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Mein erstes Dienstjahr als Lehrerin liegt hinter mir, und ich kann rückblickend sagen, dass es eine intensive, aber auch unglaublich bereichernde Zeit war. Als Quereinsteigerin war mir von Anfang an bewusst, dass der Einstieg in den Lehrberuf eine große Herausforderung sein würde. Neben einer vollen Lehrverpflichtung mache ich parallel den Master für den Quereinstieg, was das Jahr noch einmal anspruchsvoller gemacht hat. Dennoch war alles machbar, und ich konnte mir weiterhin Raum für Freizeitaktivitäten schaffen.

Erwartungen vs. Realität

Als ich meinen neuen Weg als Lehrerin begann, hatte ich die Vorstellung, dass die ersten Monate extrem fordernd und zeitintensiv sein würden. Die Idee, kein „Leben“ außerhalb der Schule zu haben und meine Zeit in die Unterrichtsvorbereitung zu investieren, war zunächst belastend. Überraschenderweise war die Realität besser als meine Erwartungen. Obwohl es Phasen gab, in denen die Arbeit überwältigend erschien, hatte ich auch immer wieder Momente, in denen ich mir bewusst Zeit für mich nehmen konnte. Ich habe es geschafft, ein Gleichgewicht zwischen Beruf, Studium und meinem Privatleben zu finden. Meine Mentorin, die gleichzeitig auch meine Teamteaching-Partnerin war, war mir dabei eine große Stütze. Durch den Austausch und das gemeinsame Unterrichten konnte ich viel von ihrem Erfahrungsschatz lernen. Dieses „ins kalte Wasser geschmissen werden“ war somit weniger beängstigend, da ich auf ihre Hilfe zählen konnte. 

Betreuung und Kollegium

Ein weiterer Punkt, bei dem ich großes Glück hatte, war die Aufnahme im Kollegium, welches sich von Anfang an freundlich und hilfsbereit zeigte. Diese Erfahrung ist nicht selbstverständlich, wie ich von anderen Quereinsteiger*innen gehört habe, die oft das Gefühl haben, nicht willkommen zu sein und in das Schulteam nicht integriert werden. Bei mir war das zum Glück nicht der Fall. Mein Kollegium steht mir immer unterstützend zur Seite. Mit einigen Kolleg*innen konnte schnell eine gute Verbindung aufgebaut werden, sodass wir auch außerhalb der Schule etwas unternommen haben. Das soziale Miteinander hat mir den Einstieg wesentlich erleichtert.

Überraschungen und Herausforderungen

Eine der größten Überraschungen war das Leistungsniveau in einigen Klassen. Ich hatte nicht damit gerechnet, wie stark manche Schüler*innen in ihrer Konzentration und ihrem Arbeitstempo beeinträchtigt sind. Besonders in den Klassen, die durch die COVID-19-Krise stark betroffen waren, bemerkte ich ein deutliches Defizit in der Arbeitsweise und der Ausdauer. Diese Klassen stellen mich nach wie vor vor besondere Herausforderungen, da ich oft das Gefühl habe, dass der Unterricht nicht so voranschreitet, wie ich es mir wünsche.

Doch ich bin eine Person, die Herausforderungen liebt – und genau deshalb habe ich auch den Beruf gewechselt. Es war mir von Anfang an klar, dass der Lehrberuf nicht immer einfach ist und es Tage geben würde, an denen ich völlig erschöpft ins Bett falle. Tatsächlich gab es solche Tage, an denen ich das Gefühl hatte, dass einzelne Stunden oder Klassen mich körperlich und emotional stark fordern. Der Unterricht verlangt nicht nur Konzentration, sondern auch eine ständige Präsenz und Energie. Jede Klasse und jede Stunde ist anders – die Dynamik, die Aufmerksamkeitsspanne der Schüler*innen und ihre Reaktionen fordern einen in ganz unterschiedlichen Weisen. Nach einem Schultag merke ich oft, dass ich erschöpfter bin, als ich es nach einem langen Bürotag je war – das hätte ich so nicht erwartet. Diese Erschöpfung ist jedoch eine andere: Sie ist intensiver, aber auch mit mehr Sinnhaftigkeit und Erfüllung verbunden.

Ich habe gelernt, dass der Schlüssel zu erfolgreichem Unterricht oft in der Beziehung zu den Schüler*innen liegt. Ob im Sportunterricht oder in Mathematik – es geht nicht nur darum, Fachwissen zu vermitteln, sondern auch darum, die Schüler*innen sozial und emotional zu begleiten.

