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Unsere Kinder haben von heute auf morgen ihren „Alltagsrhythmus“, ihren Schulalltag und die lebendig-interaktive Beziehung mit ihren Lehrer*innen und Mitschüler*innen verloren. Der Schock ist groß.

Was ist die Chance? 

Die Chance ist, die Kinder in diesen Krisenmonaten erfahren zu lassen, dass die Schule ihr Freund ist, ein Backup-System, ein Kreis aus wohlgesonnenen Begleiter*innen, die vermitteln, dass Lernen Spaß macht. Ein System, das Erleichterung bringt, unterhaltsam ist und Langeweile vertreiben kann. Diese Chance nicht zu nutzen wäre nicht nur schade, sondern könnte sich als bedrohliches Szenario für den Familienalltag in Zeiten der Coronakrise herausstellen. Darum müssen wir Eltern, Direktor*innen und Lehrer*innen mit konstruktiv-kritischem Blick auf Weisungen von Bildungsdirektion und Bildungsministerium schauen. Weisungen, die dahin gehen, dass am Ende dieser Zeit das „Ergebnis“ der zuhause für die Schule erbrachten Leistungen bewertet wird und in die Note miteinfließen könnte. Die Auswirkungen solcher Weisungen können aber, in einer Ausnahmesituation wie dieser, auch zur Destabilisierung vieler Familien beitragen.

Zu allererst ist in diesem Appell wichtig ein Verständnis für beide Seiten zu generieren:

Verständnis für alle Lehrer*innen und Direktor*innen, die sich für ihre Schüler*innen bemühen, das Richtige zu tun und ihr Bestes geben, sowie für alle Eltern, die ebenfalls bemüht sind das Richtige zu tun und ihr Bestes geben.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auf die Schulen schauen, die es den Schüler*innen, durch raschen Kontakt und Vermitteln von Strukturen, ermöglichen eine Art von Sicherheit, Normalität und Orientierung zu erfahren, um weiter lernen zu können.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auch auf alle Eltern schauen, die ihren Kindern jetzt Mut zusprechen, Gespräche führen und ihnen ein entspanntes, sicheres Zuhause bieten.

ABER muss es nicht der Hauptfokus in einer solchen Krise sein, emotionales Verdauen in den Vordergrund zu stellen, Quality Time miteinander zu haben, Entspannung zu generieren und die Kinder auf diese Weise seelisch gesund zu halten? Wenn wir als Eltern durch Weisungen und Verpflichtung zu konkreten Leistungen auch noch Kontrollinstanz für unsere Kinder sein müssen, kann nichts gutes dabei herauskommen. Im Gegenteil.

Manche Familien sind glücklicherweise von diversen Ressourcen gestärkt, haben Unterstützung, weil mehrere Erwachsene im Haus sind, weil sie Zugang zu Garten oder Wald haben, oder weil es ihnen ihre Bildung oder Charakterstruktur erlaubt, Autoritäten zu hinterfragen. Weil sie nicht allen Weisungen Folge leisten und eigene Prioritäten setzen. In solchen Familien wird der Druck zu lernen vermutlich nicht zu groß werden und dadurch wird Raum entstehen für die Entfaltung von kindlicher Kreativität. Aber bei Weitem nicht alle Familien sind so begünstigt.

Denken wir nur an Alleinerziehende, die vielleicht sogar mit mehreren Kindern aus unterschiedlichen Klassen in der Stadt in kleinen Wohnungen zusammenleben und nicht wirklich hinaus können. Denken wir an Eltern, deren Einkommen von heute auf morgen wegbricht. Eltern, die derzeit versuchen von zuhause aus zu arbeiten und dies nicht tun können, weil sie 24/7 von den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Kinder umringt sind. Denken wir an Eltern, die sich nicht trauen Autoritäten herauszufordern, und den Druck unhinterfragt an ihre Kinder weitergeben.

Es bräuchte nun extra Präsenz, Konzentration, Zeit und Verfügbarkeit um die Kinder zu Hause bei schulischen Aufgabenstellungen zu begleiten. Viele Eltern können dies jedoch  in der momentanten Krisensituation nicht aufbringen.

Eltern sind gezwungen die Rolle der Lernbegleiter*innen zu übernehmen. Es gibt allerdings viele Eltern, die das langfristig überfordern wird und so gerät das emotionale Gleichgewicht vieler Familien zusätzlich ins Wanken. Wir müssen  in dieser speziellen, von begrenzenden Erfahrungen geprägten Ausnahmesituation darauf achten, keine zusätzlichen belastenden Faktoren in den häuslichen Ausnahmealltag mit einzuladen. In Krisensituationen ist es ungemein wichtig, Erwartungen und Anforderungen herunterzuschrauben und nicht immer funktionieren zu müssen.

Wenn der Fokus in der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus auf Pflichterfüllung liegt, wenn es “einzuhaltende Abgabetermine” und Deadlines gibt und das “Sollen” und “Müssen” dominiert, als wären wir in einer normalen Alltagssituation, wird das viele Familien zusätzlich belasten.

Wir müssen uns konstruktive Sorgen um das emotionale Gleichgewicht in Familien machen. Ein Gleichgewicht, das dafür sorgen kann, dass Kinder seelisch möglichst unbeschadet aus dieser Notsituation heraustreten.

Wir stehen an der Schwelle zu kollektiv traumatischen Erfahrungen, vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Krankheit näher – bei manchen bis ins Wohnzimmer – rücken wird, wenn Familienangehörige betroffen sein werden, Eltern oder Kinder erkranken oder die Großeltern, die im Sterben liegen, nicht besucht werden dürfen. In dieser Situation darf von Seiten der Schulen der Druck herausgenommen werden!

