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Zugegeben, die Abneigung gegen Elternsprechtage oder Elterngespräche nimmt mit den Jahren, die viele Lehrer*innen unterrichten, direkt proportional zu. Für alle Nicht-Mathematiker*innen: Je mehr Dienstjahre, desto weniger Lust auf die herkömmliche Elternarbeit. Das liegt in keinem Fall an den Eltern der Schüler*innen, sondern viel mehr daran, wie diese Gespräche ablaufen. Eltern, die sich, ob unterschiedlicher Barrieren defizitär fühlen, treten zum halbjährlichen Rapport an. 

Die Barrieren

Gerne werden diese Barrieren ausschließlich am sprachlichen Unvermögen in der Landessprache festgemacht. Es könnte, so hören wir es immer wieder, alles so einfach sein, würden die Erziehungsberechtigten gut genug Deutsch sprechen.  Ist dem tatsächlich so? 

Die gute Nachricht: Dieses Problem kann seit kurzer Zeit sehr leicht gelöst werden. Das Zauberwort heißt Videodolmetscher*innen.

Seit knapp einem Monat fördert die Stadt Wien an unserer Schule die Möglichkeit, zu Elterngesprächen professionelle Dolmetscher*innen per Livestream hinzuzuschalten. In 61 Sprachen kann konversiert werden, 13 davon sind ad hoc, also ohne jegliche Anmeldung verfügbar. Es ist ein wahres Aha-Erlebnis, mit den Eltern hier endlich auf Augen – oder eher Mundhöhe zu sprechen. Geschichten, Details, Informationen, Hintergründe sprudeln bald aus ihnen heraus und relevante Informationen (Gab es vorher überhaupt einen Schulbesuch?, Hatte das Kind schon immer Schwierigkeiten beim Rechnen? Steht gerade ein Umzug an?), die man sonst jahrelang nicht wusste und welche doch oft so relevant für die Förderung der Kinder sind, kommen plötzlich ans Tageslicht. Elterngespräche, die sonst häufig nur wenige Minuten dauerten, da das Unbehagen auf beiden Seiten groß war: Versteht er/sie mich? Verstehe ich sie/ihn richtig? Sage ich was Falsches? Was passiert, wenn ich etwas nicht verstanden habe? Wie oft darf ich nachfragen?

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei und eine große Hürde wurde uns genommen, eine große Hilfe angeboten. Es erleichtert unsere Arbeit ungemein und wir sind wieder einen Schritt weiter in Richtung Fortschritt gewandert.

Tatsächlich gibt es aber noch weitere Hindernisse für ein gleichwürdiges Miteinander außerhalb der sprachlichen Diskrepanzen.

Gespräch unter Expert*innen

Wir sind der Überzeugung, dass es an viel mehr Dingen scheitert als ausschließlich an der Sprache. So entsteht im Umgang mit den Eltern zeitweise der Eindruck, Kolleg*innen würden nicht unterscheiden können, wen sie vor sich haben. Erwachsene, mündige Menschen werden zu gerne wie ihr Nachwuchs behandelt. Deutlich wird in derart geführten Gesprächen der Status-Unterschied demonstriert. „Ich bin die Lehrperson und werde wohl am besten wissen, wie ich mit meinen Schüler*innen umgehe“. Aus den Augen verloren wird, dass nicht nur Lehrer*innen, sondern auch Eltern Expert*innen für das betreffende Kind sind. In Wahrheit treffen zwei unterschiedliche Expert*innen an einem Tisch zusammen. Das wäre doch die perfekte Ausgangssituation für Auseinandersetzungen in Gleichwürdigkeit. Jede/r kann sein/ihr Wissen ins Spiel bringen, gemeinsam können Lösungen zum gelingenden Arbeiten gefunden werden.

Schwierige Eltern

Ja, auch Eltern können unangenehm sein, das steht außer Zweifel. Aber es würde sich auch in diesem Fall lohnen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Viele Erziehungsberechtigte der Mittelschulkinder haben, wie ihre Kinder, auch „nur“ die Hauptschule bzw. die Mittelschule besucht. Sie haben schon am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, eine Schule zu besuchen, deren Ansehen gesellschaftlich nicht das beste war. Sie selbst haben oft schlechte Erfahrungen mit Lehrer*innen gemacht. Und manche waren so mies, dass sie nicht vergessen werden konnten. Ungleichwürdige Situationen triggern ganz schnell frühere Erlebnisse. Und selbst wenn man erwachsen ist, im Namen des Kindes hier ist, passiert es dennoch, dass man eben nicht erwachsen reagiert. Selbst auf die Gefahr hin, dass ein nicht gelungener Auftritt in der Institution Schule dem eigenen Kind sehr schaden kann. Sippenhaftung heißt das und trägt nur zu weiteren Gräben in der Eltern-Lehrer*innen-Beziehung bei.

