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Die Sommerferien sind vorbei, der Schulalltag hat uns alle wieder. Jetzt ist es an der Zeit über die Sommerschule zu berichten, die in diesem Sommer zum zweiten Mal stattgefunden hat. Zu Wort kommen eine Mutter, ein Lehrer und Mittelschul-Schüler*innen, die die Sommerschule besucht haben.

Medine, Sarah, Enes, Osman, Marco, Hadja, Liviana und Elisabeth*

Warum wart ihr in der Sommerschule?

„Meine Eltern haben mich gezwungen. Ferien sind besser.“

„Meine Eltern haben gesagt, wenn du willst, geh. Ich bin gegangen, weil ich meine Noten verbessern will.“

„Ich muss lernen!“

„Ich kann nicht gut Deutsch.“

Was habt ihr gelernt?

„Der Lehrer hat gefragt, wo ich Schwierigkeiten habe. Ich habe Deutsch gemacht, Mathe ist eh einfach. Ich habe Märchen und Geschichten geschrieben.“

„Wir haben Englisch und ein bisserl Mathe gemacht.“

„7 bis 11 Uhr lernen und dann eine Stunde Turnsaal.“

„Ich hatte die Artikel vergessen, also der die das, jetzt weiß ich es wieder.“

„Wir haben gelernt und manchmal gespielt.“

„Wir haben in Deutsch gut gelernt.“

Was gibt es sonst noch zur Sommerschule zu sagen?

„Sommerschule war eh chillig, besser als zu Hause sitzen oder nur im Park sein.“

„Eine Woche ist genug, nur Deutsch und Mathe.“

„Beim Seilziehen haben die Mädchen gewonnen, sie waren mehr.“

„Nächstes Jahr würde ich gehen, wenn es nur eine Woche ist.“

„Am Donnerstag haben wir was gebacken, das haben wir dann gegessen. Am letzten Tag waren wir im Prater.“

„Am ersten und zweiten Tag waren wir alle schüchtern. Am dritten Tag sind wir wieder normal gewesen. “

„Es waren alle urverrückt, die waren wie unsere Klasse.“

„Manche haben geschlafen die letzten zwei Wochen. Und wir sind so um sechs oder sieben Uhr aufgestanden. Wir haben Glück, dass wir früher begonnen haben, vor dem Schulbeginn.“

Frau Berger

Frau Berger ist Mutter von drei Kindern, ihre beiden Töchter wollten oder sollten die Sommerschule besuchen.

„Zwei meiner drei Kinder wurden oder waren in der Sommerschule angemeldet, wie immer man das nennen möchte. Bei der Älteren ist es gleich schiefgegangen, entweder hat sie die Anmeldung nicht direkt abgegeben oder sie ging tatsächlich „verloren“. Ich hatte als Mama jetzt nicht direkt eine Handhabe/Kontrolle darüber. Dafür ist sie jetzt für einen Haufen Geld in einem renommierten Nachhilfeinstitut, sie hat zwei Nachprüfungen. Bei der Jüngeren kam die Teilnahmebestätigung nach laaaaaaanger, absoluter informationsloser Funkstille am 16. Juli daher. Und nun hatten wir das Pech, dass sie in der dritten August-Woche unerwartet ins Krankenhaus musste. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, meine Tochter fünf Tage nach dem Krankenhausaufenthalt gleich wieder in die Schule zu schicken. Ich habe sie krank gemeldet. Jetzt kann sie gar nicht mehr hingehen, weil das Konzept offenbar auf „alles oder nichts“ ausgerichtet ist. Es müssen alle zwei Wochen besucht werden, weil es angeblich ein projektbezogener Unterricht sei. Prinzipiell verstehe ich das schon, aber für meine Tochter ist diese Situation mehr als doof. Ich wollte, dass sie, ob ihrer Zensuren, zumindest eine Art Update in der Sommerschule bekommt. Die Alternative ist, dass sie, so wie ihre Schwester auch die Dienste des Nachhilfeinstituts, wieder für einen Haufen Geld, im Gegenstand Mathematik in Anspruch nehmen muss.

Mein Fazit ist, organisatorisch ist es mit der Sommerschule eher mühsam und undurchsichtig. Fast habe ich den Eindruck, man möchte Menschen dafür strafen, dass sie ein Gratis-Angebot in Anspruch nehmen wollen. Online gibt es kaum Informationen. Auf meine schriftliche Anfrage, wie denn die Vorbereitung auf eine Nachprüfung erfolgen würde, kam eine unbrauchbare Antwort zurück. Als schwierig hat sich die Korrespondenz im Allgemeinen herausgestellt. Bei sämtlichen Mails musste ich zuerst einmal unendlich lang scrollen, bis ich zur eigentlichen Antwort gelangt bin. Es gäbe sicher die Möglichkeit, das Ganze auch über eine Online-Plattform übersichtlich und damit benutzerfreundlicher zu gestalten. Schließlich sollte doch die Ambition sein alle Familien, unabhängig vom Bildungshintergrund, zu erreichen. Was uns bleibt, ist das Nachhilfeinstitut, das uns das Gefühl vermittelt, man würde sich um unsere Anliegen kümmern. Warum das die öffentliche Hand nicht schafft, frage ich mich schon. Vielleicht soll Eltern vermittelt werden, dass sie selbst an schulischen Problemen ihrer Kinder schuld seien. Für uns war es das dann mit Sommerschule, fürchte ich.“

Benjamin ist BHS-Lehrer in Wien

Sommerschule. Eine interessante Erscheinung der Coronapolitik. Angedacht, um Schüler*innen eine zusätzliche Lernmöglichkeit angesichts des Corona Lockdowns im Frühjahr zu bieten. Letztes Jahr wurde sie an unserer Schule (HAK) von Studierenden durchgeführt. Dafür bekamen sie ECTS Punkte. Sie konnten es als EC (Wahlfach) anrechnen lassen. Ich glaube, es war grundsätzlich ein smarter move vonseiten des Bundesministeriums. Günstigere Arbeitskräfte gibt es wohl kaum.

