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Lesezeit: 3 Minuten

Aus gegebenen Anlass findet die Konferenz im Festsaal statt. Die Stühle stehen im Abstand von mindestens einem Meter. Zögernd nehmen wir die Masken ab. Dürfen wir das denn? Ja, wir dürfen, sagt die Schulleiterin.

Ich gucke aus dem Fenster. Der graue, regenverhangene Himmel hat sich allem Anschein nach meiner Stimmung angepasst. Die in den Gängen angebrachten Hinweisschilder über die neuen Regeln der Zusammenarbeit wirken nach. Alles bestimmt und exakt durchgeplant. Die Benützung des Eingangstors, einzeln eintreten, Hände desinfizieren, zügig in das jeweilige Stockwerk gehen, Schuhe vor der Klasse ausziehen und zu dem Platz gehen, den die Lehrer*innen für die Schüler*innen vorgesehen haben. Aufstehen ist nur mir ausdrücklicher Erlaubnis der Lehrer*innen erlaubt. Der Aufenthalt in den Gängen ist nur mit Maske erlaubt.

Wer sich nicht an die Regeln hält, wird für diesen Tag vom Unterricht ausgeschlossen.

Die Schule vor Corona fällt mir ein. Alles lebte und pulsierte. Es wurde umarmt, die Köpfe wurden zusammengesteckt, Wasserflaschen geteilt und oft guckten fünf Schüler*innen gemeinsam Videos auf einem Smartphone.

Die Konferenz

Es folgt zu Beginn eine längere Einführung und Auffrischung des Regelwerks. Vieles, was manchen selbstverständlich erscheint, stellt andere vor Rätsel.

Die Einteilung der Pausen erfolgt individuell. Die Pausenglocke, eines der Relikte aus der K&K-Zeit, wird deaktiviert. Zumindest etwas positives, denke ich mir.

Ein Kollege meldet sich zu Wort.

„Ich würde dann durchgehend unterrichten. Pause brauchen die eh keine, weil sie ja aufs Klo dürfen, auch während der Stunde. Und, also wenn ich tatsächlich Pause mache, dann reichten ja auch fünf Minuten zum Essen.“

„Ja, was machen wir den mit denen in der Pause? Das wird ja fad!“

Ich krame in meinem Rucksack. Irgendwo hatte ich noch Schokolade. Schokolade beruhigt die Nerven. Meine Nerven brauchen das jetzt, genau in dieser Sekunde. Ha! Da ist sie, Erdbeer-Schokolade. Was für ein Glück.

Dann fällt das Thema, wie kann es anders sein, auf die Notengebung.

„Also mit einem Fünfer dürfen sie in jedem Fall aufsteigen? Mit zwei oder mehr nur nach Beschluss der Klassenkonferenz?“

„Na meistens ist ein zweites Nichtgenügend in Aussicht und das Lehrer*innen-Team entscheidet dann. Alles klar! Den Kevin* müssen wir eh nicht mitnehmen. Keine Angst!“ Es folgt erleichterndes Gekicher. Wer will schon Kevin in der Klasse haben?

„Nein, Jadranka wiederholt fix. Von der habe ich seit Wochen nichts gehört. Vielleicht wurde sie von ihren Eltern nach Serbien geschickt. Also, sicher sogar. Ich habe ja nichts von ihr gehört.“ Kluge Eltern, denke ich mir. Schließlich arbeiten beide im Pflegebereich.

„Geh bitte! Immer diese Ausreden! Krise hin oder her. Leisten müssen sie dennoch was. Den Rest ihres Lebens werden sie auch nicht gefragt werden, ob sie es denn zuhause schwer hatten.“ Totschlagargument Nummer eins, fällt mir ein.

Ich schiebe mir eine Rippe Schokolade in den Mund. Der Geschmack nach Blendi-Erdbeer-Zahnpasta lenkt mich ab. Leider nur kurz.

Wieder einmal dreht sich alles um die Beurteilung der schulischen Leistungen. Ich bin fassungslos. Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze und stehen vor dem Nichts. Kinder und Eltern können wochenlang der Enge viel zu kleiner Wohnungen kaum entfliehen. Soziale Kontakte müssen eingeschränkt werden. Kindergärten und Schulen sind geschlossen. Familiären Konflikten kann kaum etwas entgegenhalten werden. Und die Institution Schule hat nur eine Sorge. Nämlich kann ich jetzt Mohamed durchfallen lassen, oder muss ich den in die nächste Klasse mitnehmen. Leistung ist Leistung. Keine Leistung ist keine Leistung. Wer nicht folgt, fliegt!