Die falsche Reflexionskultur

Ein anderer Fakt ist, dass Eltern und Erziehungsberechtigte oft nur dann in die Schule geholt werden, wenn ein Problem aufpoppt, für deren Behebung jetzt mal die Eltern zur Verantwortung gezogen werden müssen. Wenn alles gut läuft, dann suchen Lehrer*innen nur in seltenen Fällen den Kontakt zu den Eltern. Wenige sind bisher dazu übergegangen zum Beispiel auch positives Verhalten ins Elternheft zu schreiben. „Stimmt, es heißt bei mir nicht Mitteilungs- sondern Elternheft. Ich weiß noch sehr genau, dass meine Schüler*innen zu Beginn sehr verwundert waren, wenn ich sie auf diese Art lobte. Noch erstaunter waren die Empfänger*innen der frohen Botschaften. So gab es einmal den Vater einer Schülerin, der sich bei mir telefonisch versichern wollte, ob die Nachricht eh nicht gefälscht wäre“, berichtet eine Lehrerin, und genau anhand dieser Anekdote lässt sich sehr schön aufzeigen, wie ungewohnt positive Rückmeldungen sind.

Eltern-Cafés?

Eine Möglichkeit wäre Eltern-Cafés, die ein Mal im Monat stattfinden. So könnten wir Räume für den Austausch schaffen, für eine positive Reflexionskultur.  Erziehungsberechtigte hätten im Rahmen dieser Veranstaltungen die Möglichkeit eines Austausches auf Augenhöhe, ohne Angst oder Unterlegenheitsgefühl. Ein Ort, den man besuchen kann, aber nicht muss. Das Sprichwort Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, hält sich nicht von ungefähr seit Jahrzehnten. Zusammen, auf Augenhöhe, voll involviert. Das sind die Schlagworte der Elternarbeit. Und das Argument der fehlenden Sprache ist – Technik sei Dank – nun endlich keine Ausrede mehr!

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an einer Mittelschule in Wien.

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Unsere Kinder haben von heute auf morgen ihren „Alltagsrhythmus“, ihren Schulalltag und die lebendig-interaktive Beziehung mit ihren Lehrer*innen und Mitschüler*innen verloren. Der Schock ist groß.

Was ist die Chance? 

Die Chance ist, die Kinder in diesen Krisenmonaten erfahren zu lassen, dass die Schule ihr Freund ist, ein Backup-System, ein Kreis aus wohlgesonnenen Begleiter*innen, die vermitteln, dass Lernen Spaß macht. Ein System, das Erleichterung bringt, unterhaltsam ist und Langeweile vertreiben kann. Diese Chance nicht zu nutzen wäre nicht nur schade, sondern könnte sich als bedrohliches Szenario für den Familienalltag in Zeiten der Coronakrise herausstellen. Darum müssen wir Eltern, Direktor*innen und Lehrer*innen mit konstruktiv-kritischem Blick auf Weisungen von Bildungsdirektion und Bildungsministerium schauen. Weisungen, die dahin gehen, dass am Ende dieser Zeit das „Ergebnis“ der zuhause für die Schule erbrachten Leistungen bewertet wird und in die Note miteinfließen könnte. Die Auswirkungen solcher Weisungen können aber, in einer Ausnahmesituation wie dieser, auch zur Destabilisierung vieler Familien beitragen.

Zu allererst ist in diesem Appell wichtig ein Verständnis für beide Seiten zu generieren:

Verständnis für alle Lehrer*innen und Direktor*innen, die sich für ihre Schüler*innen bemühen, das Richtige zu tun und ihr Bestes geben, sowie für alle Eltern, die ebenfalls bemüht sind das Richtige zu tun und ihr Bestes geben.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auf die Schulen schauen, die es den Schüler*innen, durch raschen Kontakt und Vermitteln von Strukturen, ermöglichen eine Art von Sicherheit, Normalität und Orientierung zu erfahren, um weiter lernen zu können.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auch auf alle Eltern schauen, die ihren Kindern jetzt Mut zusprechen, Gespräche führen und ihnen ein entspanntes, sicheres Zuhause bieten.

ABER muss es nicht der Hauptfokus in einer solchen Krise sein, emotionales Verdauen in den Vordergrund zu stellen, Quality Time miteinander zu haben, Entspannung zu generieren und die Kinder auf diese Weise seelisch gesund zu halten? Wenn wir als Eltern durch Weisungen und Verpflichtung zu konkreten Leistungen auch noch Kontrollinstanz für unsere Kinder sein müssen, kann nichts gutes dabei herauskommen. Im Gegenteil.

Manche Familien sind glücklicherweise von diversen Ressourcen gestärkt, haben Unterstützung, weil mehrere Erwachsene im Haus sind, weil sie Zugang zu Garten oder Wald haben, oder weil es ihnen ihre Bildung oder Charakterstruktur erlaubt, Autoritäten zu hinterfragen. Weil sie nicht allen Weisungen Folge leisten und eigene Prioritäten setzen. In solchen Familien wird der Druck zu lernen vermutlich nicht zu groß werden und dadurch wird Raum entstehen für die Entfaltung von kindlicher Kreativität. Aber bei Weitem nicht alle Familien sind so begünstigt.