Heuer wurde sie von schuleigenen Lehrer*innen organisiert und gehalten, entgeltlich. Die Bereitschaft im Kollegium hielt sich in überschaubaren Grenzen. Einige wenige meldeten sich nach persönlicher Anfrage. Für die 1. und 2. Jahrgänge der HAS und der HAK wurden Kurse gestaltet. Deutsch, betriebswirtschaftliche Fächer und Mathe bildeten die Schwerpunkte. Schüler*innen erhielten je nach Jahreszeugnisnote und persönlichem Anraten der entsprechenden Fachlehrer*innen eine Einladung. Freiwilligkeit war das Stichwort. Mit Druck wurde sie erreicht. Einige nahmen es dankend an, andere sträubten sich stärker. Unmut gab es vonseiten der Schüler*innen vor allem hinsichtlich des Aufbaus. So mussten Schüler*innen die ganze Woche mehrere Fächer besuchen, obwohl sie nur in Rechnungswesen verstärkten Lernbedarf bzw. eine Einladung bekommen hatten.

Die Durchführung selbst verlief aus meiner Sicht gut. Das Angebot wurde von jenen, die kamen – und das waren doch 2/3 – wohlwollend und gut gelaunt angenommen. Auch meine Kolleg*innen berichteten von einem positiven Lernklima und einer sichtbaren Lernbereitschaft. Ob jedoch eine Woche mit je 4 Stunden Übungszeit entsprechende Wissenslücken schließen, stelle ich stark in Zweifel. Vielmehr ist es, wie so oft in der Bildungspolitik, ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine Symptombekämpfung statt einer Systemänderung.

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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Willkommen, willkommen! Treten Sie ein!

Beim Betreten des hellen, lichtdurchfluteten Schulgebäudes begrüßt mich eine geräumige Aula mit einladenden Sitzflächen und viel Grün. Die Wände dokumentieren die unterschiedlichsten Projekte der Schüler*innen. Mit mir strömen mehrere Schüler*innen ins Gebäude. Die meisten Schüler*innen kämen eine halbe Stunde früher, erzählt jemand von der Schulleitung. Viele würden sich am Buffet ein kostenloses Frühstück holen, zum Lesen oder Social Media Update in die Bibliothek gehen bzw. sich mit ihren Freund*innen für eine Runde Tischtennis oder zum Austausch über den neuesten Gossip treffen. Mein wandernder Blick erheischt einige dieser gerade mitgeteilten Momente. Großzügige Aufenthaltsräume und -plätze mit verschiedenen Sitz- und Liegemöglichkeiten laden zum Verweilen, Arbeiten und Zusammensein ein.

Architektonisch orientiert sich das Gebäude nicht mehr an vielen, hermetisch abgeschlossenen, ehemals Klassenzimmer genannten Räumen. Vielmehr gibt es fachbezogene Räume. Diese sind mit den entsprechenden Utensilien ausgestattet und werden von den Schüler*innen aufgesucht, wenn sie sich mit dieser Thematik beschäftigen wollen. Dieselben weisen keine Reihe von Tischen und Stühlen auf, sondern sind mit Tischinseln und diversen Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten ausgestattet. Je nach Bedarf gibt es so genug Platz für Einzel- bzw. Gruppenarbeiten. Wo gearbeitet wird, ist den Schüler*innen offen gelassen. Des Weiteren ist jeder der Räume mit dem höchsten Stand der Technik ausgestattet und verfügt über vielfältiges Arbeits- und Bastelmaterial, sodass keiner Gestaltungskreativität Einhalt geboten ist. Räume und Gebäude ohne PCs, Tablets und Beamer oder gar WLAN sind unvorstellbar.

Neben der Raumgestaltung hat sich auch der sogenannte Stundenplan verändert. Während der Vormittag überwiegend mit Lernsettings des Sach- und Fachunterrichts aufgebaut ist, schreiben sich die Schüler*innen nachmittags, nach einem gratis Mittagessen aus lokalen und biologisch angebauten Nahrungsmitteln, für Kurse ein. Diese können je nach Interesse sowie Neugier und für die Länge eines Semesters ausgewählt werden. Das Angebot reicht von vielfältigen Sportaktivitäten über Theater und Kunst bis hin zu Vertiefungskursen des Sach- und Fachunterrichts als auch Gartenbau und landwirtschaftlichen Kursen. Selbige sind nicht nach Geschlecht oder Alter getrennt und werden selbstredend von einem diversen Team organisiert und betreut. Dass viel zu lange andauernde in Reih und Glied sitzen und vorgekauten Stoff konsumieren ist passé. Heutzutage entscheiden die Kinder und Jugendlichen mit welchen Inhalten und mit welchen Schwerpunkten sie sich im Semester auseinandersetzen wollen. Diese Kurse lassen sich jedes Semester neu wählen. So können unterschiedlichste Eindrücke gewonnen werden. Gleichzeitig können bei Fortführung Vertiefungskurse belegt und so ein immer größeres Expert*innenwissen aufgebaut werden.

