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Zugegeben, die Abneigung gegen Elternsprechtage oder Elterngespräche nimmt mit den Jahren, die viele Lehrer*innen unterrichten, direkt proportional zu. Für alle Nicht-Mathematiker*innen: Je mehr Dienstjahre, desto weniger Lust auf die herkömmliche Elternarbeit. Das liegt in keinem Fall an den Eltern der Schüler*innen, sondern viel mehr daran, wie diese Gespräche ablaufen. Eltern, die sich, ob unterschiedlicher Barrieren defizitär fühlen, treten zum halbjährlichen Rapport an. 

Die Barrieren

Gerne werden diese Barrieren ausschließlich am sprachlichen Unvermögen in der Landessprache festgemacht. Es könnte, so hören wir es immer wieder, alles so einfach sein, würden die Erziehungsberechtigten gut genug Deutsch sprechen.  Ist dem tatsächlich so? 

Die gute Nachricht: Dieses Problem kann seit kurzer Zeit sehr leicht gelöst werden. Das Zauberwort heißt Videodolmetscher*innen.

Seit knapp einem Monat fördert die Stadt Wien an unserer Schule die Möglichkeit, zu Elterngesprächen professionelle Dolmetscher*innen per Livestream hinzuzuschalten. In 61 Sprachen kann konversiert werden, 13 davon sind ad hoc, also ohne jegliche Anmeldung verfügbar. Es ist ein wahres Aha-Erlebnis, mit den Eltern hier endlich auf Augen – oder eher Mundhöhe zu sprechen. Geschichten, Details, Informationen, Hintergründe sprudeln bald aus ihnen heraus und relevante Informationen (Gab es vorher überhaupt einen Schulbesuch?, Hatte das Kind schon immer Schwierigkeiten beim Rechnen? Steht gerade ein Umzug an?), die man sonst jahrelang nicht wusste und welche doch oft so relevant für die Förderung der Kinder sind, kommen plötzlich ans Tageslicht. Elterngespräche, die sonst häufig nur wenige Minuten dauerten, da das Unbehagen auf beiden Seiten groß war: Versteht er/sie mich? Verstehe ich sie/ihn richtig? Sage ich was Falsches? Was passiert, wenn ich etwas nicht verstanden habe? Wie oft darf ich nachfragen?

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei und eine große Hürde wurde uns genommen, eine große Hilfe angeboten. Es erleichtert unsere Arbeit ungemein und wir sind wieder einen Schritt weiter in Richtung Fortschritt gewandert.

Tatsächlich gibt es aber noch weitere Hindernisse für ein gleichwürdiges Miteinander außerhalb der sprachlichen Diskrepanzen.

Gespräch unter Expert*innen

Wir sind der Überzeugung, dass es an viel mehr Dingen scheitert als ausschließlich an der Sprache. So entsteht im Umgang mit den Eltern zeitweise der Eindruck, Kolleg*innen würden nicht unterscheiden können, wen sie vor sich haben. Erwachsene, mündige Menschen werden zu gerne wie ihr Nachwuchs behandelt. Deutlich wird in derart geführten Gesprächen der Status-Unterschied demonstriert. „Ich bin die Lehrperson und werde wohl am besten wissen, wie ich mit meinen Schüler*innen umgehe“. Aus den Augen verloren wird, dass nicht nur Lehrer*innen, sondern auch Eltern Expert*innen für das betreffende Kind sind. In Wahrheit treffen zwei unterschiedliche Expert*innen an einem Tisch zusammen. Das wäre doch die perfekte Ausgangssituation für Auseinandersetzungen in Gleichwürdigkeit. Jede/r kann sein/ihr Wissen ins Spiel bringen, gemeinsam können Lösungen zum gelingenden Arbeiten gefunden werden.

Schwierige Eltern

Ja, auch Eltern können unangenehm sein, das steht außer Zweifel. Aber es würde sich auch in diesem Fall lohnen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Viele Erziehungsberechtigte der Mittelschulkinder haben, wie ihre Kinder, auch „nur“ die Hauptschule bzw. die Mittelschule besucht. Sie haben schon am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, eine Schule zu besuchen, deren Ansehen gesellschaftlich nicht das beste war. Sie selbst haben oft schlechte Erfahrungen mit Lehrer*innen gemacht. Und manche waren so mies, dass sie nicht vergessen werden konnten. Ungleichwürdige Situationen triggern ganz schnell frühere Erlebnisse. Und selbst wenn man erwachsen ist, im Namen des Kindes hier ist, passiert es dennoch, dass man eben nicht erwachsen reagiert. Selbst auf die Gefahr hin, dass ein nicht gelungener Auftritt in der Institution Schule dem eigenen Kind sehr schaden kann. Sippenhaftung heißt das und trägt nur zu weiteren Gräben in der Eltern-Lehrer*innen-Beziehung bei.

Die falsche Reflexionskultur

Ein anderer Fakt ist, dass Eltern und Erziehungsberechtigte oft nur dann in die Schule geholt werden, wenn ein Problem aufpoppt, für deren Behebung jetzt mal die Eltern zur Verantwortung gezogen werden müssen. Wenn alles gut läuft, dann suchen Lehrer*innen nur in seltenen Fällen den Kontakt zu den Eltern. Wenige sind bisher dazu übergegangen zum Beispiel auch positives Verhalten ins Elternheft zu schreiben. „Stimmt, es heißt bei mir nicht Mitteilungs- sondern Elternheft. Ich weiß noch sehr genau, dass meine Schüler*innen zu Beginn sehr verwundert waren, wenn ich sie auf diese Art lobte. Noch erstaunter waren die Empfänger*innen der frohen Botschaften. So gab es einmal den Vater einer Schülerin, der sich bei mir telefonisch versichern wollte, ob die Nachricht eh nicht gefälscht wäre“, berichtet eine Lehrerin, und genau anhand dieser Anekdote lässt sich sehr schön aufzeigen, wie ungewohnt positive Rückmeldungen sind.

