kinder weitergeben.

Es bräuchte nun extra Präsenz, Konzentration, Zeit und Verfügbarkeit um die Kinder zu Hause bei schulischen Aufgabenstellungen zu begleiten. Viele Eltern können dies jedoch  in der momentanten Krisensituation nicht aufbringen.

Eltern sind gezwungen die Rolle der Lernbegleiter*innen zu übernehmen. Es gibt allerdings viele Eltern, die das langfristig überfordern wird und so gerät das emotionale Gleichgewicht vieler Familien zusätzlich ins Wanken. Wir müssen  in dieser speziellen, von begrenzenden Erfahrungen geprägten Ausnahmesituation darauf achten, keine zusätzlichen belastenden Faktoren in den häuslichen Ausnahmealltag mit einzuladen. In Krisensituationen ist es ungemein wichtig, Erwartungen und Anforderungen herunterzuschrauben und nicht immer funktionieren zu müssen.

Wenn der Fokus in der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus auf Pflichterfüllung liegt, wenn es “einzuhaltende Abgabetermine” und Deadlines gibt und das “Sollen” und “Müssen” dominiert, als wären wir in einer normalen Alltagssituation, wird das viele Familien zusätzlich belasten.

Wir müssen uns konstruktive Sorgen um das emotionale Gleichgewicht in Familien machen. Ein Gleichgewicht, das dafür sorgen kann, dass Kinder seelisch möglichst unbeschadet aus dieser Notsituation heraustreten.

Wir stehen an der Schwelle zu kollektiv traumatischen Erfahrungen, vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Krankheit näher – bei manchen bis ins Wohnzimmer – rücken wird, wenn Familienangehörige betroffen sein werden, Eltern oder Kinder erkranken oder die Großeltern, die im Sterben liegen, nicht besucht werden dürfen. In dieser Situation darf von Seiten der Schulen der Druck herausgenommen werden!

Aus Sicht der Krisenintervention ist es essentiell, ein gesundes Ebenmaß an Struktur und Freiheit zu etablieren. Das kann gelingen indem das Bildungsministerium in diesen Monaten auf die Idee von Leistung und Benotung verzichtet. Lehrkräfte müssen darin bestärkt werden, Aufgaben einladend zu beschreiben, Arbeitsaufträge offen zu lassen und nicht zu viele Aufgaben gleichzeitig zu vergeben. Sie sollen in der Kommunikation ermuntern, auch mal “frei” zu nehmen. Nehmen wir die Worte “sollen” und “müssen” aus dem Lehrplan-Vokabular und ersetzen sie durch “dürfen” und “ausprobieren”. Erinnern wir die Kinder, dass Lernen auch bedeuten kann, ein Kochbuch zu lesen und für die Familie zu kochen, Samen am Balkon anzupflanzen, Tagebuch zu schreiben, zu basteln, zu zeichnen, zu tanzen, Musik zu hören, Spiele zu spielen oder lustige Lernvideos anzuschauen.

Für Eltern könnte es eine Entlastung bedeuten, darin bestärkt zu werden, sich gemeinsame Entspannung zu gönnen, Zeit für Gespräche und Verarbeitung der Situation zu nehmen und von der Rolle der Lernkontrollinstanz freigesprochen zu werden. Diese Entlastung könnte sich auch positiv auf die natürliche Lernbereitschaft der Kinder auswirken.

Wollen wir wirklich, dass die Kinder am Ende dieser Krise unter enormen familiärem Stress ihre Aufgaben erledigt haben oder darf es jetzt  das Wichtigste sein, dass die Kinder fröhlich und von familiärem und schulischem Rückhalt gestärkt wieder zurück in die Schule kommen?

Die Autorin ist Mutter von drei Kindern im Schulalter.

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Jetzt war es also soweit: Ich arbeitete von zu Hause.

Heimunterricht. Oder, da ja die Kontakte zu Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen so gut wie ausschließlich auf digitalen Wegen erfolgen mussten, Unterricht@Home. Prinzipiell kam mir das ja entgegen – persönliches Zusammentreffen mit Artgenossen war ohnehin noch nie so mein Ding gewesen.

