Lesezeit: 4 Minuten

Wie wird mit dem Thema psychischer Gesundheit an deiner Schule umgegangen?

Sarah*: Unsere Direktorin hat sich darum bemüht, Unterstützungspersonal an die Schule zu holen und auch zu halten. An jeweils 3 Tagen pro Woche ist eine Schul-Sozialarbeiterin sowie eine Beratungslehrerin und an 3-4 Tagen eine Jugend-Coach da. Dieses Personal beschäftigt sich auf Anfrage der Lehrpersonen und/oder in Absprache mit der Direktion mit Schüler:innen. Anlässe dafür gibt es viele, meistens kommt das Unterstützungspersonal meiner Wahrnehmung nach aber dazu, wenn es einen negativen Vorfall mit den betreffenden Kindern und Jugendlichen gab. Dies ist meiner Einschätzung nach auf die begrenzten Ressourcen, die dem Unterstützungspersonal zur Verfügung stehen, zurückzuführen, obwohl Prävention in der emotionalen und sozialen Arbeit effektiver als Reaktion ist.

Seit April kooperieren wir außerdem einmal wöchentlich mit einem Verein, der mit Kindern arbeitet, die durch Krisen und Krieg eventuell traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Zudem arbeiten an unserer Schule 4 Integrationslehrer:innen, die sich in Integrationsklassen um besondere Lernbedürfnisse der Schüler:innen kümmern. Diese Klassen sind im besten Fall kleiner als die anderen Klassen, damit die I-Lehrer:innen sich wirklich mit den Kindern beschäftigen können.

Last but not least kommt einmal pro Woche Personal vom MIT (= multikulturelles Integrationsteam) an unseren Standort.

Elisabeth*: Wir haben 12 Wochenstunden Unterstützung von einer Psychagogin und genauso viele von einer Schulsozialarbeiterin. Wir haben ca. 270 Schüler:innen und mindestens ein Drittel würde permanente Betreuung brauchen. Die Gründe sind unterschiedlich. Entschieden wird bei Erstgesprächen nach Dringlichkeit. Aus der Sicht der beiden Fachfrauen durchaus einleuchtend, weil die Ressourcen beschränkt sind. Aus der Sicht der Schüler:innen, denen es schlicht und einfach nicht gut geht, warum auch immer, eine Katastrophe. Auch wenn uns als Lehrer:innen auffällt, dass es einem Schüler oder einer Schülerin nicht gut geht, müssen wir damit rechnen, dass nicht zeitnah geholfen werden kann.

Im Kollegium sind die Ansichten in Bezug auf psychische Erkrankungen durchaus geteilt. Es gibt jene, die nur wenig Einfühlungsvermögen haben. Die im Jahr 2024 immer noch der Meinung sind, die Schüler:innen sollen sich einfach zusammenreißen. Genau bei diesen Kolleg:innen wird die Arbeit der Beratungslehrerin meistens argwöhnisch betrachtet. Auch der Verdacht wird laut geäußert, dass sich die Kinder nur vor den Unterrichtsstunden drücken wollen. Andere Kolleg:innen erkennen die Nöte der Mädchen und Jungen und agieren dementsprechend.

Hat sich dabei in den letzten Jahren etwas verändert?

Sarah: Ich bin erst seit 3 Jahren an der Schule. Seitdem arbeiten die selben Unterstützungspersonen an unserem Standort. Das ist natürlich sehr hilfreich, weil ich glaube dass eine gute Zusammenarbeit Zeit und Routinen braucht.

Vorher wechselten die Unterstützungspersonen nach Angaben von Kolleg:innen häufiger, auch weil z.B. die Sozialarbeit an einer Schule andere Rahmenbedingungen vorgibt als die Arbeit in einer betreuten Wohngemeinschaft.

Es fällt uns schwer zu beurteilen, ob die psychische Belastung von Kindern in den letzten Jahren, z.B. durch die Schulschließungen durch Covid-19, zugenommen hat. Unverändert hoch ist jedenfalls die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen, die von sozialer Ungleichheit und Rassismus betroffen sind. An einer Schule wie unserer, wo über 90% der Kinder Erfahrungen mit Migration und Armut haben, konzentrieren sich diese beiden Lasten leider auf den Schultern vieler Schüler:innen.

Elisabeth: Ja, die psychischen Probleme werden mehr. Ich persönlich glaube, dass das immer noch die Nachwirkungen der Corona-Zeit sind. Aber auch die Bereitschaft unserer Schüler:innen offen über psychische Probleme zu reden, ist gewachsen. Umso schlimmer ist, dass wir sie oft auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten müssen. Oder wir verweisen auf Fachleute, die nicht in der Schule arbeiten. Das stellt aber für viele ein Hindernis dar. Außerhalb der vertrauten Umgebung wird nicht gerne um Hilfe gebeten.