Die zweite Rippe Schokolade bleibt mir fast im Hals stecken.

Hallo Schule? Was geht?

Die Corona-Note

Ich bin keine Freundin der Notengebung. Weil ich mir schon sehr lange bewusst bin, dass mit Hilfe von Zensuren maximal Anpassungsleistung gemessen wird. Wer sich am besten mit dem System Schule arrangiert, zählt zu den Systemgewinner*innen. Aber, wenn die Sehnsucht nach Beurteilung so groß ist, dann führen wir doch die Corona-Note ein. Dann benoten wir die nicht-schulischen Leistungen, die die Schüler*innen in den letzten Wochen der Krise erbracht haben.

Yussuf, 12 Jahre: Sehr gut in allen Bereichen. Er kümmert sich tagsüber um seine kleinen Geschwister, weil die Mutter im Handel arbeitet. Der Vater ist gleich zu Beginn der Corona-Krise untergetaucht.

Elena, 14 Jahre: Sehr gut in allen Bereichen. Sie erklärt seit Wochen nicht nur ihrer Kernfamilie, wie Schule und Leben in der Krisenzeit funktionieren. Übersetzt Formulare, füllt Ansuchen aus, nicht nur die, die die Schule betreffen.

Manuela, 11 Jahre: Sehr gut in allen Bereichen. Sie erträgt seit Wochen ihre häusliche Situation. Die sie ständig überwachende Mutter, der kontrollsüchtige Vater, der angeblich nur aus reinem Verantwortungsgefühl handelt. Der geistig behinderte Bruder, der die elterliche Aufmerksamkeit bekommt, die nach Totalüberwachung der Tochter noch vorhanden ist. Den Schutzraum Schule gibt es zurzeit nicht.

Ali, 15 Jahre. Sehr gut in allen Bereichen. Er verzichtet seit Wochen auf sein Fußballtraining. Er liebt es, weil er nicht zuhause sein muss. Weil er sich so richtig auspowern kann. Dann vergisst er, dass der Kühlschrank nicht immer voll ist, und die sorgenvolle Blicke seiner Eltern, wenn sie abends über den Kontoauszügen sitzen. Jetzt kann auch er dem Ganzen nicht entfliehen. Also baut er seine Eltern auf, spricht ihnen Mut zu.

Maxi, Elisabeth, Justin, Ayse, Vanessa, Dragana und all die anderen: Sehr gut in allen Bereichen, weil sie das Distance-Learning perfekt gemeistert haben. Ich bin für eine Gesamtnote über die letzten Wochen. Alle erhalten eine Eins. Und die können ja meine geschätzten Kolleg*innen in die Jahresnote einfließen lassen. Dann dürfte der positive Abschluss des Schuljahres 19/20 kein Problem mehr sein, auch bei Kevin.

*Namen wurden geändert.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule.

Lesezeit: 4 Minuten

Wie ist der Re-Start des Präsenzunterrichts bei euch an der Schule organisiert? 

Silvia*: „Bei uns werden die Klassen in 2 Gruppen geteilt, die sich alle 3 Tage abwechseln. Jede Klasse bekommt 3 Lehrer*innen, die sich alle Fächer aufteilen.“

Fabian: „Bei uns wird der Re-Start im ABABAB-Rhythmus ablaufen. Jeden Tag 4 Unterrichtsstunden zeitversetzt (dh. die ersten Klassen von 7:30 bis 11:30, die zweiten von 8 bis 12 Uhr usw.). Nachmittagsbetreuung und Betreuung an Hausaufgabentagen ist auf Wunsch möglich.“

Anna: „Wir werden die Kleingruppen jeden zweiten Tag unterrichten. Unterrichtet werden die Schüler*innen von kleinen Teams, so dass wir im Falle einer Covid19-Erkrankung schnell reagieren können. Allerdings ist es eine Illusion, dass man am alten Stundenplan festhalten kann.“

Beate: „Die beiden Gruppen kommen abwechselnd einen Tag in die Schule und haben danach einen Hausübungstag, während die andere Gruppe in der Schule ist. Nachmittagsunterricht gibt es keinen mehr und den Stundenplan haben wir neu geschrieben, sodass unter anderem jeden Tag jedes Hauptfach unterrichtet wird, damit ein klarer Rhythmus für die Kinder garantiert wird und jede Gruppe ‚gleich viel‘ bekommt.“

Wie wurde euer Re-Start System beschlossen? Partizipativ? 

