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Österreich, das Land der Halbtags-Bildung

Während es in Großbritannien oder Frankreich selbstverständlich ist, dass Kinder und Jugendliche bis mindestens 15 Uhr 30 in der Schule sind, ist in Österreich der Ausbau des Angebots an Ganztagsschulen ein ambitionierter Plan, der nur schleppend umgesetzt wird. Bewusst wird das zuallererst jenen Erziehungsberechtigten, deren Kinder am Beginn ihrer Schullaufbahn stehen. War es bis dahin im Kindergarten selbstverständlich, dass es Mittagessen und eine Nachmittagsbetreuung gibt und zwar unabhängig davon, ob nun die Eltern erwerbstätig sind oder nicht. Mit dem Eintritt in die Schule ist plötzlich alles anders. Plätze in einer Ganztagsschule sind schnell vergeben. Die zweite Alternative, ein Hortplatz, muss erst mal gefunden werden, denn auch diese sind heiß begehrt. Was bleibt, wenn das alles nicht klappt? Großeltern, die schon in Pension sind, kümmern sich um das Kind. Oder Eltern, vornehmlich die Mütter, reduzieren die Anzahl an wöchentlichen Arbeitsstunden. Zusätzlich bleibt auch die Hoffnung, dass es zu einem späteren Zeitpunkt einen Platz in der Nachmittagsbetreuung gibt.

Vorschrift ist Vorschrift

Es ist montags Mittag, viele Schüler und Schülerinnen verbringen ihre Mittagspause vor der Schule. Die vier Bänke vor der Schule sind trotz strömenden Regen mehr als überbelegt. Eine Gruppe von zehn Mädchen und Jungen spielt fangen. Sie überqueren die zum Glück nicht stark befahrene Straße, ohne zu schauen, verstecken sich hinter parkenden Autos. Nichts für schwache Nerven, denke ich mir.

Im Eingang des Hauses, das gegenüber der Schule liegt, stehen andere dicht gedrängt, um sich vor dem Regen zu schützen. Bei den älteren Schülern und Schülerinnen ist es schon vorgekommen, dass sich diese zum Rauchen in das Haus zurückgezogen haben. 

„Frau L. das nervt! Ich kann nicht einmal meine Nudeln in Ruhe essen, selbst die werden nass!“, beschwert sich Zeynep. Und während ich über die Lösung des einen Problems nachdenke, zupft mich Irem am Jackenärmel und flüstert: „Können Sie mir zwei Euro borgen? Ich hab mein Geld zuhause vergessen und bis 17Uhr20 Schule.“

Ich schütze die Nudeln mit meinem Regenschirm, nachdem ich Irem das Geld in die Hand drücke. „Ich küss ihr Herz!“, ruft sie und sprintet zum Supermarkt. 

Das Schultor geht auf. Die ersten geben auf und setzen sich im Windfang auf die Stiegen. Allerdings haben sie ein Detail vergessen, die Schulwartin.

„Alle raus!“, befiehlt sie und wachelt mit den Händen. Meinen Einwand, dass es wirklich richtig ungemütlich draußen ist, kommentiert sie mit: „Dann sollen´s nach Hause gehen.“

Grundsatzdiskussionen an dieser Stelle sind sinnlos, weil Vorschrift nun mal Vorschrift ist. Diese besagt, dass zwischen Vormittags-und Nachmittagsunterricht das Betreten des Schulgebäudes untersagt ist. Am Weg zur Straßenbahn sehe ich vier Mädchen und einen Jungen in die Bipa-Filiale verschwinden. In einer halben Stunde werden sie frisch parfümiert und geschminkt in der Klasse sitzen.

„Was macht ihr da drinnen?“, frage ich

„Uns ist eben langweilig und da drinnen ist es trocken“, erklärt mir Mustafa. Die Angestellte rollt mit den Augen, als sie die vier verlorenen Kinder erblickt.

Aber ehrlich, ich verstehe meine Schüler/innen. Vermutlich hätte ich als 14jährige sechzig Minuten ähnlich verbracht.

Nachhause gehen?

Die Idee der Schulwartin ist gut gemeint, aber in den meisten Fällen keine Option. Die Mittagspause dauert zumeist 60 Minuten. Nur wenige wohnen so nahe, dass eine Pause zuhause möglich ist. 