Bekommt ihr die (externe) Unterstützung, die ihr benötigt?

Sarah: Es ist sehr gut, dass wir das genannte Unterstützungspersonal an der Schule haben. Allerdings wäre es wichtig, dass dieses Personal genügend Stunden, Räume und Ressourcen zur Verfügung hätte, um bereits präventiv, nicht erst in Reaktion auf einen negativen Vorfall, zum Einsatz zu kommen. Denn es muss betont werden, dass Kinder, die ihre psychische Belastung nicht durch auffälliges Verhalten äußern, sondern sich zurückziehen, eventuell von Lehrpersonen und Unterstützungspersonal übersehen werden.

Elisabeth: Wir bräuchten einfach mehr niederschwellige, mehrsprachige Hilfsangebote an der Schule. Externe Hilfe zu bekommen, darf nicht „ewig“ dauern. Wir brauchen in dieser Richtung auch gezielte, mehrsprachige Elternarbeit. Viele unserer Eltern haben große Scheu, wenn es um die psychische Gesundheit ihrer Kinder geht. Auch da fehlt es an Unterstützung. Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung, dass Mehrsprachigkeit bei den Beratungslehrer:innen und Schulsozialarbeiter:innen enorm wichtig ist.

Wie siehst du deine Rolle als Lehrperson, um deine Schüler:innen in ihrem Wohlbefinden zu unterstützen?

Sarah: Ich denke, dass ich als Lehrperson im Klassenzimmer auf Struktur, Sicherheit und ein wertschätzendes Klima achten muss, damit die Belastungen, die Kinder von außen mitbringen, nicht noch durch den Besuch der Schule verstärkt werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass es im Unterricht und in den Pausen so ruhig sein soll, dass sich alle wohl und sicher fühlen. Lernen ist neurowissenschaftlich gesehen übrigens überhaupt erst dann möglich. Ich bemühe mich, den Kindern den Unterrichts- und Schularbeitsstoff transparent, verlässlich und auf Augenhöhe zu vermitteln, um ihnen Stress durch Schularbeiten zu ersparen. Es muss darüber hinaus Raum für Kinder geben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, kleine Fehler im Sozialverhalten zu machen und aus ihren Fehlern zu lernen. Soziales Lernen ist ebenso ein Schulfach wie Mathematik und wird im besten Fall fächerübergreifend vermittelt.

Zu meinem Selbstverständnis als Lehrperson gehört außerdem die Kooperation mit dem Unterstützungspersonal. Das heißt zum Beispiel, dass ich mir Zeit nehme, um über Fälle in der Klasse zu sprechen, mir anzuhören, was Sozialarbeiterin und Beratungslehrerin berichten und Erkenntnisse gegebenenfalls im Umgang mit dem Kind oder Jugendlichen zu implementieren. 

Ein echter Spagat ist es, auf Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen und trotzdem Schritt mit Schularbeiten und Abgabeterminen zu halten. Diesen Spagat schaffe ich manchmal nicht und verlasse das Klassenzimmer in dem Wissen, dass ich den Kindern Unmögliches abverlange. Aber statt mich selbst zu kasteien habe ich begonnen, meine Kritik am Schulsystem, nicht an Individuen, zu formulieren. Die fällt immer drastischer aus und reiht sich in einen seit Jahren bestehenden Kanon ein. Das Schulsystem in Österreich gehört zu den teuersten auf der ganzen Welt, bringt aber nur mangelhafte Ergebnisse.

Elisabeth: Klar gehen Lehrer:innen auch an ihre Grenzen, wenn Schüler:innen, die psychische Probleme haben, in ihren Klassen sind. Es erfordert ein hohes Maß an Sensibilität von Seiten der Lehrkräfte. Und die Frage aller Fragen, die wir uns stellen müssen, ist, ob wir im Stande sind zu helfen. Ich persönlich hole mir in solchen Fällen Rat von Expert:innen. Klar, ich will helfen. Ich kann zuhören und auch vermitteln. Ich verbalisiere das auch, wenn Schüler:innen sich mir anvertrauen. Ich sage klar, wenn ich mich überfordert fühle. Und in Wahrheit zeige ich damit, dass es okay ist, sich Hilfe zu holen.

Wir haben viel Nachholbedarf in Bezug auf die psychische Gesundheit unserer Schüler:innen. Es gibt viel zu tun.

*Namen von der Redaktion geändert.

Beide Lehrer:innen unterrichten an Mittelschulen in Wien.

