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Herr Professor, können wir nicht noch eine Stunde Geo machen? Das ist so wichtig.“ Das Thema: Rassismus. Die Umsetzung: Fotos, Eigenerfahrungen, ganz viel Gespräch – super reflektiert. „Herr Professor, es ist so schön… können wir nicht rausgehen?“ Sicher. Spaziergang. Die Straße entlang hin zum Wiederkehr. „Mein Normal: Unternehmen entlasten – Jobs schaffen“ ist am NEOS-Plakat bei der schulnahen Bushaltestelle plakatiert. Was bedeutet das? Warum hängt das? Durch welche Entlastung können welche Jobs geschaffen werden? Wie sehen es die anderen Parteien? Spazieren wir weiter. Information, Fragen, Debatte. Fazit: „Das hat so viel Sinn gemacht. Voll super.“ Und außerdem: „Ich hab über das Rassismus-Thema nachgedacht. Darf ich Ihnen nachher noch ein Video zeigen?“ Klar.

Dynamisches Lernen, gemeinsames Reflektieren und Diskutieren, Thematisierung gesellschaftspolitisch relevanter Phänomene – es macht Sinn und nach dem Unterricht wird im lebendigen digitalen Raum weiterdebattiert. Es beschäftigt und ermutigt. Die halbierte Klassenportion ist erfreut über die Möglichkeit nachzufragen und Meinung kund zu tun. Es geht leichter von der Hand für beide Seiten. Man fühlt sich gehörter denn je im Kleingruppenformat. Sacré bleu und quelle surprise.

Dass es so bleibt (weniger Schüler*innen je Lehrer*in in Kombination mit gesteigerter Diskussionsmöglichkeit im dem Wetter angepassten Outdoor-Unterricht): Illusion. Also zurück zum alten Schema ab September? Schema F: Notendruck, Lernzwang, zu viele Kinder auf zu wenig Raum. Doch kann es das geben? Eher zu wenig Lehrer*innen und zu wenig Raum. Änderungsbedarf, Investitionspflicht – Outdoorklassen, späterer Unterrichtsbeginn, gesünderes Angebot in der Schulkantine, interaktives Lernen in Kleingruppen, verbesserte Kommunikationsstruktur im analogen und digitalen Raum, gemeinsames Reflektieren über Erlebtes, Sinndebatte über die Reifeprüfung, individualisiertes Lernen statt kollektivem Schweigen – ein Aufschrei der verstummt. Denn, das was kommt, sei fördernd, innovativ und sozial, der Mehrwert sei unbestritten: die Sommerschule.

Geh bitte… da geht dir ja keiner freiwillig hin“, so der allgemeine Tenor im Konferenzzimmer (m)einer Wiener AHS. Also ab ins Schema F – mit den Eltern reden, ihnen vermitteln, dass das schwache Kind MUSS. Wir müssen sie zwingen und für die Notenschwäche bzw. die Inkompatibilität mit dem existierenden System bestrafen. Der vom Minister ausgeschickte Stundenplan für die Volksschule (wie sieht es für NMS und AHS aus?), liest sich verheißungsvoll: Förderung der Kreativität, Erkundung der Umgebung, Basteln, Bewegung, Sprachtraining… so macht (Sommer)-Schule Sinn. Was aus mir „spricht“, ist die tiefe Überzeugung, dass Lernen Freude bereitet und dass Kinder Sinnhaftigkeit und Freude erkennen, spüren und schätzen. Lasst uns mit den Kindern reden und sie davon überzeugen, vom Lernen mit Sinn, Freude und Variation – abwechslungsreich und vielfältig, bewusst und individuell.

Aber: Wenn schon, dann g’scheit.

Von einer, meiner AHS läge der nächste Sommerschul-Standort 40 Öffi-Minuten entfernt. Es gibt schlichtweg keine einzige Sommerschule im zweitgrößten Wiener Gemeindebezirk mit massenhaftem Förderpotenzial – auch im Sommer. Den Eltern wird nun sieben Tage vor Meldeschluss vermittelt, dass sie ihre nach den Anstrengungen der Corona-bedingten schulischen Neuerungen die Ferien herbeisehnenden Kinder anmelden können, wenn sie denn wollen. Schema F. Die unzähligen Eltern mit nicht-deutscher Muttersprache und mangelhaften Deutsch-Kenntnissen, die vielzähligen Eltern, die von der beruflich-familiär-sozialen Konstellation täglich bis an und über’s Limit gefordert werden, die hunderttausenden ambitionierten Kinder mit Gestaltungs-, Partizipations- und Lernmotivation werden mit einem formellen Schreiben allein gelassen, wenn nicht die Klassenlehrer*innen die Notwendigkeit erkennen, individuell, persönlich, empathisch, geduldig, motivierend mit denen zu reden, die bereit sind und wollen, wenn das Angebot stimmt: mit unserer Zukunft, unseren Kindern. 

