Lesezeit: 4 Minuten

Die Krise zeigt auf, was im Schulsystem schief läuft und was zu lange vernachlässigt wurde. Damit birgt sie große Chancen, eine konstruktive Entwicklung anzustoßen und voranzutreiben.

Ein gerechteres System

Es ging groß durch die Medien, hat Aufsehen erregt und für viele Diskussionen gesorgt. Die Ergebnisse einer Umfrage zeigten, dass 20% der Kinder – so war es zumindest am Beginn des Homeschoolings – nicht erreicht wurden. Das ist eine unheimlich große Zahl an Kindern und zurecht war die öffentliche Empörung darüber enorm. Kennt man aber Schulen, in denen Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien kommen, überrascht diese Zahl kaum noch. Die traurige Tatsache ist nämlich, dass auch im “Normalbetrieb” nicht alle Kinder immer erreicht werden. Fehlende Unterstützungssysteme, Traumatisierungen, zahllose Fehltage oder familiäre Verantwortung, die keinem Kind zugemutet werden sollte, führen auch im Regelbetrieb dazu, dass Kinder zurückbleiben, dass man nicht zu ihnen durchdringt und dass sie den Anschluss verlieren. Auch wenn es vielleicht nicht immer 20 Prozent sind, ist dennoch jedes Kind, das auf diese Weise zurückgelassen und aufgegeben wird, eines zu viel. Endlich empört sich auch die Öffentlichkeit darüber. Endlich wird der Blick auch in diese unangenehmen Ecken unseres segregierenden Schulsystems gelenkt. Endlich wird sichtbar, was viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Was einmal an der Oberfläche ist, kann nicht mehr so leicht verdrängt werden. So ist die Sichtbarmachung dieses systemimmanenten Problems hoffentlich der erste Schritt in Richtung einer Lösung. Ein Schritt hin zu einer Schule und einem Schulsystem, das erst dann als erfolgreich gilt, wenn es in der Lage ist Ungleichheiten aufzuzeigen und auszugleichen und in dem kein Kind mehr übersehen oder nicht erreicht werden kann.

Teamarbeit

Der Lehrer*innenberuf ist vielerorts leider immer noch geprägt von Einzelkämpfertum. Die derzeitige Krise hat durch das Social-Distance-Learning viele Lehrkräfte und Pädagog*innen zur Teamarbeit gezwungen. Aufgaben müssen aufeinander abgestimmt, Abgabetermine koordiniert und Kommunikationskanäle vereinheitlicht werden. Natürlich ist hier noch viel Luft nach oben, Eltern und Schüler*innen klagen über Social-Distance-Learning via 5 verschiedener Apps und 3 verschiedener Videotools. Dennoch blitzen immer mehr Phasen des echten Teamworks auf, wo gemeinsame Ziele und Aufgaben für eine Klasse geschaffen werden. Diese Art des Zusammenarbeitens, die Koordination, die Absprache und das Schaffen gemeinsamer Ziele sollten nach Überstehen der Krise zum Arbeitsstandard an jeder Schule zählen. Hoffentlich hilft uns das Virus, das Einzelkämpfertum im Lehrer*innenzimmer hinter uns zu lassen und als Team zusammenzuarbeiten.

Digitaler Unterricht als Normalität 

Schulalltag ist stressig und dicht getaktet. Stunden vorbereiten, Material erstellen, verbessern und natürlich: unterrichten. Meist bleibt wenig Zeit und Raum für “Spielereien”. Man hört immer wieder von neuen Tools, spannenden Websites und Angeboten und nimmt sich vor, sich diese “mal anzuschauen” und auszuprobieren. Im Alltag neigen solche Vorsätze allerdings dazu, in den Hintergrund zu verschwinden. Wenn man Vorbereitungen nach einem langen Unterrichtstag macht, wird in der Regel doch auf Bewährtes und Vertrautes, meist Analoges, zurückgegriffen.

