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Wie ist der Re-Start des Präsenzunterrichts bei euch an der Schule organisiert? 

Silvia*: „Bei uns werden die Klassen in 2 Gruppen geteilt, die sich alle 3 Tage abwechseln. Jede Klasse bekommt 3 Lehrer*innen, die sich alle Fächer aufteilen.“

Fabian: „Bei uns wird der Re-Start im ABABAB-Rhythmus ablaufen. Jeden Tag 4 Unterrichtsstunden zeitversetzt (dh. die ersten Klassen von 7:30 bis 11:30, die zweiten von 8 bis 12 Uhr usw.). Nachmittagsbetreuung und Betreuung an Hausaufgabentagen ist auf Wunsch möglich.“

Anna: „Wir werden die Kleingruppen jeden zweiten Tag unterrichten. Unterrichtet werden die Schüler*innen von kleinen Teams, so dass wir im Falle einer Covid19-Erkrankung schnell reagieren können. Allerdings ist es eine Illusion, dass man am alten Stundenplan festhalten kann.“

Beate: „Die beiden Gruppen kommen abwechselnd einen Tag in die Schule und haben danach einen Hausübungstag, während die andere Gruppe in der Schule ist. Nachmittagsunterricht gibt es keinen mehr und den Stundenplan haben wir neu geschrieben, sodass unter anderem jeden Tag jedes Hauptfach unterrichtet wird, damit ein klarer Rhythmus für die Kinder garantiert wird und jede Gruppe ‚gleich viel‘ bekommt.“

Wie wurde euer Re-Start System beschlossen? Partizipativ? 

Silvia: „Beschlossen wurde es bei uns bei einer Online-Konferenz mit Abstimmung – sehr partizipativ.“

Fabian: „Die Vorgehensweise wurde von der Direktorin gemeinsam mit den Teamleiter*innen der vier Jahrgangsstufen festgelegt.“

Anna: „Bei uns wurde abgestimmt. Ob ich glücklich damit bin? Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung. Meines Erachtens hätte man zumindest die Elternvertreter*innen in diese Abstimmung miteinbeziehen sollen. Auch ist es organisatorisch nicht möglich auf Geschwisterkinder Rücksicht zu nehmen.“

Beate: „Wir haben über Gruppenrhythmus und Fenstertage per Mail abgestimmt. Gruppeneinteilungen haben die Klassenvorstände vorgenommen, da sie die Kinder am besten kennen. Auf Klassenebene wurde uns viel Gestaltungsspielraum, was beispielsweise den Stundenplan betrifft, eingeräumt.“

Wo seht ihr Probleme beim Re-Start bei euch an der Schule?

Silvia: „Probleme beim Re-Start sehe ich, weil die Schüler*innen, die zu Hause bleiben (Selbstauschluss vom Präsenzunterricht) nicht zusätzlich online betreut werden. Das bedeutet, dass diese Schüler*innen jetzt noch weniger Lernmaterial und Betreuung der Klassenlehrer bekommen als vorher. Die Pausenregeln sind bei uns auch sehr restriktiv – die Kinder sollen so gut es geht in der Klasse sitzen bleiben. Nach 2 Monaten eingeschlossen zu Hause wird das meiner Meinung nach nicht möglich sein. Auch die Hygienevorschriften für die Schüler*innen werden nicht gut durchsetzbar sein… selbst nur 12 Kinder in einer Klasse werden nicht dazu gebracht werden können in der Pause auf ihrem Sessel zu sitzen und nur mit Mundschutzmaske mit anderen Schüler*innen in Kontakt zu treten.“

Fabian: „Die Abstandsregeln einzuhalten wird für die Kinder (und Lehrer*innen) sicher nicht leicht. Auch werden sicherlich nicht alle Eltern, die Betreuung für ihre Kinder eigentlich bräuchten, ihre Kinder auch anmelden.“

Anna: „Ich habe echt ein bisschen Angst, dass bei uns an der Schule der Kasernenton Einzug halten wird. Vor der Schule müssen zwei Kolleg*innen stehen, die auf den Abstand achten. In der Klasse werden wir dauernd damit beschäftigt sein, die Schüler*innen auseinander zu halten. Eine Kollegin hat während der Lockdown-Zeit Betreuung von nur vier Schüler*innen gemacht und schon da erlebt, dass die Schüler*innen kaum zu trennen sind. Wie auch? Nach acht Wochen freuen sie sich aufeinander. Auch bezüglich des Händewaschens wird es stressig. Mal abgesehen davon, dass wir kein Warmwasser in der Klasse haben, ist auch da zu erwarten, dass der Ton mancher Kolleg*innen eher scharf wird. So kam zum Beispiel die Anfrage während einer Konferenz, ob man diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten nach Hause schicken kann.“

