Lesezeit: 2 Minuten

Sie haben sich in einer anderen Schule beworben, obwohl Sie bei uns unterrichten? Waren wir für Sie also nur eine Zwischenschule?“ „Ist das, was wir lernen für Sie zu kindisch?“  „Verdienen Sie dort mehr?

Meine Schüler*innen sprechen aus, was ich mir denke. Wieder eine Kollegin, die uns verlässt, weil sie spontan eine Stelle an der AHS bekommen hat. Freudenstrahlend erzählt diese Kollegin es den Kindern am 23. Dezember. „Wisst ihr, dafür hab ich ja studiert. Natürlich schaut man sich dann auch während des Schuljahres um.“ 

Ahja. Danke. Wir, also meine Schulleiterin und ich als ihre Stellvertreterin, haben am 21. Dezember davon erfahren. Auf drei angenehme Tage vor Weihnachten waren wir eingestellt. Noch ein paar nette Stunden, die dieses verrückte Jahr ausklingen lassen. Eine spontane Stellenausschreibung ist es geworden. Sechs Bewerber*innen, fünf davon mit der absolut falschen Ausbildung. Bewerbungsgespräch am 23. Dezember. Inklusive der Absage dieses Bewerbers am gleichen Tag – er habe schon eine andere Stelle. Gut. Wir starten also im Jänner mit Supplieren im Distance-Learning. 

Aber die Kollegin ist glücklich! Sie fährt ab jetzt lieber eine Stunde mit dem Auto in eine Richtung, um in der AHS zu arbeiten, als in der eigenen Stadt in der Mittelschule. 

Wir bleiben zurück an unserer Mittelschule. Wir anderen Kolleg*innen, die in dieser Schule mit Leidenschaft unterrichten. Die viel Energie und Liebe in unsere Arbeit stecken. 

Und die Kinder bleiben zurück, weil es die zweite Lehrerin in zwei Jahren ist, die genau diese Entscheidung getroffen hat. Die Kinder, die es verdient haben, eine stabile Lehrperson in einem Hauptfach zu haben. 

Uns wird so oft suggeriert, dass wir ja „nur eine Mittelschule“, also „weniger wert“ sind. Manche Kinder kommen zu uns und sagen, sie seien zu dumm fürs Gymnasium, deshalb seien sie bei uns. Das wird den Kindern in der Stadt beigebracht. Es dauert Monate ihr Selbstbewusstsein aufzubauen. 

Wenn ich sage, ich arbeite an einer Mittelschule, und dann sogar noch als Sonderschullehrerin, bekomme ich mitleidige Blicke und die Aussage „Puh, das könnte ich nicht.“ 

Heuer hatte ich ein Online-Kennenlernen mit interessierten Eltern. Der dritte Sohn soll bitte zu uns kommen. Die anderen Kinder gehen ins beste Gym der Stadt. Der dritte Sohn wird dem Druck dort nicht standhalten. Die Noten passen nicht. Die Eltern bitten mich darum, ihnen das System der Mittelschule zu erklären, sie wissen eigentlich nichts davon. Warum auch, den Eltern wird in vielen Volksschulen vermittelt, dass, überspitzt formuliert, nur aus den Kindern, die ins Gymnasium gehen, etwas werden kann. 

Manchmal frage ich mich wirklich wie man dieses System durchbrechen kann. Ganz sicher nicht, indem das Fenster für die Ausschreibungen der Bundesschulen zwei Wochen vor dem Fenster der Allgemeinen Pflichtschulen ist. Ist es also auch da so. Die Kolleg*innen dürfen sich zuerst bei den AHSen bewerben, und wer dann „übrig bleibt“, der muss sich halt dann wohl oder übel für die Mittelschule aufopfern. 

Und wir, uns werden dann diese frohen Weihnachten mit Vorstellungsgesprächen und Rechtfertigungen vor den Eltern, warum schon wieder eine neue Lehrerin in diesem Fach kommt, beschert. 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in der Steiermark.

Lesezeit: 6 Minuten

Digitalisierung als Thema im Unterricht ist spätestens seit den beiden Lockdowns bei allen Lehrer*innen als Vernunft-Thema angekommen. Doch warum gelingt eine Umsetzung noch nicht so, wie das innerhalb der Schulen und von außen gewünscht wird und wie es sinnvoll wäre? Welche Hindernisse stehen im Weg? Welche Ressourcen sind aber auch vorhanden, die es zu nützen gilt? Wo gilt es anzusetzen um nachhaltige Digitalisierung zu ermöglichen? Einige zentrale Learnings und Thesen aus der externen Begleitung von Mittelschulen in Wien und Niederösterreich auf ihrem Weg zu einer nachhaltigen Digitalisierung.