Eltern-Cafés?

Eine Möglichkeit wäre Eltern-Cafés, die ein Mal im Monat stattfinden. So könnten wir Räume für den Austausch schaffen, für eine positive Reflexionskultur.  Erziehungsberechtigte hätten im Rahmen dieser Veranstaltungen die Möglichkeit eines Austausches auf Augenhöhe, ohne Angst oder Unterlegenheitsgefühl. Ein Ort, den man besuchen kann, aber nicht muss. Das Sprichwort Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, hält sich nicht von ungefähr seit Jahrzehnten. Zusammen, auf Augenhöhe, voll involviert. Das sind die Schlagworte der Elternarbeit. Und das Argument der fehlenden Sprache ist – Technik sei Dank – nun endlich keine Ausrede mehr!

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an einer Mittelschule in Wien.

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Wann, wenn nicht jetzt, ist es Zeit, die Möglichkeiten zu nützen, die uns soziale Medien bieten? Uns zu bilden und zu vernetzen, dadurch die perfiden Mauern der Ausgrenzung, die für viele von uns lange Zeit unsichtbar waren, zu sehen und sie ein für alle Mal gemeinsam niederzureißen.“

Dieser letzte Satz aus Elisabeth Lechners Buch Riot, don’t diet!, erschienen im März 2021, gab den Anstoß für diesen Text.

Inspiriert durch den Gedanken einer Schönheitsrevolution, als Aufstand der (widerspenstigen) Körper gegen „Patriarchat und profitgetriebene Schönheitsindustrie“ möchte ich die Möglichkeiten zweier Jugendromane umreisen, die „perfide Mauer der Ausgrenzung“ aufgrund des Äußeren abzureißen. Bevor ich die zwei Jugendromane kurz vorstelle, will ich näher darauf eingehen, wieso es wichtig ist, sich mit Schönheit in der Schule und allgemein politisch auseinanderzusetzen.

In ihrem Buch zeichnet Elisabeth Lechner gekonnt und in verständlicher Sprache die sozial tiefverwurzelten Ausgrenzungsmechanismen in unserer Gesellschaft entlang des Diktats der (Norm)Schönheit wider.[1] So entschlüsselt Lechner Schönheit als „ein patriarchal-kapitalistisches Konstrukt weißer Vorherrschaft, das Frauen unterdrückt und die Schönheitsindustrie aufrechterhält.“ Körper und dadurch Menschen werden anhand des Faktors Schönheit/Attraktivität hierarchisiert und entlang der Achse „schön“/„hässlich“ ein- bzw. ausgeschlossen. Dicke, haarige, queere, schwarze und behinderte Körper werden als „hässlich“ oder „ekelig“ abgewertet, wodurch ihre Beschämung und Diskriminierung, ihre Disziplinierung und Unsichtbarmachung gerechtfertigt wird. Als Folge davon stoßen die markierten Körper permanent an soziale Grenzen und können sich nicht so frei durch Räume bewegen wie weiße, junge, nicht-behinderte und schlanke Körper. Body-Shaming[2] funktioniert hierbei als Disziplinierung widerspenstiger Körper. Betroffene leiden in weiterer Folge an einem verringerten Selbstvertrauen im Umgang mit anderen und ziehen sich vermehrt aus dem öffentlichen Leben zurück.

Vom exklusiven Konzept der Schönheit profitiert vor allem die Schönheitsindustrie. Sie befeuert sie geradezu. Tagtäglich konfrontiert uns ihre Werbung mit angeblichen Defiziten, die durch die beworbenen Produkte behoben werden könnten, wodurch wir ein defizitäres Körperbild und neoliberales Leistungsdenken internalisieren: Mit den richtigen Produkten und entsprechender Selbstdisziplinierung würden wir „schön“ und „erfolgreich“ werden. So wird Schönheit Leistung und schlussendlich Arbeit – Schönheitsarbeit. Schönheit wird zum Kapital, das Vorteile verschafft.[3] Weil in einer lookistischen[4] Gesellschaft wie der unseren „schöne“ Menschen unzählige Vorteile in der Arbeit, bei der Wohnungssuche, im Bildungsweg etc. genießen, ist jeder Körper dem „kommerzialisierten Zwang der Schönheitsoptimierung“ in unterschiedlichen Graden ausgesetzt.

Die Body-Positivity Bewegung stellt sich dem Diktat der Schönheit entgegen. Sie kritisiert die exklusive Vorstellung von Schönheit und ihre unrealistischen, neoliberalen Körperideale. Das Ziel war und ist die Selbstliebe des Körpers, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Behaarung, Körpertyps, Be_Hinderung etc. Ihre Mitstreiter*innen kämpf(t)en für die Aktzeptanz von Körpern in ihrer Vielfalt und für die Entwicklung eines positiven Körpergefühls. Das Konzept der Body-Neutrality betont die strukturelle Verschränkung von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus bei lookistischer Diskriminierung und stellt den Wert von Schönheit als solchen in Frage. Es hebt den Schutz von Körpern in den Vordergrund und erinnert uns daran, dass wir unseren Körpern dankbar sein können, dafür dass sie uns durchs Leben tragen, und dass wir sehr viel mehr sind als diese Körper. Im Vordergrund steht der Ausruf, alle Körper, ungeachtet ihres Aussehens, in ihrem Da- und Sosein zu akzeptieren und zu feiern.