Beate: „Die Abstandsregeln einzufordern wird sicher besonders herausfordernd, doch ich hoffe, dass viele Kinder das nach den ersten Wochen internalisiert haben werden. Mehr Sorgen machen  wir uns gerade um eine attraktive Unterrichtsgestaltung. Nach so langer Zeit des alleine-Lernens wären Partner- und Gruppenarbeiten dringend notwendig und könnten dazu beitragen den sozialen Mangel der letzten Wochen auszugleichen. Doch das wird nicht möglich sein. Genauso wie offenes Arbeiten, bei dem sich Kinder auch mal frei durch die Klasse bewegen dürfen um sich Material oder Hilfe bei anderen zu holen. Weil wir eine offene Ganztagsschule sind, bewirken das Streichen der Turnstunden und des Nachmittagsunterrichts längere und komprimiertere Vormittage. 6 Stunden am Stück am eigenen Platz zu sitzen ist für viele Kinder eine echte Herausforderung.“

Gibt es auch Vorteile? 

Silvia: „Vorteile beim Re-Start sind, dass man jetzt noch einmal intensiv Zeit bekommt die wichtigsten Jahresthemen zu besprechen und die Kinder digital so zu schulen, dass bei einem nächsten Lockdown alles vorbereitet ist. Zudem kann man sozialpädagogisch viel nachholen und hat abschließend Zeit für ein spannendes, fächerübergreifendes Abschlussprojekt in der Klasse.“

Fabian: „Für die meisten Eltern ist es auf jeden Fall eine große Erleichterung, auch wenn der ABABAB-Rhythmus wahrscheinlich viele Eltern auch wieder vor große Herausforderungen stellt. Auch für die Kinder ist es glaub ich extrem wichtig, dass sie wieder in die Schule können, besonders für die Schwächeren, die zu Hause aus verschiedensten Gründen komplett überfordert waren.“

Anna: „Die Schüler*innen sehen sich endlich wieder. Sie können raus und wieder Normalität lernen. Viele haben die Schule als einzig sicheren, nahezu sorgenfreien Ort. Auch ich muss Normalität wieder lernen. Im Bezug auf die vierten Klassen finde ich es gut, weil die ja die Abschlussklassen sind.“

Beate: „Natürlich ist es ein ‚Luxus‘ mit so kleinen Gruppen arbeiten zu können. Da ist methodisch mehr möglich als mit der ganzen Klasse. Man hat viel mehr Zeit um auf jedes Kind einzugehen, bei Bedarf auch noch stärker als sonst zu differenzieren und natürlich auch alles in Ruhe aufzuarbeiten.“

Am letzten Schultag bin ich glücklich, wenn … 

Silvia: „… die Kinder auch über den Sommer bei Feriencamps teilnehmen können oder mit Learningapps bzw. Lernbetreuungen aktiv bleiben, damit besonders schwache Schüler*innen die verpasste Betreuung nachholen können.“

Fabian: „… ich meine Schüler*innen mit einem guten Gefühl in die Ferien entlassen kann, wenn ich das Gefühl habe, dass die Schwächeren nicht komplett den Anschluss verloren haben und wenn die begründete Aussicht auf einen ’normalen‘ Start im Herbst besteht.“

Anna: „… wir alle gesund durch diese Wochen gekommen sind. Und wenn es den Schüler*innen gut geht.“

Beate: „… es uns in den Wochen gelungen ist, wieder jedes Kind abzuholen und nach dieser Zeit aufzufangen und wenn es vielleicht doch noch erlaubt wird, dass sich zumindest am Zeugnistag die ganze Klasse noch einmal sehen kann :)“

*Namen von der Redaktion geändert.

Die Autor*innen unterrichten an Mittelschulen in Wien.

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In den vergangenen Wochen war in den Medien immer wieder von Lehrer*innen, Direktor*innen, Eltern und Bildungsexpert*innen zu hören, die ihre Sichtweise der momentanen Situation schildern. Doch wie gehen Schüler*innen mit dem Lockdown um? Welche Herausforderungen gibt es, welche Sorgen, welche Wünsche? Redakteurin Simone Peschek hat sich mit zwei ihrer Schüler*innen unterhalten und daraus erstmalig einen Schulgschichtn-Podcast gestaltet.

