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Problemgschichtn Mittelschule & Poly

Suspendierungen, Gewalt und Förderklassen – der Versuch eines Problemaufrisses

Lesezeit: 4 Minuten

ein Kommentar von Bernhard Lahner, er arbeitet in einer Förderklasse, Bildungsaktivist

In den letzten Wochen wurde oft über Gewalt an Schulen und den darauffolgenden bildungspolitischen Lösungen diskutiert. Für all jene, die im System sind, läuft dieser Diskurs leider in die falsche Richtung. Grund dafür ist, dass es zum Beispiel Förderklassen, also Kleingruppenklassen mit maximal 6 Schüler:innen und 2 Lehrer:innen, schon seit Jahrzehnten gibt und auch dieses Setting ist oft nicht mehr handlebar.

Die Genese der “SES – Schwersterziehbarenschule” und Förderklasse

Schon seit Jahrzehnten wurden Schüler:innen, die aufgrund sozial-emotionaler Beeinträchtigungen, Traumas, Misshandlungen oder psychischen Erkrankungen, die in einer Regelklasse mit 25 Mitschüler:innen überfordert waren, in Kleingruppen beschult. Ganz ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Eine Kommission aus Expert:innen berät regelmäßig über einzelene Schüler:innen, um ihnen die bestmögliche Bildung zu ermöglichen.

In diesem kleinen, fast schon familiären Setting, sollte es mehr Zeit für die individuelle Verarbeitung der eigenen Geschichte der Schüler:innen geben. Unterstützung kommt von Psychagog:innen (Lehrer:innen mit psychologischer Zusatzausbildung) und ein intensiver Austausch mit den Eltern ist Pflicht. Des Weiteren wurde, wenn nicht bereits geschehen, die Schulpsychologie herangezogen und es wird versucht, weitere außerschulische Beratungsangebote den Betroffenen und den Erziehungsberechtigten schmackhaft zu machen.

Damals gab es für Pädagog:innen, die in diesem Bereich arbeiteten, eine eigene Ausbildung an der Pädagogischen Akademie. Diese spezielle Ausbildung gibt es so nicht mehr und wird heute an den Hochschulverbünden individuell mit Schwerpunktseminaren angeboten.

Der Status quo

Wie die 90iger so waren, können sich die älteren unter uns noch vorstellen. Wir telefonierten heimlich mit unserem Crush mit dem Drehscheibentelefon der Großeltern und machten uns Dates bei der einen großen Linde im Wald aus. Ja, damals war alles besser. Natürlich nicht, aber es soll die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung zeigen, zu dem Zeitpunkt, als offenbar Bedarf für “Kleingruppenklassen” bestand.

Heute sind wir überfordert mit der technologischen Entwicklung von Computerspielen, Smartphones, KI und Co. bei gleichbleibendem Lehrplan. Hier wird laufend additiv ergänzt und den Schule alle möglichen Schwachsinnigkeiten aufoktroyiert.

Das wir gesellschaftlich seit Jahrzehnten einen immer schnelleren Wandel u.a. durch Innovationen und Technik erleben ist allseits bekannt. Das wir von einer Industriellen in eine Dienstleistungsgesellschaft schlittern, merken wir auch seit Jahren mit Blick auf veröffentlichte Jobangebote.

Erschwerend zur Entwicklung der kommenden Generationen kommen Finanz- und Gesundheitskrisen, Kriege und immer gewalttätigere Sprache im politischen Diskurs durch Rechtsextreme, die TikTok, Insta und Telegram bestens beherrschen.