Eigentlich arbeiten wir vom Schul-Coaching als freiberufliche Organisationsberater mit ganz „normalen“ Firmen zusammen. Wir begleiten Veränderungsprozesse und unterstützen Unternehmen insbesondere bei Innovations- und Digitalisierungsschritten. Das ist für viele Firmen eine große Herausforderung und benötigt meist einen längerfristigen Change-Prozess mit vielen Veränderungsschritten und unterschiedlichen Interventionen auf zahlreichen Ebenen. Gelingen kann das nur, wenn die Mitarbeiter*innen auch beteiligt, abgeholt und mitgenommen werden. Erfolgreiche Neuausrichtung bedeutet in vielen Bereichen insbesondere eine Mind-Set-Änderung bei allen involvierten Personen, Führungskräften wie Mitarbeiter*innen. Ein solcher Prozess ist immer auch mit Phasen der Ablehnung, mit Widerständen und Frustrationen verknüpft. Auf der anderen Seite gibt es immer auch Erfolgserlebnisse, mit der Zeit entsteht so ein neu entwickeltes Gefühl und Erleben von Gemeinsamkeit. Mit der richtigen Anleitung und Prozesssteuerung führt ein erfolgreicher Change-Prozess letztlich zu echter Motivation basierend auf der Überzeugung, etwas zum Sinnvollen zu verändern.

Nein, an Schulen ist das nicht anders.  Nur die Voraussetzungen sind deutlich anders und machen solche Prozesse nicht einfacher.


Welche Hindernisse stehen einem gelingenden Digitalisierungs-Prozess an den Mittelschulen oft im Wege? 

Die nachhaltige Einführung von Digitalisierung im Unterricht benötigt einen großen Change-Prozess, das Wissen und die Kompetenzen dazu sind an Schulen nicht vorhanden.

 „Wie machen wir das jetzt mit dem Digitalisierungskonzept?“, „Wie binde ich da möglichst viele ein?“, „Wann mache ich was am Besten?“ sind klassische Frage, die uns zu Beginn immer wieder gestellt werden. Nachhaltige und gelingende Digitalisierung braucht neue Arten der Zusammenarbeit zwischen den Lehrer*innen an einem Standort, aber auch ein adaptiertes Verständnis von Unterricht – kurz einen gesamtheitlichen Schulentwicklungsprozess. Das Wissen über das Aufsetzen solcher Prozesse ist an Schulen meist nicht vorhanden. Das macht eine nachhaltige Veränderung deutlich schwerer und mühsamer, Frustration und Resignation sind dann oft die Folgen, wenn kurzfristige Digitalisierungsimpulse ins Leere laufen.

Die zahlreichen Verordnungen und Vorgaben von „oben“ haben dazu geführt, dass Digitalisierung als etwas erlebt wird, das zum Lehrerjob noch dazukommt und damit wenig Lust auf das Thema macht, auch weil so ein echter Mehrwert oder Nutzen nicht erkannt wird.

„Ständig gibt es neue Vorgaben?“ „Nun kommt schon wieder ein neues Notensystem?“ „Und die Digitalisierung kommt dann auch noch dazu, da fehlt mir dann meistens die Zeit!“ Die Lehrer*innen der Mittelschulen sind enttäuscht. Sie wurden in den letzten Jahren mit neuen pädagogischen und didaktischen Konzepten, Ratschlägen und Vorgaben überhäuft. Teilweise war die Haltbarkeitsdauer der Vorgaben nur sehr gering. Das hat Widerstand und Frustration ausgelöst und mittlerweile werden solche Vorgaben bestenfalls nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen oder gar ignoriert. Eine Verordnung löst noch kein Problem, sondern hinterlässt meist das Gefühl noch etwas zusätzlich machen zu müssen. Es fehlt das Gefühl mitreden und gestalten zu können und transparenter in Entscheidungsprozesse eingebunden zu sein.

Die digitalen Rahmenbedingungen an Schulen sind sehr unterschiedlich und undurchsichtig, die digitalen Kompetenzen der Lehrer*innen ebenso.  Die als mangelhaft beschriebene digitale Ausstattung wird immer wieder als perfektes Schutzschild genommen, nichts verändern zu können.

„Wir brauchen mal eine gute Ausstattung, dann können wir erst gut starten.“ „Das Anstecken des Beamers dauert jedes Mal 20 Minuten.“ „Ich tu‘ mir das nicht an, da verliere ich immer wieder wertvolle Unterrichtszeit, weil nichts funktioniert.“ Zum Teil ist die Ausstattung an den Mittelschulen nicht ausreichend. Klassen, die kein Internet haben, die Zuverlässigkeit des WLAN lässt zu wünschen übrig und so weiter. Das wird gerne als Schutzschild dafür herangezogen, dass ein digitaler Unterricht noch nicht funktionieren kann. Doch immer wieder gibt es an denselben Schulen einzelne Lehrer*innen, die schon sehr erfolgreich digitale Medien und Tools  einsetzen und als echten Mehrwert erleben. Das Schutzschild wird auch deswegen hochgezogen, da das Thema “Digitalisierung” für viele ein Angst-Thema ist, ja sogar mit Scham besetzt ist. Man gibt nicht gern vor Kolleg*innen zu, dass man beim Thema digital unterrichten noch ganz am Anfang steht oder überhaupt noch keine Erfahrungen hat, man möchte sich aber insbesondere vor den Schüler*innen auch keine Blöße geben. Diese sind mit Digitalisierung aufgewachsen und haben oft deutlich mehr Kenntnisse und Kompetenz. Die oft klassisch gelebte Lehrer*innenrolle gerät dadurch mitunter ins Wanken.

Der Job der Direktorin/des Direktors an einer Mittelschule ist eine klassische Managementposition. Um diese Funktion ausfüllen zu können, fehlen die entsprechenden Ressourcen, Befugnisse und die Möglichkeit, sich die benötigten Kompetenzen anzueignen bzw. von außen beizuziehen.