Musik: Komiku – School
Lesezeit: 2 Minuten

Eine Videobotschaft geht viral

Vergangene Woche ging die Videobotschaft einer Mutter aus Israel viral. Eine Mutter, die genauso gut aus Österreich, Deutschland oder Frankreich kommen könnte. Sie hat vier Kinder, die zurzeit nicht in die Schule gehen können. Zusätzlich arbeitet sie von zu Hause aus. Die Kinder sind nicht motiviert. Umso mehr scheinen die Lehrer*innen motiviert zu sein. Es ist zu viel und übersteigt ihre Fähigkeiten. Die meisten Kommentare zu dieser Botschaft bestätigen die, meines Erachtens, zu Recht verzweifelte Mutter.

Es folgten und folgen neue Beiträge zu dem Thema allgemeine Überforderung. Ich selbst muss auch gestehen, dass ich zu Beginn Arbeitsblätter zusammengestellt habe, bei denen ich die Realität ausgeblendet habe. Aufgefallen ist mir das ziemlich schnell. Ich hab mich hingesetzt und die Aufgaben durchgerechnet und so zu Papier gebracht, wie das von den Schüler*innen erwartet wird. Also, ordentlich, übersichtlich, bunt. Meine Konsequenz daraus? Reduzieren, kürzen, nochmals rechnen, nochmals kürzen. Ich nehme an, dass viele Kolleg*innen ähnlich agieren.

Lehrer*innen unter Druck

Dazu kommt, dass sich in mir eine Übersättigung breit macht. Die Vielzahl der neuen Lernplattformen sprengt meine Aufnahmebereitschaft. Außerdem schwingt bei mir permanent der Gedanke mit, ob es ausschließlich die Vermittlung des Lernstoffs ist, den unsere Schüler*innen zurzeit brauchen. Ich frage mich auch, warum wir Lehrer*innen so unter Strom stehen. Warum wir es nicht schaffen zwei Gänge rückzuschalten? Woher kommt dieser Druck, allen beweisen zu müssen, dass wir gute Arbeit leisten?

Coronaferien

Mitte März, kurz vor dem Lockdown, hatte sich eine der fast-gratis Zeitungen den Headliner Coronaferien ausgesucht. Der Begriff Ferien löst in die vielen Köpfen bestimmte Assoziationsketten aus. Ferien – Lehrer*innen – arbeiten wenig – verdienen zu viel. Dass zu diesem Zeitpunkt niemand in Ferienstimmung war, konnte ich dem oder der Schreiber*in der Schlagzeilen leider nicht mitteilen. Denn bevor ich dazukam, überschlugen sich in der Schule die Ereignisse.

Wenn wir jetzt, mal abgesehen von den Journaldiensten, zuhause sitzen, dann stehen wir tatsächlich unter dem Beweiszwang der Welt zu zeigen, dass wir enorm viel arbeiten und nicht Ferien machen. Keiner von uns Lehrer*innen hat nämlich Lust in diesen trüben Zeiten an den Pranger gestellt zu werden. Denn, es sind keine Ferien und wir machen keine Ferien.

Was ich gerne machen würde

Würde ich meinen Instinkten folgen, dann wäre ich vermutlich eine von diesen, die gar nichts mehr an die Schüler*innen verschickt. Deren Welt steht ohnehin, so wie unsere, Kopf. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Es ist auch egal, ob wir jetzt Anfang oder Ende Mai starten. Wir werden nicht sang- und klanglos dort weitermachen können, wo wir Mitte März aufgehört haben. Wir müssen damit rechnen, dass wir den Schüler*innen helfen müssen die letzten Wochen zu verdauen. Lernstoff, Prüfungen, Tests und Schularbeiten werden in diesem Zusammenhang zweitrangig sein.

Okay, ich ziehe zurück. Klar, ich will meine Schüler*innen ganz viel schicken und anbieten. In erster Linie Tanz-, Theater- oder andere Angebote. Ich möchte Videokonferenzen machen, in denen wir lachen und Spaß miteinander haben. Vielleicht würde ich ihnen sogar raten die Schulsachen in die Ecke zu legen und durchzuatmen.