Also dann: bitte g’scheit.

Der Autor ist Lehrer an einer AHS in Wien.

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Die Krise zeigt auf, was im Schulsystem schief läuft und was zu lange vernachlässigt wurde. Damit birgt sie große Chancen, eine konstruktive Entwicklung anzustoßen und voranzutreiben.

Ein gerechteres System

Es ging groß durch die Medien, hat Aufsehen erregt und für viele Diskussionen gesorgt. Die Ergebnisse einer Umfrage zeigten, dass 20% der Kinder – so war es zumindest am Beginn des Homeschoolings – nicht erreicht wurden. Das ist eine unheimlich große Zahl an Kindern und zurecht war die öffentliche Empörung darüber enorm. Kennt man aber Schulen, in denen Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien kommen, überrascht diese Zahl kaum noch. Die traurige Tatsache ist nämlich, dass auch im “Normalbetrieb” nicht alle Kinder immer erreicht werden. Fehlende Unterstützungssysteme, Traumatisierungen, zahllose Fehltage oder familiäre Verantwortung, die keinem Kind zugemutet werden sollte, führen auch im Regelbetrieb dazu, dass Kinder zurückbleiben, dass man nicht zu ihnen durchdringt und dass sie den Anschluss verlieren. Auch wenn es vielleicht nicht immer 20 Prozent sind, ist dennoch jedes Kind, das auf diese Weise zurückgelassen und aufgegeben wird, eines zu viel. Endlich empört sich auch die Öffentlichkeit darüber. Endlich wird der Blick auch in diese unangenehmen Ecken unseres segregierenden Schulsystems gelenkt. Endlich wird sichtbar, was viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Was einmal an der Oberfläche ist, kann nicht mehr so leicht verdrängt werden. So ist die Sichtbarmachung dieses systemimmanenten Problems hoffentlich der erste Schritt in Richtung einer Lösung. Ein Schritt hin zu einer Schule und einem Schulsystem, das erst dann als erfolgreich gilt, wenn es in der Lage ist Ungleichheiten aufzuzeigen und auszugleichen und in dem kein Kind mehr übersehen oder nicht erreicht werden kann.

Teamarbeit

Der Lehrer*innenberuf ist vielerorts leider immer noch geprägt von Einzelkämpfertum. Die derzeitige Krise hat durch das Social-Distance-Learning viele Lehrkräfte und Pädagog*innen zur Teamarbeit gezwungen. Aufgaben müssen aufeinander abgestimmt, Abgabetermine koordiniert und Kommunikationskanäle vereinheitlicht werden. Natürlich ist hier noch viel Luft nach oben, Eltern und Schüler*innen klagen über Social-Distance-Learning via 5 verschiedener Apps und 3 verschiedener Videotools. Dennoch blitzen immer mehr Phasen des echten Teamworks auf, wo gemeinsame Ziele und Aufgaben für eine Klasse geschaffen werden. Diese Art des Zusammenarbeitens, die Koordination, die Absprache und das Schaffen gemeinsamer Ziele sollten nach Überstehen der Krise zum Arbeitsstandard an jeder Schule zählen. Hoffentlich hilft uns das Virus, das Einzelkämpfertum im Lehrer*innenzimmer hinter uns zu lassen und als Team zusammenzuarbeiten.

Digitaler Unterricht als Normalität 

Schulalltag ist stressig und dicht getaktet. Stunden vorbereiten, Material erstellen, verbessern und natürlich: unterrichten. Meist bleibt wenig Zeit und Raum für “Spielereien”. Man hört immer wieder von neuen Tools, spannenden Websites und Angeboten und nimmt sich vor, sich diese “mal anzuschauen” und auszuprobieren. Im Alltag neigen solche Vorsätze allerdings dazu, in den Hintergrund zu verschwinden. Wenn man Vorbereitungen nach einem langen Unterrichtstag macht, wird in der Regel doch auf Bewährtes und Vertrautes, meist Analoges, zurückgegriffen.