Der Schulort ist ein Ort der gelebten Demokratie. Die Leitung besteht aus einem gewählten Team, das sich die Aufgaben und Verantwortlichkeiten untereinander aufteilt. Unterstützt werden sie von einem personell ausreichend ausgestatteten Büro und Administration. Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen, die ausschließlich unserem Standort zugeteilt sind, ergänzen die psychosoziale Infrastruktur der Schule. Das Team stellt sich nach jeder Periode zur Wiederwahl. Schulinterne bewerben sich um Positionen innerhalb der Schule. Eltern und Schüler*innen haben eine jeweilige, gewählte Vertretung. Das Schulparlament trifft sich einmal im Monat zu Sitzungen und Abstimmungen zu Schulangelegenheiten. Da mittlerweile nur noch eine 25 Wochenstunde vorherrscht, Lehrer*innen mehrsprachig sind sowie Simultanüberstetzungen selbstverständlich sind, haben Eltern Zeit und Sprachbarrieren als Ausschlussmechanismus gehören der Vergangenheit an.

Kommen Sie näher und staunen Sie

Die Lernstation „Design your Life“ ist heute gut besucht. Über 20 Kinder und Jugendliche arbeiten altersübergreifend an ihrem persönlichen „Sinn“ des Lebens. Dazu haben die Lernbegleiter*innen verschiedenes Material und Modelle vorbereitet. Intensiv besucht ist auch der Exchange Room, der völlig selbstverständlich in mehreren Sprachen gleichzeitig stattfindet. Schüler*innen tauschen sich hier nach klassischen Regeln des radikalen Respektes miteinander aus, präsentieren Ideen und suchen Unterstützung und Feedback. Die mehrsprachigen Lernbegleiter*innen, die den Exchange Room moderieren, können selbst auch beitragen. Im Rahmen ihrer Ausbildung haben sie die üblichen Sprachstudien gemacht, sprechen mindestens zwei Fremdsprachen, wovon eine nicht europäischer Herkunft ist und kamen somit auch in den Genuss , eine völlig fremde Schrift zu erlernen. Im Rahmen ihres Auslandssemesters durften sie selbst im außereuropäischen Ausland leben, arbeiten und die Erfahrung machen, wie man sich in einer fremden Kultur, Schrift und Sprache zurechtfindet. Diese Erkenntnis ist obligatorisch, wenn man in Wien an einer Schule mit multiethnischer Schüler*innenschaft arbeiten möchte und hilft immens, sich in die Kinder und Jugendlichen, die ganz selbstverständlich altersübergreifend unterrichtet werden, hineinzuversetzen. Längst sind überall Videodolmetscher*innen implementiert, um die Zusammenarbeit mit den Eltern zu erleichtern und vor allem, um das Defizitgefühl der Eltern aufzufangen, wenn sie die deutsche Sprache nicht beherrschen. Schon lange verlangt man nicht mehr die deutsche Sprache von den Zugewanderten sondern sieht die multilinguale Kommunikation als eine große Bereicherung für diese schon immer mehrsprachig gewesene Stadt. Zu wichtig sind die Qualifikationen und Kompetenzen, die Menschen aus anderen Ländern in diese Stadt bringen, als dass man diese monate- und jahrelang mit ineffizienten Deutschkursen schikanieren muss. Da der Druck nun weg ist und „das Eintrittsticket in die Gesellschaft“ wegfällt, kommt die gemeinsame Sprache sowieso. Die Ghettoisierung hat sich durch die Gesamtschule weitestgehend aufgehoben, alle Kinder werden nun von gleich gut ausgebildeten Lehrkräften auf ihrem Lernweg begleitet und unterstützt.

Erfolgreich hat sich die Gewerkschaft dafür eingesetzt, dass alle Lehrer*innen, denen die neue Ausbildung noch nicht zu Teil wurde, alle 10 Jahre ein verpflichtendes Jahr in der Wirtschaft verbringen, um verschiedene Berufe kennenzulernen und ihren Schüler*innen besser und lebensnäher beim Berufseinstieg, beim Formulieren von Bewerbungen und bei der Berufswahl helfen können, weil sie selbst Spezialist*innen darin sind.

Teamteaching ist ebenso Teil der Ausbildung und über das reine Vermitteln von Unterrichtsstoff im Frontalformat lacht man heute, im Jahr 2049, oft noch herzlich in den gemeinsamen Lernbegleiter*innen- und Lerner*innenräumen bei einem selbstgezüchteten Kombucha. Fächer gibt es schon lange nicht mehr, ebenso wenig wie zeitlich durch eine Klingel begrenzte Stunden und Noten, um das Wirken der Kinder zu bewerten. Schulangst ist aus dem Duden gestrichen und die Bewerbung um den beliebten und gesellschaftlich geachteten Lehrberuf ist langwierig und komplex. Nur noch die Besten werden mit der Ausbildung der Menschen der Zukunft betraut und für ihren Einsatz entsprechend bezahlt. Dass Bildung einst vererbt wurde, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Wir leben in einem Land, wir arbeiten in einer Stadt, die sinnvoll in Bildung investiert und entsprechende Ergebnisse dafür erhält.

Wagen Sie einen Blick in die Kristallkugel

Gleich neben dem Lernbüro meiner Kollegin sitze ich mit sieben Schüler*innen um einen Tisch. Ayse hat heute ein Zeugnis ihrer Großmutter mitgebracht. Weil Ayse lieber in ihrer Erstsprache türkisch kommuniziert, ist eine Kollegin an ihrer Seite, die bei Bedarf übersetzt. Eigentlich würden wir die Kollegin gar nicht brauchen, weil alle Schüler*innen und ich zurzeit gemeinsam Türkisch lernen. Aber, sie geht lieber auf Nummer sicher.