Manche Kolleg/innen bieten eine Mittagsaufsicht an. Gerade in der Stufe fünf und sechs wird dieses Angebot ganz gerne wahrgenommen. Aber das setzt voraus, dass die Schüler/innen von daheim gut mit Essen versorgt wurden, weil es sich nur um eine Aufsicht handelt. Für die Kolleg/innen bedeutet das, dass diese Betreuungsform gesondert abgerechnet werden muss und in den meisten Fällen auch den Verzicht auf die eigene Mittagspause. Verpflichtet kann niemand dazu werden. Es ist mehr so etwas wie eine Herzensangelegenheit. Denn wer sieht Kindern und Jugendlichen schon gerne beim Frieren vor dem Schulgebäude zu. Es sind aber auch jene Kolleg/innen zu verstehen, die nicht durchgehend von acht Uhr bis mindestens 15 Uhr 40 unterrichten wollen.

Der Nachmittagsunterricht

Die Schule, über die ich erzählt habe, ist eine Halbtagsschule, Nachmittagsunterricht meistens ab der Stufe sechs gibt es dennoch. Ab der dritten Klasse Mittelschule haben die meisten zwei Nachmittage, manche sogar drei, weil dann noch die Unverbindlichen Übungen und der Religionsunterricht dazukommen.

Unterrichtet wird in den meisten Fällen Kunst, Design, Bewegung und Sport und manchmal auch Musik oder Digitale Kompetenzen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass das ja alles keine besonders wichtigen Unterrichtsfächer sind. Die werden auf den Nachmittag geschoben, weil es allem Anschein egal ist, dass die Schüler/innen hungrig, müde, manchmal nass und durchgefroren. Aber das ist eine andere Baustelle. Dazu kommt noch, dass Lernen und das Erledigen von Hausaufgaben ausschließlich auf die Erziehungsberechtigten abgewälzt werden. In Schichten, wo diese nicht unterstützen können, sind die Schüler/innen auf sich allein gestellt. Was bleibt sind Kinder und Jugendliche, denen mit einer ganztägigen Schulform mehr als geholfen wäre.

Warum immer noch halbtags?

Meine Schule ist kein Einzelfall, das ist mir klar. Das Problem der Mittagspause haben österreichweit ziemlich viele Familien. Mütter, die sich ausschließlich um die Kinder kümmern gibt es kaum mehr. Und selbst wenn das der Fall wäre, bietet eine Ganztagsschule viel mehr als die bloße Versorgung bis zum Beginn des Nachmittagsunterrichts. Was bei dem schleppenden Vorankommen des Ausbaus der Ganztagsschule die größte Rolle spielt, ist ein konservatives Weltbild. Die Mutter schupft Haushalt und Kinder, der Vater geht arbeiten. Immer noch und das im Jahr 2023.

Die Ästhetik der Ganztagsschule

Morgens um 07:30 Uhr. Fünf Lehrkräfte sitzen schon im Teamraum, trinken Kaffee und besprechen den bevorstehenden Tag. Einen langen Tag – einige von uns bleiben bis 16:30 Uhr, eine sogar bis 17:25 – wir sind eine verschränkte Ganztagsschule, was bedeutet, dass jedes Kind garantiert bis 16:30 Uhr betreut wird. 

Mittags gibt es gratis Essen. Immer schweinefleischfrei, oft vegetarisch. 

Logistisch ist all dies ein großer Aufwand – für Chancengerechtigkeit ist es uns das aber allemal wert. 

Was längere Anwesenheitszeit mit Chancengleichheit zu tun hat? Alle Kinder haben die gleiche Lernzeit. Wir bieten täglich eine Lernstunde und eine Betreuungsstunde an. In der Lernzeit werden gemeinsam die Hausübungen erledigt. Unter Aufsicht einer professionellen Lehrkraft. In der Betreuungszeit gehen wir Fußball spielen. Oder wir machen eine Schneeballschlacht. Oder wir spielen Werwolf. Manchmal ziehen sich die Kinder zurück und lesen oder spielen Schach. Die Räumlichkeiten erlauben dies. 

Draußen gibt es einen großen Schulhof. Mit Hochbeeten, Spielplatz, Sportkäfigen. Dachterrassen ermöglichen das kurze „Lüften“ der Kinder zwischen den Stunden. Diejenigen, die bis 17:25 Uhr bleiben, sehen vom Klassenzimmer aus die Sonne untergehen. Im Dunklen kommen sie an, im Dunklen gehen sie heim. Ob sie erschöpft sind? Selten. Ob sie lieber zuhause wären? Kaum. Hier sind ihre Freunde, eine kindgerechte Umgebung, ihnen meist wohlgesonnene Lehrkräfte. Hier findet Beziehungsbildung statt. Wir sehen unsere Kinder nicht vier oder sechs sondern bis zu 10 Stunden täglich.

