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Schule ist mehr als Unterricht. Sie ist ein Beziehungsraum. Lernen geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo Kinder sich gesehen, respektiert und sicher fühlen. Als Lehrpersonen wissen wir: Ohne Beziehung keine Bildung. Genau an diesem Fundament rüttelt das Kopftuchverbot – und zwar mit voller Wucht.

Denn das Verbot betrifft nicht abstrakte Symbole oder politische Debatten. Es betrifft konkrete Kinder. Mädchen, die jeden Morgen vor uns sitzen. Die lachen, lernen, zweifeln. Und denen wir nun signalisieren sollen: Ein Teil von dir ist hier nicht erwünscht.

Beziehungsarbeit lebt von Vertrauen – nicht von Zwang

Viele Lehrpersonen investieren jahrelang in den Aufbau tragfähiger Beziehungen zu ihren Schüler:innen. Besonders zu jenen, die bereits Ausgrenzung, Rassismus oder institutionelles Misstrauen erlebt haben. Vertrauen entsteht langsam. Es braucht Zuhören, Ernstnehmen, Schutz.

Ein Kopftuchverbot wirkt all dem entgegen.

Wie sollen wir Vertrauen aufbauen, wenn wir gezwungen sind, einem Kind zu sagen, dass seine Kleidung – und damit seine Identität – ein Problem sei? Wie sollen Mädchen sich uns anvertrauen, wenn ausgerechnet wir zum verlängerten Arm eines Gesetzes werden, das sie kontrolliert, beschämt und diszipliniert?

Gerade für Kinder, die potenziell tatsächlich unter Druck oder Gewalt leiden, ist Vertrauen der einzige wirksame Schutzfaktor. Doch dieses Verbot zerstört die Grundlage dafür. Es isoliert die Mädchen weiter, statt ihnen Räume zu öffnen. Es treibt sie in die Unsichtbarkeit, statt sie zu stärken.

„Kinderschutz“ ohne Kinderperspektive ist Augenwischerei

Das Argument, das Kopftuchverbot diene dem Schutz von Kindern, klingt fürsorglich – hält aber einer pädagogischen Realität nicht stand. Wir Lehrpersonen wissen: Schutz entsteht durch Ressourcen, durch Zeit, durch multiprofessionelle Unterstützung. Durch Sozialarbeit, Beratungsstellen, Gewaltschutzeinrichtungen. Nicht durch Verbote.

Ein pauschales Gesetz, das alle Mädchen mit Kopftuch unter Generalverdacht stellt, ist keine Schutzmaßnahme, sondern ein Misstrauensvotum. Es entmündigt genau jene, die angeblich „gerettet“ werden sollen – ohne sie je gefragt zu haben.

Studien zeigen zudem klar, dass antimuslimischer Rassismus Mädchen und Frauen besonders hart trifft. Schule sollte ein Ort sein, der vor Diskriminierung schützt – nicht einer, der sie gesetzlich festschreibt.

Neutralität heißt nicht Unsichtbarmachung

Als Lehrpersonen wird von uns Neutralität erwartet. Doch Neutralität bedeutet nicht, nur bestimmte religiöse Ausdrucksformen zu verbieten. Sie bedeutet Gleichbehandlung. Wenn Kreuze hängen dürfen, wenn andere religiöse Zeichen akzeptiert sind, dann ist die Fixierung auf den Hijab kein Ausdruck von Neutralität, sondern von selektiver Ausgrenzung.

Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft – und sollte zugleich ein Ort sein, an dem Vielfalt gelebt und reflektiert wird. Nicht ein Ort, an dem Vielfalt sanktioniert wird.

Unsere pädagogische Verantwortung

Lehrpersonen haben die Pflicht, ein diskriminierungsfreies, rassismuskritisches Lernumfeld zu schaffen. Diese Verantwortung können wir nicht einfach an Gesetze abtreten – vor allem dann nicht, wenn diese den Grundwerten guter Pädagogik widersprechen.

Das Kopftuchverbot stellt uns vor ein Dilemma: Entweder wir setzen ein Gesetz um, das Beziehungen zerstört. Oder wir bleiben unserer professionellen Haltung treu – und stellen das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt.

Viele von uns wissen längst, auf welcher Seite wir stehen.