Das Zeitdokument Zeugnis liegt vor uns. „Damals gab es noch Noten“, erzählt Ayse.  „Noten? So wie in Musik?“, fragt Ella erstaunt. „Haben die dann das Zeugnis ihren Eltern vorgesungen?“, kichert Mansur. „Was wurde dann benotet? Und wie soll das gehen?“, staunt auch Elvetiano. Die Augen meiner Schüler*innen werden immer größer. „Meine Oma hat erzählt, dass sie meistens dann gute Noten bekommen hat, wenn sie still auf ihrem Platz gesessen ist, und schön geschrieben hat. Und dass sie, nachdem sie gelernt hat, immer alles gleich vergessen hat. Und dass vieles, was sie lernen musste, gar nichts mit ihrer Welt zu tun hatte.“ Ayse ist in ihrem Element. Sie ist sprachlich extrem begabt, und liebt es, wenn sie vor allen reden kann. Elena lacht mich an und sagt: „Würdest du mir also eine Eins geben, wenn ich das nächste Mal nichts verstanden habe, aber dafür mit meiner schönsten Schrift brilliere?“ Kluges Mädchen, denke ich mir. Sie ist graphisch eine der Besten. Mansur hat lange nichts gesagt, aber jetzt bringt er sich in die Diskussion ein. „Wozu oder warum gab es die Noten überhaupt?“ Ich versichere mich zuerst, ob nicht ein*e Schüler*in darauf antworten will. Das gehört auch zum Lernkonzept 2050. Expert*innen sind nicht wie selbstverständlich die Lehrer*innen, Vorrang haben die Schüler*innen. Nachdem keiner antworten möchte, erkläre ich den Begriff Leistungsgesellschaft. Diese hat längst ausgedient, zum Glück. Und als ich sage, dass in dieser Gesellschaftsform die Ansicht vorherrschte, dass es jede*r, der oder die wollte es schaffen würde, ein tolles Leben zu führen, unterbricht mich Mansur entrüstet. „Blödsinn. Das kann gar nicht gehen. Meine Großeltern haben immer gearbeitet, aber als sie dann in Pension gingen, waren sie arm. Sie hatten auch kein Geld, um zum Beispiel meinem Vater Nachhilfe zu bezahlen. Nachhilfe war so , dass du nach der Schule noch Privatunterricht bekommen hast. Weil die Schule es nicht geschafft hat, dir etwas beizubringen.“ 

„Aber, gab es in diesen Zeiten keine Lehrer*innen, die Noten und Leistungsgesellschaft kritisch betrachtet haben?“ „Und das haben sich alle gefallen lassen?“ „Und, war es wirklich so, dass viele Schüler*innen Angst hatten in die Schule zu gehen?“ Ich sehe, diese Einheit wird heute länger dauern. Immer mehr Fragen kommen auf. Viele, die ich nicht so leicht beantworten kann. Auch ich brauche eine Expertin oder einen Experten. Zum Glück sind Schulen im Jahr 2050 perfekt vernetzt. Eine Historikerin und Wirtschaftsfachfrau steht uns in einem Videochat Rede und Antwort. Nach drei Stunden, natürlich mit Pausen, verlassen die Schüler*innen das Lernbüro, nur Ella bleibt zurück. „Sag, wann hat dieses Umdenken eigentlich stattgefunden?“, will sie wissen. „Das war ein paar Jahre nach der Corona-Krise.“ „War das diese Pandemie? Können wir morgen darüber reden?“, fragt sie mich. „Gerne. Ich glaube meine Großmutter hat in der Zeit sehr viel darüber geschrieben“, antworte ich.  

Zurück zur Realität

Willkommen zurück im Jahr 2021. Die vergangenen 17 Monate haben uns alle viel Kraft gekostet. Aber sie haben uns deutlich wie nie zuvor die Mängel eines veralteten Bildungssystems aufgezeigt. Jetzt ist die Chance verkrustete Strukturen aufzubrechen, um diese Utopie wahr werden zu lassen. Fangen wir damit am besten morgen schon an. 

Maria Lodjn, Franziska Haberler und Jonathan Herkommer sind Lehrer*innen in Wien und im Redaktionsteam von Schulgschichtn.

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Komm, heute spielen wir ein Spiel!

Wir wollen heute ein Spiel spielen. Nennen wir das Spiel: Mensch, wundere dich nicht. Vier Kinder habe ich mir dafür ausgesucht. Sie heißen Tanja, Fatih, Lisa und Kamran. Lisa bekommt von mir 10€, Fatih 5€, Tanja 2€ und Kamran 1€. Um dieses Spiel zu gewinnen, müssen die vier folgende Challenge bestehen: Mit diesem Betrag sollen alle exakt das Gleiche einkaufen gehen.  Sagen wir Milch, Butter, Brot, Wurst und Eistee. Nur wer es schafft, alles einzukaufen, kann das Spiel gewinnen.

Vermutlich werden sich Fatih und Tanja beschweren, dass dieses Spiel ungerecht ist. Kamran wird sich denken, dass er einfach zu doof ist, um mit einem Euro die Challenge zu meistern. Deshalb beschließt er, gar nichts zu sagen. Er nimmt den einen Euro und geht nach Hause. Nach Kamran werde ich nicht lange suchen. Er hat es nicht verstanden. Tanja und Fatih klopfe ich auf die Schulter und sage: „Wer will, der schafft es auch!

Alles nur eine Frage des Willens und des Fleißes

Den Tüchtigen gehört die Welt, hat zumindest meine Oma gesagt. Ganz erschlossen hat sich dieser Spruch mir nie. Immerhin gab es schon zu meinen Zeiten die Klassenkolleg*innen mit 10€ und jene mit 1€. Auch wir unterrichten Kinder und Jugendliche, die schon seit Jahren im Bildungssystem verharren, alle ausgestattet mit einem Rucksack, in dem sich ihr persönliches soziales Kapital befindet. So stehen in dem oben genannten Spiel Butter, Brot, Wurst, Milch und Eistee für Herkunft, Resilienz, „heile Kindheit“, Beziehungen, Kontakte und Leistungsvermögen. Zusammenfassend also die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die ein Mensch mitbringt. 

