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Vor geschlossener Türe

Es ist acht Uhr. Meine Kollegin und ich haben vor der Schule Aufsicht gehalten, auch um die geforderten Abstandsregeln zu kontrollieren – Covid ist überall, unsere neuen Aufgaben nie-endend. Wir gehen in den ersten Stock und stellen zum xten Mal fest, dass genau ein Klassenraum nicht aufgesperrt wurde. Ganz ohne Abstand stehen die Schüler*innen in einer Traube vor der Türe. Schulintern scheint diese 11köpfige Klasse nicht zu existieren. Den Eindruck hatte ich schon 15 Minuten davor, als ich die Obstkiste der Deutschförderklasse vom Schulwart abholen wollte. „Nein, die bekommen die nicht. Die haben ja das Obst in der Stammklasse“, erklärt mir der Schulwart.

Es gibt kein Klassenbuch, kein MS-Teams, keine Aufsicht, keine Zeugnisse. Kein einhaltbares Curriculum, da weder beständige Schüler*innenzahlen noch zeitliche Planbarkeit und vor allem wenig Zukunftsaussichten.

Nicht-Klasse

In der Deutschförderklasse verbringen die Schüler*innen derzeit 20 Unterrichtstunden miteinander. Abgeschottet und so ein bisschen weggesperrt vom schulischen Alltag und Miteinander, lernen sie hier gemeinsam die Unterrichtssprache. Sie kommen aus der Ukraine, aus Syrien, aus Rumänien, aus der Türkei, aus Bulgarien, aus Ghana, aus Ungarn und aus Tschechien und sind zwischen 10 und 15 Jahren alt. Trotz der Altersunterschiede haben sich in den letzten Monaten Freundschaften in dieser Klasse entwickelt. Aber eigentlich sind sie ja keine Klasse. Sie sind eine Nicht-Klasse. Ein Restpool von Übriggebliebenen, von unzureichenden Kindern. So ihre Beurteilung nach der MIKA-D Testung (Messinstrument zur Kompetenzanalyse-Deutsch). Eine vorübergehende Angelegenheit, die möglichst schnell durchlaufen werden sollte. Und dennoch nach zwei Jahren beendet sein muss. Unabhängig von ihren Sprachkompetenzen, ihren potentiellen Traumata, ihren emotionalen Befindlichkeiten. Wie und warum diese Kinder ihr Heimatland verlassen mussten, ist hier irrelevant. Funktionieren sollen sie. Ausreichend werden.

20 Stunden Deutsch pro Woche. Offiziell sind keine Ausflüge, kein Sport, kein Werken vorgesehen. Heißt ja auch DEUTSCHförderklasse und nicht Beihilfe zum Wohlfühlen in der neuen Lebensrealität oder so ähnlich.

Deutschförderklassen

Diejenigen Klassen, die keine Schüler*innenobergrenze haben. Die sich täglich ändern können, neue Schüler*innen kommen, alte werden „herausgetestet“. Die absurdeste Wortschöpfung übrigens seit „entfreunden“. Und doch ähnlich. Erst eine Gemeinschaft, ein Zusammen-, ein Füreianderdasein. Dann wird einer oder eine zu gut. Zur Strafe muss er oder sie in seine Stammklasse, die er/sie in nicht-Corona Zeiten 9 Stunden pro Woche besucht. Der „Stamm“ ist hier sehr euphemistisch zu interpretieren. Als Außenseiter haben sie meist weder Platz noch Bücher und schon gar keine Freunde oder Verbündete. 

Die Stammklasse

Die Stammklasse ist jene Klasse, die den Schüler*innen altersmäßig zugeteilt wird. Oft haben die Schüler*innen einen Platz in der letzten Reihe, weil sie ja ohnehin nie oder selten in der Klasse sind. Der Zugang zum Tagesgeschehen fehlt ihnen. Wurde etwas ins Mitteilungsheft eingetragen? Entfällt eine Stunde? Steht ein Lehrausgang am Plan?