„Ich kann meine Lehrer*innen zu nichts zwingen.“ „Ich bin voll ausgelastet mit dem Ausfüllen von Listen und der Administration, da kommt das Strategische leider oft zu kurz.“ „Ich habe keine Unterstützung, keine Assistenz, ich muss alles selber machen.“ Direktor*innen sind fast durchwegs ehemalige Lehrer*innen. Sie bringen dadurch ein hohe Feldkompetenz für pädagogische Rahmenbedingungen mit. Klassische Management-Skills fehlen ihnen aufgrund der Vorerfahrungen. Außerdem sind sie mit überschaubaren Ressourcen und Befugnissen ausgestattet. Soll ein Change-Prozess und damit nachhaltige Schulentwicklung gelingen, braucht es beides oder die Möglichkeit sich entsprechend Unterstützung und Begleitung von außen holen zu können. Da fehlt es meist an den finanziellen Möglichkeiten für professionelle externe Expertise.

Und trotzdem, es bewegt sich etwas an den Mittelschulen und es ist möglich etwas zu bewegen, denn zahlreiche Ressourcen sind vorhanden.


Welche Ressourcen sind das?

Bei fast allen Lehrer*innen ist angekommen, dass das Thema Digitalisierung im Schulalltag und auch im Unterricht zu integrieren und notwendig ist, um den Anschluss an die Lebensrealität der Schüler*innen nicht zu verlieren.

„Ja, es wäre schon gut, verstärkt digital zu unterrichten!“ „Die Schüler*innen müssen auf die Möglichkeiten und Gefahren hingewiesen werden!“ „Sie werden das für ihren Beruf benötigen.“ Allen Lehrer*innen, mit denen wir gesprochen haben, sind die Kinder, die sie unterrichten, ein echtes Anliegen. Sie wollen ihnen einen möglichst guten Start in die Zukunft ermöglichen, das wird als wesentliche Aufgabe des Lehrerberufs an Mittelschulen beschrieben. Und durchgehend wird gesehen, dass Digitalisierung ein ganz wesentliches Thema sein wird und eigentlich auch schon länger ist. Das ist eine ganz große Chance. Doch klar ist auch, dass bei den meisten Lehrer*innen eine verstärkte Digitalisierung zwar vom Kopf her gedacht wird, also als Thema in der Vernunft verankert ist, aber ein Herzensthema und damit ein echtes intrinsisches Anliegen ist es nicht. Sie haben fast durchgehend ein anderes Unterrichten gelernt und in der Praxis für sich entwickelt.

Schüler*innen sind dankbar, wenn digitalisierte Elemente in den Unterricht integriert werden.

„Ja, die Aufmerksamkeit bei den Schüler*innen ist deutlich höher.“ „Schüler*innen helfen immer ganz bereitwillig, wenn ich technische Probleme habe.“ „Wenn ich ihnen ein Video von mir zur Verfügung stelle, dann schauen sie sich das auch an.“ Schüler*innen sind prinzipiell dankbar und noch mehr dankbar, wenn sich der Unterricht mehr ihrer Lebenswelt annähert und mit dieser etwas zu tun hat. Sich Messen und Vergleichen sowie Gamification sind bei Schüler*innen großgeschrieben, aber auch die Möglichkeit sich gegenseitig auf digitalen Wegen zu helfen und zu unterstützen wird wohlwollend aufgegriffen. Auf Schüler*innen ist in dem Prozess der Digitalisierung Verlass, nehmen wir sie als solche wahr, ernst und auch mit.

An jeder Schule gibt es mittlerweile Early-Adopters und sehr engagierte Lehrer*innen, die sich dem Thema Digitalisierung verschrieben haben.

„Ich probiere immer wieder etwas Neues aus und zeige das gerne meinen Kolleg*innen.“ „Es ist wichtig zu wissen, dass wir da eine engagierte Kollegin haben, die immer wieder aushilft, wenn man nicht weiter weiß.“ „Ohne diese Kolleg*innen wäre ich als Direktorin aufgeschmissen.“ Noch an jeder Schule sind wir auf mehrere Lehrer*innen gestoßen, die von sich aus Digitalisierung als Bereicherung für einen modernen Unterricht integrieren. Da werden von Schüler*innen selbstständig Videos zu Themen erstellt. Es gibt interaktiven Unterricht mit Blended-Learning-Elementen. Lehrer*innen, die Unterrichtsstunden mit unterschiedlichen digitalen Lernmaterialien bereichern. Aber nicht nur das: Sie sind auch hilfsbereit, nein es geht sogar noch weiter, es ist ihnen ein Anliegen ihr Wissen an die Kolleg*innen weiterzugeben. Kollaboration und Zusammenarbeit wird von ihnen als Notwendigkeit verstanden, um den Anforderungen gerecht zu werden. Da gibt es schon ganz viele. Das Ziel muss sein, diese Vorreiter*innen an ihren Schulen zu stärken und zu bestärken.

Zahlreiche Organisationen, Institutionen und engagierte Einzelpersonen sind bereit, das österreichische Bildungssystem zu unterstützen und weiterzuentwickeln.