Sprechen wir über Butter. Die Herkunft, und wie sie sich in der Realität gestaltet. Hier am Beispiel der Corona-bedingten Quarantäne, die für viele unserer Kinder schon lange kein Spiel mehr ist.

Die eine und die andere Quarantäne

(Bericht einer Mutter und DaZ-Lehrerin)

Einer der Vorteile von Corona ist ja, dass die Kinder viel neues Vokabular lernen. Maske, K1, Quarantäne und Abstand sind nur einige davon. Wie unterschiedlich die Bedeutung dieser Worte jedoch in der Realität sind, ist kaum jemandem bewusst.

In der Klasse meiner Tochter war kürzlich ein positiver Corona-Fall. Das bedeutet 10 Tage Quarantäne. Zwei PCR Tests. „Sie dürfen nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen,“ stand auf dem Bescheid des Gesundheitsamtes. Gut, mein Mann ist Autofetischist, vier davon stehen vor meiner Haustür. Kein Problem, auch dass die Termine mitten am Tag sind, wenn normale Menschen arbeiten, ist hier in der Speckgürtelschicht kein Thema. Zur Not fährt die Oma, die um die Ecke wohnt. Das Kind war glücklich, endlich keine Schule, mehr Zeit am Hof bei ihren Pferden, da dort keine Menschen sind, gehörte dieser noch zu ihrem Wirkungskreis. Den Rest des Tages verbrachte sie, nach den Aufgaben, die sie selbstständig mit ihrem iPad und ihren Heften lösen konnte, auf dem Trampolin, im Garten oder in ihrem Zimmer. Sie hat zwei Geschwister mit denen sie spielen konnte. Wurde es ihr langweilig, schaute sie über Netflix ein paar Serien oder las ein Buch. Meine Tochter liebt Quarantäne.

Anders sieht es bei meiner Schülerin aus. Ich unterrichte an einer Mittelschule in Wien. Wir haben ausschließlich multilinguale Kinder und sozio-ökonomisch benachteiligte und oft diskriminierte Familien. Wie tief diese Diskriminierung geht, sieht man auch im alltäglichen Leben.

Dienstagnachmittag erreicht mich eine Teams-Nachricht: „Frau Lehrerin, bitte Sie müssen mir helfen! Bitte! Mein Vater und meine große Schwester sind positiv. Sie dürfen es niemandem sagen, denn“ :

[Dienstag 14:55] Tanja

Sie müssen mir helfen

[Dienstag 14:56] Tanja

Sie müssen mir eine Tabletten 💊 bringen das ich morgen Schule kommen kann sie haben gesagt ich kann dir helfen ich will nicht wieder in Quarantäne bleiben

[Dienstag 14:57] Tanja

Ich werde sterben wenn ich wieder in Quarantäne bin letztes mal war das gleiche ich will nicht wieder

Sie lebt mit ihren sechs Geschwistern auf 70 Quadratmetern. Sie haben drei Zimmer und waren in den letzten vier Monaten schon drei Mal in Quarantäne. Die Mutter arbeitet als Pflegerin, die Kinder gehen in sechs verschiedene Schulen.

Tanja kommt immer zur Betreuung in die Schule. Sie bleibt zu jedem freiwilligen Förderkurs. Sie schreibt nur gute Noten, obwohl sie erst seit kurzem Deutsch lernt. Als Lehrerin bricht mir hier das Herz. Als Mutter würde ich sie gerne zu mir nach Hause holen.

Trotz Fleiß kein Hauptpreis – zurück zur Butter!

Noch ist Tanja sehr fleißig und bemüht, um es in Lehrer*innen-Sprache auszudrücken. Es ist aber zu befürchten, dass auch sie eines Tages bemerken wird, dass ihr das nicht viel weiterhelfen wird im Leben. Denn Tanja ist nicht doof. Sie sieht wie sich ihre Eltern abrackern, wie sie versuchen eine neue, größere Wohnung zu bekommen. Sie spürt den rauen Wind, der ihr und ihren Eltern entgegenweht, weil sie keine autochthonen Österreicher*innen sind. Weil sie aus einem Land geflohen sind, deren Einwohner*innen hier wenig Ansehen haben. Weil sie die „falsche Religion“ haben. Tanja wird auch mit viel Fleiß keinen Preis bekommen. Außer, sie hat Glück und findet Menschen, die tatsächlich an sie glauben. Aber ein Bildungssystem auf dem Faktor Glück aufzubauen ist blauäugig und zerstört wichtiges Potential.

Und das andere Mädchen?  Bei ihr wird es vermutlich egal sein, ob sie fleißig oder bemüht ist. Aus ihr wird sicher etwas. Denn auf sie ist das System Schule perfekt zugeschnitten.

