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Normal

Schule soll normal stattfinden. Das war die Devise des Bildungsministeriums, vorgetragen durch dessen Sprecher*innen zu Schulbeginn. Also, normale Klassenstärke, normales Curriculum, Tests, Schularbeiten und Projekte. So tun, als wäre nichts anders als in den Schuljahren davor.

Donnerstag, 22.10., 7:30 Uhr

Wir stehen um 7:30 Uhr im Schulhof. In 15 Minuten muss ich zur Aufsicht vor die Schule. „Salih wurde gestern getestet. Er hat Symptome. Von Sevgi fehlt noch das Ergebnis. Hat sie nicht einen Bruder in der 3a? Ist er da?“, will eine Kollegin wissen. Sie hat den Satz gerade beendet, da läutet bei einer anderen Kollegin das Handy. Noch eine Schülerin, die getestet wurde. „Wisst ihr schon was von Mustafa? Er fehlt schon den dritten Tag?“, blendet sich Kollegin Nummer drei in das Gespräch ein. Dann folgen die üblichen Mutmaßungen bezüglich eines Lockdowns, der Austausch über die neuesten Zahlen und die Diskussion über die neuen Maßnahmen. Schon jetzt liegt die gefühlte Spannung bei 500 Volt. Ich kann mich dem zum Glück entziehen.

Vor dem Schultor begrüße ich die hereinströmenden Schüler*innen. Von vielen kenne ich den Namen. Frage nach, wenn mir der gerade nicht einfällt. Wünsche ihnen einen schönen Schultag. Versuche ihnen zu vermitteln, dass sie willkommen sind. „Mein Opa hat Corona,“ sagt Sami leise, „aber der lebt eh nicht in Wien.“ Vermutlich hat er meinen erschrockenen Blick wahrgenommen. Ein neuer  Schwung Schüler*innen bewegt sich in Richtung Schultor. „Abstand halten!“, ermahnt der Schulwart. Als ich zwei Jungen daran erinnere, gucken sie mich entgeistert an. „Frau L.? Wir sind Geschwister.

Donnerstag, 22.10., 14 Uhr

Letztes Treffen der Theatergruppe vor den Herbstferien.  Zum Glück kann es stattfinden, ich bin diese Woche nicht in Quarantäne. Vier Schüler*innen fehlen. Wieder einmal ein Verdachtsfall in einer Klasse.

Wo sind die anderen?“, fragt Mustafa. Viel brauche ich nicht sagen. „Schon wieder Corona. Immer Corona. Wann hört das auf?“, seufzt Elif. „Bis es Spritze gibt“, antwortet Ayse. „Oder, bis es alle gehabt haben,“ sagt Aleksandra. „Aber dann muss meine Oma sterben. Die ist alt, so 50 oder so,“ stellt Ayse erschrocken fest.

Open Mic

Die Stimmung in der Theater AG ist anders als sonst. Bisher war alles sehr friedlich, sehr kuschelig. Heute geht scheinbar gar nichts. Die meisten meiner Anweisungen verhallen in den Weiten des Turnsaals. Wir setzen uns nochmals auf den Boden. Es dauert ein paar Minuten bis alle die Hand in der Höhe haben. Eine Methode, die ich vor Jahren in Exeter kennengelernt habe. Wer so weit ist, dass er oder sie zuhören kann, hebt die Hand.  Emirhan hat die Hand in der Höhe, aber plaudert weiter mit seinem Nachbarn. „Hand runter! Allem Anschein nach brauchst du noch ein paar Minuten“, erinnere ich ihn. Dann kehrt endlich Ruhe ein. Kurz genieße ich die Stille und die Schüler*innen auch. Allerdings ist es nach meiner Ankündigung, dass wir heue Open Mic machen, damit schnell wieder vorbei.  Bei diesem Format dürfen die Spieler*innen, die wollen, ans Mikro und zu einem ausgewählten Thema etwas erzählen. Heute geht es um Ungerechtigkeit.