Unsere, schon sehr vulnerablen Jugendlichen, springen auf diese Influencer nicht nur an, sie halten das Gesagte auch oft für das einzig Wahre und Richtige. Die Gründe sind vielfältig, aber was sich aus der Praxis beobachten lässt, ist, dass ein Großteil dieser Jugendlichen das Vertrauen in demokratische Institutionen schon verloren hat und auch keine Ressourcen für zusätzliche Informationsbeschaffung oder eine angemessene Reflexion hat. Angefangen in der Kindergruppe, in der sie mit ihrem “aufgeweckten” Verhalten auffallen, weiter in der Volksschule, in der sie bei erhöhten Bewegungsbedarf abgestraft und zum Sitzen gezwungen werden. Dann in außerschulischen Bereichen wie Gesundheitseinrichtungen, in denen sie lange durchgetestet werden, ein Befund ausgestellt wird und danach nichts mehr passiert. Die Schulen werden allein gelassen. Schon einzelne Kinder und Jugendliche können in der Volks- oder Mittelschule ganze Klasse “sprengen”. Mobbing und Gewalt ist oft die einzige Strategie, die bei psychisch vulnerablen Personen ins Außen kommt, um die inneren Dämonen bezwingen zu können. Jetzt beginnt die letzte Maßnahme, die Schule machen kann. Sie schützt die restlichen Kinder, indem sie den “Rabauken” suspendiert – und alleine lässt. In unserer veralteten Logik sperren wir “nicht-passfähige Personen”, wie auch Menschen mit Behinderungen, einfach weg und überlassen sie sich selbst.

Die Negativspirale dreht sich immer schneller und schneller, weil alle Beteiligten, also Eltern, Pädagog:innen und das betroffene Kind, in diesem System überfordert ist und es keinerlei Unterstützung gibt. Nach maximal 4 Wochen Suspendierung beginnen die Muster von Neuem oder werden schlimmer, weil der/die betroffene Schüler:in mit sich alleine gelassen wird oder sich mit anderen suspendierten Kindern im öffentlichen Raum trifft.

Wir brauchen ein “koste es was es wolle an den Pflichtschulen” – und zwar JETZT

Wirtschaft und Politik beklagen Fachkräftemangel und wir wundern uns, warum die Schere zwischen arm und reich größer wird und sich der “Mittelstand” in Luft auflöst.

Für die kapitalistische Kaufkraftstärkung und Wirtschaftsförderung werden Millionen, wenn nicht Milliarden in die Hand genommen und der soziale Bereich wird auf allen Ebenen vernachlässigt und sich selbst überlassen.

“Koste es, was es wolle” muss sofort für den Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich gelten. Wir brauchen in all diesen Bereichen interdisziplinäre und multiprofessionelle Teams mit kleinstmöglicher Bürokratie und größtmöglicher Hilfe. Mit FISCH (Familie in Schulen) wird seit wenigen Jahren, Schuleinsteiger:innen und deren Eltern bei Verhaltensauffälligkeiten bestmögliche Unterstützung angeboten. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche, bei denen oft eine gute Diagnostik fehlt und Kleinkriminalität, Misshandlung und Gewalt an der Tagesordnung steht, werden allein gelassen, genauso wie die Professionellen in Krisenzentren, WGs, Parksozialarbeiter:innen, Pädagog:innen und außerschulische Bildungseinrichtungen.

Es braucht eine massive bildungspolitische Offensive im Bereich der sozial-emotionalen und psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Krise ist ein kleiner Puzzlebaustein, aber verpufft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Förderklassen brauchen vor Ort Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Therapeut:innen, Ergotherapeut:innen, etc. Alle Professionist:innen, die auf Kinder und Jugendliche positiv einwirken können, um sie bestmöglich zu unterstützen und von Suchtkrankheiten, Gefängnis und Arbeitslosigkeit zu bewahren. Da müssen wir investieren und den Fokus legen.

Die Finger in die Wunde legen

Alle Entscheidungsträger:innen, alle im Sozialbereich tätigen, alle Betroffenen wissen das.

Jeder von uns kennt jemanden, in Lebenskrisen, in depressiven Verstimmungen, mit Persönlichkeitsstörungen, mit mentaler Ungesundheit. Wir alle kennen und wissen es. Und auch wir alle dulden diesen Zustand, sehen bewusst weg und putzen uns mit Glaubenssätzen wie, “das sind nur wenige Menschen”, etc. ab. Aber nein, es sind nicht wenige Menschen und es werden täglich mehr. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, der nächsten Generationen. Wir müssen den Finger in die Wunde legen und uns als Gesellschaft an der Gesellschaft entschuldigen und endlich die richtigen und notwendigen Maßnahmen setzen.