Denn gute Schule beginnt dort, wo Kinder nicht lernen müssen, Teile von sich selbst an der Türe abzugeben.

Franziska Haberler mit Unterstützung von schule.brennt

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Die Schule brennt – was man über Kollateralschäden sagen kann

An die Schulzeit haben die meisten Menschen sehr unterschiedliche Erinnerungen.

Meine eigenen waren durchwegs positiv, wodurch in mir sicherlich der Wunsch entstand, Lehrerin zu werden, um junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und etwas für sie bewirken zu können. 

Nun – 13 Jahre nach Dienstantritt – muss ich leider einsehen, dass ich gescheitert bin. 

Nicht, weil ich meine Motivation oder Ziele aus den Augen verloren hätte, sondern weil unser Schulsystem die Kinder, aber auch die Pädagog:innen im Stich lässt. 

Natürlich werden nicht alle Kinder im Stich gelassen, aber gerade die, welche die meiste Hilfe bräuchten und das macht das Ganze noch unerträglicher. 

„Wir können sie nicht alle retten“

Ein Satz, den ich in den letzten Jahren oft gehört habe und der doch jedes Mal aufs Neue schmerzt, denn genau das sollte unser Anspruch sein:

Wir brauchen ein Bildungssystem, das alle retten und allen einen sicheren Hafen bietet, in dem sich die Kinder und Jugendlichen entwickeln können, ganz egal welche Widrigkeiten ihnen in die Wiege gelegt wurden.

Aber genau das tut es nicht. Unser Schulsystem ist gemacht für Kinder, die funktionieren oder für Eltern, die fehlendes Talent beim Funktionieren durch ihren eigenen Einsatz wett machen. Alle anderen sind Kollateralschäden.

Vererbte Möglichkeiten

Bildung wird in Österreich immer noch vererbt. Kinder, deren Eltern einen niedrigen Bildungsgrad haben, erreichen seltener den Abschluss einer höheren Schule als Jugendliche, aus Familien mit einem höheren Bildungsniveau. 

Noch schwieriger gestaltet sich das Ganze für Kinder und Jugendliche, die Defizite aufweisen und hierbei ist es vollkommen gleichgültig, ob es sich um kognitive oder körperliche Einschränkungen, andere Erstsprachen als Deutsch oder sonstige Probleme handelt. Diese Kinder haben mehr Steine auf ihrem Weg, die sie zu beseitigen versuchen. Sie werden dabei von der Institution Schule noch mehr im Stich gelassen und müssen stets mehr kämpfen als andere Kolleg:innen in ihrem Alter. 

Viel Anstrengung – wenig Erfolg

Mika ist 11 Jahre alt und ein Schüler meiner Klasse. Er sitzt ab 8 Uhr morgens summend in der Klasse, manchmal singt er auch. Er kann nicht anders. Einen sonderpädagogischen Förderbedarf – also einen Anspruch auf zusätzliche Unterstützung –  hat er nicht und jetzt ist es ohnehin zu spät, er bekommt keinen mehr. 

Vier Stunden in der Schule kann er aushalten, mehr geht nicht, doch sind es täglich 6 Stunden oder mehr, die er aussitzen muss. Leistungstechnisch läuft es nicht gut, trotz großem Bemühen. Die Verzweiflung ist groß, der Druck auf das Kind riesig. 

Was er bräuchte?

Mehr Bewegungspausen, größere Räume, weniger Kinder um sich herum, einen besseren Betreuungsschlüssel der Lehrpersonen. 

Jede Erinnerung ist zu viel

Geflohen ist Aya vor 5 Jahren. Sie spricht fließend Farsi und ist gut in der Schule. Ihre Mitschüler:innen sehen zu ihr auf, sie ist sehr beliebt und pubertätsmäßig wahnsinnig cool. 

Meistens klappt es gut, doch kommt es in der Klasse zu Konflikten, explodiert sie, schlägt andere Kinder und kann sich nicht zurückhalten. An manchen Tagen, vor allem wenn es stressig ist, hat man das Gefühl, sie sucht diese konfliktreichen Momente, um den brodelnden Vulkan in ihr beruhigen zu können, die Emotionen in sich loszuwerden.