Warum? 

Warum wir das tun, wenn unsere Kolleg:innen oft schon um 13:00 Uhr zuhause sind? Weil wir daran glauben. Weil wir es als die Zukunft erachten. Alle Kinder haben einen Arbeitsplatz, Raum, um in Ruhe zu arbeiten. Und alle können jemanden fragen, der oder die sich auskennt. Dadurch haben fast immer alle Kinder die Hausübungen. Dadurch finden oft themenbezogenen Gespräche statt, die die Unterrichtsinhalte nicht selten aufgreifen. Dadurch wird der Schulalltag, der früher, als ich noch an einer Halbtagsschule tätig war, oft einem Marathonlauf glich, zu einem Ausdauerspaziergang. 

Zwei Stunden Unterricht, eine Freistunde. Drei Stunden Unterricht, zwei Freistunden. Eine Stunde Unterricht. 

Hefte nehme ich nie mehr mit nach Hause. Schularbeiten werden in der Schule vorbereitet und mit anwesenden Kolleg:innen besprochen. Vorfälle werden sofort geklärt, weil ich ja eh da bin und dann auch kurz ein Kind mit Nasenbluten betreuen kann bis die Mama kommt. Mal eben zuhause anrufen kann und mit den Eltern sprechen, weil ich eh in der Schule bin. In Ruhe ein warmes Essen genießen und die Türe schließen, wenn ich eine Pause brauche.

Ja, meine persönliche Freizeit  ist weniger geworden. An der Halbtagsschule konnte ich mir die Arbeitszeit flexibler einteilen. Das ist vor allem für Eltern wichtig, deren Kinder Halbtagsschulen besuchen. Aber  wenn es nur noch Ganztagsschulen gäbe…

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an unterschiedlichen Wiener Mittelschulen.

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Weißt du schon, was du nach der Schule machen willst? Eine Frage, die früher oder später allen Schüler*innen gestellt wird. Immerhin ist die Entscheidung, auf welche weiterführende Schule man gehen, welchen Lehrberuf man beginnen oder welchen Beruf man ausüben möchte, eine wichtige und wegweisende. Doch nicht allen Jugendlichen stehen die gleichen Möglichkeiten offen – oftmals ist es entscheidend, ob man in ein Gymnasium oder eine Mittelschule geht. In Letzterer ist es zudem ein Kriterium, ob man nach „Standard-AHS“ oder „Standard“ beurteilt wird. Ob man, wie es mir zu Ohren gekommen ist: ein AHS oder „doch nur ein Standard-Kind“ ist. 

Als ich damals noch die Unterstufe eines Gymnasiums besuchte, war klar, dass ich nach Abschluss der 4. Klasse die Schule wechseln möchte. Also ging ich mit meinen Eltern zu den verschiedenen Tagen der offenen Tür. HAK, HTL, HBLA – ich hatte die freie Wahl. Wenn ich denn schon eine konkrete Vorstellung meiner Interessen gehabt hätte, hätte ich freilich auch einen Lehrberuf ergreifen können. „Dafür bist du aber zu gescheit“, habe ich oft gesagt bekommen…

Mit meinen mittlerweile 22 Jahren weiß ich allerdings, dass es Jugendliche gibt, denen weit nicht so viele Türen offenstehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

Aus der Motivation heraus, diesbezüglich etwas zu ändern und einen kleinen Beitrag zu leisten, indem ich ein paar Jugendliche auf ihrem schulischen und persönlichen Weg unterstütze, bin ich beim “Learning Circle” gelandet. Seit mittlerweile zwei Jahren darf ich im Rahmen des “Learning Circles” Leo* begleiten. Als Lernbegleiterin oder Lern-Coach, wie ich im Learning Circle genannt werde, treffe ich mich zwei Mal pro Woche in einer Videokonferenz mit Leo. Wir lernen zusammen, sprechen über die Schule und den Alltag und sind zu eingespielten Lern-Buddies geworden. Während der vier Semester, die ich Leo nun schon begleite, konnte ich beobachten, wie positiv er sich weiterentwickelt hat und seine Noten und sein Selbstmanagement sich verbessert haben. 