„Ohne die Fellows von Teach for Austria hätten wir ein echtes Problem.“ „Externe Unterstützung brauchen wir da unbedingt, das schaffen wir nicht alleine!“ „Es gibt schon so viele praktische Angebote von Verlagen und anderen Anbietern, das ist großartig.“ In Österreich haben viele Menschen erkannt, dass etwas zu tun ist im österreichischen Bildungssystem. Damit wir unseren Kindern eine gute Zukunft mit der passenden Ausbildung bieten können, muss sich etwas verändern. Sie entwickeln neue Angebote in Zusammenarbeit mit den Schulen, sie möchten unterstützen, sie gründen Initiativen, Volksbegehren und Vereine. Nützen wir dieses Engagement und binden wir sie verstärkt in die zukünftige Gestaltung der österreichischen Bildungslandschaft ein.


Das ist eine thesenhafte Ist-Stands-Erhebung auf Basis von zahlreichen Lehrer*innen- und Direktor*innen-Gesprächen. Was sind die Hindernisse, die wir immer wieder vorfinden, was sind die Ressourcen, die aber ebenso überall vorhanden wären? Nein, das ist noch nicht der fertige Plan, wie Digitalisierung an Österreichs Schulen im Allgemeinen und an den Mittelschulen im Besonderen gelingen kann. Aber es ist für uns als Organisationsberater eine Grundlage dafür, wichtige Hebel für nachhaltige Veränderung an den Schulen zu erkennen und gezielt zu nutzen.


Leonhard Kern und Alfred Schierer sind freiberufliche Organisationsberater und haben die Initiative Schul-Coaching gegründet. Sie begleiten Schulen u.a. am Weg zu nachhaltigen Digitalisierungsschritten im Rahmen von Schulentwicklung.

Lesezeit: 6 Minuten

Wir haben nicht mehr viel Zeit, oder warum ein Virus das Schulsystem zu Fall bringt

Lockdown 2

Lange habe ich gehofft, dass es in Österreich keinen zweiten Lockdown geben würde.  Als dieser unausweichlich schien, habe ich gehofft, dass zumindest der Unterricht an den Schulen stattfinden könne. Diese, meine letzte Hoffnung, wurde vergangenen Samstag brutal zerstört. Schulen nur für Betreuung offen, alle anderen bleiben zuhause. Distance-Learning, wieder einmal.

Nur Betreuung?

Ich habe mich sehr schnell für die Betreuung der Schüler*innen an der Schule entschieden und zwar täglich bis zum Ende des Lockdowns. Zum einen braucht Betreuung gerade in Krisenzeiten Kontinuität. Jeden Tag von unterschiedlichen Lehrer*innen betreut zu werden, schafft keinen sicheren Rahmen. Zum anderen will ich die Schüler*innen nicht jenen überlassen, die der Überzeugung sind, dass sowieso alle Kinder und Jugendlichen zuhause bleiben sollten.

Viele Fragen beschäftigen mich zu Beginn des zweiten Lockdowns. Wie wird es den Schüler*innen gehen? Medial wurde und wird immer noch betont, wer es zuhause nicht schafft, soll kommen. Wer Unterstützung braucht, soll kommen. Wer zuhause nicht gut aufgehoben ist, soll kommen. Die Kinder, deren Eltern unbedingt arbeiten müssen, sollen kommen.  Zusammenfassung: Wer sich oder seine Eltern als defizitär erlebt, der ist in der Schule besser aufgehoben.

Wie würde es also für die Schüler*innen sein, als Verlierer*in einer Klasse zu sitzen, während die Freund*innen zuhause sind?  Innerlich habe ich mich auf viel Frustration und Traurigkeit eingestellt.  Nicht in der Schule anwesend sein zu müssen, ist, in Zeiten wie diesen, allem Anschein nach ein Privileg, fällt mir spontan ein. Wer es sich leisten kann, bleibt zuhause. Wo Eltern unterstützen können, ist Distance-Learning okay. Wenn Eltern das nicht können, Pech gehabt. Letzter kleiner Hoffnungsschimmer: das Kind ist gut selbst organisiert. Doof nur, dass diese Kompetenz im Jahr 2020 noch immer eine Art Fremdkörper in unserem Bildungssystem ist. Seit unendlich vielen Jahrzehnten besteht der Unterricht doch hauptsächlich aus „Lehrer*in sagt, Schüler*in führt aus“.

Einschub 1

Es erschließt sich mir noch immer nicht, warum wir nicht sofort ab Schulbeginn im Unterricht komplett neue Wege gegangen sind. Warum haben wir nicht schon im Herbst alles umgekrempelt und damit begonnen, die Schüler*innen in ihrer Eigenständigkeit zu bestärken? Warum gibt es nicht schon seit Schulbeginn 20/21 Arbeitspläne? Häufigste Antwort der Kolleg*innen, die Kinder können das nicht. Ja, vielleicht die im Gymnasium, aber unsere? Nie im Leben! Ja, es gibt einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen „einem Kind etwas zutrauen“ und dem, was sich ein Kind zutraut. Oder anders ausgedrückt, halte ich ein Kind für dumm, wird es sich über diesen, meinen Erwartungshorizont, nicht herausentwickeln.

Einschub Ende

Arbeitspläne

Einzelplätze und Maskenpflicht für alle ist die einzige Grundregel, die ich aufgestellt habe. Im Laufe der Woche werde ich erkennen, dass Einzelplätze viel mehr als eine Vorsichtsmaßnahme sind. Endlich haben alle genug Platz, um in Ruhe arbeiten zu können.