Diskriminierung aufgrund des Äußeren ist ein Riesenproblem. Gerade junge Menschen stehen unter enormem Druck. Der sich verändernde, pubertierende Körper allein ist schon eine Herausforderung. Erschwert wird die Adoleszenzphase durch ebensolche diskriminierenden und ausgrenzenden lookistischen Rahmenbedingungen.

Wie Lechner sehe ich die Wichtigkeit der Selbstliebe und Selbstfürsorge für die eigene Identität, fürs Selbstbewusstsein und den Umgang mit anderen. Ebenso stimme ich mit ihr überein, dass es bei der Arbeit an uns selbst nicht stehen bleiben darf (Body-Positivity). Es bedarf darüberhinaus der gemeinsamen Anstrengungen, um die gesellschaftlichen Strukturen des Patriarchats und des Rassismus niederzureißen (Body-Neutrality). Es bedarf des Aufstands der widerspenstigen Körper und die Verpflichtung der privilegierten Körper, ausgrenzenden Strukturen abzubauen und eigene Privilegien zur Unterstützung anderer zu nützen. Wie bringen wir diese Revolution in die Schule?

Nun, ich denke, dass Literaturunterricht ein wesentlicher Wegbereiter der Schönheitsrevolution sein könnte. Literatur schafft Bewusstsein und umgekehrt. Zuallererst können Bücher über (noch) unbekannte Welt- und Selbstbilder informieren. Dadurch schaffen sie Bewusstsein für eigene Vorurteile und Präsuppositionen, ermöglichen Perspektivwechsel und Empathie. Literatur, die dicke, haarige, schwarze, queere und behinderte Körper thematisiert, irritiert eigene Sehgewohnheiten, schafft Repräsentation und bietet Identifikationsmöglichkeiten abseits normierter, exklusiver Körperbilder. So kann der Wert Schönheit in Frage gestellt, eigene Verhaltensweisen reflektiert und Dellen, Haare, Rundungen etc. als schön und liebenswert erlernt werden. Denn wir alle müssen diese internalisierten Denk- und Sehmuster aktiv verlernen. Es gilt, sich selbst und seine Umgebung anders sehen zu lernen und das eigene Handeln zu verändern. Dies gelingt, wenn eigene blinde Flecken sowie eigene Privilegien erkannt werden (können). Wenn weiße, junge und schlanke Menschen anfangen mitzudenken, wie es anderen geht, mithelfen, die Welt inklusiver und für alle Körper lebenswert zu gestalten, können wir eine Welt gestalten, in der die Rolle des Aussehens an Wichtigkeit verliert. Literatur kann dabei helfen, unsere eigene Betroffenheit durch die gelesene Erfahrung anderer zu reflektieren, die eigene Positioniertheit in der komplexen Gesellschaft zu bestimmen und darauf aufbauend aktiv zur Verbesserung des Zusammenlebens aller beizutragen. Zu guter Letzt schafft der literarische Austausch eine Basis der Vernetzung. Und Vernetzung ist zentral. Sie ermöglicht Bandenbildung, die die Last von Betroffenen durch Support aller Art abnehmen kann. Sie bildet die Grundlage politischer Arbeit. Und Schönheit ist politisch.

Diese angerissenen Eckpunkte ermöglichen einen ermächtigenden Umgang mit dem Thema Schönheit. Literatur bietet so einen Ausgangspunkt, Schönheit neu zu denken und zu verhandeln, sich von unrealistischen Erwartungshaltungen zu emanzipieren und Menschen und ihre Körper in all ihrer Vielfalt und Mannigfaltigkeit oder in ihrem Da- und Sosein zu lieben und wertzuschätzen.

Im Folgenden möchte ich nun zwei Bücher[5] vorstellen, die sich mit lookistischen Ausgrenzungserfahrungen Jugendlicher auseinandersetzen. Beide eignen sich in meinen Augen hervorragend, Schönheit als „exklusives Konstrukt patriarchal-kapitalistischer, weißer Vorherrschaft“ herauszuarbeiten und dieses mithilfe der oben genannten Schritte zur Schönheitsrevolution umzuwerfen. Zum einen ist das der Roman Die Königinnen der Würstchen von Clémentine Beauvais (2019). Der andere Roman trägt den Titel Tanz der Tiefseequallen und wurde von Stefanie Höfler verfasst (2017).

Ersterer erzählt die Geschichte dreier Teenager Mädchen – Astrid, Hakima und Mireille – aus einer französischen Kleinstadt, die auf Facebook von einem Mitschüler zu den drei Würstchen des Jahres in Gold, Silber und Bronze gekürt wurden – der Preis zu den „hässlichsten“ Mädchen der Schule. Während Mireille seit drei Jahren dem Mobbing ihrer Mitschüler*innen ausgesetzt ist und sich Abwehr- und Umgangsstrategien zurecht gelegt hat, trifft die Welle des Hasses und der Beschämung die zwei anderen, neu hinzugezogenen zum ersten Mal. Doch die drei beschließen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Statt sich beschämen zu lassen, vernetzen sie sich und bilden eine Bande, um Widerstand zu leisten. Zusammen entschließen sie sich zu einem Fahrrad-Trip nach Paris. Neben der unfreiwilligen Preisverleihung verbindet sie nämlich ein gemeinsames Ziel: die große Party im Élysée Palast am Nationalfeiertag. Zur Finanzierung des Road-Trips entscheiden sie sich, in einem selbstgebastelten Fahrradanhänger Würstchen zu verkaufen. So beginnt eine herzzerreißende, chaotische und selbstermächtigende Reise, die für alle drei Unerwartetes mit sich bringt. Und es ermöglicht ihnen und dadurch den Leser*innen, sich mit unseren unrealistischen gesellschaftlichen Schönheitsidealen und ihren ausschließenden Funktionen auseinanderzusetzen. Kritisch erwähnt werden muss auf jeden Fall das Cover der deutschen Ausgaben; zeigt dieses doch wahrlich keine Körper außerhalb der Schönheitsnorm. Das böte sich hervorragend als weiterer Diskussionspunkt in der Klasse an.