Vor einigen Wochen machten wir einen Spaziergang, da die Klasse sehr unruhig war und frische Luft gut tun würde, um danach wieder weiterarbeiten zu können. 

Da bricht Aya, erzählt mir von ihren Erfahrungen in Afghanistan, von Tod und Leichen, die sie gesehen hat. Die Coolness ist weg, die Träne fließt langsam und lautlos über die Wange. 

Ich muss schlucken, bin selbst überfordert, biete an, dass wir vielleicht einen der wenigen noch freien Termine bei unserer Psychagogin vereinbaren können.

Die Träne wird weggewischt, die Fassade ist wieder aufrecht. „Nein, danke!“, sagt sie und geht weiter.

Was bräuchte sie?

So wenig und doch zu viel für das System Schule. Nämlich jemanden, der ihr Zeit gibt, zuhört und hilft, mit ihren Emotionen umzugehen. Emotionen, die für ein ganzes Leben reichen würden.

„Ich will es wirklich!“

Da ist die 13 jährige Mara, die oft fehlt. In der Schule sitzt sie meist stumm da. Hausübungen bringt sie nie, obwohl sehr viel Potenzial in ihr schlummert. In ihrem kurzem Leben hat sie einiges durchgemacht. Mit 11 Jahren war sie drogenabhängig, LSD. Nun sitzt sie in der Schule und soll eine Zusammenfassung über Getreide schreiben, während sie ihren Fingernagel mit den Zähnen bearbeitet. 

Sie kann nicht mehr. 

Seit dem Entzug ist sie zwar clean, allerdings bei Nikotin und Zigaretten hängen geblieben. Nach einem Vormittag Schule machen sich die Entzugserscheinungen bemerkbar, sie wird aus dem Nichts gereizt und aggressiv. Ich versuche, sie zu überzeugen, zu bleiben – erfolglos.

Festhalten darf ich sie nicht und außerdem bin ich gerade alleine für noch weitere 24 Schüler:innen zuständig, die ich unterrichten soll. Schließlich verlässt Mara unerlaubt die Schule, ich informiere meinen Chef und dieser die WG. Die Wohngemeinschaft, in der die Jugendliche lebt, kann nichts tun, auch hier herrscht Personalmangel.

10 Minuten später ist Mara wieder zurück, sichtlich ruhiger. „Ich will das hier schaffen! Sicher!“, murmelt sie mir zu und wirft ein „Tut mir leid!“ nach. 

Ohne Sicherheit kein Wachstum

 Sie kennen sicher die Maslowsche Bedürfnispyramide. Ganz unten finden sich die Grundbedürfnisse von uns Menschen wieder, wie beispielsweise Nahrung, ein Wohnort, ausreichend Schlaf oder berufliche Sicherheit. Erst wenn diese erfüllt sind, kann Wachstum stattfinden. Und genau hier versagt unser Bildungssystem. 

Die Kinder können nichts für ihre Lebensumstände. Sie haben sich nicht ausgesucht, Defizite zu haben, ganz gleich, wie diese aussehen und ob sie erworben oder angeboren sind. 

Was kann Schule tun?

Natürlich kann man jetzt sagen, dass Schule nichts für diese Umstände kann und das ist absolut richtig, dennoch muss man festhalten, dass das Bildungssystem zu wenig tut, um diese Defizite auszugleichen, um Chancengerechtigkeit herzustellen. 

Viele meiner Kolleg:innen fordern seit Jahren dasselbe: größere Räumlichkeiten, niedrigere Schüler:innenhöchstzahlen, mehr Pädagog:innen, neue Lehrpläne, die auf die aktuellen Herausforderungen abgestimmt sind und vor allem mehr Unterstützung in Form von Schulsozialarbeiter:innen und Psychagog:innen. 

Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Vor einigen Jahren wurden die Klassenhöchstzahlen abgeschafft, die Ausbildung für Sonderpädagog:innen an Pflichtschulen wurde aufgelassen, aufgrund des akuten Personalmangels fallen immer mehr Überstunden an. 

Kolleg:innen bemühen sich, all das abzufangen und viele davon brennen bei dem Versuch aus. Auch hier sind es eben „Kollateralschäden“ in einem System, das längst kaputt ist. 