Insofern hatte mich die Eröffnung meiner Direktorin, dass wir Lehrer*innen in der kommenden Zeit – außer es ergäbe sich dringende Betreuungsnotwendigkeit – zu Hause bleiben sollten, nicht allzu hart getroffen. Ich erinnere mich noch lebhaft an vergangenen Montag: Verteilt im Turnsaal, vereinzelt mit schwitzenden Händen, da diese in eleganten Gummihandschuhen steckten, lauschten wir den Anweisungen unserer Chefin. Manche der ganz Vorsichtigen hörten sie allerdings nur etwas gedämpft, hatten sie sich doch sicherheitshalber auch noch die knallgelben Kunststoffshirts, die wir Sportlehrer*innen sonst zur Mannschaftskennzeichnung verwendeten, über den Kopf gezogen. Sie vertrauten ganz offensichtlich darauf, dass die Fäulnisbakterien, die fleißig damit beschäftigt waren, die adoleszenten Schweißrückstände zu verdauen, aggressiv genug wären, jeden eindringenden Coronavirus innerhalb von Sekundenbruchteilen zu vernichten. Feuer wird ja auch mit Feuer bekämpft, sagt man mancherorts.

Die (eigentlich für den darauffolgenden Mittwoch) vorbereiteten Arbeitsblätter wurden anschließend strategisch, aber dekorativ in den Klassen verteilt, sofern sie nicht schon am vergangenen Freitag den Kindern und Jugendlichen in die Hand gedrückt worden waren. Dass manche Kolleg*innen bei dieser Gelegenheit tunlichst darauf bedacht waren, mich über die Wichtigkeit und Einzigartigkeit jedes einzelnen ihrer Produkte aufzuklären, erschien mir dann doch etwas verdächtig: Erwarteten sie von mir, in “meinem” Klassenraum auszuharren und dafür Sorge zu tragen, dass die Schüler*innen jedes Arbeitsblatt wie den heiligen Gral hoch über ihr kindliches Haupt erhoben und strahlenden Auges gen elterlicher Wohnstatt tragen würden? Na, hoffentlich nicht.

Da mein Verhältnis zu unserem Kopierer seit jeher kein allzu inniges ist – eine Partnerin mit Ecken und Kanten hatte ich bis zu meiner Scheidung ohnehin jahrelang -, stellte ich die Arbeitsaufträge für meine Schüler*innen auf unsere Schulwebsite. Man muss ja mit der Zeit gehen. Die Bücher sollten die Kinder entweder schon aus der Schule geholt haben oder dies bis spätestens Dienstagmittag erledigen, so lautete die direktorische Direktive.

Also fuhr ich also weisungsgemäß nach Hause und machte mich dort an die digitale Arbeit. Auf der Startseite unserer Internetpräsenz prangten bald – in mahnendem Rot gehalten – drei Hinweise: Der erste betraf die Zeiten, in denen die Schule geöffnet wäre, der zweite die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme (inklusive Handynummer unserer Direktorin) und der dritte sollte alle Unklarheiten bezüglich der vorbereiteten Aufgaben ausräumen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, packte ich diese Inhalte auch noch in eine E-Mail, die ich von meiner Dienstadresse aus an alle Kinder beziehungsweise deren Erziehungsberechtigte schickte. Nein, besser schicken wollte. Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass eine erkleckliche Anzahl der angegebenen Adressen nicht ganz korrekt war. Zahlreiche Telefonate später nahm die Liste allerdings brauchbare Formen an. Nur ein Herr, der das verhängnisvolle Schicksal hatte, denselben Namen wie der Vater eines meiner Schüler zu führen und dementsprechend eine sehr ähnliche Mailadresse sein Eigen nannte, meldete sich zwei Tage darauf höflich, aber offenbar schon ziemlich desperat bei mir. Er bat, aus dem Mailverteiler genommen zu werden, da er mit den Informationen für eine zweite Mittelschulklasse verhältnismäßig wenig anfange. Dem Mann konnte geholfen werden.

Am Dienstag erfolgten dann die ersten Anrufe jener Kolleg*innen, die bereits tags zuvor tunlichst darauf bedacht gewesen waren, ihre geistigen Ergüsse verlässlichst unter die Jugend gebracht zu sehen. Der Schulwart (dieser miese Verräter!) hatte ihnen geflüstert, dass noch immer nicht alle Arbeitsblätter abgeholt worden seien. Somit schwankten die Fundamente unserer Welt offenbar ganz bedrohlich. Als einziger Retter vor der Apokalypse kam da natürlich nur der Klassenvorstand in Frage.

Dieser (also ich) kam vollkommen zerknirscht seiner Pflicht nach und verfasste eine – diesmal etwas weniger amikal formulierte – E-Mail mit dem Inhalt, dass noch immer nicht alle Lernunterlagen aus dem Klassenraum abgeholt worden seien und man das doch bitte ehebaldigst zu tun habe. Aufgrund der durchaus deutlichen Anweisungen unserer Bundesregierung sah ich mich außerstand, für die nachweisliche Verteilung der Kopien an die Adressen von zweiundzwanzig Familien persönlich Rechnung zu tragen. Ach ja, eigentlich wollte ich auch nicht. Das kam noch hinzu.