Aus Sicht der Krisenintervention ist es essentiell, ein gesundes Ebenmaß an Struktur und Freiheit zu etablieren. Das kann gelingen indem das Bildungsministerium in diesen Monaten auf die Idee von Leistung und Benotung verzichtet. Lehrkräfte müssen darin bestärkt werden, Aufgaben einladend zu beschreiben, Arbeitsaufträge offen zu lassen und nicht zu viele Aufgaben gleichzeitig zu vergeben. Sie sollen in der Kommunikation ermuntern, auch mal “frei” zu nehmen. Nehmen wir die Worte “sollen” und “müssen” aus dem Lehrplan-Vokabular und ersetzen sie durch “dürfen” und “ausprobieren”. Erinnern wir die Kinder, dass Lernen auch bedeuten kann, ein Kochbuch zu lesen und für die Familie zu kochen, Samen am Balkon anzupflanzen, Tagebuch zu schreiben, zu basteln, zu zeichnen, zu tanzen, Musik zu hören, Spiele zu spielen oder lustige Lernvideos anzuschauen.

Für Eltern könnte es eine Entlastung bedeuten, darin bestärkt zu werden, sich gemeinsame Entspannung zu gönnen, Zeit für Gespräche und Verarbeitung der Situation zu nehmen und von der Rolle der Lernkontrollinstanz freigesprochen zu werden. Diese Entlastung könnte sich auch positiv auf die natürliche Lernbereitschaft der Kinder auswirken.

Wollen wir wirklich, dass die Kinder am Ende dieser Krise unter enormen familiärem Stress ihre Aufgaben erledigt haben oder darf es jetzt  das Wichtigste sein, dass die Kinder fröhlich und von familiärem und schulischem Rückhalt gestärkt wieder zurück in die Schule kommen?

Die Autorin ist Mutter von drei Kindern im Schulalter.

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Jetzt war es also soweit: Ich arbeitete von zu Hause.

Heimunterricht. Oder, da ja die Kontakte zu Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen so gut wie ausschließlich auf digitalen Wegen erfolgen mussten, Unterricht@Home. Prinzipiell kam mir das ja entgegen – persönliches Zusammentreffen mit Artgenossen war ohnehin noch nie so mein Ding gewesen.

Insofern hatte mich die Eröffnung meiner Direktorin, dass wir Lehrer*innen in der kommenden Zeit – außer es ergäbe sich dringende Betreuungsnotwendigkeit – zu Hause bleiben sollten, nicht allzu hart getroffen. Ich erinnere mich noch lebhaft an vergangenen Montag: Verteilt im Turnsaal, vereinzelt mit schwitzenden Händen, da diese in eleganten Gummihandschuhen steckten, lauschten wir den Anweisungen unserer Chefin. Manche der ganz Vorsichtigen hörten sie allerdings nur etwas gedämpft, hatten sie sich doch sicherheitshalber auch noch die knallgelben Kunststoffshirts, die wir Sportlehrer*innen sonst zur Mannschaftskennzeichnung verwendeten, über den Kopf gezogen. Sie vertrauten ganz offensichtlich darauf, dass die Fäulnisbakterien, die fleißig damit beschäftigt waren, die adoleszenten Schweißrückstände zu verdauen, aggressiv genug wären, jeden eindringenden Coronavirus innerhalb von Sekundenbruchteilen zu vernichten. Feuer wird ja auch mit Feuer bekämpft, sagt man mancherorts.

Die (eigentlich für den darauffolgenden Mittwoch) vorbereiteten Arbeitsblätter wurden anschließend strategisch, aber dekorativ in den Klassen verteilt, sofern sie nicht schon am vergangenen Freitag den Kindern und Jugendlichen in die Hand gedrückt worden waren. Dass manche Kolleg*innen bei dieser Gelegenheit tunlichst darauf bedacht waren, mich über die Wichtigkeit und Einzigartigkeit jedes einzelnen ihrer Produkte aufzuklären, erschien mir dann doch etwas verdächtig: Erwarteten sie von mir, in “meinem” Klassenraum auszuharren und dafür Sorge zu tragen, dass die Schüler*innen jedes Arbeitsblatt wie den heiligen Gral hoch über ihr kindliches Haupt erhoben und strahlenden Auges gen elterlicher Wohnstatt tragen würden? Na, hoffentlich nicht.

Da mein Verhältnis zu unserem Kopierer seit jeher kein allzu inniges ist – eine Partnerin mit Ecken und Kanten hatte ich bis zu meiner Scheidung ohnehin jahrelang -, stellte ich die Arbeitsaufträge für meine Schüler*innen auf unsere Schulwebsite. Man muss ja mit der Zeit gehen. Die Bücher sollten die Kinder entweder schon aus der Schule geholt haben oder dies bis spätestens Dienstagmittag erledigen, so lautete die direktorische Direktive.

Also fuhr ich also weisungsgemäß nach Hause und machte mich dort an die digitale Arbeit. Auf der Startseite unserer Internetpräsenz prangten bald – in mahnendem Rot gehalten – drei Hinweise: Der erste betraf die Zeiten, in denen die Schule geöffnet wäre, der zweite die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme (inklusive Handynummer unserer Direktorin) und der dritte sollte alle Unklarheiten bezüglich der vorbereiteten Aufgaben ausräumen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, packte ich diese Inhalte auch noch in eine E-Mail, die ich von meiner Dienstadresse aus an alle Kinder beziehungsweise deren Erziehungsberechtigte schickte. Nein, besser schicken wollte. Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass eine erkleckliche Anzahl der angegebenen Adressen nicht ganz korrekt war. Zahlreiche Telefonate später nahm die Liste allerdings brauchbare Formen an. Nur ein Herr, der das verhängnisvolle Schicksal hatte, denselben Namen wie der Vater eines meiner Schüler zu führen und dementsprechend eine sehr ähnliche Mailadresse sein Eigen nannte, meldete sich zwei Tage darauf höflich, aber offenbar schon ziemlich desperat bei mir. Er bat, aus dem Mailverteiler genommen zu werden, da er mit den Informationen für eine zweite Mittelschulklasse verhältnismäßig wenig anfange. Dem Mann konnte geholfen werden.