Während die Schule quasi lichterloh brennt, versuchen wir Pädagog:innen verzweifelt, den Brand mit Kübeln voll Wasser zu löschen. Erfolglos und zurückgelassen mit vielen Brandblasen.

Chancengerechtigkeit – so nicht

Sie kennen sicher alle das Bild der Tiere in der Schule. 

Ein Affe, ein Pinguin, ein Elefant, ein Fisch, ein Hund und eine Robbe sollen auf einen Baum klettern. Ein nicht sehr faires Unterfangen. 

Diese Karikatur wurde 1976 von Hans Traxler veröffentlicht und sollte schon damals die Chancenungleichheit des Bildungssystems aufzeigen.

Seit damals – also seit fast 50 Jahren – hat sich nichts geändert.

Lediglich der Baum, den es zu erklimmen gilt, ist noch höher geworden. 

Und dennoch ist eines geblieben: Wer die Baumkrone nicht erreicht, ist eben ein Kollateralschaden, denn man kann sie eben nicht alle retten, so wurde es mir zumindest gesagt. 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Wiener Mittelschule

Lesezeit: 3 Minuten

Warum berichten unsere Pädagogen*innen immer wieder von Überlastung? Mit dieser Frage ist eine Gruppe von Eltern vor nicht allzu langer Zeit an mich herangetreten. Sie haben eine Arbeitsgruppe gebildet und möchten sich mit diesem Thema beschäftigen. Ich selbst bin Arbeitspsychologin, Mama zweier Mädels an dieser Schule und im Rahmen meiner Elternmitarbeit begleite ich seit 6 Jahren das Team. Das Ziel meiner Arbeit: Pädagogen*innen an einer reformpädagogischen Schule, die gesund bleiben und mit Freude bei der Arbeit sind.

Auf die Frage der Eltern bin ich dann in mich gegangen, habe die Arbeit der letzten Jahre reflektiert und mich mit dem Team besprochen. Die Antwort ist eigentlich ganz klar: der größte Belastungsfaktor sind die Eltern – so traurig das auch klingen mag. Alle Teammitglieder sind einer Meinung: die Arbeit mit den Kids bereitet ihnen viel Freude und ist meistens auch energiebringend. Die Arbeit im Team passt auch sehr gut. Die eine oder andere Besprechung ist zu viel, es bleiben immer wieder spannende Projekte liegen, weil die Zeit fehlt und ab und zu stellt auch die Bürokratie eine Herausforderung dar. Alles part of the job und auch ok – wären da bloß nicht die Eltern.

Unsere Schule ist recht klein. Sie wird von rund 90 Schüler*innen zwischen 7 und 15 Jahren besucht. Auch wenn wir seit ein paar Jahren eine konfessionelle Schule sind, ist das Schulgeld, das monatlich zu bezahlen ist, doch recht hoch und mit der Höhe des Schulgeldes steigt wahrscheinlich auch der Anspruch der Eltern „etwas Besonderes“ – einen Mehrwert im Vergleich zur Regelschule zu bekommen. Immer wieder fällt die Aussage von Seiten der Eltern „wir zahlen ja dafür“. Und mit dieser Aussage üben sie, wenn auch nicht bewusst, Druck auf das Team aus.

Das Team ist sehr bemüht immer wieder Außergewöhnliches zu leisten. Manchmal scheint es so, als hätte das den gegenteiligen Effekt. Warum? Weil man es niemals allen recht machen kann und die Zielgruppe der Eltern, deren Kinder eine reformpädagogische Schule besuchen ist doch – auch wenn man sich das nicht erwartet – sehr heterogen. Manche Eltern wünschen sich einen sehr freien Schulunterricht. Andere wiederum sind stark verunsichert, wenn die Struktur fehlt. Manche wünschen sich Lernchecks, manche sogar Noten und andere wiederum am liebsten keinerlei offensichtliche Leistungsbeurteilung bis zum Ende der Schulpflicht. Und die Pädagogen*innen – die stehen dazwischen und mühen sich damit ab die Freude an der Arbeit nicht zu verlieren. Nebenbei bemerkt – alle diese Themen sind in einem verschriftlichten Schulkonzept festgelegt, das den Eltern schon vor dem Eintritt ausgehändigt wird – und dennoch führen sie immer wieder zu Diskussionen.