Rückblick und Ausblick

Trotz aller Herausforderungen überwiegt für mich das Positive. Es erfüllt mich mit Freude und Stolz, den Schüler*innen etwas beizubringen, sei es im Fachlichen oder im sozialen Miteinander. Jede kleine Entwicklung, die ich bei ihnen sehe, gibt mir das Gefühl, dass meine Arbeit wertvoll ist. Besonders schön ist es, Beziehungen zu den Schüler*innen aufzubauen und zu sehen, wie sie über das Jahr hinweg Vertrauen aufbauen und wachsen.

Meine Entscheidung, den Beruf zu wechseln, bereue ich keine Sekunde. Die Erfahrungen, die ich im ersten Jahr als Lehrerin gemacht habe, haben mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Natürlich gibt es noch viel zu lernen und viele Herausforderungen, die vor mir liegen. Aber gerade diese Herausforderungen machen den Lehrberuf so spannend und abwechslungsreich.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Wiener Mittelschule.

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Meine Liste mit den Schularbeitsnoten der 4b zirkuliert in der WhatsApp-Gruppe der Schüler*innen. Ich habe sie ihnen weder geschickt, noch habe ich ihnen die Noten schon gesagt. Jemand muss an meine Sachen gegangen sein, die ich in der Pause immer am Tisch liegen lasse. Ich vertraue meinen Schüler*innen, das wissen sie. Jemand muss in Windeseile mein Notenheft geöffnet, das Handy gezückt und ein Foto geschossen haben. Ich bin schockiert, enttäuscht, und richtig wütend…

„Das Lehrerzimmer“

Dieser Vorfall liegt bereits fünf Jahre zurück. Trotzdem kam er mir sofort in den Sinn, als ich kürzlich den Film „Das Lehrerzimmer“ im Kino sah. Im Film können wir eindrücklich beobachten, wie an einer Schule ausgelöst durch Diebstähle zunehmend die Stimmung kippt. Die Suche nach dem Dieb oder der Diebin treibt die Handlung voran: Wer ist schuld? 

Im Mittelpunkt steht eine engagierte Lehrerin, die versucht das Richtige zu tun. Das versuchen auch andere, und dabei wird alles nur noch schlimmer. Schnell verbreitetet sich eine ungute Atmosphäre. Misstrauen, Kontrolle, und Angst wachsen – die Anspannung ist im Kinosessel spürbar. Aus Lehrer*innen werden Ermittler*innen, Gespräche zu Verhören, Anschuldigungen gemacht und Beweise gesammelt. Wer war zur falschen Zeit am falschen Ort? Wer könnte ein Motiv haben? Wer verstrickt sich in Widersprüchlichkeiten? Wer hat vielleicht die „falsche“ Herkunft? 

Am Ende des Films sind mehr Fragen offen als beantwortet, und die Frage, wer gestohlen hat, sowieso. Einzig klar ist: Die Situation ist komplex.

Auf der Suche nach dem richtigen Handeln 

Wer in einer Schule arbeitet, kennt solche Szenarien. Etwas passiert, ob klein oder groß, und sofort beginnt die Suche nach der oder dem Schuldigen. Wer hat in der Pause die Wasserflasche über dem Heft von Ivana verschüttet? Wer hat die Prügelei am Gang begonnen? Wer hat das iPad von David genommen? Wer hat gepetzt? Wer hat das Fenster aufgemacht? Wer hat für Unordnung gesorgt? Und so weiter. Nicht nur von Seiten des schulischen Personals, sondern gerade auch Schüler*innen fordern mit oft großer Vehemenz ein, dass ein Urteil gefällt wird: Wer ist schuld? In einem Moment stehe ich da und halte Pausenaufsicht, im nächsten Moment soll ich Polizistin und Richterin gleichzeitig spielen. Stunden um Stunden, die ich in der Vergangenheit damit zugetragen habe, entsprechende „Ermittlungen“ anzustellen, stets im Bemühen fair und richtig zu handeln.  

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es nach vielen Vorfällen eine relevantere Frage als die nach der Schuld gibt: Was brauchst du? Was wünschst du dir? Und zwar an die ganze Gruppe gestellt, nicht nur an Opfer und Täter*in einer konkreten Handlungssituation. Was brauchen wir alle um weitermachen zu können? Um ein Miteinander (wieder) zu ermöglichen? Um das Vertrauen (wieder) herzustellen? Um das Geschehene hinter uns lassen zu können? 