Am Dienstag erfolgten dann die ersten Anrufe jener Kolleg*innen, die bereits tags zuvor tunlichst darauf bedacht gewesen waren, ihre geistigen Ergüsse verlässlichst unter die Jugend gebracht zu sehen. Der Schulwart (dieser miese Verräter!) hatte ihnen geflüstert, dass noch immer nicht alle Arbeitsblätter abgeholt worden seien. Somit schwankten die Fundamente unserer Welt offenbar ganz bedrohlich. Als einziger Retter vor der Apokalypse kam da natürlich nur der Klassenvorstand in Frage.

Dieser (also ich) kam vollkommen zerknirscht seiner Pflicht nach und verfasste eine – diesmal etwas weniger amikal formulierte – E-Mail mit dem Inhalt, dass noch immer nicht alle Lernunterlagen aus dem Klassenraum abgeholt worden seien und man das doch bitte ehebaldigst zu tun habe. Aufgrund der durchaus deutlichen Anweisungen unserer Bundesregierung sah ich mich außerstand, für die nachweisliche Verteilung der Kopien an die Adressen von zweiundzwanzig Familien persönlich Rechnung zu tragen. Ach ja, eigentlich wollte ich auch nicht. Das kam noch hinzu.

Nebenher regelmäßig die Dienst-E-Mails nach neuen Weisungen aus der Bildungsdirektion und teilweise sogar von ganz oben (was aufgrund der Statur unseres Bildungsministers ja durchaus doppeldeutig gesehen werden kann) durchforstend, arbeitete ich daran, Online-Angebote zu finden, mit denen die Schüler*innen über die gestellten Aufgaben in den Schulbüchern verschiedene Themengebiete vertiefen und wiederholen konnten. Das Gute an diesen Recherchen war, dass ich dabei so manches digitale Schatzkästchen entdeckte, auf das ich im üblichen Alltag, der ja dem pädagogischen Fronteinsatz gewidmet war, kaum gestoßen wäre. Kurz: Ich pendelte geistig also zwischen dem Aktualisieren der Informationen auf unserer Schulwebsite und dem Jagen und Sammeln von homeschoolingtauglichen Materialien.

Bei diesen Tätigkeiten war die Anwesenheit meines Körpers vor dem Computer allerdings aus nachvollziehbaren Gründen unerlässlich. Deshalb war ich froh, einen Laptop mein Eigen zu nennen. Das ermöglichte mir, zeitweise die Sonne im Garten als Wellnessmittel zu nutzen. Auch nahm ich mir die Freiheit, regelmäßig meinen Allerwertesten zu heben und ein wenig Sport zu machen. Zwar hatte – wie nachvollziehbar ist – mein Stammfitnesscenter geschlossen, doch Übungen mit dem eigenen Körpergewicht und Laufrunden hielten meine Lebensgeister (und damit meine beamtete Arbeitskraft) wach. Ich zwang mich sogar zur einen oder anderen Rasur, um ein wenig Alltagsfeeling in mein Eremitendasein zu bringen. Auch sollten Kinder und Kolleg*innen mich ja auch nach der Wiedereröffnung unseres Schulgebäudes nicht nur an der Stimme erkennen können.

So verging die erste Woche nach der Coronazeitrechnung für mich persönlich überraschend schnell. Am Freitag jedoch beging ich einen folgenschweren Fehler: Ich sandte eine E-Mail an die Schüler*innen meiner Klasse, in der ich ihre Erfahrungen mit der doch vollkommen neuen Situation erfragte. Im Einzelnen wollte ich wissen, ob es ihnen zeitlich gut möglich sei, die gestellten Arbeitsaufträge in den einzelnen Fächern zu erledigen, wie die Einteilung des Lernstoffs zu Hause umsetzbar sei und ob da, wo sie Hilfe bräuchten, die Kommunikation mit den Lehrerinnen und Lehrern funktioniere. Außerdem wollte ich wissen, was sie sich von der Schule noch wünschten, also welche zusätzlichen Angebote sie auf unserer Schulwebsite eventuell noch vermissten.

Die Antworten waren äußerst einsilbig. Das konnte Gutes bedeuten, aber auch alarmierend sein. Als geborener Optimist beschloss ich, es in den meisten Fällen für ein gutes Zeichen zu halten. Doch dann kamen die Hintergrundinfos der Eltern als Nachrichten auf mein Handy: Einige hatten den Eindruck, die Sprösslinge hätten Nachtschichten einzulegen, um in einzelnen Fächern das geforderte Arbeitspensum bewältigen zu können. Ob es mir nicht möglich sei zu vermitteln. Gut. Ich vermittelte. Möglichst dezent. Unstimmigkeiten in der Kolleg*innenschaft wären in der momentanen Situation nicht sehr zielführend. Okay, im Face-to-Face-Schulbetrieb ja eigentlich auch nur bedingt.

Nachdem diese heikle Mission ohne nennenswerte Verluste an Menschenleben abgeschlossen war, läutete erneut das Telefon. Eine zuvor von mir nicht kontaktierte Kollegin war dran: Was denn mein Plan sei, wenn sie im Zuge ihres Journaldienstes am kommenden Montag feststellen müsste, dass nicht alle ihre Arbeitsblätter abgeholt worden seien. Da war das Thema wieder. Ich hatte es bereits richtiggehend vermisst.