Gut, da sitzen sie nun vor mir. Sehr ruhig, sehr schüchtern. Um ja nichts falsch zu machen, haben die meisten Schüler*innen all ihre Schulsachen mitgenommen. Die Schultaschen wiegen gefühlt eine Tonne. Gleich zu Beginn legen alle ihre Arbeitspläne auf den Tisch. Ich schaue kurz durch. Wow, ziemlich umfangreich, denke mich mir. Als Kind hätte mich bei der Menge an Aufgabenstellungen vermutlich der Mut verlassen.  Ähnlich wie im ersten Lockdown beschleicht mich der Verdacht, dass sich keine*r meiner Kolleg*innen nachsagen lassen möchte, man würde den Kindern und Jugendlichen zu wenig abverlangen, würde etwas schleifen lassen.  Meine Verwunderung wird auch nicht kleiner, als ich die Chance bekomme, die einzelnen Aufträge genauer durchzusehen. In Biologie soll sich Merve zwei Seiten im Biologiebuch durchlesen, das Wichtigste unterstreichen. Danach muss sie eine kurze Zusammenfassung ins Biologie-Heft schreiben. Am Schluss gibt es dann im Arbeitsbuch noch zwei Seiten, die ausgefüllt werden müssen. Überthema: die Säugetiere. Merve arbeitet still vor sich hin. Sie liest die Seiten, blickt hin und wieder verloren zu mir und liest weiter. Dann nimmt sie einen Bleistift und beginnt zu unterstreichen. Wieder sucht sie meinen Blick. Sie kennt mich nicht, hat also auch sichtlich Hemmungen aufzuzeigen. Da wir insgesamt drei Kolleg*innen sind, die an diesem Tag vor Ort sind, setzte ich mich zu ihr. Ich frage nach, ob sie denn verstanden hat, was sie gelesen hat. „Nicht wirklich,“ flüstert sie. Es ist ihr unangenehm, das spüre ich. Ich überfliege die kleinbedruckten Seiten und drifte kurz ab.

Einschub 2

Eine Biologiestunde aus meiner Zeit in der ersten AHS fällt mir ein. Ich glaube es war die sechste Stunde. Ich muss aufstehen und eine Stundenwiederholung machen. Würde ich auch gerne, nur es ist nichts hängengeblieben. Die Ente ist das Thema. Klar, ich kannte schon damals Enten, aber mir fiel nichts ein, gar nichts. „Du wirst ja wissen, wie viele Beine eine Ente hat,“ herrscht mich die Lehrerin an. Klar weiß ich das. Blöd ist nur in diesem Zusammenhang, dass eine Klassenkolleg*in mir von hinten „vier“ einflüstert. In meiner totalen Verunsicherung und Angst, bin ich nicht mehr fähig, in mein Wissen zu vertrauen. Also plappere ich brav nach, dass dieses Tier auf vier Beinen die Welt erkundet.

Einschub Ende

Heute kann ich mir gut vorstellen, welche Katastrophe meine Antwort im Lehrer*innenzimmer ausgelöst hat. Genau deshalb spüre ich Merve so gut. Sie weiß vielleicht ein bisschen etwas über Katzen, aber weil sie sich defizitär fühlt, will sie nicht zugeben, dass sie nicht versteht, was sie liest. Also lesen wir die zwei Seiten noch einmal, ganz genau.

Nach zweieinhalb Stunden sind wir mit den zwei Seiten fertig. Weil die Chance da war, Merve das ganz genau zu erklären, füllt sie selbständig und richtig den Arbeitsteil aus. Sie ist gefühlte zehn Zentimeter gewachsen.

Für Mustafa organisiere ich einen Globus. Mit Hilfe der Taschenlampe finden wir heraus, wie das nun so ist, mit den Jahreszeiten. Mehr als eine Stunde sitze ich bei ihm. Mustafa liebt Geografie und freut sich enorm, dass auch er nach dem Einzelgespräch fehlerfrei arbeiten kann.

Eine Kollegin holt aus dem Physiksaal unterschiedliche Gewichte. Ein Schüler soll die Massenmaße umwandeln. Und anstatt eine Tabelle auszufüllen, darf Elias alle Gewichte angreifen und vergleichen. Zwanzig Dekagramm können ja gar nicht zwanzig Kilo sein, kommen einige andere im Laufe dieser Woche drauf.

Zehn Schüler*innen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Anforderungen und drei Lehrer*innen, die sie begleiten. Das könnte doch die Schule der Zukunft sein.

Einschub 3

Wie wäre das alles im sogenannten normalen Unterricht abgelaufen? Wenn eben nicht genug Zeit für jedes einzelne Kind ist? Wo sich alle, ob sie nun Interesse haben oder nicht, dem gleichen Thema widmen müssen? Wie hätten Merve, Mustafa und die anderen profitiert? Mustafa sagt von sich aus, dass er eben von seinem Sitznachbarn abgeschrieben oder darauf gewartet hätte, dass die Lehrerin die Lösungen an die Tafel schreibt. Und dass er nicht am nächsten Tag zu ihr gegangen wäre, weil er das mit der Sonne und der Erde nochmals erklärt haben wollte.

Einschub Ende

Um halb elf dürfen drei Schüler*innen mit Yogamatten auf den Gang. Ein Kollege bietet eine tägliche Bewegungseinheit via Youtube an.  Sie wollen sich bewegen, haben Lust mitzumachen. 