Diese Fragen können wir als Lehrer*innen stellen. Das können Schüler*innen als Peer-Mediator*innen machen. Manchmal braucht es dafür auch externe Mediator*innen. Und das schließt nicht aus, dass es auch Konsequenzen („Strafen“) geben kann oder soll. Gerade weil Situationen oft komplex sind, sollten Konsequenzen jedoch Produkt eines anders gestalteten Prozesses sein. Manchmal nimmt das mehr Zeit in Anspruch, viele Male sogar weniger.  

Aus Fehlern lernen

Auch vor 5 Jahren wollte ich in erster Linie herausfinden, wer schuld ist, wer es getan hat. Wer war an meinen Sachen, und hat meine Privatsphäre und mein Vertrauen verletzt? Und natürlich habe ich es herausgekriegt. Gerade weil die Basis zu dieser Klasse so stark war, hat meine Welle an Vorwürfen und emotionalem Druck wirkungsvoll eingeschlagen. Ich habe schnell und mit wenig Aufwand herausbekommen, wer es getan hat. Ein Erfolg war es jedoch keiner, wie ich bald erkennen sollte. Es war der Schüler, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte. Früher als schlecht in Mathe abgestempelt, ist er in meinem Unterricht aufgeblüht, hat sich angestrengt und beeindruckende Leistungen erbracht. Einige Tage nach der Schularbeit habe ich der Klasse gesagt, dass ich die Ergebnisse schon hätte, sie ihnen aber noch nicht sagen würde. War das aus Unbedachtheit? Eine „Erziehungsmethode“? Praktischen Umständen geschuldet? Ich erinnere mich leider nicht mehr. Aber dieses „Ihr-müsst-noch-warten“ hat mit allen Schüler*innen etwas gemacht, und den Schüler, dem seine Mathematik-Leistungen so wichtig geworden waren, hat es unter großen Stress und psychischen Druck gesetzt. Er konnte nicht länger warten, keine weiteren Minuten oder gar Stunden mit Grübeln und Sorgen verbringen, er wollte unbedingt sein Ergebnis wissen, wo es doch so verlockend am Tisch vor ihm lag. Und er wollte den anderen auch zur Erleichterung und Klarheit verhelfen. Damals war die Sache für mich abgehakt, nachdem ich wusste, wer es getan hat und wer Konsequenzen bekommen würde. Heute frage ich mich, wie sich die Beziehung zwischen mir und meinen Schüler*innen weiterentwickelt hätte, hätte ich all diese anderen Fragen gestellt. 

Wenn ich statt „Wer ist schuld?“ gefragt hätte „Was brauchen wir?“.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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ein Kommentar von Bernhard Lahner, er arbeitet in einer Förderklasse, Bildungsaktivist

In den letzten Wochen wurde oft über Gewalt an Schulen und den darauffolgenden bildungspolitischen Lösungen diskutiert. Für all jene, die im System sind, läuft dieser Diskurs leider in die falsche Richtung. Grund dafür ist, dass es zum Beispiel Förderklassen, also Kleingruppenklassen mit maximal 6 Schüler:innen und 2 Lehrer:innen, schon seit Jahrzehnten gibt und auch dieses Setting ist oft nicht mehr handlebar.

Die Genese der “SES – Schwersterziehbarenschule” und Förderklasse

Schon seit Jahrzehnten wurden Schüler:innen, die aufgrund sozial-emotionaler Beeinträchtigungen, Traumas, Misshandlungen oder psychischen Erkrankungen, die in einer Regelklasse mit 25 Mitschüler:innen überfordert waren, in Kleingruppen beschult. Ganz ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Eine Kommission aus Expert:innen berät regelmäßig über einzelene Schüler:innen, um ihnen die bestmögliche Bildung zu ermöglichen.

In diesem kleinen, fast schon familiären Setting, sollte es mehr Zeit für die individuelle Verarbeitung der eigenen Geschichte der Schüler:innen geben. Unterstützung kommt von Psychagog:innen (Lehrer:innen mit psychologischer Zusatzausbildung) und ein intensiver Austausch mit den Eltern ist Pflicht. Des Weiteren wurde, wenn nicht bereits geschehen, die Schulpsychologie herangezogen und es wird versucht, weitere außerschulische Beratungsangebote den Betroffenen und den Erziehungsberechtigten schmackhaft zu machen.

Damals gab es für Pädagog:innen, die in diesem Bereich arbeiteten, eine eigene Ausbildung an der Pädagogischen Akademie. Diese spezielle Ausbildung gibt es so nicht mehr und wird heute an den Hochschulverbünden individuell mit Schwerpunktseminaren angeboten.