Lesezeit: 3 Minuten

Besonders in Zeiten des Lehrermangels, wäre ein stabiles Internet an Pflichtschulen hilfreich. Lehrvideos, online Quizze und eAufgaben. Das Internet und die darin enthaltenen Möglichkeiten bieten Lehrerinnen und Lehrern besonders bei kurzfristigen Supplierstunden, aber auch bei langfristigen Projekten und aktuellen Themen eine nicht durch Lehrwerke zu ersetzende Ressource an realistischem und lebensnahem Material. Deshalb haben die Neos seit 2020 alle Wiener Mittelschulen mit einem WLAN ausgestattet. Die Idee ist großartig, die Umsetzung leider defizitär.  

Pflichtschullehrerin: Maximale Flexibilität gefragt

Eine junge Pflichtschullehrerin erzählt aus ihrem Alltag: 

„Stellen Sie sich vor, Sie stehen um 11:05 Uhr in einem Raum mit bis zu 25 jungen Menschen. Ihr einziges Hilfsmittel ist eine grüne Tafel, Kreiden und Ihre Stimme. Seit 8:00 Uhr ist die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit der Menschen im Raum rapide gesunken, sinnvoll wäre nun eine interaktive Tätigkeit oder ein ansprechender visueller oder auditiver Input – jedenfalls etwas anderes als Frontalunterricht. Sie vertreten als Englisch-Lehrerin eine Stunde Geschichte und Soziales oder Physik und Chemie, haben verständlicherweise nur basale Kenntnisse der Materien und hatten keine Zeit für Unterrichtsvorbereitung, denn Sie wissen erst seit heute Morgen von Ihrem Einsatz. Sie kennen die Klasse nicht, wissen aus Ihrem Studium (und ihrer Lebenserfahrung), dass soziale Interaktion grundlegend auf Beziehungsarbeit aufbaut. Sie haben nun 50 Minuten Zeit. Was würden Sie tun?“

Jahrzehntelange Überlastung des Lehrpersonals und defizitäre digitale Ausstattung der Pflichtschulen werden immer deutlicher sichtbar

„Eine weitere Kollegin an einer Wiener Pflichtschule fällt gesundheitsbedingt auf unbestimmte Zeit, vermutlich für immer, aus. Damit wir übrigen KollegInnen ihre 22 Unterrichtsstunden kurzfristig supplieren können, brauchen wir zumindest leistungsfähiges Internet, um spontan wenigstens mal ein Lehrvideo zeigen oder andere unterhaltsame Lehrangebote nutzen zu können.“, berichtet eine junge Kollegin aus ihrem Schulalltag an einer Wiener Mittelschule. 

Sie fordert: „Die Aufgabe der Wissens- und Kompetenzvermittlung, vermeintlich Priorität im Schulsystem eines Wohlstandslands, nach Ansicht der Mehrheit in Fachkreisen weit hinter der täglichen Sozialarbeit, Administration und technischer mehr-schlecht-als-recht-Problemlösung. Das österreichische Schulsystem, eines der teuersten in Europa, lässt unzählige Potentiale von Menschen – Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – brach liegen. Nach jahrelanger Tätigkeit im Schulzirkus sind viele zwar Multitalente, aber keine Zauberer. Wir können flexibel sein, aber wir brauchen Hilfsmittel – zumindest mal Internet und digitale Medien wie Beamer und Audio-Boxen. Eines bauen viele Lehrer- und SchülerInnen ganz gewiss aus: Eine unschlagbare Resilienz und das Vertrauen zu wohlmeinenden Lehrkräften und Vorgesetzten. Fragt sich nur, ob dieses Vertrauen später auch in andere öffentliche Institutionen weitergeführt wird, wenn die strukturelle Vernachlässigung des Schulbetriebs tagtäglich sichtbar wird. Der Personalmangel, nicht nur LehrerInnen, sondern bitte endlich auch administrative, technisch versierte und sozial kompetente Kräfte, wird von Tag zu Tag drängender und jahrzehntelange schwelen. Öffentliche Stellen müssen jetzt wenigstens einen Quick Fix liefern: Wir brauchen sofort flächendeckend stabiles Internet!“ 

Folgende Beobachtungen konnte sie in den letzten Jahren machen:

  • Viele der praktizierenden PflichtschullehrerInnen leiden unter den immens gestiegenen Anforderungen ihres Berufs und können kaum Schritt halten (Digitalisierung, Diversität der SchülerInnen und KollegInnen sowie rasante politische und gesellschaftliche Entwicklungen). Manche reagieren mit Verschlossenheit, viele mit körperlicher und psychischer Überlastung. „Ich habe Ticks entwickelt, um gewisse Stresssituationen in den Pausen zu bewältigen“, legte mir gestern, Mitte Mai, eine BU- und Mathelehrerin im Lehrerzimmer dar.
  • Um die Diversität der SchülerInnen und LehrerInnen (Hintergründe, soziale Kompetenzen und Potentiale) nutzbar zu machen, müssen alle flexibler agieren, um im Unterricht zu differenzieren.
  • Die hohe Fluktuation unter SchülerInnen, insbesondere aber auch LehrerInnen (Krankheit, Jobwechsel etc.), bedingt eine reibungslose, auch digitale Zusammenarbeit und Dokumentation, um effizient zusammen- und weiterzuarbeiten und Fortschritte in der Wissensvermittlung und Sozialarbeit nicht wieder und wieder zu wiederholen.   