Bis vor ein paar Wochen hätte ein Großteil der Lehrkräfte digitale Planungen, Lernvideos, Arbeitsaufträge, Quizzes oder Share Plattformen wohl kaum zu diesem bewährten und vertrauten Aufgabenkanon gezählt. Nun wurde die Umsetzung dieses lange vor sich hergeschobenen Vorsatzes von der Krise beschleunigt, ja regelrecht erzwungen. Innerhalb weniger Tage und Wochen fand ein Großteil der Lehrkräfte neue Wege, hat teilweise von 0 auf 100 begonnen digital zu arbeiten. Und siehe da, es ist gar nicht so kompliziert wie gedacht, es kann funktionieren und die Arbeit nicht nur für die Kinder ansprechender und zeitgemäßer gestalten, sondern sogar für Lehrkräfte Vorteile und Erleichterungen bringen. Natürlich läuft noch bei weitem nicht alles optimal, es werden zu viele verschiedene Plattformen genutzt und durch das problemlose Erstellen von Aufgaben werden Kinder teilweise mit Aufgaben überflutet. Hier muss also noch nachgebessert werden, aber die Richtung stimmt. Wenn diese Entwicklung auch nach der Krise nicht vergessen, sondern fortgeführt, weiterentwickelt, vereinheitlicht und perfektioniert wird, liegt darin die Chance Schule und Unterricht tatsächlich zu modernisieren und obendrein auch Schüler*innen wirklich digital zu bilden.

Schulautonomie mitnehmen

Viele Vorgaben, wie mit den neuen Herausforderungen umzugehen ist, gab und gibt es in Corona-Zeiten nicht. Schulleiter*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen müssen deshalb gemeinsam für ihren Standort Entscheidungen treffen. Welche E-Learning Plattform wollen wir verwenden? Wie kommunizieren wir miteinander? Wie werden Journaldienste eingeteilt? Mit der stufenweisen Öffnung der Schulen ab Mai werden hier noch viele weitere Fragen gestellt und Lösungen gesucht werden müssen. Die Krise zeigt: Jede Schule braucht etwas anderes und die Kolleg*innen und Schüler*innen vor Ort wissen am besten, was für sie der richtige Weg ist. Auch nach Corona sollte die Schulautonomie gestärkt werden, damit jede Schule selbst entscheiden kann, wie der Schulalltag gestaltet sein soll. Nur so ist auch Innovation im Bildungssystem möglich!

Autonomie hat ihre Tücken – auch jetzt

Schulautonomie ist wichtig, kann aber auch dazu führen, dass manche Verantwortlichen ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. So zeigt die Krise durchaus auch, dass es Schulleiter*innen gibt, die sich der Suche nach Lösungen entziehen und die Kolleg*innen ohne Vorgaben oder Kontrollen machen lassen was sie möchten. Es gibt Lehrer*innen, die sich kaum Mühe geben, das Homeschooling so zu gestalten, dass es bei den Schüler*innen auch ankommt. Es gibt Schulen, in denen Kommunikation in diesen schwierigen Wochen kaum stattfindet. Schulautonomie soll deshalb nicht Wegschauen bedeuten: Wir brauchen zentrale Vorgaben, wir brauchen Ziele und auch Überprüfung, aber vor allem brauchen wir Angebote und Ressourcen. Wie soll eine Schule innerhalb von 2 Tagen eine E-Learning-Strategie erarbeiten, diese allen Schüler*innen und Lehrer*innen nahebringen und dann auch noch die nötigen Geräte bereitstellen? Dieses Versäumnis gilt Bildungsministerium und Bildungsdirektionen – diese Strategien hätten schon längst eingefordert werden müssen, mit der nötigen Begleitung und (auch finanziellen) Unterstützung. Dann können sie auch je nach Schule autonom gestaltet werden. Hoffentlich lernen wir aus dieser Krise, dass wir uns auf die nächste besser vorbereiten sollten, anstatt erst dann zu handeln, wenn wir schon mittendrin stehen.

Die Krise legt offen, was schon lange schief geht

Die derzeitige Krise schafft neue Probleme, keine Frage. Vor allem aber legt sie jene Probleme schonungslos offen, die schon seit Jahren (mehr oder weniger) latent im System vorhanden sind.  Dass ein gewisser Prozentsatz von Kids an Mittelschulen nur schwer oder gar nicht erreichbar ist, empört zu recht, überrascht aber wenige, die im System arbeiten. Schon vor der Krise gab es dieses Problem, fand aber in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung.  Dass die Krise besonders jene trifft, die es sowieso schon nicht leicht haben, zeigt, dass unser Bildungssystem auch davor schon ungerecht war. Dass manche Lehrer*innen von digitalen und pädagogischen Neuerungen nichts wissen wollen, war auch vorher schon klar. In der Krise zeigt sich, wer seine Verantwortung wahrnimmt. Fehlende Konzepte und gemeinsame Ziele, fehlende Abstimmung, Koordination und Vereinheitlichung waren schon lange ein Problem (ändert sich gerade, siehe oben) und wird durch die Krise deutlich offenbart.