Meine Ängste

Allerdings schwingt bei mir die Angst mit, dass sich Eltern oder Kolleg*innen beschweren könnten. Zum Beispiel, dass ich nichts verlangen und arbeiten will. Dass ich die Schüler*innen Ferien machen lasse. Dass ich kein Interesse am Fortkommen der Schüler*innen habe.

Dennoch trage ich seit Tagen den Gedanken herum, alle Ressentiments über Bord zu werfen und meine Ideen zu verwirklichen. Ich glaube nicht, dass ein Kind in den nächsten Wochen Rechnen oder Schreiben verlernt. Und sollte das der Fall sein, dann bringe ich es ihnen wieder bei. Denn das ist schließlich meine Aufgabe.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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Seit nunmehr 10 Tagen sitzen wir Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern der NMS St. Agatha zu Hause an unseren Computern. Warum? Unser Leben hat sich in jeder Hinsicht von heute auf morgen um 180 Grad gewendet!

Warum 10 Tage?

Der Stundenplan hat sich ausgeweitet. Von einer für jede Schulstufe vorgegebenen Stundentafel, die unterteilt wird in fixe 50-Minuten-Einheiten und dazwischen Pausen, um die Klasse zu wechseln, oder einen Schluck vom kalten Kaffee zu nehmen oder auf die Toilette zu gehen, wenn es sich in den verbleibenden 30 Sekunden noch ausgeht, sind wir zu einer 7-Tage-Woche mit unbegrenzten Arbeitsstunden ohne Fachschwerpunkte mutiert. Jeder teilt sich seine Arbeits- und Pausenzeit selbstständig ein…

Ist das so?

Zwischen die App Teams für alle handlungsfähig zu gestalten, Waben in der Lernwelt ChabaDoo zu erstellen und auszuprobieren, Arbeitsblätter zu erstellen und hochzuladen, Arbeitsaufträge verständlich niederzuschreiben, Bildschirm-Tutorials und PDF-Guides zu erstellen, braucht Roland* um 9:37 Uhr Hilfe in Mathematik. Doch Regina* kommt genau zur gleichen Zeit nicht in die Lernplattform ChabaDoo, weil sie ihre Zugangsdaten vergessen hat. Ach ja, und da waren ja noch Sibille* und Lilly* aus der 1. Klasse, die schon seit 7:22 Uhr im Teams-Chat versuchen mich zu erreichen, weil sie ihre Englisch-Hausübungen nicht hochladen können. Gerade sehe ich, dass Johanna um 8:41 Uhr geschrieben hat, sie braucht ein neues Kennwort für ihr Office365. Um 10:59 Uhr läutet das Telefon zum dritten Mal, weil der Server einer Seite nicht erreichbar ist. Und so wäre diese Liste noch bis spät abends fortsetzbar, aber…

Teamarbeit auf höchstem Niveau

Von zuerst kurz erwähnten 6 Tagen, blieben uns dann 4 Tage – (Gott sei Dank, gibt es Samstag und Sonntag, die genutzt werden konnten) – um an unserer Schule eine Kommunikations-, eine Lern- und eine Datenaustauschplattform zu implementieren. Alle Kolleg*innen sind jetzt im digitalen Boot und die Herangehensweise an Themen, Arbeitsaufträge, Wiederholungen, Erklärungen usw. ist für alle transparent – das heißt, jeder gibt seine Ideen automatisch an alle anderen Kolleg*innen weiter. Es wird tatsächlich fächer- und schulstufenübergreifend Material ausgetauscht… vorher hat eben jeder „seins“ gemacht! Alle Kolleg*innen, Schüler*innen und Eltern arbeiteten in diesen Tagen auf Hochtouren, ohne zu wissen, wie lange dieser Zustand des Homeschoolings andauern würde bzw. könnte. Die Herausforderung bestand bzw. besteht aber nicht nur darin, Plattformen für den digitalen Unterricht von und für zu Hause aufzubauen…

Hilfe von ChabaDoo

An unserer Schule sind wir seit zwei Jahren in einem Feldtest der Firma ChabaDoo, einer innovativen österreichischen Start-up-Firma im Bereich E-Learning. Seit dem Schuljahr 2018/19 haben wir das Glück, dass unsere Schüler*innen der 3. und 4. Klassen von ChabaDoo mit Hardware ausgestattet worden sind. Für unsere „Kleinen“ konnten wir so kurzfristig keine Geräte zur Verfügung stellen und müssen daher auf die Eltern vertrauen, dass sie ihren Kindern Zugang zu den Computern gewähren. Aber was alle unsere Schüler*innen bekommen haben, sind Zugangsdaten für die E-Learning-Plattform der österreichischen Firma. In ständiger Begleitung durch Mitarbeiter von ChabaDoo und kritischer Abwägung der Vor- und Nachteile des Einsatzes der Hardware und der E-Learning-Plattform in den letzten beiden Jahren, fiel uns an der NMS St. Agatha dieser kurzfristige Umstieg auf „Total-Digital“ etwas leichter, wie wahrscheinlich an so manch anderen Schulstandorten.