Der Teufel sch…t immer auf den größten Haufen

Wie eingangs erwähnt, besuchen unsere Schule 98% nicht-autochthone Österreicher*innen. Unser Lehrkörper ist äußerst innovativ was Aufgabenstellungen, Kommunikation mit den Eltern, hohe Fluktuation der Klassen und Beschäftigungen draußen ohne Schulhof angeht. Auch im Krisenmanagement und im Umgang mit Konflikten sind wir ziemlich gut. An unserer Schule arbeiten Psychagog*innen, Jugendchoaches, Autismusspezialist*innen und Sozialarbeiter*innen Hand in Hand. Unsere Schule ist sauber, die Wände unbeschmiert, die Toiletten funktional und hygienisch. Kunstwerke zieren den winzigen Außenbereich, wir bieten gratis Freizeitprogramme an und Theaterkurse. Wir haben uns um den Innovationspreis des BMBWF beworben – ebenso wie 191 andere Schule österreichweit. Kürzlich kam die Mail für die engere Auswahl. Wir sind nicht dabei. Wohl aber eine bilinguale Schule in einem anderen Bundesland, welche mein Sohn besucht. Die Schule ist ein grauer Betonklotz, vor dem Schultor eine jahrelange Baustelle. Externe glauben, das Gebäude sei möglicherweise ein Gefängnis gewesen, so einladend sieht es aus. Die Schule betreut gut 800 Schüler*innen, die Eltern zahlen über hundert Euro pro Semester als Beitrag für den Förderverein. Die Eltern kommen zum größten Teil aus sehr wohlhabenden Familien, ein Klassenausflug, Paddeln, Klettern, kostet gerne mal 30€. Mehrmals pro Schuljahr. Extra.

Die Toiletten hier sind mit Graffiti verziert, der Betonbau gleicht einem Gefängnis. Materielles an sich ist hier kein Wert, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Der Preis der Innovationsstiftung ist mit 50.000€ dotiert, oder fünf Mal 10.000€ für die weiteren Sieger*innen. Das Geld hätten wir gut gebrauchten können, denn da unsere Eltern leider gar kein Geld übrig haben, gibt es bei uns nicht mal mehr einen Förderverein.

Wie sagt mein Vater immer, der selber 40 Jahre als Lehrer arbeitete: Der Teufel sch*** immer auf den größten Haufen – und anscheinend trifft dieses nirgendwo so sehr zu, wie im österreichischen Bildungssystem.

Die Spielregeln

Lisa hat das Spiel gewonnen. Wurst und Butter sind aus Bioanbau und das Brot hat die Hausfrau und Mutter mal eben schnell selbst gebacken, damit das Geld reicht. Fatih sitzt leider im Knast, weil er versucht hat Milch, Brot, Butter und Wurst zu klauen, den Eistee hat er für das Geld bekommen. Tanja verhandelt immer noch mit den Angestellten des Supermarkts und Kamran arbeitet heute als Leiharbeiter auf einer Baustelle, wenn sein Chef einen billigen Arbeiter braucht. Er klagt nicht, schließlich ist er selbst schuld.

Auch die Eltern derjenigen Kinder, die kürzlich in der Volksschule meiner Tochter eine brennende Mülltonne in den Keller bugsierten, klagen nicht. Sie sind gut versichert und haben teure Anwälte. Die Kinder waren 9 und 10 Jahre alt. Ihnen war langweilig, sagt man. Man müsse Verständnis haben, glaubt man.

Wären es unsere Schüler*innen gewesen, die Boulevardpresse hätte sich überschlagen.

So geht das Spiel des Lebens. Alle kennen die Regeln, niemand tut etwas dagegen. Ist doch eh gerecht, wenn Bildung, Wohlstand und Zukunft vererbt werden. Oder?

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an einer Mittelschule in Wien.

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Wenn es um die Auswirkungen der Corona-Krise auf Schüler*innen geht, bedient man sich dieser Tage großer Worte und schicksalschwangerer Rhetorik. Während die einen noch von einem verlorenen Jahr sprechen, wähnen andere bereits eine gesamte Generation als verloren.

Lauscht man diesen Einschätzungen und Urteilen ist man versucht zu glauben, dass Corona lediglich Kinder und Jugendliche ausgebremst hätte, während alle anderen weiter gelebt haben wie bisher. Man stellt sich vor, wie diese Kinder und Jugendlichen im vergangenen Jahr nichts weiter getan haben, als fernzusehen und Playstation zu spielen.

Auch macht sich ein bisschen Erleichterung breit: Gott sei Dank haben wir endlich einen guten Grund. Endlich wird das schlechte Gewissen, das schon jahrelang still an uns nagt, von unseren Schultern gehoben. Wir können aufatmen, denn nicht mehr wir tragen mit daran Schuld, dass viele dieser Kinder vergessen werden, nicht die Zuwendung und Förderung bekommen, die sie bräuchten,  sondern nun ist es Corona. Wir können aufhören uns zu fragen, wie und warum unser Schulsystem bereits seit Jahrzehnten Kinder strukturell benachteiligt, warum Übertrittsempfehlungen nach der Volksschule noch immer eher anhand des Vornamens als anhand der Leistung gegeben werden und zuletzt – und das ist es, was uns wirklich aufatmen lässt – wir werden von der Pflicht befreit, uns zu fragen, was wir gegen all das schon längst hätten tun können. 

Jetzt ist die Regierung gefragt. Wir brauchen große Schritte. Man schütte digitale Endgeräte aus und alles wird besser. Man verspreche medienwirksam zusätzliche Stunden und alles atmet auf. Wo diese Geräte und Stunden tatsächlich gelandet sind und ab wann sie zum Einsatz kommen wird wohl niemand mehr fragen. Hoffentlich. 