Denken wir nur an Alleinerziehende, die vielleicht sogar mit mehreren Kindern aus unterschiedlichen Klassen in der Stadt in kleinen Wohnungen zusammenleben und nicht wirklich hinaus können. Denken wir an Eltern, deren Einkommen von heute auf morgen wegbricht. Eltern, die derzeit versuchen von zuhause aus zu arbeiten und dies nicht tun können, weil sie 24/7 von den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Kinder umringt sind. Denken wir an Eltern, die sich nicht trauen Autoritäten herauszufordern, und den Druck unhinterfragt an ihre Kinder weitergeben.

Es bräuchte nun extra Präsenz, Konzentration, Zeit und Verfügbarkeit um die Kinder zu Hause bei schulischen Aufgabenstellungen zu begleiten. Viele Eltern können dies jedoch  in der momentanten Krisensituation nicht aufbringen.

Eltern sind gezwungen die Rolle der Lernbegleiter*innen zu übernehmen. Es gibt allerdings viele Eltern, die das langfristig überfordern wird und so gerät das emotionale Gleichgewicht vieler Familien zusätzlich ins Wanken. Wir müssen  in dieser speziellen, von begrenzenden Erfahrungen geprägten Ausnahmesituation darauf achten, keine zusätzlichen belastenden Faktoren in den häuslichen Ausnahmealltag mit einzuladen. In Krisensituationen ist es ungemein wichtig, Erwartungen und Anforderungen herunterzuschrauben und nicht immer funktionieren zu müssen.

Wenn der Fokus in der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus auf Pflichterfüllung liegt, wenn es “einzuhaltende Abgabetermine” und Deadlines gibt und das “Sollen” und “Müssen” dominiert, als wären wir in einer normalen Alltagssituation, wird das viele Familien zusätzlich belasten.

Wir müssen uns konstruktive Sorgen um das emotionale Gleichgewicht in Familien machen. Ein Gleichgewicht, das dafür sorgen kann, dass Kinder seelisch möglichst unbeschadet aus dieser Notsituation heraustreten.

Wir stehen an der Schwelle zu kollektiv traumatischen Erfahrungen, vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Krankheit näher – bei manchen bis ins Wohnzimmer – rücken wird, wenn Familienangehörige betroffen sein werden, Eltern oder Kinder erkranken oder die Großeltern, die im Sterben liegen, nicht besucht werden dürfen. In dieser Situation darf von Seiten der Schulen der Druck herausgenommen werden!

Aus Sicht der Krisenintervention ist es essentiell, ein gesundes Ebenmaß an Struktur und Freiheit zu etablieren. Das kann gelingen indem das Bildungsministerium in diesen Monaten auf die Idee von Leistung und Benotung verzichtet. Lehrkräfte müssen darin bestärkt werden, Aufgaben einladend zu beschreiben, Arbeitsaufträge offen zu lassen und nicht zu viele Aufgaben gleichzeitig zu vergeben. Sie sollen in der Kommunikation ermuntern, auch mal “frei” zu nehmen. Nehmen wir die Worte “sollen” und “müssen” aus dem Lehrplan-Vokabular und ersetzen sie durch “dürfen” und “ausprobieren”. Erinnern wir die Kinder, dass Lernen auch bedeuten kann, ein Kochbuch zu lesen und für die Familie zu kochen, Samen am Balkon anzupflanzen, Tagebuch zu schreiben, zu basteln, zu zeichnen, zu tanzen, Musik zu hören, Spiele zu spielen oder lustige Lernvideos anzuschauen.

Für Eltern könnte es eine Entlastung bedeuten, darin bestärkt zu werden, sich gemeinsame Entspannung zu gönnen, Zeit für Gespräche und Verarbeitung der Situation zu nehmen und von der Rolle der Lernkontrollinstanz freigesprochen zu werden. Diese Entlastung könnte sich auch positiv auf die natürliche Lernbereitschaft der Kinder auswirken.

Wollen wir wirklich, dass die Kinder am Ende dieser Krise unter enormen familiärem Stress ihre Aufgaben erledigt haben oder darf es jetzt  das Wichtigste sein, dass die Kinder fröhlich und von familiärem und schulischem Rückhalt gestärkt wieder zurück in die Schule kommen?

Die Autorin ist Mutter von drei Kindern im Schulalter.

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Ahmed* hat zwei Jahre Zeit. Zwei Jahre um die wegen des Kriegs versäumte Volksschulzeit nachzuholen. Zwei Jahre den Status als “außerordentlicher Schüler” (a.o.) um Schreiben, Lesen und Rechnen zu lernen. Und das alles in einer neuen Sprache, in einem fremden Umfeld.

In einem Umfeld und in einem System, wo zwar viele ihr Bestes versuchen, das aber durch starre Vorgaben keine Rücksicht auf die Lebensumstände und das Erlebte von Ahmed nimmt.

Zwei Jahre für Ahmed und seine Lehrerinnen und Lehrer also das beinahe unmöglich Scheinende, aber absolut Notwendige zu schaffen.

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