Der Status quo

Wie die 90iger so waren, können sich die älteren unter uns noch vorstellen. Wir telefonierten heimlich mit unserem Crush mit dem Drehscheibentelefon der Großeltern und machten uns Dates bei der einen großen Linde im Wald aus. Ja, damals war alles besser. Natürlich nicht, aber es soll die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung zeigen, zu dem Zeitpunkt, als offenbar Bedarf für “Kleingruppenklassen” bestand.

Heute sind wir überfordert mit der technologischen Entwicklung von Computerspielen, Smartphones, KI und Co. bei gleichbleibendem Lehrplan. Hier wird laufend additiv ergänzt und den Schule alle möglichen Schwachsinnigkeiten aufoktroyiert.

Das wir gesellschaftlich seit Jahrzehnten einen immer schnelleren Wandel u.a. durch Innovationen und Technik erleben ist allseits bekannt. Das wir von einer Industriellen in eine Dienstleistungsgesellschaft schlittern, merken wir auch seit Jahren mit Blick auf veröffentlichte Jobangebote.

Erschwerend zur Entwicklung der kommenden Generationen kommen Finanz- und Gesundheitskrisen, Kriege und immer gewalttätigere Sprache im politischen Diskurs durch Rechtsextreme, die TikTok, Insta und Telegram bestens beherrschen.

Unsere, schon sehr vulnerablen Jugendlichen, springen auf diese Influencer nicht nur an, sie halten das Gesagte auch oft für das einzig Wahre und Richtige. Die Gründe sind vielfältig, aber was sich aus der Praxis beobachten lässt, ist, dass ein Großteil dieser Jugendlichen das Vertrauen in demokratische Institutionen schon verloren hat und auch keine Ressourcen für zusätzliche Informationsbeschaffung oder eine angemessene Reflexion hat. Angefangen in der Kindergruppe, in der sie mit ihrem “aufgeweckten” Verhalten auffallen, weiter in der Volksschule, in der sie bei erhöhten Bewegungsbedarf abgestraft und zum Sitzen gezwungen werden. Dann in außerschulischen Bereichen wie Gesundheitseinrichtungen, in denen sie lange durchgetestet werden, ein Befund ausgestellt wird und danach nichts mehr passiert. Die Schulen werden allein gelassen. Schon einzelne Kinder und Jugendliche können in der Volks- oder Mittelschule ganze Klasse “sprengen”. Mobbing und Gewalt ist oft die einzige Strategie, die bei psychisch vulnerablen Personen ins Außen kommt, um die inneren Dämonen bezwingen zu können. Jetzt beginnt die letzte Maßnahme, die Schule machen kann. Sie schützt die restlichen Kinder, indem sie den “Rabauken” suspendiert – und alleine lässt. In unserer veralteten Logik sperren wir “nicht-passfähige Personen”, wie auch Menschen mit Behinderungen, einfach weg und überlassen sie sich selbst.

Die Negativspirale dreht sich immer schneller und schneller, weil alle Beteiligten, also Eltern, Pädagog:innen und das betroffene Kind, in diesem System überfordert ist und es keinerlei Unterstützung gibt. Nach maximal 4 Wochen Suspendierung beginnen die Muster von Neuem oder werden schlimmer, weil der/die betroffene Schüler:in mit sich alleine gelassen wird oder sich mit anderen suspendierten Kindern im öffentlichen Raum trifft.

Wir brauchen ein “koste es was es wolle an den Pflichtschulen” – und zwar JETZT

Wirtschaft und Politik beklagen Fachkräftemangel und wir wundern uns, warum die Schere zwischen arm und reich größer wird und sich der “Mittelstand” in Luft auflöst.

Für die kapitalistische Kaufkraftstärkung und Wirtschaftsförderung werden Millionen, wenn nicht Milliarden in die Hand genommen und der soziale Bereich wird auf allen Ebenen vernachlässigt und sich selbst überlassen.

“Koste es, was es wolle” muss sofort für den Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich gelten. Wir brauchen in all diesen Bereichen interdisziplinäre und multiprofessionelle Teams mit kleinstmöglicher Bürokratie und größtmöglicher Hilfe. Mit FISCH (Familie in Schulen) wird seit wenigen Jahren, Schuleinsteiger:innen und deren Eltern bei Verhaltensauffälligkeiten bestmögliche Unterstützung angeboten. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche, bei denen oft eine gute Diagnostik fehlt und Kleinkriminalität, Misshandlung und Gewalt an der Tagesordnung steht, werden allein gelassen, genauso wie die Professionellen in Krisenzentren, WGs, Parksozialarbeiter:innen, Pädagog:innen und außerschulische Bildungseinrichtungen.