In vielen dieser Bereiche finden gerade innovative Prozesse und Verbesserungen statt. Wir müssen diesen Schwung mitnehmen um nach der Krise nicht wieder in alte Muster zu fallen.

Felix Stadler, Simone Peschek und Verena Hohengasser

Dieser Beitrag erschien auch auf der Plattform umbruch.at.

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Unsere Kinder haben von heute auf morgen ihren „Alltagsrhythmus“, ihren Schulalltag und die lebendig-interaktive Beziehung mit ihren Lehrer*innen und Mitschüler*innen verloren. Der Schock ist groß.

Was ist die Chance? 

Die Chance ist, die Kinder in diesen Krisenmonaten erfahren zu lassen, dass die Schule ihr Freund ist, ein Backup-System, ein Kreis aus wohlgesonnenen Begleiter*innen, die vermitteln, dass Lernen Spaß macht. Ein System, das Erleichterung bringt, unterhaltsam ist und Langeweile vertreiben kann. Diese Chance nicht zu nutzen wäre nicht nur schade, sondern könnte sich als bedrohliches Szenario für den Familienalltag in Zeiten der Coronakrise herausstellen. Darum müssen wir Eltern, Direktor*innen und Lehrer*innen mit konstruktiv-kritischem Blick auf Weisungen von Bildungsdirektion und Bildungsministerium schauen. Weisungen, die dahin gehen, dass am Ende dieser Zeit das „Ergebnis“ der zuhause für die Schule erbrachten Leistungen bewertet wird und in die Note miteinfließen könnte. Die Auswirkungen solcher Weisungen können aber, in einer Ausnahmesituation wie dieser, auch zur Destabilisierung vieler Familien beitragen.

Zu allererst ist in diesem Appell wichtig ein Verständnis für beide Seiten zu generieren:

Verständnis für alle Lehrer*innen und Direktor*innen, die sich für ihre Schüler*innen bemühen, das Richtige zu tun und ihr Bestes geben, sowie für alle Eltern, die ebenfalls bemüht sind das Richtige zu tun und ihr Bestes geben.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auf die Schulen schauen, die es den Schüler*innen, durch raschen Kontakt und Vermitteln von Strukturen, ermöglichen eine Art von Sicherheit, Normalität und Orientierung zu erfahren, um weiter lernen zu können.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auch auf alle Eltern schauen, die ihren Kindern jetzt Mut zusprechen, Gespräche führen und ihnen ein entspanntes, sicheres Zuhause bieten.

ABER muss es nicht der Hauptfokus in einer solchen Krise sein, emotionales Verdauen in den Vordergrund zu stellen, Quality Time miteinander zu haben, Entspannung zu generieren und die Kinder auf diese Weise seelisch gesund zu halten? Wenn wir als Eltern durch Weisungen und Verpflichtung zu konkreten Leistungen auch noch Kontrollinstanz für unsere Kinder sein müssen, kann nichts gutes dabei herauskommen. Im Gegenteil.

Manche Familien sind glücklicherweise von diversen Ressourcen gestärkt, haben Unterstützung, weil mehrere Erwachsene im Haus sind, weil sie Zugang zu Garten oder Wald haben, oder weil es ihnen ihre Bildung oder Charakterstruktur erlaubt, Autoritäten zu hinterfragen. Weil sie nicht allen Weisungen Folge leisten und eigene Prioritäten setzen. In solchen Familien wird der Druck zu lernen vermutlich nicht zu groß werden und dadurch wird Raum entstehen für die Entfaltung von kindlicher Kreativität. Aber bei Weitem nicht alle Familien sind so begünstigt.

Denken wir nur an Alleinerziehende, die vielleicht sogar mit mehreren Kindern aus unterschiedlichen Klassen in der Stadt in kleinen Wohnungen zusammenleben und nicht wirklich hinaus können. Denken wir an Eltern, deren Einkommen von heute auf morgen wegbricht. Eltern, die derzeit versuchen von zuhause aus zu arbeiten und dies nicht tun können, weil sie 24/7 von den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Kinder umringt sind. Denken wir an Eltern, die sich nicht trauen Autoritäten herauszufordern, und den Druck unhinterfragt an ihre Kinder weitergeben.