Alle wollen ihre Geschichten erzählen. Ich habe den Eindruck, dass einige gleich explodieren. Dennoch, es ist ein Spiel mit festen Regeln. Durch den Raum gehen. In die Hände klatschen, wenn man was sagen will. Zum Micro gehen, das ich natürlich nach jedem Kind desinfiziere, nochmals klatschen. Ab jetzt hören alle zu.

Wir haben nur Tests und Schularbeiten!

Und dann schreit mich die Lehrerin an, weil ich schon wieder gefehlt habe. Dabei hat sie gesagt, wir sollen auch mit Schnupfen oder Bauchweh lieber zuhause bleiben.

Wir haben seit Wochen kein normales Turnen. Scheiß Corona!

Mein Bruder trinkt mir immer meine Erdbeermilch weg!

Kein Kind teilt mehr. Früher hat mir Berdan immer die Hälfte seiner Jause gegeben, Jetzt verboten wegen Corona.

In den Herbstferien bin ich wieder in Wien. Wisst ihr, wie lange ich schon nicht mehr in Serbien war?

Die Zeit vergeht enorm schnell. Ich schaue auf die Uhr. Nur mehr 10 Minuten, dann kommt der Schulwart, weil er den Turnsaal sauber machen muss.  Irgendwie muss ich  diese Einheit mit sanftem Druck beenden. Kathi ist sauer. Sie ist hat so viel zu erzählen, will das Mikro nicht hergeben. Ein kleiner Kampf folgt. „Machen wir einfach bis 18 Uhr Theater. Dann kommen alle dran,“ schlägt Ayse vor.

Der ganz normale Wahnsinn

Während ich im Turnsaal Ordnung mache und in Gedanken die Theaterstunden reflektiere, wird mir der Wahnsinn, in dem wir uns bewegen, bewusst. Vor Augen geführt haben mir das 15 Schüler*innen im Alter von 10 bis 14 Jahren. Meine Ambitionen Theater wie immer, also normal,  anzuleiten sind klar gescheitert. Vermutlich wäre es am schlauesten gewesen, alle zusammenzupacken und auf den Spielplatz in den Augarten zu gehen. Nicht nur die Erwachsenen sind zermürbt, sondern die Kinder und Jugendlichen auch. Wir leben seit fast neun Monaten im Krisenmodus, ein neuerlicher Lockdown steht im Raum. Unsere Schüler*innen wissen und fühlen, was los ist. Wie soll da ein normaler Schulbetrieb möglich sein? Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es wenig Sinn macht, den Schein zu bewahren. Das betrifft sowohl den Unterricht als auch meine Theatergruppe.

Stellen wir uns der Realität

Wir brauchen ein hohes Maß an Flexibilität und einen klaren Blick. Wir alle müssen spontan entscheiden, ob unser Vorhaben zu diesem Zeitpunkt Sinn macht, und zwar in jeder Einheit. Ist es zum Beispiel sinnvoll 18 Schüler*innen auf Gedeih und Verderb eine Biologie-Wiederholung zuzumuten, oder wäre es nicht klüger eine Stunde nach draußen zu gehen? Macht es Sinn die Schüler*innen mit jeder Menge Hausübungen zu erdrücken, oder wäre es nicht klüger ein Konzept der Freiwilligkeit zu entwickeln? Mach das, was du schaffst. Die einen werden alles machen, weil gerade alles gut ist. Die anderen werden nichts machen, weil Corona und dessen Auswirkung die Familie fest im Griff haben. Vielleicht können wir auch darüber hinwegsehen, dass ein Schüler den halben Vormittag den Kopf auf den Tisch legt, sich auszuruhen scheint.  Wir können es als Zeichen dafür sehen, dass er gerne in der Schule ist, aber eben nicht aufmerksam sein kann.

Wir werden unsere Schüler*innen mit sehr viel Umsicht und Milde durch dieses Schuljahr begleiten müssen. Nicht die Leistung darf im Mittelpunkt stehen, sondern die physische und psychische Gesundheit von allen Beteiligten.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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