Nur kurz erwähnt, um nicht zu vergessen – der Redebedarf der Eltern. Der, so denken manche Eltern zumindest, in einer Schule, in der man zahlt, auch entsprechend lange gestillt werden sollte. Auch das kostet Zeit und erfüllt man die Erwartungen der Eltern nicht und hört sich ihre Sorgen nur unzureichend an, so gehen sie in den Widerstand und dann wird es erst recht anstrengend.

Gemeinsam mit dem Team haben wir die verschiedensten Varianten überlegt. Die Quintessenz: es sind immer nur ein eine Hand voll Eltern, die anstrengend sind. Die Zusammenarbeit mit dem größten Teil der Eltern ist fruchtbar und wertschätzend. Das Ziel: den Fokus auf jene Eltern zu legen die Energie bringen oder zumindest energieneutral sind.

Und zum Schluss noch ein paar Vorschläge für Eltern: 

  1. Auch wenn ihr eingeladen seid, im Unterricht zu hospitieren: Vielleicht reichen drei Mal im Jahr, um so einen groben Eindruck zu erhalten. Es muss nicht jede Woche sein.
  2. Überlegt vorher, wie wichtig die Kontaktaufnahme am Sonntagabend zu der Lehrperson ist. Und dann teilt die Wichtigkeit durch 25… denn soviel Schüler:innen betreut die durchschnittliche Lehrkraft. 
  3. Außer im Fußball gibt es vermutlich nirgends so viele Expertinnen wie im Bildungsbereich. Die Lehrkräfte wissen meist was sie tun und das was sie tun tun sie nach bestem Wisen und Gewissen. Sie haben sich den Beruf ausgesucht und machen ihn im Normalfall gut und gerne. Natürlich kann es Ausnahmen geben. Aber gerne einfach mal „the benefit of the doubt“ geben. 
  4. Und zu guter Letzt Rosegger – schließlich sind wir in der Steiermark: Wenn du wen gern hast, lege ihm alles zum Guten aus – dann hast du meistens recht. 

Die Autorin ist Arbetispsychologin und aktive Mitwirkende in der Elternarbeit in der Steiermark.

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ein Kommentar von Bernhard Lahner, er arbeitet in einer Förderklasse, Bildungsaktivist

In den letzten Wochen wurde oft über Gewalt an Schulen und den darauffolgenden bildungspolitischen Lösungen diskutiert. Für all jene, die im System sind, läuft dieser Diskurs leider in die falsche Richtung. Grund dafür ist, dass es zum Beispiel Förderklassen, also Kleingruppenklassen mit maximal 6 Schüler:innen und 2 Lehrer:innen, schon seit Jahrzehnten gibt und auch dieses Setting ist oft nicht mehr handlebar.

Die Genese der “SES – Schwersterziehbarenschule” und Förderklasse

Schon seit Jahrzehnten wurden Schüler:innen, die aufgrund sozial-emotionaler Beeinträchtigungen, Traumas, Misshandlungen oder psychischen Erkrankungen, die in einer Regelklasse mit 25 Mitschüler:innen überfordert waren, in Kleingruppen beschult. Ganz ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Eine Kommission aus Expert:innen berät regelmäßig über einzelene Schüler:innen, um ihnen die bestmögliche Bildung zu ermöglichen.

In diesem kleinen, fast schon familiären Setting, sollte es mehr Zeit für die individuelle Verarbeitung der eigenen Geschichte der Schüler:innen geben. Unterstützung kommt von Psychagog:innen (Lehrer:innen mit psychologischer Zusatzausbildung) und ein intensiver Austausch mit den Eltern ist Pflicht. Des Weiteren wurde, wenn nicht bereits geschehen, die Schulpsychologie herangezogen und es wird versucht, weitere außerschulische Beratungsangebote den Betroffenen und den Erziehungsberechtigten schmackhaft zu machen.

Damals gab es für Pädagog:innen, die in diesem Bereich arbeiteten, eine eigene Ausbildung an der Pädagogischen Akademie. Diese spezielle Ausbildung gibt es so nicht mehr und wird heute an den Hochschulverbünden individuell mit Schwerpunktseminaren angeboten.