Der andere Roman berichtet von den Jugendlichen Niko und Sera. Abwechselnd erzählt der Roman aus der Perspektive der beiden Hauptfiguren, wodurch die Leser*innen einen tiefen Einblick in das Innenleben der beiden erhalten. Sera und Niko gehen in dieselbe Klasse. Doch während Niko aufgrund seines fülligen Erscheinungsbildes von den Klassenkameraden gemobbt wird und von der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, gilt Sera als Klassenschönheit, die das diskriminierende Verhalten gegenüber Niko zwar nicht gutheißt, doch aus Angst vor Ausgrenzung selbst nicht einschreitet. Auf einer Klassenfahrt eilt ihr Niko gegen den übergriffigen Mädchenschwarm Marko zur Seite. In weiterer Folge lernen sie sich näher kennen und entwickeln beidseitig zarte Gefühle der Zuneigung, die von sozialen Strukturen der Fettfeindlichkeit auf die Probe gestellt werden. Vor allem Sera sieht sich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert. Im fortschreitenden Verlauf verfolgen wir Seras Auseinandersetzung, sich Niko als ihren Freund und begehrenswerte Person vorzustellen. Schreibdidaktisch eröffnet der Roman viele Wege. Zum Beispiel ließe sich das offene Ende fortsetzen. Dabei könnte auch ein Augenmerk auf die unterschiedliche Sprachverwendung der Figuren gelegt werden.

Abschließend möchte ich beide Jugendromane allen Lehrer*innen ans Herz legen, die gegen Body-Shaming und für eine Schönheitsrevolution kämpfen möchten. Doch egal ob privat oder für die Schule, sie bestechen durch Charme, literarischer Qualität und die angesprochenen Themen. Denn es braucht tagtägliche Anti-Diskriminierungsarbeit, weil unsere Gesellschaft nach wie vor durch Ausschlüsse vor allem mehrfachmarginalisierter Körper in Politik und Öffentlichkeit, der Medien- und Filmlandschaft wie auch Literatur gekennzeichnet ist. Es ist an der Zeit politisch aktiv zu werden und Schönheit neu zu denken. In diesem Sinne: Riot, don’t diet!

Jonathan Herkommer ist Lehrer an einer BHS in Wien



[1] Folgende Inhalte und Gedanken beruhen auf Elisabeth Lechners Buch (2021), auf der Alexandria Podcastfolge: Schönheitsideale – Mit Elisabeth Lechner (14.7.20) sowie auf der Reihe Kontrovers der Münchner Stadtbibliothek: Zwischen BodyShaming und Body Postivity. Körperbilder in der Jugendliteratur (10.5.21)

[2] Body-Shaming bezeichnet die lookistische Diskriminierung, Beleidigung und Demütigung aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes. Als „hässlich“ oder „ekelig“ geltende Menschen werden abgewertet (Lechner, 2021, 23f.).

[3] vgl. zusätzlich Elisabeth Lechner/Christian Berger Bericht zu Schönheitsarbeit (9.5.21)

[4] Lookismus beschreibt die Stereotypisierung und Bewertung von Menschen aufgrund ihres Äußeren – „schöne“ Menschen werden aufgewertet, „hässliche“ abgewertet. Der Begriff wird verwendet, um die Normierung von Körpern und damit einhergehende Diskriminierungen und Ausschlüsse zu beschreiben (Lechner, 2021, 23).

[5] Ich danke Elisabeth Lechner für die Buchempfehlungen.

Lesezeit: 5 Minuten

Wenn es um die Auswirkungen der Corona-Krise auf Schüler*innen geht, bedient man sich dieser Tage großer Worte und schicksalschwangerer Rhetorik. Während die einen noch von einem verlorenen Jahr sprechen, wähnen andere bereits eine gesamte Generation als verloren.

Lauscht man diesen Einschätzungen und Urteilen ist man versucht zu glauben, dass Corona lediglich Kinder und Jugendliche ausgebremst hätte, während alle anderen weiter gelebt haben wie bisher. Man stellt sich vor, wie diese Kinder und Jugendlichen im vergangenen Jahr nichts weiter getan haben, als fernzusehen und Playstation zu spielen.

Auch macht sich ein bisschen Erleichterung breit: Gott sei Dank haben wir endlich einen guten Grund. Endlich wird das schlechte Gewissen, das schon jahrelang still an uns nagt, von unseren Schultern gehoben. Wir können aufatmen, denn nicht mehr wir tragen mit daran Schuld, dass viele dieser Kinder vergessen werden, nicht die Zuwendung und Förderung bekommen, die sie bräuchten,  sondern nun ist es Corona. Wir können aufhören uns zu fragen, wie und warum unser Schulsystem bereits seit Jahrzehnten Kinder strukturell benachteiligt, warum Übertrittsempfehlungen nach der Volksschule noch immer eher anhand des Vornamens als anhand der Leistung gegeben werden und zuletzt – und das ist es, was uns wirklich aufatmen lässt – wir werden von der Pflicht befreit, uns zu fragen, was wir gegen all das schon längst hätten tun können. 