Ich bot ihr zwei Vorgehensweisen an – eine erneute Erinnerungs-E-Mail an die Schüler*innen und die Veröffentlichung ihrer gesammelten Werke in der “Ein-Wochen-Homeschooling-Edition“ auf der Schulwebsite. Das schien vorerst zu fruchten. Das Wochenende konnte kommen.

Ich freue mich bereits auf die nächste Woche.

Der Autor ist Lehrer an einer Mittelschule in Niederösterreich.

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Lockdown

Das erste Wochenende geht vorüber. Es hat noch was von „…dann mache ich mir es eben daheim gemütlich„. Das kann ich ja zum Glück. Ich habe eine große Wohnung und damit ein Dach über dem Kopf. Ein gefüllter Kühlschrank, Internet und Handy. Vieles erscheint mir surreal. Die letzten Tage in der Schule, als wir alle noch hektisch die Schulbücher bestellt haben. Als wir Übungen für die Schüler*innen zusammengesucht haben. Der tatsächlich letzte Schultag am Freitag, als nicht einmal die Schüler*innen im Ferienmodus waren. Die Verabschiedung von den Kolleg*innen, auch beklemmend. Es erschien mir wie ein schlechter Film, bei dem ich sehnlichst auf den Abspann wartete.

Montagmorgen

Am Montag wache ich zur gewohnten Zeit auf, zwanzig vor sechs ohne Wecker. Am Vormittag melden sich die ersten Schüler*innen:

Mir ist fad zuhause. Darf ich morgen mit V. in die Schule kommen?

Warum dürfen wir nicht einmal in den Park gehen?

Alle meine Geschwister sind zuhause. Ich wünschte, ich wäre ein Einzelkind.

Was genau muss ich heute machen?

Zählt das alles zur Note?

Frau Lehrerin? Nicht ihr Ernst? Das ist viel zu viel!

Mein Bruder hat gesagt, dass ich hässlich bin. Also muss ich hässlich sein.

Ich mach jetzt die Hausübungen.

Montagabend

Am Abend sitze ich, wie so oft in diesen Tagen, vor dem Fernseher. Ich habe zu diesem Zeitpunkt noch nicht die gesunde Mischung aus wie viel Information vertrage ich, und wie viel nicht, heraußen. Im Fernsehen läuft das Format Thema, im Fokus Covid19. Nach vielen Informationen und Fakten spricht am Ende eine klinische Psychologin über die neue häusliche Situation. Auch zwei Familien werden gezeigt und befragt, wie sie die kommenden Tage meistern werden? Die Wohnungen der beiden groß, hell und geräumig mit Balkon oder Garten. Eine männliche Person, die im Garten mit einem Kind lernt. Das andere Kind turnt auf einem Klettergerüst. Alle sind sich einig, das könnte schnell langweilig und fordernd zugleich werden.

Was könnte man dagegen tun?“, will die Reporterin wissen.

Denken Sie sich immer neue Sachen aus. Schaffen sie neue Anreize. Kochen sie gemeinsam oder machen sie eine Schnitzeljagd durch die Wohnung. Oder, schaffen sie eine Verkleidungsecke.

Die andere Realität

Ich steige gedanklich ab.

Mir fällt K. ein. K. ist mit seinen elf Jahren der älteste von sieben Kindern. Vor drei Wochen kam das jüngste zur Welt. Die Familie lebt in einer 45m² Wohnung. K. liebt es, die Zeit draußen zu verbringen. Ich stelle mir K.s Mutter vor, wie sie in der Küche steht und vermutlich alles andere will, als die Kinder in den Akt des Kochens einzubinden.  Sie wird auch keine Schnitzeljagd machen oder eine Verkleidungsecke einrichten. Wo auch?

Ein anderer Junge lebt unter ähnlichen Verhältnissen. Der Vater arbeitet am Markt, die Mutter ist den ganzen Tag bei den Kindern. Die Hauptlast liegt bei der Mutter. Haushalt, Kindererziehung und sämtliche schulische Angelegenheiten. Und jetzt sollte sie noch mit den Kindern üben und lernen. Stimmt, und eine Schnitzeljagd organisieren.

V. lebt bei seiner Großmutter. V. hat Probleme. In der Schule eckt er mit seiner nicht vorhandenen Anpassungsfähigkeit an. Er scheitert täglich am System Schule. Die Großmutter ist bemüht, aber stößt permanent an ihre Grenzen. V. hat bis heute keine einzige Aufgabe geschickt. Manchmal kommt mir der Gedanke, dass er vielleicht schon im Krisenzentrum lebt.

Die ganze erste Woche des Lockdowns kommen auf unterschiedlichen Kanälen mantraartig die gleichen Tipps, und immer werden Familien gezeigt, die nicht die Lebensrealität meiner Schüler*innen abbilden. In den meisten Fällen macht der Vater nicht Homeoffice. Die Mutter macht eine Art Homeoffice, spricht sie ist ohnehin zuhause. Meine Schüler*innen haben zu 90% keine Laptops, kein W-Lan, keine Gärten und keine Eltern, die mit ihnen so nebenbei noch lernen. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es nicht können.

Die Verlierer*innen

Was meine Schüler*innen haben? Sie haben Ängste. Angst, dass die Eltern ihre Arbeit verlieren. Sie haben Angst, dass ihren Eltern das Geld ausgeht. Sie haben Angst, genau das mit ihren Eltern zu besprechen. Sie merken, dass es zuhause eng wird, und wissen nicht, wie sie dieser Enge entfliehen sollen. Sie haben Angst, dass wenn sie doch nach draußen gehen, dass die Eltern Strafe zahlen müssen. Sie haben Angst, dass sie das Jahr nicht schaffen werden. Sie haben vermutlich nur wenig Kraft sich den Schulaufgaben zu widmen. Denn, bevor man sich mit Bildung und mit sich selbst beschäftigen kann, braucht man soziale Sicherheit. Diese ist in sehr vielen Fällen nicht gegeben. Gerade in diesen Familien bleibt kein Stein auf dem anderen.

