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Es ist ein ganz gewöhnliches Schulforum zu Beginn des Schuljahres. Die Direktorin, alle Klassenvorständ*innen und alle Elternvertreter*innen sitzen zusammen, um das kommende Jahr zu planen. Sofort nach Beginn der Sitzung fällt mir eine Sache deutlich auf. Hier sitzen 30 Frauen und nur drei Männer.

Unter den ehrenamtlichen Elternvertreter*innen, auf die im kommenden Jahr einige Vermittlungs- und Erziehungsarbeit wartet, ist ein Vater. Sonst nur Mütter.

Bei uns Klassenvorständ*innen, die wir auch viel Erziehungs- und Beziehungsarbeit mit den Kids machen, ist das Missverhältnis mit 12 Lehrerinnen und 2 Lehrern noch gravierender als im gesamten Lehrkörper.

Der Mangel an Elternvertretern und Lehrern ist ein Problem für viele unserer Kids, die dringend kontinuierlich männliche Bezugspersonen und Vorbilder brauchen. Er zeigt außerdem, wie veraltet und einseitig unsere Rollenbilder in der Erziehungsarbeit immer noch sind.

Vorbilder

Viele meiner Schüler*innen wachsen ohne männliche Bezugspersonen auf. Zum Teil weil die Mutter alleinerziehend ist, zum Teil weil die Väter lange arbeiten, aber vor allem auch, weil das traditionelle Rollenbild klar vorgibt, wer sich um die Kinder und deren Erziehung vorrangig kümmern soll. Die Mama kommt zum Elternsprechtag, die Oma zum Klassenabend und das Mitteilungsheft wird auch fast ausschließlich von der Mama kontrolliert.

Vielen Kindern fehlt daher nicht nur eine männliche Bezugsperson, die eine Erweiterung und Bereicherung der Erziehung wäre, sondern auch ein modernes Geschlechterbild. Vor allem Kinder, die aus Familien kommen, in denen ein traditionelles Rollenbild vorherrscht und sich nur die Mutter um die Erziehungsarbeit kümmert, wundern sich immer wieder, wie Männer gerne über Gefühle reden, Schwächen zugeben oder Lesen und Musik spannender als Lionel Messi finden können.

“Herr Lehrer, das ist doch nur was für Mädchen und Frauen!”, bekomme ich oft als Antwort auf manche meiner Aussagen zu hören.

Für alle Kinder, aber vor allem für pubertierende Schüler, sind männliche Vorbilder und Bezugspersonen wichtig – auch oder vor allem solche, die sich abseits traditioneller Rollenbilder bewegen, die sie von Zuhause kennen. Sie sehen, dass es als Bursch gar nicht uncool sein muss, Zeichnen besser zu finden als Turnen, sich dafür einzusetzen, dass auch die Mädchen mit dem Wuzzler spielen können oder, dass es okay ist, anderen seine Gefühle zu zeigen. Es braucht dringend mehr Lehrer, die Vorbilder abseits toxischer Männlichkeit sind.

Lehrerin und Professor 

“Da ist man dann ja eigentlich mehr Papa als Lehrer, oder?”, ist eine Frage, die ich oft gestellt bekomme, wenn ich meinen Freund*innen über Skikurse oder Schullandwochen erzähle.

Man muss bei Heimweh trösten und ablenken, bei Krankheit Taschentücher und warmen Tee und bei Liebeskummer einen guten Ratschlag parat haben. Das Zwischenmenschliche und die Erziehungsarbeit sind wichtige Gründe, warum ich so gerne Lehrer bin. Der Fokus auf Erziehungsarbeit nimmt mit steigendem Alter der Kinder und Jugendlichen immer mehr ab. Die Rolle der Pädagog*innen im Kindergarten ist eine andere als jene in der Volksschule, in der Unterstufe oder in der Oberstufe. Die derzeitige Verteilung von Männern in diesen Berufen ist in unserem patriarchalen System nicht überraschend, für mich persönlich aber unverständlich. Dass so wenige Männer im Kindergarten, in der Volksschule und in der Unterstufe arbeiten, in der Oberstufe und auf der Uni aber Männer dann anscheinend doch unterrichten wollen, zeigt einmal mehr, wie ungleich Erziehungsarbeit verteilt ist. Diese Ungleichverteilung und die immer noch vorherrschenden Stereotype in der Arbeit mit Kindern müssen im Sinne einer gerechteren und besseren Bildung und Erziehung geändert werden.

Der beste Beruf 

Für mich ist das Unterrichten von Kindern zwischen zehn und vierzehn Jahren der beste Beruf, den ich mir derzeit vorstellen kann. Auf der einen Seite macht das Unterrichten und die inhaltliche Arbeit mit den Kindern viel Spaß und ist durch die Sinnhaftigkeit der Arbeit erfüllend. Auf der anderen Seite ist es wunderbar, täglich junge Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten. Es ist schön, diesen jungen Schüler*innen Halt, aber auch Freiraum zu geben, ihnen zuzuhören, ihre Probleme ernst zu nehmen und zu versuchen, ihre Zukunft mit ihnen gemeinsam zu gestalten.

Viele der Aufgaben einer Lehrperson für Kinder und Jugendliche sind in unserer Gesellschaft nicht unbedingt mit männlichen Attributen verbunden. Diese stereotype Zuschreibung jener ist ebenso falsch wie gefährlich, denn sie verfestigen eine ungerechte, gender-typisierte Welt. Mehr junge Lehrer wären nicht nur kurzfristig eine Bereicherung für viele Kinder, sondern könnten der nächsten Generation auch ein anderes Männer- und Rollenbild vermitteln.

Ein ganz gewöhnliches Schulforum zu Beginn des Schuljahres besteht dann in einigen Jahren hoffentlich aus ebenso vielen Vätern wie Müttern und ebenso vielen Klassenvorständen wie Klassenvorständinnen.

Verantwortung 

Damit diese Veränderung passieren kann, dürfen sich Männer nicht länger aus der Verantwortung stehlen, ihren Beitrag in der Bildungs- und Erziehungsarbeit zu leisten. Es gibt viele historische Gründe und Erklärungen, warum mehr Frauen in Berufen mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Es ist jedoch Zeit, dass Männer sowohl bei der Erziehung zu Hause, aber auch bei der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen ihre Verantwortung wahrnehmen und sich zu gleichen Teilen daran beteiligen, unsere Kinder auf ihrem Weg in die Zukunft zu begleiten.

Der Autor ist Lehrer an einer NMS in Niederösterreich.

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