Nebenher regelmäßig die Dienst-E-Mails nach neuen Weisungen aus der Bildungsdirektion und teilweise sogar von ganz oben (was aufgrund der Statur unseres Bildungsministers ja durchaus doppeldeutig gesehen werden kann) durchforstend, arbeitete ich daran, Online-Angebote zu finden, mit denen die Schüler*innen über die gestellten Aufgaben in den Schulbüchern verschiedene Themengebiete vertiefen und wiederholen konnten. Das Gute an diesen Recherchen war, dass ich dabei so manches digitale Schatzkästchen entdeckte, auf das ich im üblichen Alltag, der ja dem pädagogischen Fronteinsatz gewidmet war, kaum gestoßen wäre. Kurz: Ich pendelte geistig also zwischen dem Aktualisieren der Informationen auf unserer Schulwebsite und dem Jagen und Sammeln von homeschoolingtauglichen Materialien.

Bei diesen Tätigkeiten war die Anwesenheit meines Körpers vor dem Computer allerdings aus nachvollziehbaren Gründen unerlässlich. Deshalb war ich froh, einen Laptop mein Eigen zu nennen. Das ermöglichte mir, zeitweise die Sonne im Garten als Wellnessmittel zu nutzen. Auch nahm ich mir die Freiheit, regelmäßig meinen Allerwertesten zu heben und ein wenig Sport zu machen. Zwar hatte – wie nachvollziehbar ist – mein Stammfitnesscenter geschlossen, doch Übungen mit dem eigenen Körpergewicht und Laufrunden hielten meine Lebensgeister (und damit meine beamtete Arbeitskraft) wach. Ich zwang mich sogar zur einen oder anderen Rasur, um ein wenig Alltagsfeeling in mein Eremitendasein zu bringen. Auch sollten Kinder und Kolleg*innen mich ja auch nach der Wiedereröffnung unseres Schulgebäudes nicht nur an der Stimme erkennen können.

So verging die erste Woche nach der Coronazeitrechnung für mich persönlich überraschend schnell. Am Freitag jedoch beging ich einen folgenschweren Fehler: Ich sandte eine E-Mail an die Schüler*innen meiner Klasse, in der ich ihre Erfahrungen mit der doch vollkommen neuen Situation erfragte. Im Einzelnen wollte ich wissen, ob es ihnen zeitlich gut möglich sei, die gestellten Arbeitsaufträge in den einzelnen Fächern zu erledigen, wie die Einteilung des Lernstoffs zu Hause umsetzbar sei und ob da, wo sie Hilfe bräuchten, die Kommunikation mit den Lehrerinnen und Lehrern funktioniere. Außerdem wollte ich wissen, was sie sich von der Schule noch wünschten, also welche zusätzlichen Angebote sie auf unserer Schulwebsite eventuell noch vermissten.

Die Antworten waren äußerst einsilbig. Das konnte Gutes bedeuten, aber auch alarmierend sein. Als geborener Optimist beschloss ich, es in den meisten Fällen für ein gutes Zeichen zu halten. Doch dann kamen die Hintergrundinfos der Eltern als Nachrichten auf mein Handy: Einige hatten den Eindruck, die Sprösslinge hätten Nachtschichten einzulegen, um in einzelnen Fächern das geforderte Arbeitspensum bewältigen zu können. Ob es mir nicht möglich sei zu vermitteln. Gut. Ich vermittelte. Möglichst dezent. Unstimmigkeiten in der Kolleg*innenschaft wären in der momentanen Situation nicht sehr zielführend. Okay, im Face-to-Face-Schulbetrieb ja eigentlich auch nur bedingt.

Nachdem diese heikle Mission ohne nennenswerte Verluste an Menschenleben abgeschlossen war, läutete erneut das Telefon. Eine zuvor von mir nicht kontaktierte Kollegin war dran: Was denn mein Plan sei, wenn sie im Zuge ihres Journaldienstes am kommenden Montag feststellen müsste, dass nicht alle ihre Arbeitsblätter abgeholt worden seien. Da war das Thema wieder. Ich hatte es bereits richtiggehend vermisst.

Ich bot ihr zwei Vorgehensweisen an – eine erneute Erinnerungs-E-Mail an die Schüler*innen und die Veröffentlichung ihrer gesammelten Werke in der “Ein-Wochen-Homeschooling-Edition“ auf der Schulwebsite. Das schien vorerst zu fruchten. Das Wochenende konnte kommen.

Ich freue mich bereits auf die nächste Woche.

Der Autor ist Lehrer an einer Mittelschule in Niederösterreich.