Es ist 5 nach 12 und alle politischen Maßnahmen, Ideen und bereitgestellten Gelder sind zu wenig. Es braucht sofort einen nationalen Schulterschluss im Sozial, Bildungs- und Gesundheitsbereich. Es braucht Vernetzung, Austausch und konkrete Verbesserungen. Wir können nicht zulassen, dass die einzige Antwort gegenüber vulnerablen Gruppen das Wegsperren ist. Wir haben hier und jetzt die Verantwortung und müssen uns dieser bewusst sein.

Bernhard Lahner BEd, Förderklassenpädagoge im sozial-emotionalen Bereich, Bildungsaktivist

22. März 2024/2 Kommentare/von Redaktion
Schlagworte: #Förderklassen, #gschichtndonnerstag, gewaltanschulen
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2 Kommentare
  1. Roswitha Seklehner
    Roswitha Seklehner sagte:
    22. März 2024 um 13:52

    Lieber Bernhard, bin vollkommen deiner Meinung, diese Herumrederei, das“ Auf Die Lange Bank Schieben“ von einem Jahr, auf das nächste. Es gibt keine konkreten brauchbare Vorschläge, die sofort umgesetzt werden. Wer weiß schon wirklich, wie es in manchen Klassen zugeht!

    Kindergarten und Schule können das Führen und Grenzen setzen nicht wettmachen, was im häuslichen Bereich versäumt wurde.
    Erziehung ist Schwerarbeit.
    Schade, dass die ASO- Ausbildung abgeschafft wurde. Ich habe gern im Team gearbeitet in einer I-Klasse und wir haben erfolgreich gewerkt.

    Alles Gute

    Antworten
    • Kristina Hafner
      Kristina Hafner sagte:
      24. März 2024 um 18:17

      Ich finde einiges gut und richtig im Artikel. Es läuft vieles falsch im Bildungssystem und das seit vielen Jahren. Die Ideen wären da, Wille und Mut für Veränderungen fehlen. Ich sehe kein Umdenken und schon gar keine nachhaltigen strukturellen Maßnahmen, die Verbesserungen bringen. 100 Schulen/1000 Chancen, Bildungsversprechen, Bildungschallenges… alles nett gemeint und zu oft von Lehrpersonen nur als Zusatzbelastung erlebt. „Erziehung ist Schwerarbeit“ – was für eine problematische Haltung! Gerne erkenne ich an, dass Pädagog*innen einen hohen Aufwand betreiben und oft kaum etwas zurück bekommen (außer der sicheren Anstellung und den überdurchschnittlich vielen freien Wochen). Wenn Beziehung im Zentrum steht, dann ist Bildung keine Schwerarbeit. Erziehung war gestern, achtsame Führung ist eine Kunst, die leider nicht an pädagogischen Hochschulen gelehrt wird und die vielen Lehrenden so gar nicht liegt. Kinder lernen durch Vorbilder. Sie kooperieren, wenn sie ernst genommen werden, sich ausprobieren und Fehler machen dürfen. Leider erlebe ich das kaum in der Schule. Genervte Lehrpersonen, Beschämung, Bestrafung und Druck, Druck, Druck. Wenn Lehrpersonen ihren Frust an Kindern und Jugendlichen auslassen, ist es aus meiner Sicht nicht verwunderlich, wenn diese es in Form unkooperativen Verhaltens in der Schule ventilieren. Ja, und natürlich gibt es auch traumatisierte Kinder, aber nicht jedes Kind, dass sich nicht brav den Regeln unterordnet ist traumatisiert oder gestört. Auch den Eltern die Schuld zuzuschieben ist zu kurz gegriffen. Schule ist zu oft kein guter Ort, weder für Kinder noch für Lehrerinnen. Kinder können sich nicht wehren. Erwachsene aber schon. Ich frage mich nur, warum sie es nicht tun. Warum tun alle immer so weiter, obwohl es lange schon 5 nach zwölf ist?

      Antworten

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