Silvia: „Beschlossen wurde es bei uns bei einer Online-Konferenz mit Abstimmung – sehr partizipativ.“

Fabian: „Die Vorgehensweise wurde von der Direktorin gemeinsam mit den Teamleiter*innen der vier Jahrgangsstufen festgelegt.“

Anna: „Bei uns wurde abgestimmt. Ob ich glücklich damit bin? Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung. Meines Erachtens hätte man zumindest die Elternvertreter*innen in diese Abstimmung miteinbeziehen sollen. Auch ist es organisatorisch nicht möglich auf Geschwisterkinder Rücksicht zu nehmen.“

Beate: „Wir haben über Gruppenrhythmus und Fenstertage per Mail abgestimmt. Gruppeneinteilungen haben die Klassenvorstände vorgenommen, da sie die Kinder am besten kennen. Auf Klassenebene wurde uns viel Gestaltungsspielraum, was beispielsweise den Stundenplan betrifft, eingeräumt.“

Wo seht ihr Probleme beim Re-Start bei euch an der Schule?

Silvia: „Probleme beim Re-Start sehe ich, weil die Schüler*innen, die zu Hause bleiben (Selbstauschluss vom Präsenzunterricht) nicht zusätzlich online betreut werden. Das bedeutet, dass diese Schüler*innen jetzt noch weniger Lernmaterial und Betreuung der Klassenlehrer bekommen als vorher. Die Pausenregeln sind bei uns auch sehr restriktiv – die Kinder sollen so gut es geht in der Klasse sitzen bleiben. Nach 2 Monaten eingeschlossen zu Hause wird das meiner Meinung nach nicht möglich sein. Auch die Hygienevorschriften für die Schüler*innen werden nicht gut durchsetzbar sein… selbst nur 12 Kinder in einer Klasse werden nicht dazu gebracht werden können in der Pause auf ihrem Sessel zu sitzen und nur mit Mundschutzmaske mit anderen Schüler*innen in Kontakt zu treten.“

Fabian: „Die Abstandsregeln einzuhalten wird für die Kinder (und Lehrer*innen) sicher nicht leicht. Auch werden sicherlich nicht alle Eltern, die Betreuung für ihre Kinder eigentlich bräuchten, ihre Kinder auch anmelden.“

Anna: „Ich habe echt ein bisschen Angst, dass bei uns an der Schule der Kasernenton Einzug halten wird. Vor der Schule müssen zwei Kolleg*innen stehen, die auf den Abstand achten. In der Klasse werden wir dauernd damit beschäftigt sein, die Schüler*innen auseinander zu halten. Eine Kollegin hat während der Lockdown-Zeit Betreuung von nur vier Schüler*innen gemacht und schon da erlebt, dass die Schüler*innen kaum zu trennen sind. Wie auch? Nach acht Wochen freuen sie sich aufeinander. Auch bezüglich des Händewaschens wird es stressig. Mal abgesehen davon, dass wir kein Warmwasser in der Klasse haben, ist auch da zu erwarten, dass der Ton mancher Kolleg*innen eher scharf wird. So kam zum Beispiel die Anfrage während einer Konferenz, ob man diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten nach Hause schicken kann.“

Beate: „Die Abstandsregeln einzufordern wird sicher besonders herausfordernd, doch ich hoffe, dass viele Kinder das nach den ersten Wochen internalisiert haben werden. Mehr Sorgen machen  wir uns gerade um eine attraktive Unterrichtsgestaltung. Nach so langer Zeit des alleine-Lernens wären Partner- und Gruppenarbeiten dringend notwendig und könnten dazu beitragen den sozialen Mangel der letzten Wochen auszugleichen. Doch das wird nicht möglich sein. Genauso wie offenes Arbeiten, bei dem sich Kinder auch mal frei durch die Klasse bewegen dürfen um sich Material oder Hilfe bei anderen zu holen. Weil wir eine offene Ganztagsschule sind, bewirken das Streichen der Turnstunden und des Nachmittagsunterrichts längere und komprimiertere Vormittage. 6 Stunden am Stück am eigenen Platz zu sitzen ist für viele Kinder eine echte Herausforderung.“

Gibt es auch Vorteile? 