Der Status quo

Wie die 90iger so waren, können sich die älteren unter uns noch vorstellen. Wir telefonierten heimlich mit unserem Crush mit dem Drehscheibentelefon der Großeltern und machten uns Dates bei der einen großen Linde im Wald aus. Ja, damals war alles besser. Natürlich nicht, aber es soll die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung zeigen, zu dem Zeitpunkt, als offenbar Bedarf für “Kleingruppenklassen” bestand.

Heute sind wir überfordert mit der technologischen Entwicklung von Computerspielen, Smartphones, KI und Co. bei gleichbleibendem Lehrplan. Hier wird laufend additiv ergänzt und den Schule alle möglichen Schwachsinnigkeiten aufoktroyiert.

Das wir gesellschaftlich seit Jahrzehnten einen immer schnelleren Wandel u.a. durch Innovationen und Technik erleben ist allseits bekannt. Das wir von einer Industriellen in eine Dienstleistungsgesellschaft schlittern, merken wir auch seit Jahren mit Blick auf veröffentlichte Jobangebote.

Erschwerend zur Entwicklung der kommenden Generationen kommen Finanz- und Gesundheitskrisen, Kriege und immer gewalttätigere Sprache im politischen Diskurs durch Rechtsextreme, die TikTok, Insta und Telegram bestens beherrschen.

Unsere, schon sehr vulnerablen Jugendlichen, springen auf diese Influencer nicht nur an, sie halten das Gesagte auch oft für das einzig Wahre und Richtige. Die Gründe sind vielfältig, aber was sich aus der Praxis beobachten lässt, ist, dass ein Großteil dieser Jugendlichen das Vertrauen in demokratische Institutionen schon verloren hat und auch keine Ressourcen für zusätzliche Informationsbeschaffung oder eine angemessene Reflexion hat. Angefangen in der Kindergruppe, in der sie mit ihrem “aufgeweckten” Verhalten auffallen, weiter in der Volksschule, in der sie bei erhöhten Bewegungsbedarf abgestraft und zum Sitzen gezwungen werden. Dann in außerschulischen Bereichen wie Gesundheitseinrichtungen, in denen sie lange durchgetestet werden, ein Befund ausgestellt wird und danach nichts mehr passiert. Die Schulen werden allein gelassen. Schon einzelne Kinder und Jugendliche können in der Volks- oder Mittelschule ganze Klasse “sprengen”. Mobbing und Gewalt ist oft die einzige Strategie, die bei psychisch vulnerablen Personen ins Außen kommt, um die inneren Dämonen bezwingen zu können. Jetzt beginnt die letzte Maßnahme, die Schule machen kann. Sie schützt die restlichen Kinder, indem sie den “Rabauken” suspendiert – und alleine lässt. In unserer veralteten Logik sperren wir “nicht-passfähige Personen”, wie auch Menschen mit Behinderungen, einfach weg und überlassen sie sich selbst.

Die Negativspirale dreht sich immer schneller und schneller, weil alle Beteiligten, also Eltern, Pädagog:innen und das betroffene Kind, in diesem System überfordert ist und es keinerlei Unterstützung gibt. Nach maximal 4 Wochen Suspendierung beginnen die Muster von Neuem oder werden schlimmer, weil der/die betroffene Schüler:in mit sich alleine gelassen wird oder sich mit anderen suspendierten Kindern im öffentlichen Raum trifft.

Wir brauchen ein “koste es was es wolle an den Pflichtschulen” – und zwar JETZT

Wirtschaft und Politik beklagen Fachkräftemangel und wir wundern uns, warum die Schere zwischen arm und reich größer wird und sich der “Mittelstand” in Luft auflöst.

Für die kapitalistische Kaufkraftstärkung und Wirtschaftsförderung werden Millionen, wenn nicht Milliarden in die Hand genommen und der soziale Bereich wird auf allen Ebenen vernachlässigt und sich selbst überlassen.