Die Verlierer*innen in dem System Coronakrise sind wieder einmal die Schüler*innen der Mittelschulen. Denn schon jetzt kündigt Bildungsminister Heinz Faßmann an, dass die höchste Priorität bei der Öffnung von Schulen der Matura gilt.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Seit etwas mehr als einer Woche findet nun kein regulärer Unterricht mehr statt. Zwei Arbeitstage hatten Lehrer*innen und Schüler*innen Zeit, sich auf diese gravierende Veränderung vorzubereiten und neue Lösungen zu finden.

Wie Unterricht in Zeiten von Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen aussehen kann und was die wichtigsten Learnings der ersten Tage sind, haben uns vier Lehrkräfte aus vier verschiedenen Neuen Mittelschulen in Wien beantwortet.

Die Schule ist “zu”, die Kids sind daheim.  Wie arbeitest du jetzt?

„Ich unterrichte im 2. Bezirk und ich muss sagen es läuft sehr gut! Am Freitag haben die Kinder eine Arbeitsmappe bekommen mit den verschiedensten Aufgaben zu jedem Fach. Morgen wird es eine Tages-Challenge geben, wer diese bis 18 Uhr erledigt bekommt ein Plus. Bis Freitag muss sich jedes Kind einmal melden und Bescheid geben wie es ihm so geht und wie weit es mit der Mappe ist.“

„In unseren Tablet-Klassen nützen wir für den Fernunterricht die Lernplattform „showbie“, weil die Schüler*innen den Umgang mit der App aus dem Regelunterricht gewöhnt sind. Wir haben nach Bekanntgabe der Schulschließungen Übungsmappen für die verschiedenen Fächer vorbereitet und analog und digital verteilt. Bei der Zusammenstellung wurde darauf geachtet, die Aufgaben so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten und die Förderung der verschiedenen Kompetenzen zu gewährleisten. Die meisten Übungen können die Kinder direkt am Tablet lösen, für manche werden jedoch Zettel und Stifte benötigt. Von den gelösten Aufgaben werden dann entweder Fotos oder Screenshots gemacht und via App an die Lehrkräfte verschickt, die sich dann gleich um das Feedback kümmern. Die besonders motivierten Schüler*innen können über die Lernplattform problemlos mit Zusatzmaterialien beliefert werden.“

„Wir arbeiten derzeit mit Moodle. Die Kids bekommen jeden Tag Aufgaben in den Hauptfächern – ich betreue eine erste Klasse in Englisch.“

„Wir haben den großen Vorteil, dass 2 von unseren 3 ersten Klassen iPad-Klassen sind, d.h. wir arbeiten bereits digital und sind mit unseren Schüler*innen vernetzt. Durch die Schulschließung hat sich bei uns aber auch nochmal Vieles getan. Alle Kinder unserer Schule bekamen E-Mail-Adressen und haben sich mit den Lehrkräften vernetzt. Dann ging es an die Umsetzung. Alle bekamen Aufträge in den einzelnen Fächern, entweder noch zu Schulöffnungszeiten oder bereits per E-Mail. Es ist sehr schön zu sehen, wie wir als Jahrgangsteam agieren und wie wir unsere Stärken einsetzen können. Wir arbeiten mit den Programmen Google Classroom und iTunesU, wo die SuS ihre Arbeitsaufträge hochladen müssen. Wir korrigieren sie daraufhin und geben sie mit Kommentaren an die Kids zurück. Das gibt uns auch das Gefühl, nah an den Kids dran zu sein und ihnen auch Input zu geben, mit dem sie arbeiten können. Über Google Meets fanden bereits die ersten Live-Unterrichtseinheiten diese Woche statt, die nächsten folgen kommende Woche, wo direkter Kontakt, nochmaliges Erklären und Fragen stellen ermöglicht wird. Zusätzlich dazu erstellen wir Lernvideos zu einzelnen Themenbereichen, die die SuS immer wieder ansehen können.“

Was funktioniert gut? Was ist herausfordernd? 

„Gestern habe ich schon Fotos von den ersten fertigen Werken bekommen. Ich bin sehr stolz, die Kinder antworten sofort und sind höflich und motiviert.“

„Am Anfang war ich doch etwas übermotiviert und habe viele verschiedene Aufgaben gegeben, und die Kids waren dadurch etwas überfordert. Hinsichtlich dieser Tatsache habe ich dann weniger Aufgaben erstellt und diese etwas vereinfacht. Meine Learnings: Less is more. Ich mache jetzt außerdem immer ein „Explainer Video“ (was bei jeder Aufgabe zu tun ist) am Abend davor, und muss dann weniger einzelne Erklärungsgespräche telefonisch durchführen. So habe ich dann mehr Zeit, um mit den Kindern den Inhalt zu besprechen. Dieses Video schicke ich allen Eltern über Whatsapp und stelle es auch online.“

„Zu Beginn war die Unsicherheit und die ständigen Planänderungen herausfordernd, weil diese Situation für uns alle neu war. Nach der Unterrichtsumstellung kam die nächste Herausforderung, dass wir nicht alle Schüler*innen dort abholen konnten wo sie waren, weil  z.B. E-Mail-Adressen nicht funktionierten, wir niemanden erreichen oder sie Dinge nicht hochladen können. Das lag an den technischen Ausgangslagen und daran, welche Möglichkeiten die Kinder zu Hause haben. Nun gilt es, sie motiviert zu halten, damit sie dabei bleiben. Es ist auch für uns Lehrkräfte eine Herausforderung, den Unterrichtsalltag so zu gestalten, dass es für alle trotzdem eine lehrreiche Zeit ist und es darf – unser Ansicht nach – auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Denn Emotion und Lernen sind zwei Komponenten, die stark miteinander verbunden sind.“

Wie bist du mit deinen Schüler*innen in Kontakt? 