Wenn sie Pech haben, erklärt die Lehrerin/der Lehrer noch vor der versammelten Klasse, dass sie oder er eh nichts verstehen würden. Damit erhalten quasi die Klassenkolleg*innen die Legitimation sich nicht um den oder die Schüler*in kümmern zu müssen. Irgendwie werden also die neun Stunden in der Klasse abgesessen. Es gibt sie, die Schüler*innen, die trotz dieser Umstände in der Klasse Anschluss finden. Den meisten wird aber unterstellt, dass sie keine Lust haben sich zu integrieren. Dass sie abblocken, nichts lernen wollen. Klar, sie blocken ab, aber schließlich wurden sie auch nicht gefragt, ob sie nach Österreich wollten oder nicht.

MIKA-D Testung einfach erklärt

Einmal pro Semester muss von „qualifiziertem Personal“ eine Sprachstandserhebung durchgeführt werden. Die Qualifikation erfolgt über ein online Seminar – gesprochen in einfacher Sprache. Dieses Messinstrument deckt angeblich verschiedene linguistische Bereiche zu Wortschatz, Sprachverständnis und Sprachproduktion ab. Auf diese Weise wird festgestellt, ob Schüler*innen ausreichende Kenntnisse  in der Unterrichtssprache Deutsch erworben haben, um dem Unterricht folgen zu können.

Die Testung für den Bereich Mittelschule ist seit Sommersemester 2020 sowohl schriftlich als auch mündlich. Es gibt drei erstrebenswerte Beurteilungen:  ausreichend, mangelhaft und ungenügend.

Ausreichend bedeutet, dass der/die Schüler*in mit der Stammklasse in die nächste Schulstufe aufsteigen kann.

Ungenügend bedeutet, dass der/die Schüler*in in der Deutschförderklasse verbleibt, und im nächsten Schuljahr die Klasse wiederholen muss. Also wieder 20 Stunden Deutschkurs die Woche, wieder nur neun Stunden in der neuen Stammklasse und wieder versäumt er oder sie das meiste vom Unterricht.

Mangelhaft bedeutet in dem Covid-Schuljahr 2019/20, dass der/die Schüler*in nicht mehr in die Deutschförderklasse gehen muss, aber die Schulstufe wiederholen muss. Die Motivation, dieses Prädikat zu erreichen ist besonders hoch. Theoretisch bekämen diese Kinder dann zusätzliche sechs Deutschförderstunden, die aus Personalgründen meist nicht realisiert werden können. Zumindest nicht, wenn die Anzhal der Schüler*innen unter acht beträgt.

Der ausreichende – und somit ORDENTLICHE! Status – kann nicht erreicht werden, wenn das Kind statt „Dann geht der Bub weg!“ sagt „Dann der Bub geht weg!“. Für alle Muttersprachler ist die Bedeutung in beiden Sätzen gleich, nicht jedoch vor dem Gott der Klausel. Und dieser entscheidet über vieler Kinder Zukunft.

MIKA-Testung  – die Realität

Uns allen ist klar, dass kaum wer diesen Test bestehen wird, obwohl wir seit der Wiedereröffnung der Schulen nach Corona unwahrscheinlich viel üben. Die zehn Wochen des Lockdowns fehlen gerade diesen Kindern und Jugendlichen besonders. Sie waren zuhause und haben in ihrer Muttersprache kommuniziert, weil ihre Eltern meistens nicht länger als sie selbst in Österreich leben und oft den ganzen Tag in systemrelevanten Berufen arbeiten. Zwar wurde von offizieller Seite immer um Milde bei der Notenvergabe ersucht, bei den Deutschförderklassen muss aber strenger beurteilt werden als zuvor. Dass viele Kinder nach den Testergebnissen in stille Tränen ausbrechen, wird vom Ministerium nicht gesehen.

Unsere Schüler*innen schaffen das mit der Inversion gar nicht so schlecht, aber in der Prüfungssituation geht dann gar nichts mehr. Der Druck ist groß. Schließlich wollen alle in eine „normale“, eine „echte, richtige, ordentliche“ Klasse mit Noten und so gehen. Vor allem aber wollen sie nicht 6 oder 7 Jahre in der Sekundarstufe 1 verbringen. Hier geht es um Zeit, um wahre Lebenszeit.

