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Als Lehrerin einer berufsbildenden Schule war ich davon überzeugt, dass ein Bildungsabschluss allen Schüler*innen ermöglicht, einen guten Start in ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Ich täuschte mich. 

Der Zufall sorgte dafür, dass sich im Herbst 2016 eine ganz besondere Gruppe in einer ersten Klasse zusammengefunden hatte. Die meisten waren erst wenige Monate in Österreich und hatten lange Wege hinter sich gebracht, die sie in unsere ländliche Kleinstadt führten. Die wenigsten konnten ein paar Worte Deutsch. Nach und nach durften wir sie kennenlernen, unsere „Flüchtlingsklasse“. 

Der Unterrichtsalltag war fordernd, laut, chaotisch und so manche*r Lehrer*in brauchte einen Geduldsfaden so dick wie eine Trosse. 

In dieser Klasse befand sich auch Hassan*. Mir fiel der dünne junge Bursche vor allem wegen seines Humors auf. Innerhalb der Klasse war er sehr beliebt, war er doch immer für ein Späßchen zu haben. 

In der gesamten Schulgemeinschaft kannte man Hassan, weil er ein ausgezeichneter Fußballer war. Er hatte durchaus etwas an sich, das ihn für viele unvergesslich macht. 

Seine Erklärungen, warum er die eine oder andere Hausübung nicht machen konnte, waren durchwegs charmant und lange grantig konnte man da nicht bleiben. Ein Strizzi halt, aber blitzgescheit. 

Wenn er auch wie viele Teenager nicht immer der konsequenteste Lerner war, konnte er seine Faulheit durch sein großartiges Sprachentalent ausgleichen. Es war bemerkenswert, wie er in kurzer Zeit seine Englisch- und Deutschkenntnisse verbessern konnte. Eine Freude war das, ihn beim Lernen und Reifen zu beobachten. 

Blickte man in die Gesichter der Jugendlichen, konnte man hinter den Clownsnasen oft eine tiefe Traurigkeit erkennen. Unbegleitet und alleine das Erwachsenwerden zu meistern, war Herausforderung genug. Doch dann waren da ja auch noch Behördengänge und die ständige Sorge um den Aufenthalt. Unverarbeitete Traumata, Unaussprechliches erlebt zu haben, Anfeindungen als Alltagserfahrung und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ich dachte mir oft, dass vor dem Hintergrund derartiger Lebens- und Fluchtgeschichten die richtige Adjektivdeklination auf der Prioritätenliste ganz weit nach unten rutschen musste. Und doch stimmte das nicht. 

Die Schule gab den Jugendlichen eine Struktur, einen normalen Alltag. Wenig Normalität hatten sie sonst in ihrem Leben. Ohne Eltern oder nähere Bezugspersonen wurden sie von einer Unterbringung in die andere geschoben. Hin und her, neue Menschen, Fremde, wenig Privatsphäre, kaum Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Und dann die ständige Sorge. Das war ihr Alltag. Ich hatte mich oft gewundert und bewundert, dass sie ihre Prüfungsvorbereitung und zusätzliches Engagement in der Schulgemeinschaft so gut meisterten. 

Ob die Hausübung nun da war oder nicht, mir war es wichtig, dass Hassan jeden Tag im Unterricht war. Ich versuchte, ihm zu zeigen, dass er für mich als Person wichtig war, nicht nur seine Leistung. Er war willkommen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Das hier war seine Schule, das hier war seine Klasse, hier war sein Platz. 

Das Recht, in Österreich leben zu dürfen, weil in Hassans Herkunftsland Sicherheit nicht garantiert war, durfte für mich nicht an eine Gegenleistung gekoppelt sein. Schutz, Hilfe und Unterstützung steht jedem Menschen zu, egal wo er geboren worden ist. Trotzdem hatte Hassan so viel für diese Gesellschaft zu geben. 

Schulische und private Hochs und Tiefs vergingen schnell. Guter Zuspruch hatte ihn meist wieder konzentriert arbeiten lassen, um seinem Ziel, dem Schulabschluss, näherzukommen. 