Jetzt ist die Regierung gefragt. Wir brauchen große Schritte. Man schütte digitale Endgeräte aus und alles wird besser. Man verspreche medienwirksam zusätzliche Stunden und alles atmet auf. Wo diese Geräte und Stunden tatsächlich gelandet sind und ab wann sie zum Einsatz kommen wird wohl niemand mehr fragen. Hoffentlich. 

Nein, so zynisch, wie es hier klingt, bin ich in Wahrheit nicht. Aber ja, es ist frustrierend, was wir nicht erst seit einem Jahr mitansehen müssen. Es ist frustrierend, dass es einer Pandemie bedarf, damit endlich zögerlich der Blick auf jene gerichtet wird, die sonst gerne übersehen werden, an den Rand und in die „Restschulen“ geschoben werden. Doch wieder ist die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, negativ. Wir sprechen von jenen, die nicht erreicht werden, die abtauchen, die überfordert sind. Wir trauen uns kaum zu fragen, warum sie nicht erreicht werden und untertauchen. Und am allerwenigsten wollen wir wissen, was wir dagegen tun können und wie wir diesen Zustand hätten vorbeugen können. Dabei war ein Großteil der Kinder die im vergangenen Jahr „verloren“ gegangen sind, auch davor schon im Verschwinden begriffen. Vielleicht weil sie mit ihren Bedürfnissen übersehen wurden, weil nicht nachgefragt wurde, warum sie so oft fehlen oder unkonzentriert wirken. Vielleicht weil sie seit Jahren in einem System stecken, das ihnen vermittelt, dass sie sich noch so sehr anstrengen können, es aber nicht schaffen werden. Ein System, dass sie wieder und wieder als unzureichend abstempelt, das sie alleine lässt und so nach und nach ihre Motivation und ihre Lernfreude bricht.

Neue Situation – alte Muster

„Die Krise zeigt auf, was schon so lange schief läuft.“ Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich diesen Satz im vergangenen Jahr gehört, gelesen und vermutlich auch selbst gesagt habe. Gut, dass wir endlich hinschauen, weil es nicht mehr geht wegzuschauen. Traurig, dass es eine globale Krise dafür braucht. Und dennoch, auch im Hinschauen wiederholen wir Fehler und folgen wir jenen Mustern, die uns so vertraut sind: über Mittelschüler*innen herziehen, das Verlorene hervorstreichen, ihre Defizite beleuchten. Weil sie nicht ermutigt werden sich zu äußern, weil sie weder eine öffentliche Stimme noch eine gut vernetzte, eloquente Lobby haben, werden Mittelschüler*innen wieder nicht gehört. Wir sprechen (berechtigterweise) ausführlich darüber, wie Maturaprüfungen angepasst und Deadlines für vorwissenschaftliche Arbeiten verschoben werden, weil sie in der momentanen Situation nicht zumutbar sind. Über die Zumutbarkeit einer MIKA-D Deutschprüfung, die seit Beginn der Pandemie nur marginal angepasst wurde, spricht kaum jemand. Einem Kind wie Djamal*, das 3 Wochen vor den Schulschließungen im März 2020 nach Österreich kam, ist doch ohne weiteres ein Test zuzutrauen, der komplexe grammatikalische Strukturen voraussetzt, die auch in manchen Teilen Österreichs keineswegs zur Selbstverständlichkeit gehören. Während sich Maturant*innen sorgen, ob sie als der Corona-Jahrgang abgestempelt und ihre Abschlüsse weniger wert sein werden, müssen sich Kinder wie Djamal sorgen, durch die endlose und teils sinnlose Wiederholung von Schuljahren (die Folge eines nicht bestandenen MIKA-D Tests), überhaupt die Chance auf einen Pflichtschulabschluss zu haben. Sowohl die Sorgen der Maturant*innen als auch Djamals Sorgen sind ernst zu nehmen, verdienen öffentliche Aufmerksamkeit und ein Entgegenkommen in der momentanen Situation. Aber die Tatsache, dass die Matura angepasst wird, während die MIKA-D Prüfung praktisch abgehalten wird wie eh und je zeigt auf, dass wir sogar noch unter dem Deckmantel der Krisenbewältigung reproduzieren, was „schon so lange schief läuft“. Wir hören jene, die für sich selbst sprechen können, die sich ihrer Rechte bewusst sind und sie einfordern können und wir übersehen wieder die, die wir auch sonst so gerne an den Rand stellen und denen niemand eine Stimme gibt. 

Das Gute zum Schluss

Als Lehrerin wurde ich in letzter Zeit immer wieder gefragt, ob ich dem Bild des „verlorenen Jahres“ zustimme. Allein diese Frage wirft für mich eine Reihe weiterer Fragen auf. Was ist es, was es im vergangenen Jahr zu verlieren gab? Ist jede Fähigkeit, die bei der Bewältigung einer Situation abseits des Lehrplans erforderlich ist, wertlos und ihr Erwerb damit vernachlässigbar? Warum wird die Frage spezifisch im Hinblick auf Schüler*innen gestellt? Warum wird nicht gefragt, was wir alle tun können um die Versäumnisse dieses Jahres aufzuholen und die Langzeitfolgen für „unsere“ Kinder so gering wie möglich zu halten? Warum werden wir auch jetzt nicht müde den „Stoff“ über alles andere zu stellen? 