Es bräuchte nun extra Präsenz, Konzentration, Zeit und Verfügbarkeit um die Kinder zu Hause bei schulischen Aufgabenstellungen zu begleiten. Viele Eltern können dies jedoch  in der momentanten Krisensituation nicht aufbringen.

Eltern sind gezwungen die Rolle der Lernbegleiter*innen zu übernehmen. Es gibt allerdings viele Eltern, die das langfristig überfordern wird und so gerät das emotionale Gleichgewicht vieler Familien zusätzlich ins Wanken. Wir müssen  in dieser speziellen, von begrenzenden Erfahrungen geprägten Ausnahmesituation darauf achten, keine zusätzlichen belastenden Faktoren in den häuslichen Ausnahmealltag mit einzuladen. In Krisensituationen ist es ungemein wichtig, Erwartungen und Anforderungen herunterzuschrauben und nicht immer funktionieren zu müssen.

Wenn der Fokus in der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus auf Pflichterfüllung liegt, wenn es “einzuhaltende Abgabetermine” und Deadlines gibt und das “Sollen” und “Müssen” dominiert, als wären wir in einer normalen Alltagssituation, wird das viele Familien zusätzlich belasten.

Wir müssen uns konstruktive Sorgen um das emotionale Gleichgewicht in Familien machen. Ein Gleichgewicht, das dafür sorgen kann, dass Kinder seelisch möglichst unbeschadet aus dieser Notsituation heraustreten.

Wir stehen an der Schwelle zu kollektiv traumatischen Erfahrungen, vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Krankheit näher – bei manchen bis ins Wohnzimmer – rücken wird, wenn Familienangehörige betroffen sein werden, Eltern oder Kinder erkranken oder die Großeltern, die im Sterben liegen, nicht besucht werden dürfen. In dieser Situation darf von Seiten der Schulen der Druck herausgenommen werden!

Aus Sicht der Krisenintervention ist es essentiell, ein gesundes Ebenmaß an Struktur und Freiheit zu etablieren. Das kann gelingen indem das Bildungsministerium in diesen Monaten auf die Idee von Leistung und Benotung verzichtet. Lehrkräfte müssen darin bestärkt werden, Aufgaben einladend zu beschreiben, Arbeitsaufträge offen zu lassen und nicht zu viele Aufgaben gleichzeitig zu vergeben. Sie sollen in der Kommunikation ermuntern, auch mal “frei” zu nehmen. Nehmen wir die Worte “sollen” und “müssen” aus dem Lehrplan-Vokabular und ersetzen sie durch “dürfen” und “ausprobieren”. Erinnern wir die Kinder, dass Lernen auch bedeuten kann, ein Kochbuch zu lesen und für die Familie zu kochen, Samen am Balkon anzupflanzen, Tagebuch zu schreiben, zu basteln, zu zeichnen, zu tanzen, Musik zu hören, Spiele zu spielen oder lustige Lernvideos anzuschauen.

Für Eltern könnte es eine Entlastung bedeuten, darin bestärkt zu werden, sich gemeinsame Entspannung zu gönnen, Zeit für Gespräche und Verarbeitung der Situation zu nehmen und von der Rolle der Lernkontrollinstanz freigesprochen zu werden. Diese Entlastung könnte sich auch positiv auf die natürliche Lernbereitschaft der Kinder auswirken.

Wollen wir wirklich, dass die Kinder am Ende dieser Krise unter enormen familiärem Stress ihre Aufgaben erledigt haben oder darf es jetzt  das Wichtigste sein, dass die Kinder fröhlich und von familiärem und schulischem Rückhalt gestärkt wieder zurück in die Schule kommen?

Die Autorin ist Mutter von drei Kindern im Schulalter.

Lesezeit: 3 Minuten

Nach einer Woche, in der das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen ist und die Schulen den Regelunterricht eingestellt haben, ein paar Gedanken aus der Sicht einer Lehrerin:

Da dieser Tage alle immer von der sogenannten Entschleunigung reden, habe ich mich gefragt, wie es diesbezüglich bei mir, zwei Wochen später, aussieht.