In der letzten Stunde gibt es die Möglichkeit zu zeichnen, zu lesen, zu spielen oder auch nur zu plaudern. Wir spielen mit den Kindern, sie lieben es.  Elisabeth blendet sich aus. Warum sie nicht mitmacht, frage ich sie. Sie möchte unbedingt noch Deutsch fertigmachen, ist ihre Antwort.

Alle wollen sie am Montag wiederkommen. Unbedingt, und ob das dann wieder so wie diese Woche sein wird? Ob ich eh dabei sein werde? Und, ob sie dann auch wieder am Gang turnen dürfen?

Geile Woche“, ruft mir ein Schüler hinterher, der sonst nicht so gerne in der Schule ist.

Corona fährt das Schulsystem gegen die Wand

Mehr denn je ist mir am Ende der Woche bewusst, dass Corona das Schulsystem zu Fall bringt. Noch nie wurden Schwachstellen so deutlich aufgezeigt. Dieses System, an dem wir seit vielen Jahrzehnten festhalten, ist nicht krisentauglich. Es unterstützt nur jene, die bildungsnahe Eltern, genügend finanzielle Ressourcen haben, und die anpassungsfähig sind. Kein Platz in diesem System ist für Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen, für Systemsprenger und solche aus bildungsfernen Elternhäusern. Denen legt das System Schule jede Menge Steine in den Weg. Sie müssen ständig um Dinge bitten, die selbstverständlich sein sollten.

Bitte, ich brauche einen Laptop! Bitte, ich brauche Unterstützung! Bitte, ich brauche Aufmerksamkeit! Bitte, ich brauche Betreuung!

Damit all das auch gewährt wird, muss die Anpassungsfähigkeit noch höher sein. Ein bisschen Demut kann man schon erwarten, wenn man einen gratis Laptop und die Möglichkeit, trotz Lockdowns in der Schule zu sein, bekommt. Man muss fleißig, interessiert und ordentlich sein. Und dann braucht man noch Eltern, die sich ebenso verhalten.  Schlussendlich darf es diesen Kindern und Jugendlichen in Krisenzeiten nicht schlecht gehen. Sie dürfen nicht durchhängen und müssen noch mehr leisten als andere. 

Die gute Nachricht ist, dass Schüler*innen dieser Art immer mehr werden. Damit steigt auch meine Hoffnung, dass sie gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrer*innen auf die Barrikaden gehen.  Denn die Krise ist auch dann nicht vorbei, wenn es eine Impfung gegen das Virus geben wird. Denn Gräben, die sich in diesem Jahr aufgetan haben, sind nicht damit zu schließen, dass wir wortlos zum altgewohnten Trott zurückkehren. Die Furchen und Rillen können nur geschlossen werden, wenn wir endlich anfangen, das Bildungssystem zu erneuern. Wir alle können unseren Beitrag leisten.  Abkehr von der Diktatur des Lehrplans, der vermeintlichen Kompetenzraster und der Erwartungshaltung der Wirtschaft. Wir haben nicht mehr viel Zeit, also fangen wir damit an.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 4 Minuten

1972

1972 war das Jahr meines Eintritts in die Institution Schule. Höchstens vier Stunden verbrachte ich dort, am Samstag nur drei. Ab Mittag war meine Mutter für meine Geschwister und mich zuständig. Manche meiner Klassenkolleg*innen mussten ins Halbinternat, andere waren Schlüsselkinder. Sie hatten tatsächlich ein Band um den Hals mit dem Schlüssel. Halbinternat fand ich gar nicht so schlimm, denn diese Kinder bekamen in der 10 Uhr Pause eine knackig frische Wurstsemmel. Mein Jausenbrot, ohne Wurst und manchmal ein bisschen zäh, stimmte mich Tag für Tag ein bisschen traurig. Schlüsselkinder aber hatten mein größtes Mitleid. Nur weil die „Rabenmütter“ arbeiten gingen, waren sie sich selbst überlassen. Dunkel kann ich mich erinnern, dass auch meine Lehrer*innen die Schlüsselkinder mit großer Sorge betrachteten.

Acht Jahre später, also 1980, feierte in Frankreich die Ganztagsschule ihr hundertjähriges Jubiläum.

2020

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit meinem Schuleintritt vergangen. Zum Glück findet Samstag kein Unterricht mehr statt. Schüler*innen, deren Mütter arbeiten gehen, werden nicht mehr mitleidig betrachtet. Schlüsselkinder sind die meisten, weil es normal ist, dass das Kind einen eigenen Wohnungsschlüssel hat. Ob sie in meiner ehemaligen Volksschule zur Jause noch diese wunderbaren Extrawurstsemmeln servieren, könnte ich herausfinden.

Was wir aber noch immer nicht flächendeckend haben, ist die Ganztagsschule. Somit herrscht allem Anschein nach in vielen Köpfen der Gedanke vor, dass Frauen immer noch für die Zeit von 13 Uhr bis zum Schlafengehen für die Kinder verantwortlich sind. Also fürs Lernen, fürs Mittagessen und die Freizeit. Schon klar, es gibt auch Väter, aber selten arbeiten diese in Teilzeit. Die Mütter hingegen schon.