Doch schaffen sie die Prüfung, gibt es meist noch den einen oder anderen Kollegen, der sie mit saftigen „Fleck“ am Aufsteigen hindert. „Der versteht ja nicht mal „Haube“! Das kann nichts werden!“, lautet die eher fragwürdige Argumentation.

Von elf Schüler*innen haben nur zwei ein Mangelhaft „geschafft“. Und die sind jetzt schwer enttäuscht, dass sie die Klasse wiederholen müssen.

Nach zwei Jahren?

Ja, man sagt, Kinder lernen schneller und mehr Deutsch, wenn sie in einer mehrheitlich-deutsch-sprechenden Klasse sind.  Sie lernen auch im Unterricht mit den anderen mit, haben alle Gegenstände und sind deutlich besser in der Klasse integriert.

Nach zwei Jahren müssen sie eh, müssen sie ohnehin in eine Stammklasse. Egal, ob nun der Test mit mangelhaft oder sonstwas beurteilt wird. Dann bekommen sie Noten, ob sie sprechen und schreiben können oder nicht. Das definiert in etwa das Sprachniveau der Stammklasse.

Sinnhaftigkeit?

Sinnvoll? Naja – wird im Bildungssystem nach Sinn und Sinnhaftigkeit gefragt? Nach Machbarkeit und Effizienz? Geh! Ich bitte Dich! Wir sind schließlich nicht in der Privatwirtschaft. Evaluation ist Luxus und Messbarkeit wird Pi mal Daumen bestimmt.

Willkommen in der Realität der Mittelschule.

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an einer Mittelschule in Wien.

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Was NMS Schüler*innen brauchen

Und? Was arbeitest du?“ „Ich bin Lehrerin.“ „Ah ja, Volksschule?“ „Nein!“ „AHS?“ „Nein, NMS!“ „Na, servas! Aber wärst du nicht in einer AHS deutlich besser aufgehoben? Also, du mit deinen Ideen und  deinem Engagement? Das ist doch wie Perlen vor die Säue werfen.

Dialoge dieser Art erlebe ich immer wieder. Nicht unbedingt im gleichen Wortlaut, aber die Kernaussage bleibt die gleiche. Je ausgewählter die Schüler*innen, desto besser müsse das Lehrpersonal sein, ist allem Anschein nach eine Meinung oder eine Haltung, die starken Anklang findet.  Die logische Schlussfolgerung daraus ist, dass es in der NMS reicht, wenn die Schüler*innen Mathematik und Deutsch lernen, alles andere wäre doch ohnehin überbewertet. Sie werden das doch später nie brauchen. Und die nächste Konsequenz daraus ist,  dass man dazu ja keine hochqualifizierten Lehrkräfte benötigen würde. Denn das bisschen Deutsch und Mathematik müsste doch jeder beherrschen, der selbst die Schule durchlaufen hat.

Was AHS-Schüler*innen brauchen

Bei den Schüler*innen der AHS verhält sich das natürlich anders. Diese brauchen jene Lehrkräfte, die perfekte Studienabschlüsse vorweisen können, höchste Qualifikationen sind gefragt. Schließlich unterrichten sie jene Schüler*innen, die einmal zur Bildungselite des Landes gehören sollen. Schließlich erwarten sich auch die Eltern, Schulbesuch sei Dank, dass aus ihren Kindern etwas ganz besonders wird. Und wem das zu viel ist, soll doch bitte dorthin gehen, wo eben das Niveau dementsprechend niedriger ist.

Was alle Schüler*innen brauchen

Prinzipiell hat jeder Schüler und jede Schülerin das Anrecht auf die bestmögliche Bildung. Diese sollte im Idealfall nur von jenen Menschen vermittelt werden, die bereit sind, viel in ihre Aus- und Fortbildung zu investieren. Lehrer*innen, die nicht auf der Stelle stehen und bereit sind ihr Berufsleben lang dazuzulernen. Jedes Kind und jede*r Jugendliche hat sich die besten und qualifiziertesten Lehrer*innen verdient. Da lässt sich kein Unterschied bezüglich irgendwelcher Schultypen festmachen. Ganz im Stillen denke ich mir, dass gerade diejenigen, die ganz wenig Unterstützung haben, ganz besonders gute Lehrer*innen brauchen.