Bis vor ein paar Wochen hätte ein Großteil der Lehrkräfte digitale Planungen, Lernvideos, Arbeitsaufträge, Quizzes oder Share Plattformen wohl kaum zu diesem bewährten und vertrauten Aufgabenkanon gezählt. Nun wurde die Umsetzung dieses lange vor sich hergeschobenen Vorsatzes von der Krise beschleunigt, ja regelrecht erzwungen. Innerhalb weniger Tage und Wochen fand ein Großteil der Lehrkräfte neue Wege, hat teilweise von 0 auf 100 begonnen digital zu arbeiten. Und siehe da, es ist gar nicht so kompliziert wie gedacht, es kann funktionieren und die Arbeit nicht nur für die Kinder ansprechender und zeitgemäßer gestalten, sondern sogar für Lehrkräfte Vorteile und Erleichterungen bringen. Natürlich läuft noch bei weitem nicht alles optimal, es werden zu viele verschiedene Plattformen genutzt und durch das problemlose Erstellen von Aufgaben werden Kinder teilweise mit Aufgaben überflutet. Hier muss also noch nachgebessert werden, aber die Richtung stimmt. Wenn diese Entwicklung auch nach der Krise nicht vergessen, sondern fortgeführt, weiterentwickelt, vereinheitlicht und perfektioniert wird, liegt darin die Chance Schule und Unterricht tatsächlich zu modernisieren und obendrein auch Schüler*innen wirklich digital zu bilden.

Schulautonomie mitnehmen

Viele Vorgaben, wie mit den neuen Herausforderungen umzugehen ist, gab und gibt es in Corona-Zeiten nicht. Schulleiter*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen müssen deshalb gemeinsam für ihren Standort Entscheidungen treffen. Welche E-Learning Plattform wollen wir verwenden? Wie kommunizieren wir miteinander? Wie werden Journaldienste eingeteilt? Mit der stufenweisen Öffnung der Schulen ab Mai werden hier noch viele weitere Fragen gestellt und Lösungen gesucht werden müssen. Die Krise zeigt: Jede Schule braucht etwas anderes und die Kolleg*innen und Schüler*innen vor Ort wissen am besten, was für sie der richtige Weg ist. Auch nach Corona sollte die Schulautonomie gestärkt werden, damit jede Schule selbst entscheiden kann, wie der Schulalltag gestaltet sein soll. Nur so ist auch Innovation im Bildungssystem möglich!

Autonomie hat ihre Tücken – auch jetzt

Schulautonomie ist wichtig, kann aber auch dazu führen, dass manche Verantwortlichen ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. So zeigt die Krise durchaus auch, dass es Schulleiter*innen gibt, die sich der Suche nach Lösungen entziehen und die Kolleg*innen ohne Vorgaben oder Kontrollen machen lassen was sie möchten. Es gibt Lehrer*innen, die sich kaum Mühe geben, das Homeschooling so zu gestalten, dass es bei den Schüler*innen auch ankommt. Es gibt Schulen, in denen Kommunikation in diesen schwierigen Wochen kaum stattfindet. Schulautonomie soll deshalb nicht Wegschauen bedeuten: Wir brauchen zentrale Vorgaben, wir brauchen Ziele und auch Überprüfung, aber vor allem brauchen wir Angebote und Ressourcen. Wie soll eine Schule innerhalb von 2 Tagen eine E-Learning-Strategie erarbeiten, diese allen Schüler*innen und Lehrer*innen nahebringen und dann auch noch die nötigen Geräte bereitstellen? Dieses Versäumnis gilt Bildungsministerium und Bildungsdirektionen – diese Strategien hätten schon längst eingefordert werden müssen, mit der nötigen Begleitung und (auch finanziellen) Unterstützung. Dann können sie auch je nach Schule autonom gestaltet werden. Hoffentlich lernen wir aus dieser Krise, dass wir uns auf die nächste besser vorbereiten sollten, anstatt erst dann zu handeln, wenn wir schon mittendrin stehen.

Die Krise legt offen, was schon lange schief geht

Die derzeitige Krise schafft neue Probleme, keine Frage. Vor allem aber legt sie jene Probleme schonungslos offen, die schon seit Jahren (mehr oder weniger) latent im System vorhanden sind.  Dass ein gewisser Prozentsatz von Kids an Mittelschulen nur schwer oder gar nicht erreichbar ist, empört zu recht, überrascht aber wenige, die im System arbeiten. Schon vor der Krise gab es dieses Problem, fand aber in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung.  Dass die Krise besonders jene trifft, die es sowieso schon nicht leicht haben, zeigt, dass unser Bildungssystem auch davor schon ungerecht war. Dass manche Lehrer*innen von digitalen und pädagogischen Neuerungen nichts wissen wollen, war auch vorher schon klar. In der Krise zeigt sich, wer seine Verantwortung wahrnimmt. Fehlende Konzepte und gemeinsame Ziele, fehlende Abstimmung, Koordination und Vereinheitlichung waren schon lange ein Problem (ändert sich gerade, siehe oben) und wird durch die Krise deutlich offenbart.