So viel ist jetzt schon sicher: Von Entschleunigung keine Spur. Ganz im Gegenteil. Ich habe in den letzten 14 Tagen von Montagmorgen bis Freitagnacht und auch am Wochenende mit über 100 Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen kommuniziert. Ich habe per E-Mail, per Moodle, per Messenger alle möglichen Fragen beantwortet und zwischenzeitlich die Technik verflucht.

Ich habe versucht, mal mehr, mal weniger erfolgreich, zeitnahes Feedback auf Aufgaben zu geben und muss mich selbst zwingen, nicht 24/7 erreichbar zu sein. Ich habe lange Briefe an die Eltern geschrieben, da es mir wichtig scheint, diese – bei 10- bzw. 14-jährigen Kids – zumindest zu informieren, was da gerade so passiert im Fernunterricht. Ich habe nette Antworten bekommen und wiederum auf diese geantwortet. Ich habe den Eltern gesagt, dass ich mir wünsche, sie mögen möglichst wenig vom Unterricht mitbekommen, um sie nicht zusätzlich zu belasten.

Ich habe den Kindern neue Passwörter zugeschickt, weil sie ihre vergessen hatten oder krank waren. Ich habe von kaputten Handys und Laptops gehört. Ich habe Kids beruhigt, die sich zurecht geärgert haben, dass jede*r Lehrer*in etwas anderes will, andere Tools benützt und dass es keine schulinterne Regelung gibt. Ich habe Kindern und Eltern versichert, dass es nicht schlimm sei, wenn Unterrichtsmaterialien in der Schule vergessen wurden und sie diese nicht extra holen müssen. Ich habe mit Müttern und Vätern kommuniziert, die mit der Situation komplett überfordert sind, weil sie zuhause drei Kinder betreuen, daneben arbeiten oder alleinerziehend sind. Und manchmal alles zusammen.

Ich habe mit solchen gesprochen, die gerade nicht die technischen Voraussetzungen haben, digital lernen zu können. Ja, auch das gibt es. Ich habe mit Kindern geschrieben, die gut mit alledem zurechtkommen, die ihre Aufgaben selbstständig erledigen können. Ich habe Kindern, die Angst haben, Mut zugesprochen. Ich habe von Eltern gehört, die finden, dass es zu viele Aufgaben in allen Fächern wären. Ich habe Kindern geantwortet, denen die Schule fehlt, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Ich habe auch von Kindern gehört, die zu wenige Aufgaben haben und ihnen Bastel- und Spieletipps geschickt. Die Seite fragfinn.de kann ich für die Kleineren übrigens sehr empfehlen.

Ich habe mit Kindern kommuniziert, denen es zuhause laut eigenen Angaben sehr gut geht, und mit manchen, die mir sagen, dass sie sich nicht auf das Lernen konzentrieren können. Und ich habe – ja, sogar im Gymnasium – von manchen bislang noch überhaupt nichts gehört und meine Vermutungen, warum dem so ist. Ich habe Angst, dass wir diese Kinder verlieren.

Bei alledem habe ich das Glück, einen Job zu haben. Mein Respekt für Eltern und Erziehungsberechtigte, die neben ihren Alltagssorgen und beruflichen Tätigkeiten auch ihre Kinder betreuen, ist enorm.

Ich wünsche mir, dass Herzensbildung, gegenseitiges Verständnis und soziale Kompetenz – auch nach Corona – die wichtigsten Werte in unserer Gesellschaft sind. Oder wie eine Kollegin in einem E-Mail gerade schreibt: „Bitte denkt daran, dass unsere Schüler*innen nicht nur froh sind, dass sie keine Schule haben, sondern ich habe einige in den letzten Tagen erlebt, die sich auch Sorgen machen. Wir wissen nicht, wie viele Eltern arbeitslos werden, welche Großmütter oder Großväter ins Spital kommen usw. Also ganz real, haben manche unserer Schüler*innen vielleicht auch eine schwere Zeit vor sich.“

Und abschließend noch zur Entschleunigung: In einer Hinsicht merke ich sie nun doch. In all meinem Tun komme ich ungewohnt langsam voran. Vielleicht, weil sich manchmal die Fassungslosigkeit meldet, ich innehalten muss und mich frage, in welch unglaublichen Zeiten wir da gerade leben.

Die Autorin ist Lehrerin an einem Gymnasium in Wien.

Lesezeit: 4 Minuten

Zahlen & Fakten 

Unser erstes Schulgschichtn-Planungstreffen war am 27.09.2018. Die ersten Beiträge gab es am 11.02.2019 zu lesen! Seither ist eine Menge passiert. Ein paar Zahlen und Fakten:

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