Es braucht eine massive bildungspolitische Offensive im Bereich der sozial-emotionalen und psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Krise ist ein kleiner Puzzlebaustein, aber verpufft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Förderklassen brauchen vor Ort Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Therapeut:innen, Ergotherapeut:innen, etc. Alle Professionist:innen, die auf Kinder und Jugendliche positiv einwirken können, um sie bestmöglich zu unterstützen und von Suchtkrankheiten, Gefängnis und Arbeitslosigkeit zu bewahren. Da müssen wir investieren und den Fokus legen.

Die Finger in die Wunde legen

Alle Entscheidungsträger:innen, alle im Sozialbereich tätigen, alle Betroffenen wissen das.

Jeder von uns kennt jemanden, in Lebenskrisen, in depressiven Verstimmungen, mit Persönlichkeitsstörungen, mit mentaler Ungesundheit. Wir alle kennen und wissen es. Und auch wir alle dulden diesen Zustand, sehen bewusst weg und putzen uns mit Glaubenssätzen wie, “das sind nur wenige Menschen”, etc. ab. Aber nein, es sind nicht wenige Menschen und es werden täglich mehr. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, der nächsten Generationen. Wir müssen den Finger in die Wunde legen und uns als Gesellschaft an der Gesellschaft entschuldigen und endlich die richtigen und notwendigen Maßnahmen setzen.

Es ist 5 nach 12 und alle politischen Maßnahmen, Ideen und bereitgestellten Gelder sind zu wenig. Es braucht sofort einen nationalen Schulterschluss im Sozial, Bildungs- und Gesundheitsbereich. Es braucht Vernetzung, Austausch und konkrete Verbesserungen. Wir können nicht zulassen, dass die einzige Antwort gegenüber vulnerablen Gruppen das Wegsperren ist. Wir haben hier und jetzt die Verantwortung und müssen uns dieser bewusst sein.

Bernhard Lahner BEd, Förderklassenpädagoge im sozial-emotionalen Bereich, Bildungsaktivist

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Zwischen Studentin und Lehrkraft – wie bin ich wann?

Ich denke jede:r Lehramt-Student:in hat zu Beginn des Studiums ein eigenes Bild von sich als Lehrkraft vor Augen. Man möchte später die eine Lehrperson sein, die alle Schüler:innen mögen, die lehrreiche Stunden mit lustigen und aufregenden verbinden kann und die die Klassen dazu motiviert, immer wieder über sich selbst hinaus zu wachsen. Doch spätestens nach den ersten Praxis-Erfahrungen wird einem klar, dass dieses lockere Lehrer:in-Dasein doch nicht so schnell und einfach geht, wie man sich das anfangs vorgestellt hat. 

Im Laufe des Studiums lernt man unzählige Wege kennen, die einem ans Ziel bringen. Wie dieses Ziel genau aussieht, hängt von der jeweiligen Problemstellung ab. Nur fällt einem sehr schnell auf, zumindest war das bei mir der Fall, dass nicht jeder Weg der beste für einen ist. Wie so oft im Leben geht es darum, herauszufinden, wo seine Grenzen liegen, wie weit man diese vielleicht auch verschieben sollte und welche Bedingungen für einen selbst bestehen müssen, um so agieren zu können, wie man es sich von sich selbst erwartet. Was will ich also damit sagen? Im Studium muss und soll es auch darum gehen, herauszufinden, wie das eigene Lehrerbild von sich selbst aussieht. Und zwar nicht die Person, die man sich vorstellt, wenn man aus Schüler:innen-Sicht eine „coole Lehrperson“ beschreiben müsste. Sondern es geht um die eigene Person. Die, die weiß, welche Bedingungen in der Klasse herrschen müssen, um die Ziele, die es natürlich auch noch zu definieren gilt, zu erreichen. Man muss versuchen, die Sichtweise zu ändern. Weg von der Schüler:innen-Sicht hin zur Lehrer:innen-Sicht und der Zukunft, in der man trotz gesetzten Grenzen und Regeln, noch die Lehrperson sein will, an die Schüler:innen nach der Schulzeit ohne Bauchschmerzen und Traumata zurückdenken. Mal davon abgesehen, dass ich sowieso der Meinung bin, erst diese Lehrkraft sein zu können, wenn eben das eigene Bild von einem Selbst definiert und gefestigt ist. 