Nein, so zynisch, wie es hier klingt, bin ich in Wahrheit nicht. Aber ja, es ist frustrierend, was wir nicht erst seit einem Jahr mitansehen müssen. Es ist frustrierend, dass es einer Pandemie bedarf, damit endlich zögerlich der Blick auf jene gerichtet wird, die sonst gerne übersehen werden, an den Rand und in die „Restschulen“ geschoben werden. Doch wieder ist die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, negativ. Wir sprechen von jenen, die nicht erreicht werden, die abtauchen, die überfordert sind. Wir trauen uns kaum zu fragen, warum sie nicht erreicht werden und untertauchen. Und am allerwenigsten wollen wir wissen, was wir dagegen tun können und wie wir diesen Zustand hätten vorbeugen können. Dabei war ein Großteil der Kinder die im vergangenen Jahr „verloren“ gegangen sind, auch davor schon im Verschwinden begriffen. Vielleicht weil sie mit ihren Bedürfnissen übersehen wurden, weil nicht nachgefragt wurde, warum sie so oft fehlen oder unkonzentriert wirken. Vielleicht weil sie seit Jahren in einem System stecken, das ihnen vermittelt, dass sie sich noch so sehr anstrengen können, es aber nicht schaffen werden. Ein System, dass sie wieder und wieder als unzureichend abstempelt, das sie alleine lässt und so nach und nach ihre Motivation und ihre Lernfreude bricht.

Neue Situation – alte Muster

„Die Krise zeigt auf, was schon so lange schief läuft.“ Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich diesen Satz im vergangenen Jahr gehört, gelesen und vermutlich auch selbst gesagt habe. Gut, dass wir endlich hinschauen, weil es nicht mehr geht wegzuschauen. Traurig, dass es eine globale Krise dafür braucht. Und dennoch, auch im Hinschauen wiederholen wir Fehler und folgen wir jenen Mustern, die uns so vertraut sind: über Mittelschüler*innen herziehen, das Verlorene hervorstreichen, ihre Defizite beleuchten. Weil sie nicht ermutigt werden sich zu äußern, weil sie weder eine öffentliche Stimme noch eine gut vernetzte, eloquente Lobby haben, werden Mittelschüler*innen wieder nicht gehört. Wir sprechen (berechtigterweise) ausführlich darüber, wie Maturaprüfungen angepasst und Deadlines für vorwissenschaftliche Arbeiten verschoben werden, weil sie in der momentanen Situation nicht zumutbar sind. Über die Zumutbarkeit einer MIKA-D Deutschprüfung, die seit Beginn der Pandemie nur marginal angepasst wurde, spricht kaum jemand. Einem Kind wie Djamal*, das 3 Wochen vor den Schulschließungen im März 2020 nach Österreich kam, ist doch ohne weiteres ein Test zuzutrauen, der komplexe grammatikalische Strukturen voraussetzt, die auch in manchen Teilen Österreichs keineswegs zur Selbstverständlichkeit gehören. Während sich Maturant*innen sorgen, ob sie als der Corona-Jahrgang abgestempelt und ihre Abschlüsse weniger wert sein werden, müssen sich Kinder wie Djamal sorgen, durch die endlose und teils sinnlose Wiederholung von Schuljahren (die Folge eines nicht bestandenen MIKA-D Tests), überhaupt die Chance auf einen Pflichtschulabschluss zu haben. Sowohl die Sorgen der Maturant*innen als auch Djamals Sorgen sind ernst zu nehmen, verdienen öffentliche Aufmerksamkeit und ein Entgegenkommen in der momentanen Situation. Aber die Tatsache, dass die Matura angepasst wird, während die MIKA-D Prüfung praktisch abgehalten wird wie eh und je zeigt auf, dass wir sogar noch unter dem Deckmantel der Krisenbewältigung reproduzieren, was „schon so lange schief läuft“. Wir hören jene, die für sich selbst sprechen können, die sich ihrer Rechte bewusst sind und sie einfordern können und wir übersehen wieder die, die wir auch sonst so gerne an den Rand stellen und denen niemand eine Stimme gibt. 

Das Gute zum Schluss

Als Lehrerin wurde ich in letzter Zeit immer wieder gefragt, ob ich dem Bild des „verlorenen Jahres“ zustimme. Allein diese Frage wirft für mich eine Reihe weiterer Fragen auf. Was ist es, was es im vergangenen Jahr zu verlieren gab? Ist jede Fähigkeit, die bei der Bewältigung einer Situation abseits des Lehrplans erforderlich ist, wertlos und ihr Erwerb damit vernachlässigbar? Warum wird die Frage spezifisch im Hinblick auf Schüler*innen gestellt? Warum wird nicht gefragt, was wir alle tun können um die Versäumnisse dieses Jahres aufzuholen und die Langzeitfolgen für „unsere“ Kinder so gering wie möglich zu halten? Warum werden wir auch jetzt nicht müde den „Stoff“ über alles andere zu stellen? 

Um selbst nicht zu wiederholen, „was schon so lange schief läuft“, werde ich nun nicht mit einer Aufzählung jener Dinge abschließen, die im letzten Jahr für unsere Schüler*innen tatsächlich verloren gingen. Das wurde in den letzten Monaten mehr als genug beleuchtet. Ich will das Muster durchbrechen und den Fokus auf die Gewinne dieses einzigartigen Jahres richten. 

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Ich traue mich zu behaupten, dass die digitale Kompetenz jeder Schülerin und jedes Schülers (und vieler Lehrkräfte) gestiegen ist. Ganz egal ob am Laptop, Tablet oder „nur“ am Handy – die Notwendigkeit zu digitaler Kommunikation und Lernen hat ganz nebenbei zu einer Reihe neuer Kompetenzen geführt. 

„Das mach ich später, ich habe noch so viel Zeit“. „Nur noch eine Folge.“ „Ich mache mir erst etwas zu essen, dann…“ Genau wie die allermeisten im Homeoffice wurden auch Schüler*innen mit ihrem inneren Schweinehund konfrontiert. Doch sie haben gelernt mit ihm zu leben, sich ihre Zeit einzuteilen und es geschafft sich selbst immer wieder zu motivieren. Das letzte Jahr hat sie in Selbstständigkeit und Eigenverantwortung geschult. Fähigkeiten, die in einem streng in 50 Minuten Einheiten getakteten Unterricht, in dem oftmals nicht einmal die Farbe des Stiftes selbst gewählt werden muss, nur sehr selten trainiert werden. Ein klarer Gewinn dieses Jahres also, und ein Denkanstoß für mögliche Weiterentwicklungen des klassischen Unterrichts.