Antworten auf diese Herausforderungen gibt es im Grunde genau zwei:

  • Wir brauchen an den Mittelschulen mittel- und langfristig ausreichend qualifiziertes und vielseitiges Personal. Neben engagierten Lehrkräften müssen ENDLICH auch Stellen für administrative, sozial und technisch versierte Kräfte geschaffen werden (pro Schulstufe à 4 Klassen mindestens 1 Stelle für Technik & Administration sowie 1 Stelle Sozialarbeit) 
  • Wir brauchen sofort, um den drastischen Personalmangel abzufangen, stabiles und leistungsfähiges Internet. 

Die Krankenstände unter Lehrkräften an Mittelschulen sind hoch. Unterricht findet quasi nie so statt wie es der Stundenplan vorgibt. Diese maximale Flexibilität fordert uns Lehrkräfte enorm, weil zu einer guten (=reibungslosen) Unterrichtsstunde vor allem Beziehungsarbeit und Vorbereitung gehört.

Dass mir als Junglehrerin stündlich das Internet ausfällt und ich unmöglich auf zahlreiche wertvolle Online-Ressourcen zugreifen kann, ist das eine. Dass länger praktizierende KollegInnen nach jahrzehntelanger Überlastung reihenweise ausfallen, ist das andere.

Es wird möglicherweise Jahrzehnte dauern, bis die drastischen Engpässe in den Lehrerzimmern überwunden und genügend qualifizierte Kräfte nachkommen. Bis dahin muss alles getan werden, um den verbliebenen Kräften das Unterrichten so effizient und so einfach wie möglich zu machen. Wir leben im 21. Jahrhundert und während die Welt mit Chatrobotern kommuniziert kann sich maximal die Hälfte einer Pflichtschulklasse pro Stunde mit dem Schul-WLAN verbinden. Wir brauchen stabiles Internet. Anders ist Unterricht in Zeiten des Personalmangels undenkbar.

Für den Beitrag sprachen wir mit einer Wiener Mittelschullehrerin.

Lesezeit: 3 Minuten

Dienstag, 07.09. Konferenz: Die ersten Kolleg*innen brechen in Tränen aus. „Was ist eine CSV Datei? Wie sollen wir das machen? Was heißt umformatieren? Ich kann das nicht!“ Jahrzehnte der vernachlässigten digitalen Kompetenz brechen nun auf sie herein, wie eine Lawine, ein Erdbeben oder ein Tsunami. 

Ein neues Schuljahr, ein neuer Herbst, ein neues Chaos. Wie schon im letzten Jahr spüren wir Lehrer*innen, dass die Regierung im Sommer besseres zu tun hatte, als ein funktionierendes Sicherheitskonzept für die knapp eine Million Schüler*innen Österreichs zu erstellen – dürfen ja eh noch nicht wählen. 

Jetzt wird gespült. Zweimal wöchentlich über eine Plattform, die für wenige Nutzer*innen täglich konzipiert war. Das Anmelden ist eine Geduldsprobe, jede vierte Anfrage führt weiter. Mit etwas Glück. Dass unsere Schüler*innen mit 10 oder 12 Jahren selten ihre e-card mit sich führen, geschweige denn ihren Reisepass oder Personalausweis, dass viele von ihnen weder Mobiltelefon noch eine funktionierende Kamera haben, sind Nebensächlichkeiten. Dass wir von den Eltern mal die nur in Deutsch ausgesandten Einverständniserklärungen unterschrieben zurückbekommen – unser Problem. 

Dass wir im Unterricht nun montags und mittwochs mit drei Kolleg*innen gut 120 Minuten benötigen, die wir gerne auch mit dem Aufholen der verpassten 1,5 Jahre verbringen würden, um 25 Kindern beizubringen, wie man durch einen Pappstrohhalm in ein Reagenzglas spuckt – who cares? Längst sind wir keine Pädagog*innen mehr, die sich um die Zukunft des Landes kümmern sollten, sondern Betreuer*innen (Lockdown 2 und 3 für die Kinder, die zuhause nicht lernen können), Krankenschwestern (die sich gerne die Naseninhalte der Schüler*innen zu Gemüte führen, Antigentest in 2020/2021) und medizinisches Personal (PCR und Nasenbohrertest Schuljahr 2021/22). Im Vergleich zu den gut geschützten Testpersonen in Teststraßen und Apotheken stehen wir im Klassenzimmer auf engstem Raum mit quantitativ begrenzten Papierhandtüchern etwas erbärmlich aus. Aber was soll’s? Wat mutt, dat mutt! Sagt der Hamburger und wir glauben ihm. 