Ein konkretes Beispiel: Eine meiner allerliebsten Lehrer:innen war meine ehemalige Mathematiklehrerin in der Oberstufe. Jap, Mathe. Definitiv nicht mein Lieblingsfach und auch sicher keine unentdeckte Stärke von mir. Sieht man aber von den Fächerinhalten ab, kann ich viel Gutes über den Unterricht berichten. Denn im Gegensatz zu anderen Fächern, in denen ich zwar sehr liebenswerte, aber manchmal zu chaotische Lehrkräfte hatte, schaue ich heute auf einen nicht nur sehr harmonischen und lustigen Mathe-Unterricht zurück, sondern auch auf sehr strukturierte und fokussierte Unterrichtseinheiten. Meiner Meinung nach konnte dieser stimmige, lustige, irgendwo vielleicht auch lockere Unterricht aber nur dann bestehen, wenn gleichermaßen Regeln eingehalten und das Ziel im Auge behalten wurde. Was das Ziel war, welche Regeln in der Klasse herrschen sollten und wo die Grenzen waren, legte hierbei die Lehrperson fest. All diese Dinge hatte meine ehemalige Lehrerin zuvor für sich definiert, für sich Ziele festgesteckt und auch Anforderungen an uns gestellt. Diese Umstände waren sowohl ihr als auch uns klar. Und solange all diese Dinge eingehalten wurden und funktioniert haben, konnte der geplante Unterricht auch manchmal etwas abweichen, und das Lernerlebnis wurde nicht nur schöner, sondern auch viel persönlicher und entspannter. So war Mathe zwar nie mein Lieblingsfach, die Mathe-Matura hingegen aber eine der Prüfungen, für die ich am besten vorbereitet war. Und das ist nicht nur meiner natürlich sehr stark vorhandenen Lernmotivation zu verdanken. ;) Sondern auch meiner ehemaligen Mathe – Lehrerin. 

Was ich damit andeuten will, ist Folgendes: Viele Faktoren nehmen darauf Einfluss, ob ein Unterricht gut oder weniger gut ist. Und zu wissen, wer und wie man als Lehrperson ist, ist einer davon. Neben den ganzen fächerspezifischen und pädagogischen Inhalten im Studium gilt es für Lehramt-Student:innen also auch eins: Sich selbst weit ein Stück weiter kennen zu lernen. Zu definieren, wer man wann sein möchte und zu lernen, sich auch als Lehrkraft akzeptieren zu können. Denn um später einen Unterricht abhalten zu können, der schüler:innenorientiert, unterhaltsam und persönlich ist, ist es wichtig, den eigenen Erwartungshorizont festzulegen und zu wissen, welche Bedingungen herrschen sollen, um auch von sich als Lehrperson das Beste rausholen zu können. Denn ist man sich im eigenen Auftreten und Können sicher, kann man genau dieses Vertrauen in sich selbst auch an die Schüler:innen weiter geben. Schließlich sind auch wir später einmal Vorbilder für unsere Klassen. Und mal ehrlich, wir wollen doch alle einmal, dass unsere Schüler:innen positiv über uns denken. 

Anna Lemmerer ist Autorin bei Schulgschichtn und Lehramtsstudentin im dritten Semester.

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Österreich, das Land der Halbtags-Bildung

Während es in Großbritannien oder Frankreich selbstverständlich ist, dass Kinder und Jugendliche bis mindestens 15 Uhr 30 in der Schule sind, ist in Österreich der Ausbau des Angebots an Ganztagsschulen ein ambitionierter Plan, der nur schleppend umgesetzt wird. Bewusst wird das zuallererst jenen Erziehungsberechtigten, deren Kinder am Beginn ihrer Schullaufbahn stehen. War es bis dahin im Kindergarten selbstverständlich, dass es Mittagessen und eine Nachmittagsbetreuung gibt und zwar unabhängig davon, ob nun die Eltern erwerbstätig sind oder nicht. Mit dem Eintritt in die Schule ist plötzlich alles anders. Plätze in einer Ganztagsschule sind schnell vergeben. Die zweite Alternative, ein Hortplatz, muss erst mal gefunden werden, denn auch diese sind heiß begehrt. Was bleibt, wenn das alles nicht klappt? Großeltern, die schon in Pension sind, kümmern sich um das Kind. Oder Eltern, vornehmlich die Mütter, reduzieren die Anzahl an wöchentlichen Arbeitsstunden. Zusätzlich bleibt auch die Hoffnung, dass es zu einem späteren Zeitpunkt einen Platz in der Nachmittagsbetreuung gibt.

Vorschrift ist Vorschrift

Es ist montags Mittag, viele Schüler und Schülerinnen verbringen ihre Mittagspause vor der Schule. Die vier Bänke vor der Schule sind trotz strömenden Regen mehr als überbelegt. Eine Gruppe von zehn Mädchen und Jungen spielt fangen. Sie überqueren die zum Glück nicht stark befahrene Straße, ohne zu schauen, verstecken sich hinter parkenden Autos. Nichts für schwache Nerven, denke ich mir.