“Koste es, was es wolle” muss sofort für den Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich gelten. Wir brauchen in all diesen Bereichen interdisziplinäre und multiprofessionelle Teams mit kleinstmöglicher Bürokratie und größtmöglicher Hilfe. Mit FISCH (Familie in Schulen) wird seit wenigen Jahren, Schuleinsteiger:innen und deren Eltern bei Verhaltensauffälligkeiten bestmögliche Unterstützung angeboten. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche, bei denen oft eine gute Diagnostik fehlt und Kleinkriminalität, Misshandlung und Gewalt an der Tagesordnung steht, werden allein gelassen, genauso wie die Professionellen in Krisenzentren, WGs, Parksozialarbeiter:innen, Pädagog:innen und außerschulische Bildungseinrichtungen.

Es braucht eine massive bildungspolitische Offensive im Bereich der sozial-emotionalen und psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Krise ist ein kleiner Puzzlebaustein, aber verpufft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Förderklassen brauchen vor Ort Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Therapeut:innen, Ergotherapeut:innen, etc. Alle Professionist:innen, die auf Kinder und Jugendliche positiv einwirken können, um sie bestmöglich zu unterstützen und von Suchtkrankheiten, Gefängnis und Arbeitslosigkeit zu bewahren. Da müssen wir investieren und den Fokus legen.

Die Finger in die Wunde legen

Alle Entscheidungsträger:innen, alle im Sozialbereich tätigen, alle Betroffenen wissen das.

Jeder von uns kennt jemanden, in Lebenskrisen, in depressiven Verstimmungen, mit Persönlichkeitsstörungen, mit mentaler Ungesundheit. Wir alle kennen und wissen es. Und auch wir alle dulden diesen Zustand, sehen bewusst weg und putzen uns mit Glaubenssätzen wie, “das sind nur wenige Menschen”, etc. ab. Aber nein, es sind nicht wenige Menschen und es werden täglich mehr. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, der nächsten Generationen. Wir müssen den Finger in die Wunde legen und uns als Gesellschaft an der Gesellschaft entschuldigen und endlich die richtigen und notwendigen Maßnahmen setzen.

Es ist 5 nach 12 und alle politischen Maßnahmen, Ideen und bereitgestellten Gelder sind zu wenig. Es braucht sofort einen nationalen Schulterschluss im Sozial, Bildungs- und Gesundheitsbereich. Es braucht Vernetzung, Austausch und konkrete Verbesserungen. Wir können nicht zulassen, dass die einzige Antwort gegenüber vulnerablen Gruppen das Wegsperren ist. Wir haben hier und jetzt die Verantwortung und müssen uns dieser bewusst sein.

Bernhard Lahner BEd, Förderklassenpädagoge im sozial-emotionalen Bereich, Bildungsaktivist

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Der Nahost-Konflikt, der zweite blutige Krieg innerhalb von zwei Schuljahren, prägt derzeit nicht nur die Nachrichten sondern oft auch Klassenzimmer und Schulhöfe. Was müssen, können, sollen und dürfen Lehrer:innen leisten? Was beschäftigt die Schüler:innen und wie kann man dem begegnen? Wir haben Lehrkräfte dazu befragt. Sie unterrichten an verschiedenen Wiener Mittelschulen und haben eigentlich andere Namen. 

1. Ist der Konflikt bei euch in der Schule ein Thema? 

Claudia: Ja, sogar ein sehr großes. In den 2., 3. und 4. Klassen hört man regelmäßig Getuschel darüber.

Martin: Der Konflikt ist bei uns soweit Thema wie wir es zulassen. Es kommen Aussagen von den SuS. Es ist nur so, dass diese zum Teil ignoriert werden oder von vorne herein als „radikal“ abgeschmettert werden. Und das wiederum checken die SuS. Sie reden dann eben nicht offen sondern tauschen sich über Social Media aus. 

2. Wie äußert sich das? Was sagen die Schüler:innen?

Claudia:  Aufgrund meines Aussehens werde ich meistens für muslimisch gehalten. Viele SuS fragen mich in der Stunde und am Gang „für wen“ ich in diesem Konflikt bin und hoffen als Antwort „Palästina“ zu hören.

Viele SuS verspüren starken Rede- und va. Äußerungsbedarf.

Die SuS, die darüber sprechen, sind zu 100 % gegen Israel, sehen in diesem Konflikt nicht die Hamas, sondern „Palästina“ als Kriegspartei und wissen oft gar nicht, dass es einen Terrorangriff der Hamas gab.