Die Angst vor der Ganztagsschule

„Ich will mein Kind nicht abschieben müssen.“

„Ich will nicht, dass mein Kind indoktriniert wird, für ein System missbraucht wird.“

„Ich will die Freizeit meiner Kinder gestalten. Ich will auch was von meinen Kindern haben.“

„Nur weil ein paar Feministinnen glauben, dass Frau den ganzen Tag arbeiten muss, muss dann mein Kind den ganzen Tag in der Schule versauern.“

„Und wann soll dann bitte mein Kind trainieren gehen?“

Die oben angeführten Argumente sind nur ein kleiner Auszug dessen, was ich immer wieder höre und lese. Aber ist es tatsächlich so?

1. Ich will mein Kind nicht abschieben müssen.

Entspricht dieses Argument nicht einer Schräglage die Institution Schule betreffend? Wieso ist die ganztägige Unterbringung gleichbedeutend mit dem Begriff abschieben? Ist denn Schule tatsächlich so schrecklich, dass man Kindern und Jugendlichen nur eine Minimaldosis davon zumuten will? Ist Schule noch immer kein Ort, den Kinder oder Jugendliche gerne besuchen? Ist Schule eine Institution, der man per se nicht vertraut?

2. Ich will nicht, dass mein Kind indoktriniert wird, für ein System missbraucht wird.

Gut, das Vertrauen in die Institution Schule ist nur begrenzt vorhanden. Aber allem Anschein nach traut man Lehrer*innen zu, dass sie Schüler*innen indoktrinieren. Es dominiert die Ansicht, dass wir die Macht haben, die Denkweise unserer Schüler*innen nachhaltig zu beeinflussen.  Die Ganztagsschule  hat demnach die Macht, Kinder und Jugendliche zu „Robotern ohne Hirn“ zu erziehen.

Ist es nicht in Wahrheit so, dass Eltern mit ihrem Lebensstil und ihren Anschauungen ihren Nachwuchs nachhaltig beeinflussen?

3. Ich will die Freizeit meiner Kinder gestalten. Ich will auch was von meinen Kindern haben.

Das ist ein Argument, bei dem auch ich nach Worten suchen muss. Aber ich kann von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen. Ich war Alleinerzieherin. Die Option, ich bleib mal die ersten 10 Jahre bei meinem Kind, war keine. Zum einen, weil ich arbeiten wollte und zum anderen, weil ich Geld brauchte. Sehr deutlich ist mir der Spagat zwischen meiner Tätigkeit als Lehrerin und der Gestaltung der Freizeit meines Sohnes in Erinnerung. Schnell das Kind zum Fußballplatz bringen, nach einem langen Schultag. Schnell noch zu Freund*innen, schnell noch ein bisschen Lesen üben. Schnell noch für Tests lernen. Dazwischen sollte ich mich für den nächsten Schultag vorbereiten. Die Tage, die mein Kind länger in der Schule verbrachte, weil er Gitarrenunterricht oder Tanzunterricht hatte, waren mir die liebsten. Ich empfand es nicht als tragisch, dass mir an dieser Stelle die Schule etwas abnahm. Zeit miteinander hatten wir immer noch genug.

4. Nur weil ein paar Feministinnen glauben, dass Frau den ganzen Tag arbeiten muss, muss dann mein Kind den ganzen Tag in der Schule versauern.

Diese Aussage zeigt meines Erachtens sehr deutlich, dass das Frauenbild im Jahr 2020 ein sehr antiquiertes ist. Heimchen am Herd und Mann, der abends sein Essen bekommt und die frisch geduschten Kinder freudig begrüßt, sind immer noch der Traum des Familienlebens, oder wie?

Mal abgesehen, dass ich Feminismus nicht als Landplage empfinde, ist die Schule kein Ort, an dem Kinder und Jugendliche versauern. Wenn die Institution Ganztagsschule lustvolle Lern- und Freizeitangebote liefert, dann macht Schule höchstwahrscheinlich meistens Spaß.

Wenn aber Eltern ihren Kindern triggern, dass Schule ein Ort der Verdammnis ist, dann wird sich die Freude über den ganztägigen Schulbesuch in Grenzen halten.

5. Und wann soll dann bitte mein Kind trainieren gehen?

Gegenfrage: Warum kooperieren Vereine aller Art nicht schon längst mit den Schulen?

Auf diese Weise hätten nämlich deutlich mehr Kinder und Jugendliche die Chance kostengünstige Freizeitangebote zu nützen. Die Teilnahme daran wäre nicht mehr ausschließlich von den Eltern und deren Zeitressourcen abhängig. Ähnlich sehe ich es bei Musikschulen. Was spricht denn dagegen, dass nachmittags die Musikschule in der Schule ihren Unterricht abhält?

Ganztagsschule flächendeckend und verpflichtend

Schon klar, bevor diese Forderung tatsächlich endlich umgesetzt wird, muss sich noch einiges bewegen. Schulen müssen genug Platz für lustbetontes Lernen und Verweilen bieten. Freizeitangebote müssen dringend überarbeitet werden. Lehrer*innen brauchen dringend vermehrt zusätzliche Ausbildungen im Bereich der Freizeitpädagogik, beziehungsweise der Beruf der Freizeitpädagog*innen muss aufgewertet werden.

Es ist an der Zeit umzudenken und nach 140 Jahren dem Beispiel Frankreichs zu folgen. Ganztagsschulen müssen selbstverständlich sein.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 3 Minuten

Jetzt ist sie also nicht mehr „neu“.  Vor 12 Jahren startete der Schulversuch „Neue Mittelschule“, mit der Idee, eine gemeinsame Schule für alle 10-14-Jährigen zu etablieren. Mit Schlagwörtern wie „Kompetenzorientierung“, „Teamteaching“, einem differenzierten Unterricht und kleineren Klassen sollte die Hauptschule der Vergangenheit angehören.

