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Im Ausnahmezustand

Seit März 2020 herrscht in der österreichischen Bildungslandschaft der Corona-bedingte Ausnahmezustand.  Schule auf, Schule zu. Schulen bieten Betreuung an.  Schulen arbeiten im Schichtbetrieb. Oberstes Gebot: die Durchmischung von Schüler*innen aus unterschiedlichen Gruppen soll vermieden werden. Damit gibt es an unserer Schule zum Beispiel keine unverbindlichen Übungen, leider. Detail am Rande, Religion findet weiter statt. Für Unwissende: In diesem Gegenstand werden sogar Schüler*innen unterschiedlicher Schulen gemeinsam unterrichtet.

Deutschförderklassen

Noch einmal zur Information: In den Deutschförderklassen sitzen 20 Stunden in der Woche Schüler*innen unterschiedlicher Schulstufen und Klassen. Neun Stunden müssen sie in jener Klasse verbringen, die als Stammklasse bezeichnet wird. Weil aber keine Durchmischung stattfinden darf, gibt es seit Monaten die neun Stunden in den Stammklassen nicht mehr. Auch die Förderung jener Schüler*innen, denen zusätzliche Förderung in der Unterrichtssprache zusteht, stellt eine Herausforderung dar. So die Kapazität in den einzelnen Schulen gegeben ist, kann sie im besten Fall als Einzelförderung angeboten werden.

Deutschförderklassen in der Corona-Zeit

Nach vier Stunden Unterricht in der der Deutschförderklasse erkenne ich: nichts geht mehr.  Ja, schon klar, vier Stunden Unterricht oder mehr schaffen sogar die Schüler*innen der Volksschule. Vier Stunden Konzentration und hohe Aufmerksamkeit müssen doch möglich sein. Das dachte ich auch lange Zeit, aber vier Stunden eine fremde Sprache lernen, ist so etwas wie Hochleistungssport. Denn für meine Schüler*innen bedeutet das, vier Stunden das, was ich spreche und schreibe, in die Muttersprache und anschließend wieder in die Unterrichtssprache zu übersetzen. 

Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich mich ernsthaft frage, wer sich das Konzept der Deutschförderklassen ausgedacht hat. War den Entwickler*innen dieses Modells klar, dass wir Jugendliche und Kinder, keine Roboter, unterrichten?  Dass es nicht genügt Wissen in Kinderköpfe zu stopfen, völlig egal ob nun die Rahmenbedingungen passen oder nicht? Dass Kinder und Jugendliche keine Festplatte im Kopf haben, die unendlich viele Bytes speichern kann? Zusätzlich wirft sich die Frage in mir auf, ob man in diesen für alle Kinder und Jugendlichen belastenden Zeiten, auf jene aus den Deutschförderklassen vergessen hat.

Im Augarten

Wir packen unsere Sachen und gehen in den Augarten. Vorher fragt Sefa* mich, ob er denn seinen Hund von zuhause holen dürfte. Um ein „Nein“ auszuschließen, zeigt er mir das Foto eines wunderbaren, knuffigen Fellknäuels, das Şans heißt. Glück ist die deutsche Übersetzung. Sefa ist ein lebhafter und kommunikativer Junge. Er will sich austauschen, er will erzählen, lachen und Spaß haben. Er blüht auf, wenn zu meiner Unterstützung jene Kollegin in der Klasse ist, die seine Muttersprache spricht.  Fragt ihr Löcher in den Bauch, fordert mehr Arbeitsblätter. “Er will schön schreiben lernen,” erklärt mir die Kollegin. Erst jetzt sehe ich, dass Sefa unendlich viele Zeilen mit Buchstaben gefüllt hat. Wie soll ich in dem System Deutschförderklasse diesem begabten und motivierten Jungen gerecht werden? In diesem einseitigen Konzept, dass die Unterrichtssprache über alles stellt? Keine Chance!

Wir lassen uns überreden und nehmen Şans mit. Die Gruppe scharrt sich um Hund und Kind. Alle wollen sie die Leine halten, bis auf Rahed*. Den Hund hat Sefas Mutter im Übrigen deshalb gekauft, weil Sefa einsam ist. Er hat nach acht Monaten in Wien keinen einzigen Freund. So kommt er wenigstens, mal abgesehen von der Schule, ein bisschen nach draußen. Ich beobachte Sefa und Şans. Sie sind ein tolles Team. Sefa zeigt mir, wie er mit dem Hund Nachlaufen spielt und welche Kunststücke er schon kann. Aber als Ersatz für einen Freund, der Deutsch und Türkisch spricht, ist dieser entzückende Vierbeiner nicht die allerbeste Option.