Um selbst nicht zu wiederholen, „was schon so lange schief läuft“, werde ich nun nicht mit einer Aufzählung jener Dinge abschließen, die im letzten Jahr für unsere Schüler*innen tatsächlich verloren gingen. Das wurde in den letzten Monaten mehr als genug beleuchtet. Ich will das Muster durchbrechen und den Fokus auf die Gewinne dieses einzigartigen Jahres richten. 

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Ich traue mich zu behaupten, dass die digitale Kompetenz jeder Schülerin und jedes Schülers (und vieler Lehrkräfte) gestiegen ist. Ganz egal ob am Laptop, Tablet oder „nur“ am Handy – die Notwendigkeit zu digitaler Kommunikation und Lernen hat ganz nebenbei zu einer Reihe neuer Kompetenzen geführt. 

„Das mach ich später, ich habe noch so viel Zeit“. „Nur noch eine Folge.“ „Ich mache mir erst etwas zu essen, dann…“ Genau wie die allermeisten im Homeoffice wurden auch Schüler*innen mit ihrem inneren Schweinehund konfrontiert. Doch sie haben gelernt mit ihm zu leben, sich ihre Zeit einzuteilen und es geschafft sich selbst immer wieder zu motivieren. Das letzte Jahr hat sie in Selbstständigkeit und Eigenverantwortung geschult. Fähigkeiten, die in einem streng in 50 Minuten Einheiten getakteten Unterricht, in dem oftmals nicht einmal die Farbe des Stiftes selbst gewählt werden muss, nur sehr selten trainiert werden. Ein klarer Gewinn dieses Jahres also, und ein Denkanstoß für mögliche Weiterentwicklungen des klassischen Unterrichts.

„Ich verstehe das nicht“ – „Was verstehst du nicht?“ – „Alles.“ In der Schule sind Konversationen wie diese an der Tagesordnung. Als Lehrkraft holt man dann tief Luft und beginnt wieder von vorne zu erklären. Im vergangenen Jahr war eine deutliche Veränderung in dieser Fragekultur beobachtbar. Während am Beginn des Homeschoolings die Fragen noch hundertfach und nach ebendiesem Muster auf uns einregneten, wurden sie im Laufe des Jahres immer präziser und ausgewählter. Schüler*innen haben also gelernt, sich erst selbst mit einer Aufgabenstellung auseinanderzusetzen, sich gegenseitig zu unterstützen, sich selbstständig Informationen zu beschaffen und konkrete Fragen zu formulieren. In dieser Tatsache liegen gleich mehrere Gewinne: Durchhaltevermögen, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, selbstständige Informationsbeschaffung, sprachliche Präzision und – vermutlich am bedeutendsten: Verantwortungsübernahme für das eigene Lernen. 

Nein, es ist kein verlorenes Jahr. Es ist ein Jahr, das uns allen unendlich viele Lerngelegenheiten bietet. Ja, es ist tatsächlich auch ein Jahr, das uns gezeigt hat, was wir lange nicht sehen wollten. Ein Jahr, das uns das Angebot macht, alte Muster zu überdenken und von hier an neue, gerechtere und inkludierendere Wege zu beschreiten, in denen alle eine Stimme haben. Nehmen wir dieses Angebot an. 

*Name von der Redaktion geändert.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Vorbereitung auf die Sommerschule

Mitte Juli

Ich telefoniere mit dem Organisator der Sommerschule. Es sind nicht genügend Student*innen da, die in Zweiergruppen durchgehend die Kids unterrichten können. Wir Lehrkräfte werden also selbst auch unterrichten müssen, statt die Studierenden nur zu begleiten und ihnen Feedback zu geben.

Montag, 17.8.2020

Es gibt ein Vorbereitungstreffen mit dem Großteil der Studis (3 von 5) und dem Organisator der Sommerschule. Wir machen erste Planungen (Leserolle, Stempelpass) und besichtigen die Klassen und das Schulgebäude. Zur Kommunikation wird eine WhatsApp-Gruppe angelegt. 

Die Studis scheinen sehr motiviert, ihre Vorstellungen aber eher unrealistisch. Sie gehen davon aus, dass die Kids ein durchgehend gutes Deutschniveau haben. Wir bereiten sie auf große innere Differenz vor.

Unsere gemeinsamen Ziele lauten: ein positives Lernklima schaffen, die Kinder nicht stressen, uns nicht stressen, den Kids durch die Sommerschule vor allem positive Erfahrungen ermöglichen.

Donnerstag, 20.8.2020

Absprache mit den zwei Kolleg*innen, die in “meiner” Gruppe sind, über Zoom. Wir planen den ersten Tag (Organisatorisches, Kennenlern-Spiele).

Freitag, 21.8.2020

Der Organisator der Sommerschule meldet sich telefonisch bei mir und meint, es sei wieder alles anders, weil kein (zu wenig) Geld da sei. Eventuell müsse der Stundenplan umgestellt werden. Kurze Zeit später: Entwarnung, der Stundenplan bleibt.

Ich sitze in der Schule, Netzwerk, Internet und Drucker gehen zeitweise nicht, weil das WLAN verlegt wird (yay!).

Die Sommerschule beginnt, das sind die Rahmenbedingungen: 

Am 24.8.2020 begann die Sommerschule, die jenen Kindern zum Aufwärmen für den Unterricht dienen soll, die während des Distance Learnings den Anschluss verloren hatten. 

Der Auftrag lautet: Den Kindern eine positive Lernerfahrung ermöglichen.