„Ich verstehe das nicht“ – „Was verstehst du nicht?“ – „Alles.“ In der Schule sind Konversationen wie diese an der Tagesordnung. Als Lehrkraft holt man dann tief Luft und beginnt wieder von vorne zu erklären. Im vergangenen Jahr war eine deutliche Veränderung in dieser Fragekultur beobachtbar. Während am Beginn des Homeschoolings die Fragen noch hundertfach und nach ebendiesem Muster auf uns einregneten, wurden sie im Laufe des Jahres immer präziser und ausgewählter. Schüler*innen haben also gelernt, sich erst selbst mit einer Aufgabenstellung auseinanderzusetzen, sich gegenseitig zu unterstützen, sich selbstständig Informationen zu beschaffen und konkrete Fragen zu formulieren. In dieser Tatsache liegen gleich mehrere Gewinne: Durchhaltevermögen, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, selbstständige Informationsbeschaffung, sprachliche Präzision und – vermutlich am bedeutendsten: Verantwortungsübernahme für das eigene Lernen. 

Nein, es ist kein verlorenes Jahr. Es ist ein Jahr, das uns allen unendlich viele Lerngelegenheiten bietet. Ja, es ist tatsächlich auch ein Jahr, das uns gezeigt hat, was wir lange nicht sehen wollten. Ein Jahr, das uns das Angebot macht, alte Muster zu überdenken und von hier an neue, gerechtere und inkludierendere Wege zu beschreiten, in denen alle eine Stimme haben. Nehmen wir dieses Angebot an. 

*Name von der Redaktion geändert.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 2 Minuten

Was NMS Schüler*innen brauchen

Und? Was arbeitest du?“ „Ich bin Lehrerin.“ „Ah ja, Volksschule?“ „Nein!“ „AHS?“ „Nein, NMS!“ „Na, servas! Aber wärst du nicht in einer AHS deutlich besser aufgehoben? Also, du mit deinen Ideen und  deinem Engagement? Das ist doch wie Perlen vor die Säue werfen.

Dialoge dieser Art erlebe ich immer wieder. Nicht unbedingt im gleichen Wortlaut, aber die Kernaussage bleibt die gleiche. Je ausgewählter die Schüler*innen, desto besser müsse das Lehrpersonal sein, ist allem Anschein nach eine Meinung oder eine Haltung, die starken Anklang findet.  Die logische Schlussfolgerung daraus ist, dass es in der NMS reicht, wenn die Schüler*innen Mathematik und Deutsch lernen, alles andere wäre doch ohnehin überbewertet. Sie werden das doch später nie brauchen. Und die nächste Konsequenz daraus ist,  dass man dazu ja keine hochqualifizierten Lehrkräfte benötigen würde. Denn das bisschen Deutsch und Mathematik müsste doch jeder beherrschen, der selbst die Schule durchlaufen hat.

Was AHS-Schüler*innen brauchen

Bei den Schüler*innen der AHS verhält sich das natürlich anders. Diese brauchen jene Lehrkräfte, die perfekte Studienabschlüsse vorweisen können, höchste Qualifikationen sind gefragt. Schließlich unterrichten sie jene Schüler*innen, die einmal zur Bildungselite des Landes gehören sollen. Schließlich erwarten sich auch die Eltern, Schulbesuch sei Dank, dass aus ihren Kindern etwas ganz besonders wird. Und wem das zu viel ist, soll doch bitte dorthin gehen, wo eben das Niveau dementsprechend niedriger ist.

Was alle Schüler*innen brauchen

Prinzipiell hat jeder Schüler und jede Schülerin das Anrecht auf die bestmögliche Bildung. Diese sollte im Idealfall nur von jenen Menschen vermittelt werden, die bereit sind, viel in ihre Aus- und Fortbildung zu investieren. Lehrer*innen, die nicht auf der Stelle stehen und bereit sind ihr Berufsleben lang dazuzulernen. Jedes Kind und jede*r Jugendliche hat sich die besten und qualifiziertesten Lehrer*innen verdient. Da lässt sich kein Unterschied bezüglich irgendwelcher Schultypen festmachen. Ganz im Stillen denke ich mir, dass gerade diejenigen, die ganz wenig Unterstützung haben, ganz besonders gute Lehrer*innen brauchen.

Was NMS-Schüler*innen brauchen

Viele Schüler*innen anderer Schultypen haben das Glück, dass ihre Eltern sie unterstützen können. Sei es bei den Hausübungen oder  in vielen anderen Bereichen. Es ist nun mal bewiesen, dass der Bildungsstand vererbt wird. In diesen Elternhäusern ist es selbstverständlich, ein Theater oder eine Ausstellung zu besuchen oder ein breitgefächertes Freizeitangebot zu ermöglichen.

Bei unseren Schüler*innen sieht es anders aus. Nicht weil die Eltern kein Interesse an ihren Kindern haben, sondern weil sie die Unterstützung nicht bringen können. Also ist es an uns den Kindern und Jugendlichen all das zu bieten und zu vermitteln. Das sind wir unseren Schüler*innen in Hinblick auf deren Zukunft einfach schuldig.

Gerade jene Schüler*innen, die aufgrund ihres soziokulturellen Hintergrunds benachteiligt sind, sollten doch Anspruch auf die besten Schulen und die besten Lehrer*nnen haben.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.