Durchbeißen, denn ein Abschluss, so versicherte ich ihm, würde ihm einen guten Job ermöglichen. 

Eine Berufsperspektive bedeutete auch gleichzeitig eine Perspektive, sich in Österreich ein gutes Leben aufzubauen. Ich hatte gelogen. 

Als afghanischer Flüchtling bekam er einen negativen Asylbescheid. 

Engagiere dich, hilf anderen in deinem Umfeld! Verhalte dich respektvoll! Dann bist du ein wichtiger Teil einer Gemeinschaft, in der du dich aufgehoben fühlen darfst, predigte ich. Ich hatte gelogen. 

Als afghanischer Flüchtling bekam er seinen zweiten negativen Asylbescheid. 

Österreich war in der Zwischenzeit zu seinem Zuhause geworden. Und das, obwohl Österreich nicht immer sehr gut zu ihm war. 

Ein Österreich, das junge Menschen, die ihre Zukunft vor sich und so viel zu geben haben, in ein Land abschieben möchte, das nicht sicher ist, ist nicht mein Zuhause. 

Mein Österreich ist bunt, großzügig, solidarisch, bietet Chancen, ermöglicht Bildung, steht zu seinen Leuten. 

Der Gedanke, dass man ihn nun wegschicken möchte, ist unerträglich. 

Hassan gehört zu uns. Hassan muss die Chance gegeben werden, sich hier in unserer Mitte ein gutes Leben in Sicherheit aufbauen zu können. 

*Name von der Redaktion geändert.

Die Autorin ist Lehrerin an einer HAK/HAS in Oberösterreich.

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Wieder einmal knapp geschafft, vor dem Läuten noch schnell ins Lehrerzimmer. Der knapp bemessene Platz, übervoll mit den Büchern für fünf Klassen und sonstigem Material, wird kurz besucht. Mein auf die Schubladenbox geklebter Leitspruch von W. B. Yeats schon etwas zerknittert: „Education is not the filling of a bucket but the lighting of a fire“.

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Ich bin Klassenvorständin einer ersten Klasse an einer Wiener Mittelschule. Unlängst habe ich mit den zwei externen Mediator*innen, die meine Klasse die letzten Monate über begleitet haben, ein Abschlussgespräch geführt. „Noch nie haben wir eine Gruppe gesehen, wo der Unterschied zwischen Anfang und Ende des Miteinanderarbeitens so groß war. Wir sind beeindruckt!“, bekam ich von ihnen zu hören. Ich war mindestens genauso beeindruckt, vor allem bekam ich in diesem Gespräch noch etwas Unglaubliches zu hören. Aber dazu später. Erst: Wie hat alles begonnen?

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Zoom Kindermuseum, Museumsquartier. Am 08.11.2018. Susanne Wiesinger, Heidi Schrodt und Kenan Güngör diskutieren über jene Schulen an denen es, ihrem Namen nach, brennt.
Dominiert wird die Debatte vom Kopftuch, dem Einfluss von Moscheen, der Scharia und Eltern, die Lehrer*innen nicht mehr die Hand geben. Es scheint, als gäbe es in der Bildungspolitik nichts Wichtigeres zu diskutieren als den Einfluss einer bestimmten Religion.
Gegen Ende fragt Kenan Güngör, wie viele Lehrer*innen denn da seien. 35 Personen zeigen auf. Wie viele, die an der NMS unterrichten? 20. Und wie viele, denen es passiert ist, dass Eltern das Händeschütteln verweigert haben? 2.

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Manchmal ist Schule ätzend. Manchmal hat man als Lehrer*in das Gefühl, dass sich nichts bewegt. Für mich sind solche Nichts-geht-mehr-Tage zwar selten, weil ich meinen Beruf einfach mag, die Kinder einfach mag. Dennoch: viele Tage sind Plateau-Tage, nicht fabelhaft, aber auch nicht so, dass man sich am liebsten eine Burnout-Diagnose stellen lassen möchte.

Ein Schultag im Zeitraffer

Und manchmal fliegt man einfach. Zum Beispiel an Tagen wie diesen. 7. Schulstufe, NMS Stadtrand Wien.

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