Die Rahmenbedingungen: Weniger Lehramtsstudierende als erhofft, dafür mehr Kinder als erwartet, Lehrkräfte, die sich freiwillig melden, um zu unterrichten und ein großes Fragezeichen, was uns alle erwartet. Das ist das “Experiment” Sommerschule, über das hier aus der Sicht einer Lehrkraft berichtet wird.  

Montag, 24.8.2020

Der Tagesbeginn ist etwas chaotisch, Kinder warten in Gruppen mit Abstand vor dem Schulgebäude und werden einzeln eingelassen.
Um 8:30 Uhr sind endlich alle in der Klasse, schneller als angenommen. 55 von 75 Kindern sind da. Einige sind weggezogen, andere entschuldigt, andere kommen gar nicht. 

Schnell stellt sich heraus, dass es große Unterschiede zwischen den Gruppen gibt: Die Gruppe mit den Kids der 8. Schulstufe ist schwer zu motivieren, arbeitet nach Auskunft der Lehrerin (Studi) kaum mit. Im Gegensatz dazu sind zwei Lehramtsstudierende von der jüngsten Gruppe völlig überrascht, weil sie so wissbegierig und lerneifrig sind. Trotz der Verzögerung in der ersten Stunde konnten sie das Programm für vier Stunden in weniger als drei durchziehen. Es steht den KollegInnen der Schweiß auf der Stirn, als sie es mit leuchtenden Augen erzählen. 

Besonders stechen zwei Mädchen – Zwillinge – heraus, deren Mutter dachte, es sei bereits der Beginn des Regelunterrichts.  Sie wollte ihre Töchter vor allem in Mathematik gefördert sehen. Die Reaktion der Zwillinge: “Wir wollten zwar Mathe lernen, aber Deutsch ist auch super!”

Einige der Kids können sich sehr gut im Unterricht einbringen, sind wortgewandt und gewitzt. Andere tun sich noch sehr schwer, sich auszudrücken. Klar ist: Es wird eine Herausforderung, so zu differenzieren, dass alle etwas davon haben.

Die Studis schlagen sich am ersten Tag wacker, jene mit Erfahrung fühlen sich schon ganz wohl. Andere sind noch unsicher. Wir Lehrkräfte sind vorsichtig im Gespräch mit den Studis, um nicht arrogant und aufdringlich zu wirken, aber dennoch hilfsbereit zu sein. Ich versuche, den Studis, die zum Teil noch keine Erfahrung im Unterrichten haben, möglichst viel Raum zu lassen. Am ersten Tag überprüfen wir die Anwesenheit, machen Kennenlernspiele mit Kärtchen und Speed Dating, dann lassen wir sie auf einem Emoji-Spektrum bewerten, wie gern sie gewisse Dinge (Pizza, Schwimmen, TikTok, Capital Bra etc) haben, indem sie auf der Laufbahn zum richtigen Emoji laufen. Ich lasse die Kinder erzählen, damit sie merken, dass es hier um sie geht.

Danach werden Regeln gemeinsam erarbeitet, besprochen, aufgeklebt, eigene Wünsche noch platziert und das Regelplakat unterschrieben. Der Tag endet mit einer aufgeweckten Runde Tabu.

Nach Unterrichtsende am ersten Tag folgt dann die erste Nachbesprechung, in der das Kollegium die Erlebnisse reflektiert und einheitliche Regeln und Vorgangsweisen ausmacht.

Dienstag, 25.8.2020

Ein paar Schüler*innen, die am vorigen Tag noch nicht da waren, kommen neu dazu. Die Anrufe des Organisators haben Wirkung gezeigt. Eine Klasse ist voll, hat sogar eine zusätzliche Schülerin. Ich habe Begrüßungsdienst, sorge also vor Unterrichtsbeginn dafür, dass vor dem Schulgebäude der Abstand eingehalten wird und sich die Kinder gleich nach dem Schultor (dessen Griffe viel zu hoch für die Kinder und daher ungeeignet sind – aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden) die Hände desinfizieren. Ich frage sie, ob sie traurig sind, dass die Schule wieder beginnt. Nein, sagen sie. Zuhause sei es stinklangweilig.

Der Tag verläuft aufregend, vor allem die arbeitswütige Klasse stellt sich für die Student*innen als sehr herausfordernd dar. Sie haben zum Teil Mühe, die Kids im Zaum zu halten. Der Lärmpegel ist hoch, die Erschöpfung am Ende des Tages groß.

Mittwoch, 26.8.2020

Eine weitere Schüler*in trifft neu ein. Mehrere Kinder melden, dass sie gerne in die Sommerschule gehen. Eine Kollegin erhält bei den anonymen Rückmeldungen durchgehend positives Feedback von den Kindern. 

Der Lehramts-Kollege, der gestern aus Erschöpfung und Überforderung schon seinen Berufswunsch hinterfragt hatte, ist heute wieder hellauf begeistert und vermeldet, dass ein notorisch schwieriger Bursche mit ADHS verkündet hat: Zum ersten Mal in seinem Leben freue er sich auf die Schule. Bei einigen Lehramts-Studis ist bewundernswerte Zusammenarbeit erkennbar. Andere scheinen eher Einzelkämpfer*innen zu sein.

Eine Kollegin bemerkt kritisch, dass wir als teils einzige Lehrkraft im Unterricht in Gruppen von zwölf bis 15 Kinder nicht genügend auf die diversen Bedürfnisse der Kinder eingehen können. Wir setzen, um die Kinder zu motivieren und aufzubauen, auf das Thema Held*innen und Vorbilder. Als Endprodukt sollen sie eine “Leserolle” in einer verzierten Pringles-Dose haben, in der alle gemachten Arbeitsblätter enthalten sind. Zusätzlich arbeiten wir an einem Stempelpass, der Fortschritte auch in den Sozialkompetenzen dokumentieren soll. 