Der Effekt lässt nicht lange auf sich warten. Die meisten Klassenvorstände haben mittlerweile 10-15 ihrer Freizeitstunden geopfert, sieben Datensätze von 25 Kindern in ein ständig überlastetes System eingegeben (Name (keine Umlaute!!?), Vorname, Adresse (aber bitte ohne Bindestrich und Schrägstrich – doof nur, dass unsere Kinder alle 61-96/41/7 wohnen und die Namen aus Umlauten bestehen), Sozialversicherungsnummer (leider wurde hier für geflüchtete Kinder irgendwann der 13. Monat eingeführt, um von dem ständigen 01.01. wegzukommen und so sind die Sozialversicherungssnummern mancher unserer Kinder XXXX011309, welche aber im System nicht auszuwählen sind – noch hat das österreichische Bürokratiejahr keinen Monat 13, die Kinder sind aber klar stigmatisiert fürs Leben), E-Mail Adresse, aber bitte nicht die der Kinder unter 14 Jahren, doof nur, dass die Eltern oft keine haben…!, Postleitzahl, Ort, Geburtsdatum – bitte in Übereinstimmung mit der Sozialversicherungsnummer. Die Mails, die ich an den Support von Lead Horizon sende, kommen mit „unzustellbar“ zurück, die Dame, die ich irgendwann über die Hotline erreiche, bietet mir sehr freundlich an, dass ich ihr die Datensätze zusenden könne – was mich als Lehrerin aber den Job kosten könnte, da ich Kinderdaten nie weitergeben darf, und zum Geburtsdatumsproblem meint sie: Hm, das habe sie aber noch nie gehört, ich könne ja einfach eines erfinden…. Welcome to my reality – Mittelschule Wien. 

Fünf Schultage also, sechs positive Fälle, vier Klassen in Quarantäne – und die Schulen im Westen haben noch nicht mal angefangen. 

Wir testen also weiter. Mal mehr mal minder erfolgreich im Erreichen der Plattform. 

Code 428 Too many requests! Really? Womit habt ihr denn gerechnet? Wenn sich eine Million Schüler*innen, Lehrer*innen und weiteres Bildungspersonal, Schulwarte, Sekretär*innen, Psychagog*innen, Sozialarbeiter*innen gleichzeitig am Montag- und Mittwochmorgen testen lassen müssen…? Wir stehen also eine halbe Stunde früher auf, in der Hoffnung, dass um 5:00 Uhr morgens noch ein Slot für uns frei ist, in den Klassen dauert es weiterhin knapp zwei Stunden, die Boxen in der Schule werden um 8:45 Uhr geleert, weshalb wir um 10:00 Uhr zum BIPA um die Ecke hechten….

Und dann gibt es noch die umgeimpften Kolleg*innen, diejenigen, die beim ersten COV-19 Fall K1 sind und in Quarantäne müssen, während die Geimpften zur Belohnung in der Schule Stellung halten dürfen. Mit den 2-5 geimpften Kindern…

Wer sich dieses System ausgedacht hat, stand noch nie in einer Klasse. Wer hier zugestimmt hat, ist dem österreichischen Bildungsalltag so fern, wie ein Alm-Öhi einer Kreuzberger Späti-Cornersession. Wie ein Binnensegler einer Atlantiküberquerung. 

Ja, wir lernen derzeit in der Schule. Wir lernen, dass wir immer als Letzte drankommen. Dass sich niemand so richtig um die Kinder schert. Dass der Bildungsminister in seinem akademischen Elfenbeinturm jeglichen Bezug zur Realität verloren hat und wir das unseren Kindern erklären müssen. Und die Kinder lernen auch. Dass ihre Lehrer*innen komplett überfordert, überfragt und ausgelaugt sind. Dass die „von oben“ vorgegebenen Konzepte leider nur schwer bis gar nicht realisierbar sind. 

Was das mit ihnen macht? Das werden wir in ein paar Jahren sicherlich sehen. 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 4 Minuten

Die Sommerferien sind vorbei, der Schulalltag hat uns alle wieder. Jetzt ist es an der Zeit über die Sommerschule zu berichten, die in diesem Sommer zum zweiten Mal stattgefunden hat. Zu Wort kommen eine Mutter, ein Lehrer und Mittelschul-Schüler*innen, die die Sommerschule besucht haben.

Medine, Sarah, Enes, Osman, Marco, Hadja, Liviana und Elisabeth*

Warum wart ihr in der Sommerschule?

„Meine Eltern haben mich gezwungen. Ferien sind besser.“

„Meine Eltern haben gesagt, wenn du willst, geh. Ich bin gegangen, weil ich meine Noten verbessern will.“

„Ich muss lernen!“

„Ich kann nicht gut Deutsch.“

Was habt ihr gelernt?