Silvia: „Vorteile beim Re-Start sind, dass man jetzt noch einmal intensiv Zeit bekommt die wichtigsten Jahresthemen zu besprechen und die Kinder digital so zu schulen, dass bei einem nächsten Lockdown alles vorbereitet ist. Zudem kann man sozialpädagogisch viel nachholen und hat abschließend Zeit für ein spannendes, fächerübergreifendes Abschlussprojekt in der Klasse.“

Fabian: „Für die meisten Eltern ist es auf jeden Fall eine große Erleichterung, auch wenn der ABABAB-Rhythmus wahrscheinlich viele Eltern auch wieder vor große Herausforderungen stellt. Auch für die Kinder ist es glaub ich extrem wichtig, dass sie wieder in die Schule können, besonders für die Schwächeren, die zu Hause aus verschiedensten Gründen komplett überfordert waren.“

Anna: „Die Schüler*innen sehen sich endlich wieder. Sie können raus und wieder Normalität lernen. Viele haben die Schule als einzig sicheren, nahezu sorgenfreien Ort. Auch ich muss Normalität wieder lernen. Im Bezug auf die vierten Klassen finde ich es gut, weil die ja die Abschlussklassen sind.“

Beate: „Natürlich ist es ein ‚Luxus‘ mit so kleinen Gruppen arbeiten zu können. Da ist methodisch mehr möglich als mit der ganzen Klasse. Man hat viel mehr Zeit um auf jedes Kind einzugehen, bei Bedarf auch noch stärker als sonst zu differenzieren und natürlich auch alles in Ruhe aufzuarbeiten.“

Am letzten Schultag bin ich glücklich, wenn … 

Silvia: „… die Kinder auch über den Sommer bei Feriencamps teilnehmen können oder mit Learningapps bzw. Lernbetreuungen aktiv bleiben, damit besonders schwache Schüler*innen die verpasste Betreuung nachholen können.“

Fabian: „… ich meine Schüler*innen mit einem guten Gefühl in die Ferien entlassen kann, wenn ich das Gefühl habe, dass die Schwächeren nicht komplett den Anschluss verloren haben und wenn die begründete Aussicht auf einen ’normalen‘ Start im Herbst besteht.“

Anna: „… wir alle gesund durch diese Wochen gekommen sind. Und wenn es den Schüler*innen gut geht.“

Beate: „… es uns in den Wochen gelungen ist, wieder jedes Kind abzuholen und nach dieser Zeit aufzufangen und wenn es vielleicht doch noch erlaubt wird, dass sich zumindest am Zeugnistag die ganze Klasse noch einmal sehen kann :)“

*Namen von der Redaktion geändert.

Die Autor*innen unterrichten an Mittelschulen in Wien.

Lesezeit: < 1 Minute

In den vergangenen Wochen war in den Medien immer wieder von Lehrer*innen, Direktor*innen, Eltern und Bildungsexpert*innen zu hören, die ihre Sichtweise der momentanen Situation schildern. Doch wie gehen Schüler*innen mit dem Lockdown um? Welche Herausforderungen gibt es, welche Sorgen, welche Wünsche? Redakteurin Simone Peschek hat sich mit zwei ihrer Schüler*innen unterhalten und daraus erstmalig einen Schulgschichtn-Podcast gestaltet.

Musik: Komiku – School
Lesezeit: 4 Minuten

Die Krise zeigt auf, was im Schulsystem schief läuft und was zu lange vernachlässigt wurde. Damit birgt sie große Chancen, eine konstruktive Entwicklung anzustoßen und voranzutreiben.