Im Eingang des Hauses, das gegenüber der Schule liegt, stehen andere dicht gedrängt, um sich vor dem Regen zu schützen. Bei den älteren Schülern und Schülerinnen ist es schon vorgekommen, dass sich diese zum Rauchen in das Haus zurückgezogen haben. 

„Frau L. das nervt! Ich kann nicht einmal meine Nudeln in Ruhe essen, selbst die werden nass!“, beschwert sich Zeynep. Und während ich über die Lösung des einen Problems nachdenke, zupft mich Irem am Jackenärmel und flüstert: „Können Sie mir zwei Euro borgen? Ich hab mein Geld zuhause vergessen und bis 17Uhr20 Schule.“

Ich schütze die Nudeln mit meinem Regenschirm, nachdem ich Irem das Geld in die Hand drücke. „Ich küss ihr Herz!“, ruft sie und sprintet zum Supermarkt. 

Das Schultor geht auf. Die ersten geben auf und setzen sich im Windfang auf die Stiegen. Allerdings haben sie ein Detail vergessen, die Schulwartin.

„Alle raus!“, befiehlt sie und wachelt mit den Händen. Meinen Einwand, dass es wirklich richtig ungemütlich draußen ist, kommentiert sie mit: „Dann sollen´s nach Hause gehen.“

Grundsatzdiskussionen an dieser Stelle sind sinnlos, weil Vorschrift nun mal Vorschrift ist. Diese besagt, dass zwischen Vormittags-und Nachmittagsunterricht das Betreten des Schulgebäudes untersagt ist. Am Weg zur Straßenbahn sehe ich vier Mädchen und einen Jungen in die Bipa-Filiale verschwinden. In einer halben Stunde werden sie frisch parfümiert und geschminkt in der Klasse sitzen.

„Was macht ihr da drinnen?“, frage ich

„Uns ist eben langweilig und da drinnen ist es trocken“, erklärt mir Mustafa. Die Angestellte rollt mit den Augen, als sie die vier verlorenen Kinder erblickt.

Aber ehrlich, ich verstehe meine Schüler/innen. Vermutlich hätte ich als 14jährige sechzig Minuten ähnlich verbracht.

Nachhause gehen?

Die Idee der Schulwartin ist gut gemeint, aber in den meisten Fällen keine Option. Die Mittagspause dauert zumeist 60 Minuten. Nur wenige wohnen so nahe, dass eine Pause zuhause möglich ist. 

Manche Kolleg/innen bieten eine Mittagsaufsicht an. Gerade in der Stufe fünf und sechs wird dieses Angebot ganz gerne wahrgenommen. Aber das setzt voraus, dass die Schüler/innen von daheim gut mit Essen versorgt wurden, weil es sich nur um eine Aufsicht handelt. Für die Kolleg/innen bedeutet das, dass diese Betreuungsform gesondert abgerechnet werden muss und in den meisten Fällen auch den Verzicht auf die eigene Mittagspause. Verpflichtet kann niemand dazu werden. Es ist mehr so etwas wie eine Herzensangelegenheit. Denn wer sieht Kindern und Jugendlichen schon gerne beim Frieren vor dem Schulgebäude zu. Es sind aber auch jene Kolleg/innen zu verstehen, die nicht durchgehend von acht Uhr bis mindestens 15 Uhr 40 unterrichten wollen.

Der Nachmittagsunterricht

Die Schule, über die ich erzählt habe, ist eine Halbtagsschule, Nachmittagsunterricht meistens ab der Stufe sechs gibt es dennoch. Ab der dritten Klasse Mittelschule haben die meisten zwei Nachmittage, manche sogar drei, weil dann noch die Unverbindlichen Übungen und der Religionsunterricht dazukommen.

Unterrichtet wird in den meisten Fällen Kunst, Design, Bewegung und Sport und manchmal auch Musik oder Digitale Kompetenzen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass das ja alles keine besonders wichtigen Unterrichtsfächer sind. Die werden auf den Nachmittag geschoben, weil es allem Anschein egal ist, dass die Schüler/innen hungrig, müde, manchmal nass und durchgefroren. Aber das ist eine andere Baustelle. Dazu kommt noch, dass Lernen und das Erledigen von Hausaufgaben ausschließlich auf die Erziehungsberechtigten abgewälzt werden. In Schichten, wo diese nicht unterstützen können, sind die Schüler/innen auf sich allein gestellt. Was bleibt sind Kinder und Jugendliche, denen mit einer ganztägigen Schulform mehr als geholfen wäre.