„Der Lehrer hat gefragt, wo ich Schwierigkeiten habe. Ich habe Deutsch gemacht, Mathe ist eh einfach. Ich habe Märchen und Geschichten geschrieben.“

„Wir haben Englisch und ein bisserl Mathe gemacht.“

„7 bis 11 Uhr lernen und dann eine Stunde Turnsaal.“

„Ich hatte die Artikel vergessen, also der die das, jetzt weiß ich es wieder.“

„Wir haben gelernt und manchmal gespielt.“

„Wir haben in Deutsch gut gelernt.“

Was gibt es sonst noch zur Sommerschule zu sagen?

„Sommerschule war eh chillig, besser als zu Hause sitzen oder nur im Park sein.“

„Eine Woche ist genug, nur Deutsch und Mathe.“

„Beim Seilziehen haben die Mädchen gewonnen, sie waren mehr.“

„Nächstes Jahr würde ich gehen, wenn es nur eine Woche ist.“

„Am Donnerstag haben wir was gebacken, das haben wir dann gegessen. Am letzten Tag waren wir im Prater.“

„Am ersten und zweiten Tag waren wir alle schüchtern. Am dritten Tag sind wir wieder normal gewesen. “

„Es waren alle urverrückt, die waren wie unsere Klasse.“

„Manche haben geschlafen die letzten zwei Wochen. Und wir sind so um sechs oder sieben Uhr aufgestanden. Wir haben Glück, dass wir früher begonnen haben, vor dem Schulbeginn.“

Frau Berger

Frau Berger ist Mutter von drei Kindern, ihre beiden Töchter wollten oder sollten die Sommerschule besuchen.

„Zwei meiner drei Kinder wurden oder waren in der Sommerschule angemeldet, wie immer man das nennen möchte. Bei der Älteren ist es gleich schiefgegangen, entweder hat sie die Anmeldung nicht direkt abgegeben oder sie ging tatsächlich „verloren“. Ich hatte als Mama jetzt nicht direkt eine Handhabe/Kontrolle darüber. Dafür ist sie jetzt für einen Haufen Geld in einem renommierten Nachhilfeinstitut, sie hat zwei Nachprüfungen. Bei der Jüngeren kam die Teilnahmebestätigung nach laaaaaaanger, absoluter informationsloser Funkstille am 16. Juli daher. Und nun hatten wir das Pech, dass sie in der dritten August-Woche unerwartet ins Krankenhaus musste. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, meine Tochter fünf Tage nach dem Krankenhausaufenthalt gleich wieder in die Schule zu schicken. Ich habe sie krank gemeldet. Jetzt kann sie gar nicht mehr hingehen, weil das Konzept offenbar auf „alles oder nichts“ ausgerichtet ist. Es müssen alle zwei Wochen besucht werden, weil es angeblich ein projektbezogener Unterricht sei. Prinzipiell verstehe ich das schon, aber für meine Tochter ist diese Situation mehr als doof. Ich wollte, dass sie, ob ihrer Zensuren, zumindest eine Art Update in der Sommerschule bekommt. Die Alternative ist, dass sie, so wie ihre Schwester auch die Dienste des Nachhilfeinstituts, wieder für einen Haufen Geld, im Gegenstand Mathematik in Anspruch nehmen muss.

Mein Fazit ist, organisatorisch ist es mit der Sommerschule eher mühsam und undurchsichtig. Fast habe ich den Eindruck, man möchte Menschen dafür strafen, dass sie ein Gratis-Angebot in Anspruch nehmen wollen. Online gibt es kaum Informationen. Auf meine schriftliche Anfrage, wie denn die Vorbereitung auf eine Nachprüfung erfolgen würde, kam eine unbrauchbare Antwort zurück. Als schwierig hat sich die Korrespondenz im Allgemeinen herausgestellt. Bei sämtlichen Mails musste ich zuerst einmal unendlich lang scrollen, bis ich zur eigentlichen Antwort gelangt bin. Es gäbe sicher die Möglichkeit, das Ganze auch über eine Online-Plattform übersichtlich und damit benutzerfreundlicher zu gestalten. Schließlich sollte doch die Ambition sein alle Familien, unabhängig vom Bildungshintergrund, zu erreichen. Was uns bleibt, ist das Nachhilfeinstitut, das uns das Gefühl vermittelt, man würde sich um unsere Anliegen kümmern. Warum das die öffentliche Hand nicht schafft, frage ich mich schon. Vielleicht soll Eltern vermittelt werden, dass sie selbst an schulischen Problemen ihrer Kinder schuld seien. Für uns war es das dann mit Sommerschule, fürchte ich.“

Benjamin ist BHS-Lehrer in Wien

Sommerschule. Eine interessante Erscheinung der Coronapolitik. Angedacht, um Schüler*innen eine zusätzliche Lernmöglichkeit angesichts des Corona Lockdowns im Frühjahr zu bieten. Letztes Jahr wurde sie an unserer Schule (HAK) von Studierenden durchgeführt. Dafür bekamen sie ECTS Punkte. Sie konnten es als EC (Wahlfach) anrechnen lassen. Ich glaube, es war grundsätzlich ein smarter move vonseiten des Bundesministeriums. Günstigere Arbeitskräfte gibt es wohl kaum.