„Kommuniziert wird über Instagram und WhatsApp. Die Onlinebetreuung der Kinder läuft über den ganzen Tag, es kommen ständig Fragen, das freut mich sehr. 2-3 Kolleg*innen sind täglich in der Schule anwesend, es kommen immer wieder Kinder vorbei und holen sich Unterlagen.“

„Um die Nähe zur Schule aufrecht zu erhalten, haben die Schüler*innen den Auftrag bekommen, sich täglich mit uns in Kontakt zu setzen. So müssen sie uns beispielsweise schriftlich oder via Sprachaufnahme beschreiben, was sie am jeweiligen Tag für die Schule erledigt haben oder wie ihr Tagesablauf aussah. Dadurch haben wir einen besseren Überblick darüber, wer den Fernunterricht wirklich ernst nimmt und an wessen Eltern wir vielleicht nochmals eine Nachricht schicken sollten.“

„Ich habe in den ersten drei Tagen mit jedem Kind telefoniert, um sicher zu stellen, dass für sie alles klar war und sie wissen, wie sie mit der Plattform umgehen. Das war sehr hilfreich und hat mir auch einen schönen Einblick in ihr Leben zuhause verschafft. Mir war es auch wichtig, dass sie sich an die Schule gebunden fühlen. „

„Wir sind per E-Mail ständig mit ihnen in Kontakt und sie können auf diversen Kanälen Fragen stellen. Mit den Eltern sind wir über SchoolFox in Kontakt, das seit Beginn des Jahres und insbesondere jetzt eine große Erleichterung darstellt. In den Reflexionen konnten wir, und das freut uns insbesondere, lesen, dass es den Kids durchwegs gut geht. Sie haben uns auch rückgemeldet, welche Aufgaben besonders Spaß gemacht haben und was ihnen momentan durch ihre Köpfe geht, beispielsweise die Tatsache, dass jetzt die erste Woche viel Input und zu viel zu erledigen war. Dessen sind wir uns bewusst und wir haben das Feedback aufgenommen und werden es für die nächsten Aufgabenstellungen berücksichtigen. Es ist jetzt in dieser besonderen Zeit auch sehr wichtig, weder sich, noch die Kinder zu überfordern. Wir müssen uns alle erst an die  neuen Umstände gewöhnen, sind aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis der ersten Woche. Uns ist es jetzt insbesondere wichtig, dass die Kinder wissen, dass jemand für sie da ist, an den sie sich jederzeit wenden können. Insgesamt sind wir somit super happy und sind gespannt darauf, was die nächsten Wochen so bringen werden.“

Corona Reflexion

Was ist dein persönliches Highlight der 1. Online-Woche? 

„Eine Aufgabe war es, einen Dialog (im Supermarkt) zu schreiben und aufzunehmen. Ich habe dann viele Videos von den Kids und einem Elternteil/Geschwisterkind bekommen, wo sie zusammen die Aufgabe machen – Aufgaben mit Eltern und Geschwistern sind also toll! Außerdem sind Tagebucheinträge (sie können auch Fotos schicken) voll süß!“

„Es ist so schön zu erleben, wie die Zusammenarbeit in unserem Jahrgangsteam funktioniert. Jede*r kann seine Ideen einbringen und hilft mit, den Kindern die Zeit möglichst angenehm und lehrreich zu gestalten. Der eine macht lieber Live-Unterricht und die andere erstellt dafür lieber Lernvideos während die nächsten an den Daily Challenges arbeiten. Wir stimmen uns täglich ab und unterstützen uns, wo wir können. Die Schüler*innen merken das und durch das unterschiedliche Angebot sind sie auch aktiv dabei. Auch wir Lehrkräfte lernen in dieser Zeit sehr viel darüber, wie Kinder lernen, beispielsweise dass klare Arbeitsaufträge unabdingbar sind. Wir sehen auch, dass manche Kinder schon sehr fleißig vorgearbeitet haben und können dann gezielt präzises Lob aussprechen, um sie weiterhin zu motivieren.“

„Es ist großartig zu sehen, wie viel Verantwortung die Kinder innerhalb kürzester Zeit für ihr eigenes Lernen übernommen haben und wie gut sie manches, was wir in der Schule mit ihnen trainieren nun anwenden können. So schaffen es die meisten richtig gut, sich ihre Zeit einzuteilen und geben ihre Aufgaben rechtzeitig und vollständig ab. Außerdem entwickelt sich innerhalb der Klasse eine Unterstützungskultur. Die Kinder beantworten einander Fragen, geben Tipps oder motivieren sich gegenseitig.“

Die Lehrer*innen unterrichten an NMS in Wien.

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Hürden, Eigeninitiative und pures Glücksgefühl

Manche wollen sie haben, andere wehren sich vehement dagegen. Viele Personen sprechen darüber, einige setzen sich dafür ein und ein paar haben sich dem Thema voll und ganz verschrieben.

Mich haben technische Innovationen schon immer interessiert. Ich war zwar weder an einer technischen Schule, noch habe ich ein Studium in diese Richtung absolviert. Digitale Geräte und Tools haben in mir aber schon sehr früh eine gewisse Faszination ausgelöst, von der ich mich nicht lösen konnte.