In vielen dieser Bereiche finden gerade innovative Prozesse und Verbesserungen statt. Wir müssen diesen Schwung mitnehmen um nach der Krise nicht wieder in alte Muster zu fallen.

Felix Stadler, Simone Peschek und Verena Hohengasser

Dieser Beitrag erschien auch auf der Plattform umbruch.at.

Lesezeit: 3 Minuten

Bildungscampusse

Ich muss gestehen, dass ich seit dem letzten Tag der Weihnachtsferien immer wieder von Neidgefühlen heimgesucht werde. Exakt an diesem Tag stolperte ich auf W24 über eine Sondersendung zum Thema Bildungscampusse und Clusterschulen. Also Orte, an denen sich unterschiedliche Pflichtschultypen und Kindergärten architektonisch klug durchdachte Gebäude zum Zwecke der gemeinsamen, zeitgemäßen Bildung teilen. Es gibt Lerninseln, viele Fenster, helle Gänge, verschiebbare Wände, Sitzmöbel, die mitwachsen, Ruheräume und noch viel mehr. Wie zum Beispiel einen Kino- oder Theatersaal. Einen von diesen, wo die Sitzreihen stufenförmig angeordnet sind und die Bühne am tiefsten Punkt des Saales ist. Ein Ort, von dem ich als begeisterte Leiterin einer wunderbaren Theatergruppe nicht einmal zu träumen wage.

Eine andere Schule

Mein Arbeitsplatz ist eine andere Schule. Dunkel Gänge, kleine Klassenräume, zwei Turnsäle, in denen es schon vor dem Sportunterricht so riecht, als hätte man bereits mit 400 Schüler*innen beinhartes Crossfit-Training gemacht. Lüften hilft da nicht mehr. Dann gibt es noch einen EDV-Raum, eine Schulküche, drei Werkräume, je einen Raum für die Beratungslehrerin und fürs Jugendcoaching. Wobei letzteres eher als Kammerl zu bezeichnen ist. Während der Unterrichtszeit sind alle Türen geschlossen, nur ein paar Kolleg*innen unterrichten bei offener Klassentür. Aber nicht um andere an ihrem Unterricht teilhaben zu lassen, sondern um den Durchzug von frischer Luft in den alten Gemäuern zu gewährleisten. In den Pausen ist Laufen am Gang verboten. Es ist zu gefährlich.

Neidgefühle

Neid ist ein mieses Gefühl, das, ähnlich den Dementoren bei Harry Potter, sämtliche Energie aus dem Körper zieht. Neid hat perfekten Partner, das Jammern und Klagen. Das immer alles auf etwas schieben, warum etwas nicht klappen kann.

Also zum Beispiel: Ich würde ja so gern mit Kindern Theater spielen. Aber wie soll das gehen? Weder gibt es einen geeigneten Raum, noch eine Bühne. Ich könnte ja so tolle Dinge machen, aber wie soll es unter diesen Umständen gehen.

Bescheidenheit

Ich spiele dennoch Theater, und zwar in einem der Sportsäle. Meinen Spieler*innen ist es ziemlich egal, ob es eine Bühne gibt oder nicht. Sie würden mit mir auch in einer Rumpelkammer Theater spielen. Ich trotze diesen widrigen Bedingungen seit vielen Jahren.

Gemessen an den uns zur Verfügung stehenden Räumen bieten wir unseren Schüler*innen viel, sind Weltmeister*innen im Improvisieren. So werde ich aller Voraussicht nach im Keller einen Raum für meine Theatergruppe bekommen, den ich in Gedanken schon mit kleinen bunten Teppichen, Pölstern und einem Regal einrichte. Richtig kuschelig wird das dort. Da bin ich mir sicher. Genauso sicher bin ich mir allerdings auch, dass meine Schüler*innen den Turnsaal als Spielstätte vermissen werden.