Heuer wurde sie von schuleigenen Lehrer*innen organisiert und gehalten, entgeltlich. Die Bereitschaft im Kollegium hielt sich in überschaubaren Grenzen. Einige wenige meldeten sich nach persönlicher Anfrage. Für die 1. und 2. Jahrgänge der HAS und der HAK wurden Kurse gestaltet. Deutsch, betriebswirtschaftliche Fächer und Mathe bildeten die Schwerpunkte. Schüler*innen erhielten je nach Jahreszeugnisnote und persönlichem Anraten der entsprechenden Fachlehrer*innen eine Einladung. Freiwilligkeit war das Stichwort. Mit Druck wurde sie erreicht. Einige nahmen es dankend an, andere sträubten sich stärker. Unmut gab es vonseiten der Schüler*innen vor allem hinsichtlich des Aufbaus. So mussten Schüler*innen die ganze Woche mehrere Fächer besuchen, obwohl sie nur in Rechnungswesen verstärkten Lernbedarf bzw. eine Einladung bekommen hatten.

Die Durchführung selbst verlief aus meiner Sicht gut. Das Angebot wurde von jenen, die kamen – und das waren doch 2/3 – wohlwollend und gut gelaunt angenommen. Auch meine Kolleg*innen berichteten von einem positiven Lernklima und einer sichtbaren Lernbereitschaft. Ob jedoch eine Woche mit je 4 Stunden Übungszeit entsprechende Wissenslücken schließen, stelle ich stark in Zweifel. Vielmehr ist es, wie so oft in der Bildungspolitik, ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine Symptombekämpfung statt einer Systemänderung.

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Lesezeit: 7 Minuten

Anmerkung: Bei den Schreibarbeiten zu diesem Text kam niemand zu Schaden. So soll es auch beim Lesen sein. Ein etwas anderer Blickwinkel kann aber derzeit nicht schaden. Wenn sich jemand gekränkt fühlen sollte, dann bittet der Autor vorbeugend, nicht nachtragend zu sein, denn dies ist keineswegs die Absicht des Textes.

Der ewige Lockdown

Nun befinden wir uns gefühlt in einem sich selbst ewig verlängernden Lockdown, der nicht wenige bereits in ein Down lockte. Die Maßnahmen sollen noch härter werden. More of the same. Wir werden sehen. Vielleicht wird’s ja noch ein Stopp and Go. Wenn dann die Frisörläden hoffentlich Sommer 2047 wieder dauerhaft ihre Pforten öffnen, benötige ich dringend einen Locken-down, denn die ewigen Corona-Dauerwellen spiegeln sich derweil in meiner Coronafrisur wider, die gerade noch für das Home Office geeignet zu sein scheint. Ich überlege mittlerweile, ob ich nicht das Feature „Mein Erscheinungsbild retuschieren“ aktiviere.
Mein Bart ist auch brav rasiert, die FFP2-Maske fordert Tribut. Vorher sah ich einem Mann ähnlich, jetzt mit der Maske eher einer um Luft ringenden, gerade aufgetauchten Ente. Ich hoffe, meine Schüler*innen erkennen mich wieder, wenn ich sie in der Schule irgendwann treffe.
Ich watschle mit meinem Lockdown-Gewicht und Locken-Gesicht zum Spiegel, überlege mit einer Mischung aus Amüsement und schleichendem Stechschmerz ob des Anblickes folgendes Gedankenexperiment:

Unser Land als Schulklasse

Wie wäre es, wenn wir unser Land mal als Schulklasse betrachten würden? Eine Schulklasse, die unsere Gesellschaft widerspiegelt. Alle Altersstufen, Geschlechter, Religionen usw. kommen ihn ihr vor. Die Regierung: Das wären dann die Pädagog*innen und die Klassenlehrer*innen. Die Schulleitung repräsentiert übergeordnete Stellen. Nun kann ich mich noch sehr gut erinnern, dass ich bei meiner Ausbildung zum Pädagogen unzählige Male lernte, dass Angst – und Schuldpädagogik einer grauen Vergangenheit angehören würden. Differenzierung wäre das Maß der Dinge und eine neue Fehlerkultur wäre neben positiver Motivation Teil des pädagogischen Lern- und Erfolgskonzeptes. In dieser pädagogischen Ausrichtung wären unsere Kinder und Jugendlichen Hoffnungsträger, junge Menschen, die als mündige Bürger in eine freie Demokratie begleitet werden sollten. Alles andere würde zu einem negativen Lernklima führen und das Lernpotential wäre gehemmt. Nun, wie sieht es derzeit aus? Haben wir diese „Lehrer mit Klasse“ im doppelten Sinne?