Martin: Ja klar, viele sind für die „Hamas“ ohne zu bedenken, dass diese ja nicht Palästina sind.

Mir haben SuS gesagt, dass man nicht alles glauben darf, was man im Fernsehen sieht. Und das finde ich insofern bedenklich, weil das klar macht, welcher Quellen sie sich bedienen.

Ein Mädchen hat mir gesagt, dass das alles gar nicht so stimmt. Und dass ihr Mutter gemeint hat, sie soll ihre Kette vom Hals geben. Es ist eine Kette auf der Palästina steht. Diese Kette trägt sie schon seit Schulbeginn. Aber, wie gesagt, die Mutter hat Angst.

Ein anderer Junge wollte wissen, für wen ich bin. Das war in der Straßenbahn und ich habe ihm erklärt, dass ich gerne rede, aber nicht in einer Situation, in der kein Diskurs möglich ist.

Prinzipiell wollen die SuS wissen, was wir denken. Und ich glaube, wir sind verpflichtet ihnen diesen Raum zu geben. Denn sie wollen, wie immer, gehört werden. Die Gefahr ist, wenn wir sie nicht hören, dann gehen sie dorthin, wo man ihnen vermeintlich zuhört, aber sie nur instrumentalisieren will.

Ich glaube, wenn sich Kolleg:innen nicht zutrauen darüber zu reden, dann muss man Expert:innen ins Haus holen. 

3. Behandelt ihr das Thema? Wenn ja: Warum – Wenn nein: auch warum?

Claudia: Ja, in den Geschichtestunden. Ca. 2h pro Klasse (3. Klassen)

Ich habe selbst einen Bezug, da ich ca. ein Jahr in Jerusalem gelebt habe und dort einige Freunde habe.

Das Thema Antisemitismus prägt bei uns den Schulalltag.

Wir haben  auch beim Thema Mittelalter gerade über Pogrome gesprochen.

Viele SuS fühlen sich als Muslime davon betroffen und haben Redebedarf.

Ich habe das große Bedürfnis, zumindest die Fakten zu klären um ein wenig gegen die vorhandene Einseitigkeit bei den SuS gegenzusteuern.

Ich möchte den SuS besser vermitteln, dass es nach solchen Aktionen und Kriegen, niemandem besser geht.

Ich versuche auch ein wenig Sachlichkeit in das Thema zu bringen: Historisch aufrollen: Was war dort vor Israel? Warum gibt es den Konflikt? Wo ist Gaza? Was ist die Hamas? Was ist eigentlich passiert? Welche Länder könnten involviert werden? Was tue ich, wenn ich Angst habe nach solchen Nachrichten?

Martin: Ich behandle das Thema, wenn der Bedarf danach ist, aus den Gründen, die ich oben erwähnt habe. Das kann in der Pause sein, oder in einer Stunde, auch in der Mathematikstunde. Wir reden viel über Frieden, und dass der Krieg viele von ihnen vertrieben hat. Dass Krieg der Grund ist, warum sie hier sind. Und dass Krieg nur Verlierer/innen hat und keine Sieger/innen. Auch wenn sie diese Aussagen manchmal belächeln, es macht etwas mit ihnen. Sie denken zumindest kurz nach. Abschließend möchte ich schon noch schreiben, dass gerade die Jugendlichen ihre Meinung im Internet bilden. Und dass oft die Eltern keine Ahnung haben, wo die SuS ihre Infos herhaben. Wie schon ganz oben erwähnt, viele Eltern haben Angst noch mehr ausgegrenzt zu werden, aufgrund ihrer Religion. 

Ein wichtiger Hinweis noch seitens der Redaktion: Wenn es Euch zu viel wird, ihr Hilfe und/ oder Unterstützung benötigt, dann gibt neuerdings es die Lehrer:innen-Telefonhotline: www.wirkt.eu/teachersupport des Vereins wirkt.

Unterrichtsmaterial zum Thema gibt es z.B. hier: 

https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320826/nahostkonflikt/

https://www.erinnern.at/lernmaterialien/lernmaterialien/themenheft-fuer-paedagoginnen-nahost-geschichte-konflikt-wahrnehmungen

https://www.bildung-vbg.gv.at/service/schulinfos/nahost.html