Vor meiner Lehrtätigkeit war ich mehrere Jahre als Projektmanager in einer Agentur tätig. Schon dort stieß mein Drängen auf den Einsatz neuer Technologien nicht selten auf taube Ohren. Gewisse Abläufe mache man ja immer schon so – und zwar ganz erfolgreich. Wozu also Veränderung? Also habe ich mich mehr und mehr dem System gefügt und meine E-Mails nicht nur digital abgelegt, sondern Zettel für Zettel akribisch genau in einen großen Aktenordner sortiert – unabhängig davon, von welcher Relevanz der Inhalt war.

Einige Jahre später befinde ich mich im Lehrerberuf, stehe in der Klasse und stelle mir die Frage, was ich den Kindern hier vermitteln möchte. Will ich dazu beitragen, dass sie so analog arbeiten, wie es immer gemacht wurde? Oder will ich vielleicht derjenige sein, der ihnen neue, digitale Wege aufzeigt und einen Beitrag dazu leistet, dass sie selbst neue Dinge ausprobieren? Ich habe mich für Letzteres entschieden und mir im Herbst 2017 zum Ziel gesetzt, so viel wie möglich für die Digitalisierung meiner Schule beizutragen. Was folgte, war eine zweijährige Achterbahnfahrt mit Hürden, von denen ich nicht zu träumen wagte.

Ein erster Versuch

Da es an der Schule an Beamern mangelte, organisierte ich mir privat einen aussortierten Flachbildfernseher, zerrte ihn zuerst ins Uber und dann in meine Klasse. Die erste große Innovation – eine Präsentationsmöglichkeit im Klassenzimmer – war gegeben. Zumindest für drei Monate. Dann musste das Gerät aus Sicherheitsgründen wieder aus meiner Klasse verschwinden. Es hätte ja sein können, dass ein Kind durchs Bildschirmglas köpfelt. Eine fixe Montage an der Wand war leider auch nicht möglich, weil ja nichts in die Wände gebohrt werden durfte. Also durchforstete ich alle Schulschränke und fand tatsächlich noch ein paar alte Projektionsgeräte, die von der Schulgemeinschaft als defekt erklärt wurden. Es fehlten aber lediglich ein paar günstige Kabel und Verbindungsstücke – und schon war unsere Schulgemeinschaft um vier Beamer reicher. Eine fixe Montage an der Decke war aus bereits erklärten Gründen weiterhin nicht möglich. Aber immerhin wurden Projektorwägen angeschafft, sodass bei Bedarf meistens ein mobiles Projektionsgerät zur Verfügung stand. „Der erste Schritt ist vollbracht!“, dachte ich mir und bespielte meine damalige 3. Klasse von nun an mit anschaulichen Präsentationen, Erklärfilmen und dem ein oder anderen interaktiven Quiz zur Festigung des Lehrstoffes. Hierfür durften sie ihre Smartphones nützen, wobei natürlich immer ein paar Schüler*innen dabei waren, die keines hatten oder Opfer des lahmen Schul-WLANs wurden.

Pilotprojekte und Fortbildungen

Ja zur Digitalisierung“, sagte ich mir, „aber wenn, dann ordentlich. Tablets müssen her!“. Ich schrieb ein Konzept, reichte es für ein Pilotprojekt ein und bekam kurze Zeit später für drei Monate Tablets in Klassenstärke. Um den Unterricht so kreativ und begeisternd wie möglich zu gestalten, informierte ich mich über die Einsatzmöglichkeiten, schaute hunderte, vorwiegend skandinavische und amerikanische Videos zur digitalen Bildung und testete unzählige Apps. Die Begeisterung der Schüler*innen war enorm, ließ aber innerhalb kürzester Zeit wieder nach. Die zur Verfügung gestellten Tablets waren veraltet, langsam und so klein, dass viele lieber zum Smartphone griffen. Darüber hinaus war auch das WLAN-Problem noch nicht gelöst und es kostete allen Beteiligten viele Nerven, mit diesen Geräten zu arbeiten. Ich erklärte das Projekt für gescheitert – zumindest vorerst – und beschränkte die Digitalisierung im Klassenzimmer in den nächsten Monaten wieder auf meine Präsentationsinhalte und gelegentliche Online-Quizze zur Festigung.

Beim Besuch verschiedener Bildungsmessen und Digitalisierungsveranstaltungen holte ich mir meine Motivation zurück. Ich hörte von einem einmonatigen Pilotprojekt, reichte ein adaptiertes Konzept ein und bekam kurze Zeit später wieder einen Tablet-Koffer geliefert. Diesmal handelte es sich um aktuelle Geräte eines anderen Herstellers mit einem größeren Bildschirm. Inkludiert war auch ein WLAN-Router, der das Problem mit dem lahmen Schul-WLAN löste. Die nächsten vier Wochen standen ganz im Zeichen des Ausprobierens. Wir testeten alle möglichen Apps auf ihre Tauglichkeit. Oft blieben die Kinder, die mittlerweile die 4. Klasse besuchten, auch freiwillig länger an der Schule, um mir als Tablet-Probanden zur Verfügung zu stehen. Schnell entdeckten wir die schier unendlichen Möglichkeiten des digitalen Lernens und spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich diesen Weg weiterhin verfolgen möchte.

Einführung von Tablet-Klassen

Ich überzeugte meine Direktorin von der Einführung einer Tablet-Klasse ab dem darauffolgenden Schuljahr und ein paar Kolleg*innen davon, diesen Schritt mitzutragen. Ich besuchte eine Fortbildungsreihe zum Unterrichtskonzept „Flipped Classroom“, recherchierte was das Zeug hält und tauschte mich mit Lehrkräften anderer Schulen aus, die diesen Weg schon viel früher einschlugen. Nicht selten fand ich mich in meinem alten Beruf als Projektmanager wieder. Ich holte Angebote ein, schrieb Excel-Listen mit komplexen Funktionen und verhandelte Budgets.