Im Augarten scheint die Sonne und die Stimmung der Kinder hebt sich. “Winter weg,” erklärt mir Alejandra* freudestrahlend. “Frühling, Sommer, Herbst, Winter!,” wirft Rahed ein. Alejandra kommt aus Argentinien, Rahed aus Pakistan. Genauso wie Sefa haben sie in Wien keine Freunde. Alejandra läuft zu Sefa und Şans. Rahed bleibt bei mir. Er deutet auf Gegenstände und fragt bei jedem: “Was ist das?” “Hund, nein. Nicht schön,” sagt er. Es stellt sich heraus, dass er Angst vor Hunden hat. 

Nach sieben bis acht Monaten halten sich die Fortschritte in der Unterrichtssprache in Grenzen. Gemeinsame Kommunikation findet über ein paar Wortgruppen statt. Aber ehrlich, wen wundert es? Wie sollen sie denn kommunizieren lernen, wenn es so gut wie keine Sprachvorbilder in der Klasse gibt? Wie sollen sie vom Unterricht profitieren, wenn das erforderliche Sprachbad für den Erwerb der Zweitsprache nicht gegeben ist?

Der Begriff Sprach­bad bezeich­net das sprach­li­che Umfeld, in dem sich Zweit­spra­chen­ler­ner befin­den und in dem sie am Unter­richt und/oder am All­tag im Ziel­spra­chen­land oder einem ziel­sprach­li­chen Umfeld teil­neh­men. Damit das Sprachbad, die Immersion, lernförderlich für den Spracherwerb sein kann, muss es ausreichend sprachlich anspruchsvollen, aber zu bewältigenden Input beinhalten.

Die einzigen, die in dieser Gruppe miteinander Deutsch sprechen, sind meine Kolleg*innen und ich. Klar, meine Schüler*innen befassen sich miteinander. Meistens dann, wenn ich sie im Rahmen des Unterrichts dazu zwinge, oder wenn sie gemeinsam „UNO“ oder „Mensch ärgere dich nicht“ spielen. Mit Ende des Unterrichts schwirren sie alle in verschiedene Richtungen nach Hause, haben außerhalb der Schule keinen Kontakt miteinander. Alejandra und Sefa erzählen mir, dass sie am Nachmittag über die unterschiedlichen Messenger mit den Freund*innen aus der alten Heimat schreiben. An Tagen, an denen mich dieses System viel zu viel Kraft kostet, macht mich das unendlich traurig. 

Seit Wochen hadere ich mit mir selbst. Ich würde diesen Kindern und Jugendlichen so gerne viel mehr bieten. Bin ich verantwortlich für die geringen Fortschritte? An allem kann Corona nicht schuld sein? Wieso hat man überhaupt so eine systematische Ausgrenzung als Unterrichtsprinzip zugelassen?

Aber was kann ich ihnen bieten? Vieles ist in diesen Zeiten nicht erlaubt. Manchmal bin ich richtig froh, wenn wir Schüler*innen aus anderen Klassen im Park treffen. Meine Freude überträgt sich leider nicht auf die Kinder und Jugendlichen meiner Klasse. Sie bleiben wieder unter sich. Und das bedeutet, die sitzen auf unterschiedlichen Parkbänken und starren in ihre Handys, und wenn diese nicht erlaubt sind, starren sie eben in die Luft. Mit sanftem Druck von meiner Seite nähern sich manche vorsichtig aneinander an. Wobei ich mich dabei auch nicht gut fühle. Nur, was wäre die Alternative?

Nur so eine Idee

Mir ist klar, dass vieles den Umständen der Corona-Zeit geschuldet ist, aber warum wurde nicht, als absehbar war, dass regulärer Unterricht nicht stattfinden kann, das Modell Deutschförderklasse mitsamt den MIKA-Testungen auf Eis gelegt? Die Schüler*innen der Deutschförderklassen hätten in ihre Stammklassen zurückkehren können. In diesen lernen momentan nur 10 bis 12 Kinder gemeinsam. Ein Rahmen, der genug Raum überließe, um gezielt und effizient zu fördern. Jene Kolleg*innen, deren Stunden in den Deutschförderklassen wegfallen, hätten dann noch Einzelförderung übernehmen können. Wäre damit nicht allen geholfen gewesen?