Was NMS-Schüler*innen brauchen

Viele Schüler*innen anderer Schultypen haben das Glück, dass ihre Eltern sie unterstützen können. Sei es bei den Hausübungen oder  in vielen anderen Bereichen. Es ist nun mal bewiesen, dass der Bildungsstand vererbt wird. In diesen Elternhäusern ist es selbstverständlich, ein Theater oder eine Ausstellung zu besuchen oder ein breitgefächertes Freizeitangebot zu ermöglichen.

Bei unseren Schüler*innen sieht es anders aus. Nicht weil die Eltern kein Interesse an ihren Kindern haben, sondern weil sie die Unterstützung nicht bringen können. Also ist es an uns den Kindern und Jugendlichen all das zu bieten und zu vermitteln. Das sind wir unseren Schüler*innen in Hinblick auf deren Zukunft einfach schuldig.

Gerade jene Schüler*innen, die aufgrund ihres soziokulturellen Hintergrunds benachteiligt sind, sollten doch Anspruch auf die besten Schulen und die besten Lehrer*nnen haben.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Die Zensuren

In einer ersten Klasse liest die Klassenlehrerin die endgültigen Noten vor. Es herrscht Totenstille.

Mathematik 3, Deutsch 2, Englisch 1, Geografie 1, Biologie 1, Bewegung und Sport 1, Bildnerische Erziehung 1, Geografie 2, Musik 1. Du hast das Schuljahr mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen.

Dragana springt auf und jubelt. „Und ich hab so Angst gehabt, dass ich einen Vierer habe.“  Ich wundere mich. Dragana ist das, was man als eine gute Schülerin bezeichnet. Okay, ab und zu vergisst sie ihre Hausübungen oder ist nicht so perfekt auf eine Überprüfung vorbereitet. Weil sie eine gute Schülerin ist, wird ihr das verziehen. Also wo genau sollte da eine Vier herkommen?

Als die Lehrerin Valentinas Noten vorliest, merke ich, dass Valentina immer mehr in sich hineinkriecht. Jede Vier macht sie ein Stückchen kleiner. Beim Sehr gut in Bildnerischer Erziehung lächelt sie kurz. Dann versinkt sie wieder in sich. Auch die Zwei in Bewegung und Sport stimmt sie nicht wirklich froh. Ein bisschen wundere ich mich, weil ich sie im Theaterunterricht als sehr bewegungsfreudige Schülerin erlebe, ständig Handstand an die Wand machend oder Räder schlagend. Tanzfreude hat sie ohnehin enorm viel in sich. Vielleicht hat sie die Zwei, weil sie ab und zu ihre Sportsachen vergisst. Als nicht so gute Schülerin kann sie nicht auf Nachsicht hoffen.

Es geht weiter.

Denis jubelt über eine Vier in Mathematik. Mehmet zuckt mit den Schultern und unterstreicht mit einer Handbewegung, dass ihm die Schule ohnehin egal ist. Nicoletta kämpft mit den Tränen und Anna hält sich die Ohren zu, weil sie keine Lust auf ihre Noten hat.

Die Frage

Die Klassenlehrerin verlässt den Raum, ich bleibe mit den Schüler*innen zurück. Kurz nachdem die Türe zufällt, entlädt sich die Spannung.

Unfair!“ „Meine Eltern bringen mich um!“ „Geil, ich bekomme ein neues Handy!“ „Nicht einmal eine einzige Eins habe ich!“ „Ich hasse die Schule!“ „Ehrlich, bei mir ist das so. Ich kann lernen, so viel ich will, aber meine Noten ändern sich nicht!“ „Voll! Bei mir auch. Für Geografie habe ich gar nichts gelernt, aber ein Zwei bekommen.“ „Kenn ich. Deshalb lerne ich gar nichts mehr.