Jetzt, 12 Jahre später, ist auch die Neue Mittelschule nicht mehr neu. Und wir drehen wieder an ein paar Zahnrädern, hängen ein neues Schild am Eingang auf, wechseln die Briefköpfe, und machen weiter wie bisher. Oder?

Was sich ändert

Spätestens mit diesem Schuljahr (einige Testschulen gab es schon vor einem Jahr) werden alle Neue Mittelschulen auf das System Mittelschule umgestellt. Die wesentlichste Änderung ist die Einführung einer neuen Notenskala. Die Neue Mittelschule hatte ab der 7. Schulstufe schon ein recht verwirrendes Notensystem aus vertiefenden und grundlegenden Noten. Die Notenskala für Deutsch, Mathematik und Englisch war siebenteilig und basierte auf den erreichten Prozenten, z.B. bei einer Schularbeit. Wer weniger als 54% bei einer Schularbeit erreichte, bekam eine grundlegende Note. Grundsätzlich bekamen aber alle Schüler*innen dieselbe Schularbeit.

Mit der Einführung der Mittelschule wechseln wir von einer siebenteiligen zu einer anderen siebenteiligen Notenskala. Nein, eigentlich sind es zwei verschiedene Benotungsskalen. Schüler*innen ab der 6. Schulstufe werden spätestens nach den ersten beiden Schulwochen (wo wir oft noch fächerübergreifenden Projektunterricht machen und noch gar nicht mit dem „Regelunterricht“ begonnen haben) in zwei Leistungsgruppen eingeteilt: Standard AHS und Standard. Die beiden Gruppen können getrennt voneinander unterrichtet werden und bekommen verschiedene Schularbeiten. Damit man sich gar nicht mehr auskennt sind die beiden Benotungsskalen aber überlappend, so dass eigentlich wieder eine siebenteilige Skala entsteht. Der Unterschied ist, dass nun de facto neun verschiedene Noten vergeben werden (ein Standard AHS Fünfer wird nicht vergeben werden), während vorher sieben verschiedene Noten vergeben wurden. Schon verwirrt?

Was das mit den Schüler*innen macht

Zugegeben, als Lehrerin bin ich verwirrt und verärgert. Und das, obwohl ich erst seit ein paar Jahren unterrichte und das für mich die erste große Umstellung ist, ältere Kolleg*innen können ein Lied von Leistungsgruppen, Notenskalen und dergleichen singen. Aber gut, wir gehen eben so gut wie es geht mit den Änderungen um, auch wenn wir die Sinnhaftigkeit noch nicht entdeckt haben.

Die wirklich Betroffenen, das sind die Schüler*innen. Die 4. Klasse, in der ich hauptsächlich unterrichte, macht sich schon Gedanken über das nächste Jahr, die Zeit nach der Mittelschule. Viele machen sich Sorgen. Kann ich überhaupt in eine weiterführende Schule gehen? Reichen meine Noten? Der Name der Leistungsgruppe „Standard AHS“ suggeriert etwas. Wer gut ist, geht auf die AHS. Die AHS ist besser. Dass die Schüler*innen der Mittelschule in unserem Bildungssystem die Verlierer sind, das wissen sie sowieso. „Standard AHS“ wirkt wie eine Verhöhnung dieser Tatsache.

Die Mutter einer Schülerin ruft am Nachmittag, an dem wir den Schüler*innen das neue Notensystem erklärt haben, in der Schule an. Ihre Tochter ist zuhause weinend zusammengebrochen. Sie glaubt, sie kann niemals an eine weiterführende Schule, wenn sie jetzt nicht in die Standard AHS Gruppe eingeteilt wird. Das stimmt so natürlich nicht ganz. Aber Worte schaffen Realitäten.

Warum jetzt?

All das ist schon ärgerlich und frustrierend genug. Aber ich komme nicht umhin mir ständig dieselbe Frage zu stellen: Warum jetzt? Jetzt, wo eine Pandemie seit Monaten so viel Unsicherheit in die Schulen und Klassenräume bringt. Wo Schüler*innen sich von einem Tag auf den anderen an neue Lebensumstände anpassen mussten und müssen. Jetzt, wo es nochmal schwieriger geworden ist, eine Lehrstelle zu bekommen. Jetzt, wo so viele Eltern und Bekannte arbeitslos sind und den Schüler*innen ganz klar ist, dass dieses Schicksal wahrscheinlich auch einige von ihnen in ein paar Jahren betreffen wird. Warum müssen wir diese Umstellung jetzt machen? Warum müssen wir weiterhin ALLE Schularbeiten und Tests durchführen, sollen verpasste Inhalte des vergangenen Schuljahres aufholen und noch dazu eine neue Notenskala einführen, die niemandem etwas bringt außer zusätzlichem Stress? Wäre es nicht genau jetzt, in diesem Schuljahr, wichtig etwas Stress aus dem System herauszunehmen?

Das würde ich den Herrn Bildungsminister gerne fragen. Aber das Gefühl werde ich nicht los, was in den Mittelschulen passiert, das interessiert ihn gar nicht.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.