Chance, Trend, Schule neu denken

Heute, nach 10 Tagen im Homeschooling, Home Office, Distance Learning und Distance Teaching (kein Anspruch auf Vollständigkeit der Begrifflichkeiten!) merke ich, dass der Einzug in das digitale Zeitalter mit voller Wucht eingeschlagen hat – ohne Vorankündigung! Wir sollten diese Zeit der Krise als Chance nutzen, einem neuen Trend entgegenzugehen und gemeinsam „Schule neu denken“!

*Namen frei erfunden.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Oberösterreich.

Lesezeit: 4 Minuten

Unsere Kinder haben von heute auf morgen ihren „Alltagsrhythmus“, ihren Schulalltag und die lebendig-interaktive Beziehung mit ihren Lehrer*innen und Mitschüler*innen verloren. Der Schock ist groß.

Was ist die Chance? 

Die Chance ist, die Kinder in diesen Krisenmonaten erfahren zu lassen, dass die Schule ihr Freund ist, ein Backup-System, ein Kreis aus wohlgesonnenen Begleiter*innen, die vermitteln, dass Lernen Spaß macht. Ein System, das Erleichterung bringt, unterhaltsam ist und Langeweile vertreiben kann. Diese Chance nicht zu nutzen wäre nicht nur schade, sondern könnte sich als bedrohliches Szenario für den Familienalltag in Zeiten der Coronakrise herausstellen. Darum müssen wir Eltern, Direktor*innen und Lehrer*innen mit konstruktiv-kritischem Blick auf Weisungen von Bildungsdirektion und Bildungsministerium schauen. Weisungen, die dahin gehen, dass am Ende dieser Zeit das „Ergebnis“ der zuhause für die Schule erbrachten Leistungen bewertet wird und in die Note miteinfließen könnte. Die Auswirkungen solcher Weisungen können aber, in einer Ausnahmesituation wie dieser, auch zur Destabilisierung vieler Familien beitragen.

Zu allererst ist in diesem Appell wichtig ein Verständnis für beide Seiten zu generieren:

Verständnis für alle Lehrer*innen und Direktor*innen, die sich für ihre Schüler*innen bemühen, das Richtige zu tun und ihr Bestes geben, sowie für alle Eltern, die ebenfalls bemüht sind das Richtige zu tun und ihr Bestes geben.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auf die Schulen schauen, die es den Schüler*innen, durch raschen Kontakt und Vermitteln von Strukturen, ermöglichen eine Art von Sicherheit, Normalität und Orientierung zu erfahren, um weiter lernen zu können.

Dankbar und mit großem Respekt können wir auch auf alle Eltern schauen, die ihren Kindern jetzt Mut zusprechen, Gespräche führen und ihnen ein entspanntes, sicheres Zuhause bieten.

ABER muss es nicht der Hauptfokus in einer solchen Krise sein, emotionales Verdauen in den Vordergrund zu stellen, Quality Time miteinander zu haben, Entspannung zu generieren und die Kinder auf diese Weise seelisch gesund zu halten? Wenn wir als Eltern durch Weisungen und Verpflichtung zu konkreten Leistungen auch noch Kontrollinstanz für unsere Kinder sein müssen, kann nichts gutes dabei herauskommen. Im Gegenteil.

Manche Familien sind glücklicherweise von diversen Ressourcen gestärkt, haben Unterstützung, weil mehrere Erwachsene im Haus sind, weil sie Zugang zu Garten oder Wald haben, oder weil es ihnen ihre Bildung oder Charakterstruktur erlaubt, Autoritäten zu hinterfragen. Weil sie nicht allen Weisungen Folge leisten und eigene Prioritäten setzen. In solchen Familien wird der Druck zu lernen vermutlich nicht zu groß werden und dadurch wird Raum entstehen für die Entfaltung von kindlicher Kreativität. Aber bei Weitem nicht alle Familien sind so begünstigt.