Donnerstag, 27.8.2020

Wie im normalen Schulalltag verfliegt auch hier die Zeit. “Was, schon wieder Donnerstag vorbei?” Am Beginn des Schultages kommt eine Mutter vorbei und bittet, mehr auf die Bedürfnisse ihres Sohns zu achten, der wegen Legasthenie vor allem bei der Groß- und Kleinschreibung Schwierigkeiten habe. Es sei ihr bewusst, dass das Niveau sehr unterschiedlich sei, weil viele Kinder mit geringen Deutschkenntnissen in der Klasse seien. Sie bittet dennoch, nicht auf jene Kinder zu vergessen, die andere Startvoraussetzungen haben. Wir sagen selbstverständlich zu, ihren Sohn gezielter zu fördern und überlegen uns zusätzliche Aufgaben für ihn. Diese weitere Differenzierung fällt bei der vielen Vorbereitungsarbeit kaum mehr ins Gewicht.

Freitag, 28.8.2020

Wie im Flug ist die erste Woche vergangen und wir planen bereits die Abschlusszeremonie. Eine kleine Zeitung soll produziert werden, um Eindrücke aus jeder Gruppe zu vereinen. Eine Kollegin übernimmt die Koordination und Produktion.

Die Kinder sind am letzten Tag der ersten Woche immer noch voller Energie. Wir haben zwar täglich mindestens ein Lernspiel mit Bewegung im Freien eingeplant, die Kinder wünschen sich aber trotzdem mehr Sport und Bewegung. Wir müssen sie bremsen, da wir wegen der Hygieneregeln einigen Einschränkungen unterliegen. Wir kommen überein, dass eines der Kinder einen Fußball mitnehmen soll und wir schauen, was wir damit machen. Elfmeterschießen in Verbindung mit Wortschatzübungen bietet sich an. Auch einen ganzen Tag Bewegung und Sport wünschen sich die Kinder. Auf der “Wünsche-Wand” kleben Post-Its mit Wünschen nach Fußball. Ich verspreche, mit den Kolleg*innen zu besprechen, was wir unter den gegebenen Umständen tun können. 

Und wie hat den Kindern die erste Woche gefallen? Das Feedback auf den bunten Notizzetteln spricht eine klare Sprache: “Die Woche war ganz super :)”, “Das war gut und hat Spaß gemacht”, “Es war schön”. 

Der Autor ist Lehrer an einer Sommerschule in Niederösterreich.

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Kurz vor den Sommerferien des denkwürdigen Schuljahres 2020. Im „ausgedünnten“ Klassenzimmer dümpeln 10 müde Schüler*innen dahin. Sie haben eine lange Phase des Homeschooling hinter sich und ein paar merkwürdige Schulwochen unter widrigen Bedingungen. Das bereits erworbene Wissen wurde vielfach wieder vergessen, es fällt den Kindern zunehmend schwerer, sich an den „Hausaufgabentagen“ zu ihren Aufgaben zu motivieren. Auch mir fällt es derzeit schwer, als Lehrkraft motiviert und optimistisch zu bleiben …

Wir wiederholen zum gefühlt dreihundertsten Mal das Futur. An die Tafel schreibe ich Beispiele; achte darauf, dass sie der Lebenswelt der Kids entsprechen: Ich werde ins Kino gehen. Du wirst einkaufen fahren. Er/Sie/Es wird in die Schule kommen. Wir werden in den Park gehen. Ihr werdet die Jause essen. Sie werden …

Ich werde von einem Geräusch unterbrochen. In der Tür stehen zwei junge Männer in schwarzen Anzügen mit blütenweißen Hemden und schmalen Krawatten. Einer hat einen John-Lennon-Look, der andere eine Frisur wie aus einem Tarantino-Film. Sie winken, grinsen. An ihren Sakkos prangen kleine Abzeichen der HTL. Jetzt erkenne ich die beiden. Es sind meine ehemaligen Schüler, A. und M. Vor mittlerweile fünf Jahren habe ich sie in meinem ersten zwei Jahren als Lehrerin in Deutsch unterrichtet. Wir haben die beiden damals als Lehrer*innenteam stark gefordert, immer wieder zu besseren Leistungen gedrängt und ihnen zuletzt guten Gewissens Noten gegeben, die ihnen einen Eintritt in eine weiterführende Schule ermöglicht hatten.

Die Wiedersehensfreude ist groß. Ich bitte sie in die Klasse und sie erzählen, dass sie gerade maturiert haben. Sie zeigen die kleinen Nadeln an ihren Anzügen her; eine ist silbern und steht für einen guten Erfolg, die andere ist golden und belegt die Matura mit Auszeichnung. Die 1B ist plötzlich aufmerksam und wach. Sie erzählen den Kids von ihrer Schulzeit an der NMS, geben Tipps, machen ein paar witzige Bemerkungen über mich und berichten, wie sehr ihnen unsere Schule geholfen hat, ihren Weg zu gehen. Next step: Uni.

Ich freue mich unglaublich und spüre, wie meine Motivation wieder erwacht. Wir machen ein Selfie zur Erinnerung an diesen besonderen Moment. Im Hintergrund prangt das Tafelbild mit der symbolträchtigen Überschrift „Das Futur / die Zukunft“.

Nachdem die beiden weg sind, vervollständige ich das fehlende Beispiel an der Tafel:

„Sie werden maturieren.“

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.