Und, sollte nach Ostern der Schulbetrieb in der Form weitergehen, könnte man nicht ab diesem Zeitpunkt alle Deutschförderklassen bis zum Beginn der großen Ferien schließen? In drei Monaten könnte sich auf diese Weise viel mehr bewegen als in drei Monaten weiterer Isolation. Zusätzlich könnten wir die Schüler*innen am Nachmittag und während des Unterrichts weiter betreuen. Denn in drei Monaten sind Sommerferien. In drei Monaten können zumindest zaghafte Freundschaften entstehen. Die wiederum würden verhindern, dass die Kinder und Jugendlichen der Deutschförderklassen neun Wochen in Einsamkeit verbringen, und dass die minimalen Fortschritte in der Unterrichtssprache nicht völlig verloren gehen.

*Namen von der Redaktion geändert.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

1 Kommentar
  1. JosefGary Fuchsbauer
    JosefGary Fuchsbauer sagte:

    Danke für diese Schulgschicht. Es macht soo traurig, dass diese Ausschließerpartie in Bildungsministerium und Regierung sogar Corona für Desintegration nutzt. Und als ehemaliges grünes Parteimitglied und immer noch mit denen sympathisierend macht es mich noch trauriger, dass die in dieser Hinsicht absolut gar nichts in der Regierung erreichen. Ubrigens, weil ich das grad gemailt bekommen hab: Dass nicht schon vor einem Jahr begonnen wurde, Luftfilter in allen Unterrichtsräumen aufzustellen – und dass das bis heute nicht geschieht – ist auch ein Skandal, weil so viel viel mehr normaler Unterricht möglich gewesen wäre. Hier das Mail: „vielleicht hat jemand Interesse am unten angeführten Seminar. Bei Interesse am Ausprobieren mit Luftreinigern bitte mit diesen Herren in Kontakt treten. Ihr solltet euch auf mich berufen.
    Wichtig bei Luftreinigern: Es sollten 2 Geräte im Raum (gegenüber) positioniert werden.
    Mit lieben Grüßen
    Hannes Grünbichler
    —Weitergeleitete Nachricht—
    Sehr geehrter Herr Prof Grünbichler,
    ich gratuliere Ihnen zur gelungenen OTS Meldung und den Forderungen der UGÖD.
    TROX ist Weltmarktführer im Bereich Lüftungstechnik und wir beschäftigen uns seit mehr als 70 Jahren mit dem Lebensmittel Luft.
    Neben fest verbauten Lüftungsanlagen in Hotels, Bahnhöfen, Flughäfen, Schulen usw…beliefern wir als BBG Partner u.a. den VfGH, das Wirtschaftsministerium, das Rote Kreuz uvm.
    Interesse aus Bildungsreinrichtungen ist vorhanden, leider mangelt es an einer öffentlichen Debatte und Aufklärung, die wir als Anbieter versuchen zu ermöglichen.
    Ich darf Sie und weitere Interessent*innen zu unserem Fachvortrag „Saubere Luft – Wie sichern wir die Schulbildung für unsere Kinder?“ am 15.April um 16:00 einladen.
    Erfahren Sie in unserem kostenlosen Web-Seminar einfach und kurz erklärt die Grundlagen der Übertragungswege, sowie kurz-, mittel- und langfristige Lösungsansätze für Bildungseinrichtungen (Kindergärten, Schulen, Universitäten etc.) um das Infektionsrisiko zu reduzieren. Hr. Ing. Schwicker und meine Wenigkeit erklären Ihnen worauf es ankommt, welche Lösungen angebracht sind und worauf Sie bei der Auswahl der Geräte achten müssen.
    Anmeldelink: https://trox.webex.com/mw3300/mywebex/default.do?nomenu=true&siteurl=trox-de&service=6&rnd=0.7697488357540151
    Ich habe weiters gesehen, dass Sie als HTL Professor tätig sind. Sollten Sie an einem kostenlosen Test in Ihrer HTL Interesse haben, bitte ich um Ihre geschätzte Rückmeldung.“

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