Denken wir nur an Alleinerziehende, die vielleicht sogar mit mehreren Kindern aus unterschiedlichen Klassen in der Stadt in kleinen Wohnungen zusammenleben und nicht wirklich hinaus können. Denken wir an Eltern, deren Einkommen von heute auf morgen wegbricht. Eltern, die derzeit versuchen von zuhause aus zu arbeiten und dies nicht tun können, weil sie 24/7 von den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Kinder umringt sind. Denken wir an Eltern, die sich nicht trauen Autoritäten herauszufordern, und den Druck unhinterfragt an ihre Kinder weitergeben.

Es bräuchte nun extra Präsenz, Konzentration, Zeit und Verfügbarkeit um die Kinder zu Hause bei schulischen Aufgabenstellungen zu begleiten. Viele Eltern können dies jedoch  in der momentanten Krisensituation nicht aufbringen.

Eltern sind gezwungen die Rolle der Lernbegleiter*innen zu übernehmen. Es gibt allerdings viele Eltern, die das langfristig überfordern wird und so gerät das emotionale Gleichgewicht vieler Familien zusätzlich ins Wanken. Wir müssen  in dieser speziellen, von begrenzenden Erfahrungen geprägten Ausnahmesituation darauf achten, keine zusätzlichen belastenden Faktoren in den häuslichen Ausnahmealltag mit einzuladen. In Krisensituationen ist es ungemein wichtig, Erwartungen und Anforderungen herunterzuschrauben und nicht immer funktionieren zu müssen.

Wenn der Fokus in der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus auf Pflichterfüllung liegt, wenn es “einzuhaltende Abgabetermine” und Deadlines gibt und das “Sollen” und “Müssen” dominiert, als wären wir in einer normalen Alltagssituation, wird das viele Familien zusätzlich belasten.

Wir müssen uns konstruktive Sorgen um das emotionale Gleichgewicht in Familien machen. Ein Gleichgewicht, das dafür sorgen kann, dass Kinder seelisch möglichst unbeschadet aus dieser Notsituation heraustreten.

Wir stehen an der Schwelle zu kollektiv traumatischen Erfahrungen, vor allem in den kommenden Wochen, wenn die Krankheit näher – bei manchen bis ins Wohnzimmer – rücken wird, wenn Familienangehörige betroffen sein werden, Eltern oder Kinder erkranken oder die Großeltern, die im Sterben liegen, nicht besucht werden dürfen. In dieser Situation darf von Seiten der Schulen der Druck herausgenommen werden!

Aus Sicht der Krisenintervention ist es essentiell, ein gesundes Ebenmaß an Struktur und Freiheit zu etablieren. Das kann gelingen indem das Bildungsministerium in diesen Monaten auf die Idee von Leistung und Benotung verzichtet. Lehrkräfte müssen darin bestärkt werden, Aufgaben einladend zu beschreiben, Arbeitsaufträge offen zu lassen und nicht zu viele Aufgaben gleichzeitig zu vergeben. Sie sollen in der Kommunikation ermuntern, auch mal “frei” zu nehmen. Nehmen wir die Worte “sollen” und “müssen” aus dem Lehrplan-Vokabular und ersetzen sie durch “dürfen” und “ausprobieren”. Erinnern wir die Kinder, dass Lernen auch bedeuten kann, ein Kochbuch zu lesen und für die Familie zu kochen, Samen am Balkon anzupflanzen, Tagebuch zu schreiben, zu basteln, zu zeichnen, zu tanzen, Musik zu hören, Spiele zu spielen oder lustige Lernvideos anzuschauen.

Für Eltern könnte es eine Entlastung bedeuten, darin bestärkt zu werden, sich gemeinsame Entspannung zu gönnen, Zeit für Gespräche und Verarbeitung der Situation zu nehmen und von der Rolle der Lernkontrollinstanz freigesprochen zu werden. Diese Entlastung könnte sich auch positiv auf die natürliche Lernbereitschaft der Kinder auswirken.

Wollen wir wirklich, dass die Kinder am Ende dieser Krise unter enormen familiärem Stress ihre Aufgaben erledigt haben oder darf es jetzt  das Wichtigste sein, dass die Kinder fröhlich und von familiärem und schulischem Rückhalt gestärkt wieder zurück in die Schule kommen?

Die Autorin ist Mutter von drei Kindern im Schulalter.