Nach zwei lauten Minuten ist der größte Frust draußen. Ich habe mir das alles angehört, habe nicht eingegriffen. Ab und zu dürfen Kinder auch laut sein, müssen sie sogar.  Ich bin sowieso der Meinung, dass man Kinder und Jugendliche erst dann nachhaltig erreicht, wenn man sie einmal so richtig laut erlebt hat.

Eine Frage hätte ich an euch.“ Ich muss die Stille nützen. „Was habt ihr dieses Schuljahr gelernt?“ Schweigen. „Ehrlich, was habt ihr gelernt?“, hake ich nach.

Nichts“, ruft Dennis. Andere stimmen ihm zu. Ich bin fassungslos. Wo kommen dann all die Noten her, wenn diese Schüler*innen, ihrer Ansicht nach, nichts gelernt haben. Irgendwann meldet sich Dragana zu Wort. „Dezimalzahlen“, ruft sie. Zumindest etwas denke ich mir. Auch wenn das Kapitel Dezimalzahlen das allerletzte Kapitel war, das wir in diesem verrückten Schuljahr durchgenommen haben. Aber es hängt allem Anschein nach noch im Kurzzeitgedächtnis. Ein anderer Gedanke kommt mir auch. Vielleicht fällt es Dragana deshalb so schwer sich selbst einzuschätzen, weil sie keine Ahnung hat, was sie in diesem Schuljahr gelernt hat.

Ich stelle diese Frage auch in anderen Klassen. Meistens bekomme ich die gleich ernüchternde Antwort. Ein Mädchen antwortet, dass sie nun wüsste, was Corona sei. Am liebsten würde ich sie umarmen.

Wozu also Notengebung?

Am 2.7. war Heinz Faßmann in der ZiB2 zum Interview eingeladen. Lou Lorenz Dittelbacher fragte nach einer möglichen Note im Krisenmanagement der Schulen.

Weil ich ja durchaus für Ziffernnoten bin, möchte ich hier keine Ausweichantwort geben. Ich würde mir ein Gut geben.

Mit ist ohnehin schon länger klar, dass es kaum Chancen gibt, die Schule in den nächsten Jahren zu einem beurteilungsfreien Raum wachsen zu lassen. Mit der nicht vorhandenen Unterstützung von obersten Stelle gehe ich mal davon aus, dass meine mittlerweile zweijährige Enkeltochter auch ab sechs Jahren ein Sehnsuchtsziel haben wird, nämlich nur Einser im Zeugnis.

Aber was sagt das aus? Was bedeutet das Gut, dass sich Faßmann selbst für sein Krisenmanagement gegeben hat? Was sagt ein Zeugnis mit lauter Einsern aus? Was kann das Kind? Was hat es gelernt?

Kinder und Jugendliche wollen sich vergleichen. Das ist eines der Argumente, die ich nicht mehr hören kann. Ja, sogar den jüngsten Volksschulkindern ist es wichtig, dass sie Ziffernnoten haben. Dann wissen sie, woran sie sind. In erster Linie dienen die Zensuren in diesem Fall den Eltern, die ihre Kinder mit anderen vergleichen wollen. Später vergleichen sich die Schüler*innen tatsächlich, weil sie es nicht anders gelernt haben.

Ohne Noten würde ich nichts lernen, sind sich die meisten Schüler*innen einig. Die meisten Lehrer*innen sehen das ähnlich.

Schule als beurteilungsfreier Raum – eine Illusion?

Einigkeit herrscht auch darüber, dass, würde man auf Noten verzichten, ohnehin alles beim Alten bliebe. Mit dementsprechenden Formulierungen wäre ja dennoch klar, dass der/die Schüler*in  versagte, ein Ziel nicht erreicht hat. Ich teile diese Meinung sogar. 

Bei der Forderungen nach Abschaffung der Noten gehe ich einen Schritt weiter. Ich will die Schule und damit auch Lernen zu einem beurteilungsfreien Raum machen.  Es muss doch irgendwann Schluss sein mit der Anhäufung von Bulimiewissen. Warum kann man nicht mal Kinder und Jugendliche fragen, was sie lernen wollen. Bei allem was sie wissen und erlernen wollen braucht man ein Basiswissen. Auch diese Erfahrung  werden die Schüler*innen ganz schnell machen. Lernen um des Lernens Willen, das wäre mein ersehntes Ziel.