Da für die Umsetzung seitens Schule und Elternverein kein Geld zur Verfügung stand, entschieden wir uns für die privat finanzierte Umsetzung. Um die finanziell schwierigen Umstände der Familien unserer Schüler*innen etwas abzufedern, reichte ich wieder einmal ein Konzept ein. Diesmal beim Förderprogramm von „SEED – Hier wachsen Ideen“. Das Projekt wurde aufgenommen und wir bekamen eine Finanzspritze, um einerseits die Erziehungsberechtigten etwas zu entlasten und andererseits notwendige Lehrer*innen-Geräte anzuschaffen. Mit der Förderung einher ging ein einjähriges Begleitprogramm mit regelmäßigen Terminen, um den Fortschritt des Projektes zu beobachten und zu dokumentieren.

Finanzielle Hürden

Als wir die Erziehungsberechtigten bei der Schuleinschreibung im Februar 2019 von unserem Vorhaben informierten, war der Zuspruch überwältigend. Daraus resultierte, dass unser Musikraum beim Informationsabend aus allen Nähten platzte und tatsächlich alle Besucher*innen ihr Kind in der Tablet-Klasse unterbringen wollten. Kurzerhand entschieden wir, den Projektumfang auszuweiten und uns gleich auf drei Tablet-Klassen einzulassen. Um mit Beginn des neuen Schuljahres zu starten, mussten die Geräte noch vor dem Sommer bestellt und auch bezahlt werden. Da dies leider nicht allen Familien möglich war, wurden Kreditangebote eingeholt, Teilzahlungsmodelle ausgearbeitet und private Vorschüsse durch die Lehrkräfte geleistet. Parallel wurden unzählige Telefonate mit Lieferanten, Erziehungsberechtigten und Kolleg*innen geführt, um alles auf Schiene zu bringen – auch inmitten der Sommerferien und direkt aus dem Urlaub.

Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Tablets erst ein paar Wochen nach Schulbeginn an die Schüler*innen zu verteilen, damit die Gewöhnungsphase an die neue Schule nicht gestört wird. Diese Wochen nützten interessierte Lehrkräfte auch für den Besuch von Weiterbildungen und Tablet-Trainings. Anfang Oktober stand ein Spediteur vor den Schultoren und hatte zwei Paletten voller Tablets im Gepäck. Nach wenigen Tagen waren sie richtig zugeordnet, konfiguriert und bereit für den Einsatz im Unterricht.

Begeisterung und Glücksgefühle

Heute, etwa ein halbes Jahr später, gehe ich durch die Reihen der drei Tablet-Klassen und verspüre ein pures Glücksgefühl. Die Schüler*innen navigieren durch die unzähligen Bildungsapps, als würden sie das immer schon so machen. Sie gestalten kreative Präsentationen, recherchieren im Internet und erstellen Online-Quizze für die Mitschüler*innen. Sie drehen Wetterberichte, kreieren englische Comics und bearbeiten gemeinsam, aber vom eigenen Tablet aus, literarische Texte. Im Unterricht arbeiten sie selbständig an digitalen Arbeitsplänen, während wir Lehrkräfte als Lerncoaches agieren. Für viele Aufgaben benötigen sie das Tablet, auch wenn die klassischen Hefte und Schulbücher auf gemeinsamen Wunsch des Kollegiums weiterhin dominieren. Es herrscht eine angenehme und förderliche Arbeitsatmosphäre und die Kinder haben innerhalb kürzester Zeit eine Problemlösungskompetenz entwickelt, die mich zum Staunen bringt.

Besonders stolz war ich am Tag der offenen Tür, als die Schüler*innen den Volksschulkindern zeigen durften, was sie schon gelernt hatten. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meiner Klasse nicht glauben, dass sie erst seit wenigen Monaten mit den Tablets arbeitet.

Es kommt nicht selten vor, dass mir Schüler*innen morgens im Bus erzählen, dass sie die Arbeitspläne des aktuellen Tages schon fertiggestellt hätten, weil ich sie am Abend zuvor schon für sie freigeschaltet habe. Diese Motivation und Eigeninitiative beobachte ich auch, wenn ich ihnen mittels zentraler Verwaltung der Tablets neue Apps installiere, ohne ihnen genauere Anweisungen dazu gegeben zu haben. Sie probieren, gestalten und lösen von zuhause aus, ohne dass sie dazu aufgefordert werden. Damit ist genau das auf sie übergeschwappt, was meine Motivation für dieses Projekt war und ist: Neugierde, Begeisterung und Eigeninitiative.

Nicht alle Lehrkräfte im Kollegium waren von der Projektumsetzung angetan. Viele davon konnten aber in den letzten Monaten überzeugt werden und setzen die Tablets mittlerweile selbst regelmäßig im Unterricht oder für Hausaufgaben ein. Die Vorbereitungen für die nächsten Tablet-Klassen sind voll im Gange, was bedeutet, dass sich wieder neue Lehrkräfte unserer Schule dafür entschlossen haben und dazu beitragen, dass unser Digitalisierungsprojekt wächst.

Ich kann nur alle interessierten Lehrkräfte dazu ermutigen, sich für die Digitalisierung im Klassenzimmer stark zu machen und nicht darauf zu warten, bis es die Bundesregierung macht. Ja, es ist ein steiniger und mühsamer Weg, auf dem viele Hürden warten, mit denen man vorher nicht gerechnet hat. Aber die Schüler*innen werden es ihnen mit Begeisterung, strahlenden Augen und – vielleicht wie in unserem Fall – einer regelmäßigen Hausaufgaben-Abgabequote von fast 100 Prozent danken.

Der Autor ist Lehrer an einer NMS in Wien.