Ein gerechteres System

Es ging groß durch die Medien, hat Aufsehen erregt und für viele Diskussionen gesorgt. Die Ergebnisse einer Umfrage zeigten, dass 20% der Kinder – so war es zumindest am Beginn des Homeschoolings – nicht erreicht wurden. Das ist eine unheimlich große Zahl an Kindern und zurecht war die öffentliche Empörung darüber enorm. Kennt man aber Schulen, in denen Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien kommen, überrascht diese Zahl kaum noch. Die traurige Tatsache ist nämlich, dass auch im “Normalbetrieb” nicht alle Kinder immer erreicht werden. Fehlende Unterstützungssysteme, Traumatisierungen, zahllose Fehltage oder familiäre Verantwortung, die keinem Kind zugemutet werden sollte, führen auch im Regelbetrieb dazu, dass Kinder zurückbleiben, dass man nicht zu ihnen durchdringt und dass sie den Anschluss verlieren. Auch wenn es vielleicht nicht immer 20 Prozent sind, ist dennoch jedes Kind, das auf diese Weise zurückgelassen und aufgegeben wird, eines zu viel. Endlich empört sich auch die Öffentlichkeit darüber. Endlich wird der Blick auch in diese unangenehmen Ecken unseres segregierenden Schulsystems gelenkt. Endlich wird sichtbar, was viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Was einmal an der Oberfläche ist, kann nicht mehr so leicht verdrängt werden. So ist die Sichtbarmachung dieses systemimmanenten Problems hoffentlich der erste Schritt in Richtung einer Lösung. Ein Schritt hin zu einer Schule und einem Schulsystem, das erst dann als erfolgreich gilt, wenn es in der Lage ist Ungleichheiten aufzuzeigen und auszugleichen und in dem kein Kind mehr übersehen oder nicht erreicht werden kann.

Teamarbeit

Der Lehrer*innenberuf ist vielerorts leider immer noch geprägt von Einzelkämpfertum. Die derzeitige Krise hat durch das Social-Distance-Learning viele Lehrkräfte und Pädagog*innen zur Teamarbeit gezwungen. Aufgaben müssen aufeinander abgestimmt, Abgabetermine koordiniert und Kommunikationskanäle vereinheitlicht werden. Natürlich ist hier noch viel Luft nach oben, Eltern und Schüler*innen klagen über Social-Distance-Learning via 5 verschiedener Apps und 3 verschiedener Videotools. Dennoch blitzen immer mehr Phasen des echten Teamworks auf, wo gemeinsame Ziele und Aufgaben für eine Klasse geschaffen werden. Diese Art des Zusammenarbeitens, die Koordination, die Absprache und das Schaffen gemeinsamer Ziele sollten nach Überstehen der Krise zum Arbeitsstandard an jeder Schule zählen. Hoffentlich hilft uns das Virus, das Einzelkämpfertum im Lehrer*innenzimmer hinter uns zu lassen und als Team zusammenzuarbeiten.

Digitaler Unterricht als Normalität 

Schulalltag ist stressig und dicht getaktet. Stunden vorbereiten, Material erstellen, verbessern und natürlich: unterrichten. Meist bleibt wenig Zeit und Raum für “Spielereien”. Man hört immer wieder von neuen Tools, spannenden Websites und Angeboten und nimmt sich vor, sich diese “mal anzuschauen” und auszuprobieren. Im Alltag neigen solche Vorsätze allerdings dazu, in den Hintergrund zu verschwinden. Wenn man Vorbereitungen nach einem langen Unterrichtstag macht, wird in der Regel doch auf Bewährtes und Vertrautes, meist Analoges, zurückgegriffen.

Bis vor ein paar Wochen hätte ein Großteil der Lehrkräfte digitale Planungen, Lernvideos, Arbeitsaufträge, Quizzes oder Share Plattformen wohl kaum zu diesem bewährten und vertrauten Aufgabenkanon gezählt. Nun wurde die Umsetzung dieses lange vor sich hergeschobenen Vorsatzes von der Krise beschleunigt, ja regelrecht erzwungen. Innerhalb weniger Tage und Wochen fand ein Großteil der Lehrkräfte neue Wege, hat teilweise von 0 auf 100 begonnen digital zu arbeiten. Und siehe da, es ist gar nicht so kompliziert wie gedacht, es kann funktionieren und die Arbeit nicht nur für die Kinder ansprechender und zeitgemäßer gestalten, sondern sogar für Lehrkräfte Vorteile und Erleichterungen bringen. Natürlich läuft noch bei weitem nicht alles optimal, es werden zu viele verschiedene Plattformen genutzt und durch das problemlose Erstellen von Aufgaben werden Kinder teilweise mit Aufgaben überflutet. Hier muss also noch nachgebessert werden, aber die Richtung stimmt. Wenn diese Entwicklung auch nach der Krise nicht vergessen, sondern fortgeführt, weiterentwickelt, vereinheitlicht und perfektioniert wird, liegt darin die Chance Schule und Unterricht tatsächlich zu modernisieren und obendrein auch Schüler*innen wirklich digital zu bilden.