Klar, würde es zu einer Umstellung im Bereich Schule und Notengebung kommen, müssen wir damit rechnen, dass zu Beginn der Lerneifer der Schüler*innen schwinden würde. Nur bin ich mir sicher, dass dieser nach einer Übergangsphase wieder zum Leben erwacht. Und vielleicht wissen dann zumindest ein paar Schüler*innen, was sie in diesem Schuljahr gelernt haben.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 2 Minuten

Herr Professor, können wir nicht noch eine Stunde Geo machen? Das ist so wichtig.“ Das Thema: Rassismus. Die Umsetzung: Fotos, Eigenerfahrungen, ganz viel Gespräch – super reflektiert. „Herr Professor, es ist so schön… können wir nicht rausgehen?“ Sicher. Spaziergang. Die Straße entlang hin zum Wiederkehr. „Mein Normal: Unternehmen entlasten – Jobs schaffen“ ist am NEOS-Plakat bei der schulnahen Bushaltestelle plakatiert. Was bedeutet das? Warum hängt das? Durch welche Entlastung können welche Jobs geschaffen werden? Wie sehen es die anderen Parteien? Spazieren wir weiter. Information, Fragen, Debatte. Fazit: „Das hat so viel Sinn gemacht. Voll super.“ Und außerdem: „Ich hab über das Rassismus-Thema nachgedacht. Darf ich Ihnen nachher noch ein Video zeigen?“ Klar.

Dynamisches Lernen, gemeinsames Reflektieren und Diskutieren, Thematisierung gesellschaftspolitisch relevanter Phänomene – es macht Sinn und nach dem Unterricht wird im lebendigen digitalen Raum weiterdebattiert. Es beschäftigt und ermutigt. Die halbierte Klassenportion ist erfreut über die Möglichkeit nachzufragen und Meinung kund zu tun. Es geht leichter von der Hand für beide Seiten. Man fühlt sich gehörter denn je im Kleingruppenformat. Sacré bleu und quelle surprise.

Dass es so bleibt (weniger Schüler*innen je Lehrer*in in Kombination mit gesteigerter Diskussionsmöglichkeit im dem Wetter angepassten Outdoor-Unterricht): Illusion. Also zurück zum alten Schema ab September? Schema F: Notendruck, Lernzwang, zu viele Kinder auf zu wenig Raum. Doch kann es das geben? Eher zu wenig Lehrer*innen und zu wenig Raum. Änderungsbedarf, Investitionspflicht – Outdoorklassen, späterer Unterrichtsbeginn, gesünderes Angebot in der Schulkantine, interaktives Lernen in Kleingruppen, verbesserte Kommunikationsstruktur im analogen und digitalen Raum, gemeinsames Reflektieren über Erlebtes, Sinndebatte über die Reifeprüfung, individualisiertes Lernen statt kollektivem Schweigen – ein Aufschrei der verstummt. Denn, das was kommt, sei fördernd, innovativ und sozial, der Mehrwert sei unbestritten: die Sommerschule.

Geh bitte… da geht dir ja keiner freiwillig hin“, so der allgemeine Tenor im Konferenzzimmer (m)einer Wiener AHS. Also ab ins Schema F – mit den Eltern reden, ihnen vermitteln, dass das schwache Kind MUSS. Wir müssen sie zwingen und für die Notenschwäche bzw. die Inkompatibilität mit dem existierenden System bestrafen. Der vom Minister ausgeschickte Stundenplan für die Volksschule (wie sieht es für NMS und AHS aus?), liest sich verheißungsvoll: Förderung der Kreativität, Erkundung der Umgebung, Basteln, Bewegung, Sprachtraining… so macht (Sommer)-Schule Sinn. Was aus mir „spricht“, ist die tiefe Überzeugung, dass Lernen Freude bereitet und dass Kinder Sinnhaftigkeit und Freude erkennen, spüren und schätzen. Lasst uns mit den Kindern reden und sie davon überzeugen, vom Lernen mit Sinn, Freude und Variation – abwechslungsreich und vielfältig, bewusst und individuell.