Am Ende dieses Semesters, bei einem Gespräch mit ihm und seiner Mutter, habe ich also die altbewährte Frage gestellt. Ob sie sich schon überlegt hätten, was Leo nach der Schule weitermachen möchte. Ganz selbstverständlich hat mir seine Mutter erklärt, dass diese Entscheidung etwas schwierig sei. Leo wüsste noch nicht, was ihn genau interessiert (wer weiß das auch schon mit 13 Jahren?) und weil er „nur ein Standard Kind“ ist, sind die Optionen für ihn begrenzt. Für das Arbeiten im Rahmen eines Lehrberufes wäre er noch viel zu unreif; die Schule und das Lernen mit Gleichaltrigen seien wichtig für ihn, meint die Mutter. HTL? HAK? HBLA? Mit einem „Befriedigend“ als Standard-Kind in den Pflichtgegenständen nicht oder kaum möglich. Zum Glück hätten sie eine Fachschule gefunden, in der er eine dreijährige Ausbildung machen kann. Dafür müssen seine Noten allerdings auch mindestens „Befriedigend“ sein. Möglicherweise gibt es auch sehr viele Anmeldungen für die Schule und nachdem als Aufnahmekriterium oft das Zeugnis herangezogen wird, sind gute oder sehr gute Noten wünschenswert.

Leos Mutter ist engagiert und ich bin mir sicher, dass er seinen Weg findet. Er ist sehr fleißig und mit etwas Unterstützung kann er einen guten Abschluss in der Mittelschule und den Aufnahmeprozess in die nächste Schule schaffen. Daran glaube ich.

Dennoch hat mich das Gespräch nachdenklich gemacht. „Nur Standard Kind“. Wie ist es für einen Jugendlichen, so etwas zu hören? Wie fühlt es sich an, wenn man zu „schlecht“ ist für die ganzen Schulen, die die anderen an den Tagen der offenen Tür besuchen? Bestärkend oder förderlich für den Selbstwert ganz bestimmt nicht.

Unser österreichisches Schulsystem ist sehr ausdifferenziert und bereits nach der Volksschule, mit 10 Jahren, werden die Kinder auf Schulen mit unterschiedlichen Leistungsniveaus aufgeteilt. Mit 14 Jahren kommt dann die nächste Entscheidung. Es herrscht also ständiger Notendruck mit dem Hintergrundwissen, dass das Zeugnis für die Aufnahme in weitere Schulen entscheidend und die zukünftigen Möglichkeiten von der schulischen Leistung geprägt sind. Dass Kinder und Jugendliche, die von Seiten ihres Umfeldes wenig schulische Unterstützung erfahren, unter dieser Ausdifferenzierung leiden, ist kein Geheimnis. Dass Nachhilfe, wie wir sie im klassischen Sinne kennen, für viele Familien unbezahlbar ist, ebenso wenig. Daraus folgend ist also auch klar, dass unser Schulsystem Bildungsungleichheiten weiter verschärft, anstatt ein miteinander und voneinander lernen zu fördern. 

Es ist wichtig, den Jugendlichen zu vermitteln, dass ihr Selbstwert nicht an den Differenzierungen unseres Bildungssystems oder der Schule, die sie besuchen, festgemacht werden darf. Man ist nicht schlauer als das Nachbarskind, nur weil man eine AHS besucht und die*der andere eine Mittelschule. Leo ist nicht dümmer als seine Mitschüler*innen, nur weil er ein Standard-Kind und die anderen AHS-Kinder sind. 

Dementsprechend sollten wir mit diesen Begrifflichkeiten sensibel umgehen und darüber nachdenken, wie solche Sätze bei den Kindern und Jugendlichen ankommen und was sie mit ihnen machen. Ich habe Leo bestärkt und ihm gesagt, dass er die Aufnahme auf die Fachschule bestimmt schafft, wenn er so weitermacht wie bisher. Immer wieder versuche ich, die positiven Entwicklungen und die Leistungsfortschritte hervorzuheben und ihn dazu zu ermuntern, auf sich selbst und seinen ganz persönlichen Weg stolz zu sein. Denn dafür gibt es genug Gründe.

* Name geändert

D

Autorin: Sarah Svoboda, Lern-Coach beim Learning-Circle von wirkt!