Schulautonomie mitnehmen

Viele Vorgaben, wie mit den neuen Herausforderungen umzugehen ist, gab und gibt es in Corona-Zeiten nicht. Schulleiter*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen müssen deshalb gemeinsam für ihren Standort Entscheidungen treffen. Welche E-Learning Plattform wollen wir verwenden? Wie kommunizieren wir miteinander? Wie werden Journaldienste eingeteilt? Mit der stufenweisen Öffnung der Schulen ab Mai werden hier noch viele weitere Fragen gestellt und Lösungen gesucht werden müssen. Die Krise zeigt: Jede Schule braucht etwas anderes und die Kolleg*innen und Schüler*innen vor Ort wissen am besten, was für sie der richtige Weg ist. Auch nach Corona sollte die Schulautonomie gestärkt werden, damit jede Schule selbst entscheiden kann, wie der Schulalltag gestaltet sein soll. Nur so ist auch Innovation im Bildungssystem möglich!

Autonomie hat ihre Tücken – auch jetzt

Schulautonomie ist wichtig, kann aber auch dazu führen, dass manche Verantwortlichen ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. So zeigt die Krise durchaus auch, dass es Schulleiter*innen gibt, die sich der Suche nach Lösungen entziehen und die Kolleg*innen ohne Vorgaben oder Kontrollen machen lassen was sie möchten. Es gibt Lehrer*innen, die sich kaum Mühe geben, das Homeschooling so zu gestalten, dass es bei den Schüler*innen auch ankommt. Es gibt Schulen, in denen Kommunikation in diesen schwierigen Wochen kaum stattfindet. Schulautonomie soll deshalb nicht Wegschauen bedeuten: Wir brauchen zentrale Vorgaben, wir brauchen Ziele und auch Überprüfung, aber vor allem brauchen wir Angebote und Ressourcen. Wie soll eine Schule innerhalb von 2 Tagen eine E-Learning-Strategie erarbeiten, diese allen Schüler*innen und Lehrer*innen nahebringen und dann auch noch die nötigen Geräte bereitstellen? Dieses Versäumnis gilt Bildungsministerium und Bildungsdirektionen – diese Strategien hätten schon längst eingefordert werden müssen, mit der nötigen Begleitung und (auch finanziellen) Unterstützung. Dann können sie auch je nach Schule autonom gestaltet werden. Hoffentlich lernen wir aus dieser Krise, dass wir uns auf die nächste besser vorbereiten sollten, anstatt erst dann zu handeln, wenn wir schon mittendrin stehen.

Die Krise legt offen, was schon lange schief geht

Die derzeitige Krise schafft neue Probleme, keine Frage. Vor allem aber legt sie jene Probleme schonungslos offen, die schon seit Jahren (mehr oder weniger) latent im System vorhanden sind.  Dass ein gewisser Prozentsatz von Kids an Mittelschulen nur schwer oder gar nicht erreichbar ist, empört zu recht, überrascht aber wenige, die im System arbeiten. Schon vor der Krise gab es dieses Problem, fand aber in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung.  Dass die Krise besonders jene trifft, die es sowieso schon nicht leicht haben, zeigt, dass unser Bildungssystem auch davor schon ungerecht war. Dass manche Lehrer*innen von digitalen und pädagogischen Neuerungen nichts wissen wollen, war auch vorher schon klar. In der Krise zeigt sich, wer seine Verantwortung wahrnimmt. Fehlende Konzepte und gemeinsame Ziele, fehlende Abstimmung, Koordination und Vereinheitlichung waren schon lange ein Problem (ändert sich gerade, siehe oben) und wird durch die Krise deutlich offenbart.

In vielen dieser Bereiche finden gerade innovative Prozesse und Verbesserungen statt. Wir müssen diesen Schwung mitnehmen um nach der Krise nicht wieder in alte Muster zu fallen.

Felix Stadler, Simone Peschek und Verena Hohengasser

Dieser Beitrag erschien auch auf der Plattform umbruch.at.

Lesezeit: 2 Minuten

Eine Videobotschaft geht viral

Vergangene Woche ging die Videobotschaft einer Mutter aus Israel viral. Eine Mutter, die genauso gut aus Österreich, Deutschland oder Frankreich kommen könnte. Sie hat vier Kinder, die zurzeit nicht in die Schule gehen können. Zusätzlich arbeitet sie von zu Hause aus. Die Kinder sind nicht motiviert. Umso mehr scheinen die Lehrer*innen motiviert zu sein. Es ist zu viel und übersteigt ihre Fähigkeiten. Die meisten Kommentare zu dieser Botschaft bestätigen die, meines Erachtens, zu Recht verzweifelte Mutter.