Aber: Wenn schon, dann g’scheit.

Von einer, meiner AHS läge der nächste Sommerschul-Standort 40 Öffi-Minuten entfernt. Es gibt schlichtweg keine einzige Sommerschule im zweitgrößten Wiener Gemeindebezirk mit massenhaftem Förderpotenzial – auch im Sommer. Den Eltern wird nun sieben Tage vor Meldeschluss vermittelt, dass sie ihre nach den Anstrengungen der Corona-bedingten schulischen Neuerungen die Ferien herbeisehnenden Kinder anmelden können, wenn sie denn wollen. Schema F. Die unzähligen Eltern mit nicht-deutscher Muttersprache und mangelhaften Deutsch-Kenntnissen, die vielzähligen Eltern, die von der beruflich-familiär-sozialen Konstellation täglich bis an und über’s Limit gefordert werden, die hunderttausenden ambitionierten Kinder mit Gestaltungs-, Partizipations- und Lernmotivation werden mit einem formellen Schreiben allein gelassen, wenn nicht die Klassenlehrer*innen die Notwendigkeit erkennen, individuell, persönlich, empathisch, geduldig, motivierend mit denen zu reden, die bereit sind und wollen, wenn das Angebot stimmt: mit unserer Zukunft, unseren Kindern. 

Also dann: bitte g’scheit.

Der Autor ist Lehrer an einer AHS in Wien.

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Das bildungspolitische Hin und Her hält Lehrer*innen kontinuierlich auf Trab und erfordert ausgeprägte Anpassungsfähigkeit von allen am Schulgeschehen Beteiligten. Eine Reform, die vermeintlich alles besser machen soll, wird ohne Evaluation von der nächsten abgelöst. Mit der Umsetzung werden Schulen und Lehrkräfte schließlich alleine gelassen. “Schulautonomie” ist das Schlagwort der Stunde.

Wieder alles neu

Es war ja schon im Gespräch, also wir wussten bereits von abermals neuen Veränderungen, doch nun ist es amtlich: Wir bekommen wieder ein neues Differenzierungs- und Notensystem! Ich bin wirklich wütend und zugleich traurig und erschüttert darüber, wie man sich innerhalb von 30 Jahren immer wieder etwas Neues ausdenken kann ohne endlich das umzusetzen, was schon lange diskutiert und sogar schon erprobt und als gut empfunden wurde.

Vor ca. 30 Jahren waren wir umgestiegen von A und B Zug auf drei Leistungsgruppen, um noch besser differenzieren zu können. Das Ergebnis war genauso schlecht wie vorher, nämlich dass Schüler*innen weder voneinander lernen konnten noch das „bessere“ Vorbild hatten, um einen Ansporn zur Verbesserung zu bekommen. Schließlich wurden auch die Leistungsgruppen abgeschafft zugunsten von heterogenen Klassen, die von mehr Lehrkräften betreut werden sollten. Anfangs funktionierte das auch gut, doch bald wurden die Ressourcen gestrichen und mittlerweile haben wir weder nur gering reduzierte Schülerzahlen noch mehr Lehrkräfte in einer Klasse. Damit wird das Differenzieren und Individualisieren natürlich schwierig.

Nebenbei läuft seit Jahren die Diskussion, ob man Noten abschaffen sollte zugunsten von verbalen Beurteilungen. Teilweise liefen sie parallel und engagierte Lehrer*innen beherzigten diese Möglichkeit und nutzten sie sehr gut und positiv für die Schüler*innen. In meiner Schule – einer NMS – gibt es (zumindest bis jetzt) keine Noten bis zur achten Schulstufe. Dann müssen wir Noten geben, um die Schüler*innen in höhere Schulen oder in eine Lehre entlassen zu können. Auch das verstehe ich nicht, da wir bereits von Lehrherr*innen wissen, wie dankbar sie um die verbalen Einschätzungen sind, weil sie wesentlich aussagekräftiger sind als Noten.