Warum immer noch halbtags?

Meine Schule ist kein Einzelfall, das ist mir klar. Das Problem der Mittagspause haben österreichweit ziemlich viele Familien. Mütter, die sich ausschließlich um die Kinder kümmern gibt es kaum mehr. Und selbst wenn das der Fall wäre, bietet eine Ganztagsschule viel mehr als die bloße Versorgung bis zum Beginn des Nachmittagsunterrichts. Was bei dem schleppenden Vorankommen des Ausbaus der Ganztagsschule die größte Rolle spielt, ist ein konservatives Weltbild. Die Mutter schupft Haushalt und Kinder, der Vater geht arbeiten. Immer noch und das im Jahr 2023.

Die Ästhetik der Ganztagsschule

Morgens um 07:30 Uhr. Fünf Lehrkräfte sitzen schon im Teamraum, trinken Kaffee und besprechen den bevorstehenden Tag. Einen langen Tag – einige von uns bleiben bis 16:30 Uhr, eine sogar bis 17:25 – wir sind eine verschränkte Ganztagsschule, was bedeutet, dass jedes Kind garantiert bis 16:30 Uhr betreut wird. 

Mittags gibt es gratis Essen. Immer schweinefleischfrei, oft vegetarisch. 

Logistisch ist all dies ein großer Aufwand – für Chancengerechtigkeit ist es uns das aber allemal wert. 

Was längere Anwesenheitszeit mit Chancengleichheit zu tun hat? Alle Kinder haben die gleiche Lernzeit. Wir bieten täglich eine Lernstunde und eine Betreuungsstunde an. In der Lernzeit werden gemeinsam die Hausübungen erledigt. Unter Aufsicht einer professionellen Lehrkraft. In der Betreuungszeit gehen wir Fußball spielen. Oder wir machen eine Schneeballschlacht. Oder wir spielen Werwolf. Manchmal ziehen sich die Kinder zurück und lesen oder spielen Schach. Die Räumlichkeiten erlauben dies. 

Draußen gibt es einen großen Schulhof. Mit Hochbeeten, Spielplatz, Sportkäfigen. Dachterrassen ermöglichen das kurze „Lüften“ der Kinder zwischen den Stunden. Diejenigen, die bis 17:25 Uhr bleiben, sehen vom Klassenzimmer aus die Sonne untergehen. Im Dunklen kommen sie an, im Dunklen gehen sie heim. Ob sie erschöpft sind? Selten. Ob sie lieber zuhause wären? Kaum. Hier sind ihre Freunde, eine kindgerechte Umgebung, ihnen meist wohlgesonnene Lehrkräfte. Hier findet Beziehungsbildung statt. Wir sehen unsere Kinder nicht vier oder sechs sondern bis zu 10 Stunden täglich.

Warum? 

Warum wir das tun, wenn unsere Kolleg:innen oft schon um 13:00 Uhr zuhause sind? Weil wir daran glauben. Weil wir es als die Zukunft erachten. Alle Kinder haben einen Arbeitsplatz, Raum, um in Ruhe zu arbeiten. Und alle können jemanden fragen, der oder die sich auskennt. Dadurch haben fast immer alle Kinder die Hausübungen. Dadurch finden oft themenbezogenen Gespräche statt, die die Unterrichtsinhalte nicht selten aufgreifen. Dadurch wird der Schulalltag, der früher, als ich noch an einer Halbtagsschule tätig war, oft einem Marathonlauf glich, zu einem Ausdauerspaziergang. 

Zwei Stunden Unterricht, eine Freistunde. Drei Stunden Unterricht, zwei Freistunden. Eine Stunde Unterricht. 

Hefte nehme ich nie mehr mit nach Hause. Schularbeiten werden in der Schule vorbereitet und mit anwesenden Kolleg:innen besprochen. Vorfälle werden sofort geklärt, weil ich ja eh da bin und dann auch kurz ein Kind mit Nasenbluten betreuen kann bis die Mama kommt. Mal eben zuhause anrufen kann und mit den Eltern sprechen, weil ich eh in der Schule bin. In Ruhe ein warmes Essen genießen und die Türe schließen, wenn ich eine Pause brauche.

Ja, meine persönliche Freizeit  ist weniger geworden. An der Halbtagsschule konnte ich mir die Arbeitszeit flexibler einteilen. Das ist vor allem für Eltern wichtig, deren Kinder Halbtagsschulen besuchen. Aber  wenn es nur noch Ganztagsschulen gäbe…

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an unterschiedlichen Wiener Mittelschulen.