Es folgten und folgen neue Beiträge zu dem Thema allgemeine Überforderung. Ich selbst muss auch gestehen, dass ich zu Beginn Arbeitsblätter zusammengestellt habe, bei denen ich die Realität ausgeblendet habe. Aufgefallen ist mir das ziemlich schnell. Ich hab mich hingesetzt und die Aufgaben durchgerechnet und so zu Papier gebracht, wie das von den Schüler*innen erwartet wird. Also, ordentlich, übersichtlich, bunt. Meine Konsequenz daraus? Reduzieren, kürzen, nochmals rechnen, nochmals kürzen. Ich nehme an, dass viele Kolleg*innen ähnlich agieren.

Lehrer*innen unter Druck

Dazu kommt, dass sich in mir eine Übersättigung breit macht. Die Vielzahl der neuen Lernplattformen sprengt meine Aufnahmebereitschaft. Außerdem schwingt bei mir permanent der Gedanke mit, ob es ausschließlich die Vermittlung des Lernstoffs ist, den unsere Schüler*innen zurzeit brauchen. Ich frage mich auch, warum wir Lehrer*innen so unter Strom stehen. Warum wir es nicht schaffen zwei Gänge rückzuschalten? Woher kommt dieser Druck, allen beweisen zu müssen, dass wir gute Arbeit leisten?

Coronaferien

Mitte März, kurz vor dem Lockdown, hatte sich eine der fast-gratis Zeitungen den Headliner Coronaferien ausgesucht. Der Begriff Ferien löst in die vielen Köpfen bestimmte Assoziationsketten aus. Ferien – Lehrer*innen – arbeiten wenig – verdienen zu viel. Dass zu diesem Zeitpunkt niemand in Ferienstimmung war, konnte ich dem oder der Schreiber*in der Schlagzeilen leider nicht mitteilen. Denn bevor ich dazukam, überschlugen sich in der Schule die Ereignisse.

Wenn wir jetzt, mal abgesehen von den Journaldiensten, zuhause sitzen, dann stehen wir tatsächlich unter dem Beweiszwang der Welt zu zeigen, dass wir enorm viel arbeiten und nicht Ferien machen. Keiner von uns Lehrer*innen hat nämlich Lust in diesen trüben Zeiten an den Pranger gestellt zu werden. Denn, es sind keine Ferien und wir machen keine Ferien.

Was ich gerne machen würde

Würde ich meinen Instinkten folgen, dann wäre ich vermutlich eine von diesen, die gar nichts mehr an die Schüler*innen verschickt. Deren Welt steht ohnehin, so wie unsere, Kopf. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Es ist auch egal, ob wir jetzt Anfang oder Ende Mai starten. Wir werden nicht sang- und klanglos dort weitermachen können, wo wir Mitte März aufgehört haben. Wir müssen damit rechnen, dass wir den Schüler*innen helfen müssen die letzten Wochen zu verdauen. Lernstoff, Prüfungen, Tests und Schularbeiten werden in diesem Zusammenhang zweitrangig sein.

Okay, ich ziehe zurück. Klar, ich will meine Schüler*innen ganz viel schicken und anbieten. In erster Linie Tanz-, Theater- oder andere Angebote. Ich möchte Videokonferenzen machen, in denen wir lachen und Spaß miteinander haben. Vielleicht würde ich ihnen sogar raten die Schulsachen in die Ecke zu legen und durchzuatmen.

Meine Ängste

Allerdings schwingt bei mir die Angst mit, dass sich Eltern oder Kolleg*innen beschweren könnten. Zum Beispiel, dass ich nichts verlangen und arbeiten will. Dass ich die Schüler*innen Ferien machen lasse. Dass ich kein Interesse am Fortkommen der Schüler*innen habe.

Dennoch trage ich seit Tagen den Gedanken herum, alle Ressentiments über Bord zu werfen und meine Ideen zu verwirklichen. Ich glaube nicht, dass ein Kind in den nächsten Wochen Rechnen oder Schreiben verlernt. Und sollte das der Fall sein, dann bringe ich es ihnen wieder bei. Denn das ist schließlich meine Aufgabe.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.