Mit dem neuen Differenzierungssystem „AHS Standard“ oder „Standard“ spalten wir nicht nur wieder die Schülergemeinschaft in zwei Gruppen – auch wenn sie nicht räumlich getrennt werden – sondern wir haben unsere „wunderbare“ Notenskala erweitert auf nunmehr neun Noten, die ja übrigens in den letzten Jahren bereits erweitert wurde auf sieben Noten (auch hier kann man die Sinnhaftigkeit in Frage stellen)!

Handeln wider besseren Wissens

Wir wissen, dass (leistungsbezoge) heterogene Gruppen viel Gutes bringen weil sich die Kinder gegenseitig motivieren, und es ihnen ermöglicht wird, einander zu helfen. Sie profitieren davon also enorm.

Wir wissen, dass eine geringe Schülerzahl es ermöglicht, individuell auf die Bedürfnisse der Schüler*innen eingehen zu können.

Wir wissen, dass es durch Teamteaching möglich ist, sich zu einzelnen Schüler*innen zu setzen und gezielt mit ihnen  – und konkret an einzelnen Problemen – zu arbeiten.

Wir wissen, dass verbale Beurteilungen unsere Schüler*innen motivieren, weiterzukommen und sich zu verbessern. Im Gegensatz dazu sagen Noten weder aus, was der oder die Schüler*in kann, noch wirken sie motivierend – schlimmer noch: schlechte Noten demotivieren.  

Ein demotivierendes System – Was verbale Beurteilungen bewegen können 

Einer meiner Schüler kam vor vier Jahren an unsere Schule mit keiner sehr großen Begabung in Deutsch (Muttersprache). Er hatte nicht nur Defizite in der Rechtschreibung und Syntax, sondern auch im Ausdruck und beim Lesen. Er arbeitete intensiv und trotz immer wiederkehrender Rückschläge konnten wir ihn gut motivieren und ihm immer wieder rückmelden, dass er besser geworden war und vor allem durch seinen Fleiß weitergekommen war. In den verbalen Zeugnissen stand nicht, dass er so toll in Deutsch war, doch es stand, dass er immer besser wurde und was er nicht schon alles gelernt hatte. Mittlerweile kann er sich korrekt ausdrücken, hat eine recht gute Rechtschreibung, liest flüssig und kann korrekte Texte formulieren. Im Halbjahr konnte ich ihm (erstmals Notenzeugnis!) einen Zweier geben und er freute sich. Nun möchte er aber gerne einen Einser bekommen und tut alles dafür. Allerdings musste ich ihm sagen, dass er den Einser nicht erreichen wird, weil ihm dazu noch das gewisse Etwas an Begabung und sprachlicher Eloquenz fehlt, das schwierig zu erlernen ist. Er sagt nun mit Recht: „Wenn ich nichts tue, kann ich mich verschlechtern, aber wenn ich viel bzw. alles mache, was gefordert ist und noch darüber hinaus, kann ich mich trotzdem nicht verbessern. Warum ist das so? Das ist ungerecht!“ Ich kann ihm nur recht geben. Es wäre nie zu so einer Diskussion gekommen, wenn die Noten nicht wären. Er hätte für sich und sein Weiterkommen einfach weitergearbeitet. Nun ist er gebremst durch die Notengebung, der Anreiz ist ihm genommen!

So – denke ich – geht es vielen unserer Schüler*innen. Sie lernen nur für die Note und „erledigen“ ihre Arbeiten, darüber hinaus denken sie aber nicht an ihr eigenes Vorwärtskommen und das Ziel, aus eigenem Interesse besser zu werden, etwas zu beherrschen und Freude daran zu haben. Das nehmen wir ihnen durch diese nicht-aussagekräftigen Ziffern!

Ich wünsche mir, dass unsere „Schulgschichten“ auch im Ministerium gelesen werden und Neuerungen vor Inkrafttreten besser hinterfragt und geprüft werden. Vielleicht wäre es gut, wenn sich die dafür zuständigen Personen einmal kontinuierlich in Schulen aufhalten, am Unterricht teilnehmen, mit Schüler*innen und Lehrer*innen sprechen würden.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Oberösterreich.