Andere Schulen haben weder eine eigene Küche, noch drei Kreativräume. Sollte ich nicht damit zufrieden sein? Es könnte so viel schlimmer sein. Unsere Fenster sind dicht und nirgendwo tropft das Regenwasser hinein, wir haben eigene Spindräume, saubere WC-Anlagen und einen winzig kleinen Schulhof.

Dennoch

Trotz aller Bescheidenheit muss klar sein, dass die Ungerechtigkeit in der Verteilung der finanziellen Ressourcen im Pflichtschulbereich nicht in Ordnung ist. Es kann nicht sein, dass sogar innerhalb der einzelnen Bezirke Schulen grob vernachlässigt werden. Die neue Regierung hat versprochen Brennpunktschulen mehr zu unterstützen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass wir neben personellen Ressourcen eben auch räumliche Veränderungen brauchen. Wen wundert es, dass Aggressionen zunehmen, wenn sich bis zu 25 Jugendliche einen viel zu kleinen Klassenraum teilen? Einen Raum, in dem ein normal gewachsener Teenager nicht einmal seine Beine ausstrecken kann, weil sich die Schüler*innen in der Reihe davor attackiert fühlen. Räume, in denen Lehrer*innen eine Art Tetris spielen müssen, um einen geeigneten Sitzplan zu entwerfen. A kann nicht neben B sitzen, weil C sonst hinter A verschwindet. D würde so gerne in der ersten Reihe sitzen, aber ihre Körpergröße lässt das nicht zu. Denn dann verschwindet nicht nur C, sondern auch gleich E, F und G.

Ich bin die letzte, die nach starren Sitzordnungen schreit. Am liebsten würde ich alle Tische an die Wand stellen, vieles im Sitzkreis erarbeiten, auf die Tafel und meine rauen Kreidehände verzichten. Ich bräuchte auch keinen eigenen Tisch. Aber ich bin keine Insel und die meisten Kolleg*innen bevorzugen das klassische Sitzmodell.

Fazit

Ich will nicht, dass der einen Schule Mittel zulasten der anderen entzogen werden. Ich will, dass insgesamt mehr Geld in den Neu-, Aus-, und Umbau der Schulen fließt. Ich verstehe diesen Beitrag als offizielle Einladung an jene Architekt*innen, die die großartigen Clusterschulen entworfen haben.  Ich möchte mit diesen durch mein Schulgebäude gehen und ebenso kluge Lösungen finden, um auch unseren Schüler*nnen die Chance auf neues, zukunftsorientiertes Lernen zu geben.

Die Autorin ist Lehrerin an einer NMS in Wien.

Lesezeit: 4 Minuten

Neues Jahr, neue Regierung, neues Programm. Selbstverständlich haben auch wir einen Blick ins Bildungskapitel des neuen Regierungsprogramms riskiert.

Wenngleich man bei vielen Punkten erst dazugehörige Gesetze abwarten muss, ehe man ein wirkliches Urteil fällt, kommen wir nicht umhin in Lehrer*innenmanier schon jetzt die ersten Plus und Minus zu verteilen.

Weiterlesen
Lesezeit: 5 Minuten

Die aktuellsten PISA-Ergebnisse sorgen mal wieder für Verwunderung, Empörung und zu Recht auch für jede Menge Diskussionsstoff. Wie kann es sein, dass eines der teuersten Bildungssysteme der Welt bestenfalls durchschnittliche Ergebnisse erzielt? Wo muss angesetzt werden, um den Bildungserfolg aller Kinder in Österreich nachhaltig sicherzustellen? Wir hätten da ein paar Vorschläge:

Weiterlesen
Lesezeit: 3 Minuten

Es ist ein ganz gewöhnliches Schulforum zu Beginn des Schuljahres. Die Direktorin, alle Klassenvorständ*innen und alle Elternvertreter*innen sitzen zusammen, um das kommende Jahr zu planen. Sofort nach Beginn der Sitzung fällt mir eine Sache deutlich auf. Hier sitzen 30 Frauen und nur drei Männer.

Unter den ehrenamtlichen Elternvertreter*innen, auf die im kommenden Jahr einige Vermittlungs- und Erziehungsarbeit wartet, ist ein Vater. Sonst nur Mütter.

Weiterlesen