Die großen Werte in Zeiten von Corona

Um gleich auf den Punkt zu kommen, ich beobachte Folgendes: Diese großen Werte wurden mit der Corona-Krise über Bord geworfen bzw. umgedeutet. Alte Werte sind das neue Maß. Das Kind wurde nicht nur sprichwörtlich, sondern buchstäblich mit dem Bade ausgeschüttet. Gleich zu Beginn der Krise fand sich das spektakuläre interne Strategiepapier der deutschen Regierung. Wenn wir bei unserem Vergleich bleiben, dann wäre dieses wie der neue „pädagogische Maßnahmenkatalog“ des fiktiven Bildungsministeriums für unsere Schulklasse. Nun, was findet sich in diesem? Unter 4a werden „Worst-case-Szenarien“ als Mittel der Wahl empfohlen. Qualvoller Erstickungstod, arbeiten mit Urängsten, Schuld am Tod der Großeltern usw. werden als pädagogische Schock-Maßnahmen in diesem staatlichen Lehrplan beworben. Das Papier ist eigentlich eine verdeckte Wegkarte zum Traumatherapeuten der Wahl. Diese neuen Richtlinien spiegeln sich in den Unterrichtsmedien wider, die die Schüler*innen, also wir alle, konsumieren.
Die medialen Beiträge richten nach unten, statt aufzurichten. Und das stündlich, täglich – seit Monaten.

Die neue Expertokratie

Expert*innen werden zu Rate gezogen. So viel, dass wir von einer Expertokratie der ewig selben Expert*innen sprechen können. Gut, die Lage ist prekär. Die Schule kennt diese Vorgehensweise mit Expertisen nur allzu gut, besonders dann, wenn Expert*innen ihre Einschätzung aus Elfenbeintürmen verkünden. Diese sprechen nun aber keine tröstlichen Worte, sondern Monate hindurch wiederkehrende drostliche. Und natürlich irgendwie weltfremde. Eine einzige tröstliche Botschaft in all den Monaten? Fehlanzeige. Ausschließlich drostliche.
Ich merke meine Sehnsucht nach positiven, differenzierten Beiträgen, nach denen ich mich recke und strecke. „Bist du noch bei Drosten, Gates noch?“, muss ich mir daraufhin von empörten Mitbürger*innen anhören. In der Klasse herrscht ausschließlich Frontalunterricht. Keine Differenzierungsmaßnahmen mehr. Klassenfahrten, Praktika, Sprachreisen, Schullandwochen usw. werden gestrichen. Andere Klassen dürfen nur in Ausnahmefällen besucht werden. Besonders über die Schwedenklasse lästert man. Die Klassenkassa dünnt langsam aus. Der Kompetenzkatalog wird gerade noch abgehakt. Immerhin sollen wir noch funktionieren.

Ab nach Hause!

Aufgrund der Gefahr für die älteren und vorbelasteten Schüler*innen werden nun alle Schüler*innen nach Hause geschickt. Fernlernen ist angesagt. Eine ältere Klassenkollegin meint: „Warum bleiben die Jüngeren nicht hier? Ich hab nichts davon, wenn die auch alle nach Hause müssen. Außerdem fehlt dann Geld in der Klassenkassa.“ Ihre Wortspende wird als unsolidarisch und zu wirtschaftsfreundlich abgeurteilt. Jeff, der mittlerweile die Schulbücherei und vieles mehr übernommen hat, lächelt, während er seine Bezos zählt. In die Klassenkassa zahlt er nichts ein. Wenn wir zu Hause brav sind, dann kommt auch das Christkind und später der Osterhase, wird uns erklärt. In Österreich werden sogar Babyelefanten zum Abstandhalten verschenkt. Später gilt der Bildungsminister als genormtes Abstandsmaß. Ein „Faßmann“ ist dann gleich so viel wie zwei Meter. Zwei Meter Abstand? Echt? Ich genehmige mir einen Flachmann.

Testen, testen, testen!

Weiterhin lernen alle dasselbe. Differenzierung zählt nun als unsolidarisch, das „Über- einen- Kamm-scheren“ als die neue Solidarität. Wer besonders heftig Angst verspürt, gilt ab jetzt als empathisch und wird hervorragend benotet. Generell dominiert nun, was in der Schule schon seit einigen Jahren gelebte Praxis ist: testen, testen und nochmals testen. Flächendeckend. Nach PISA nun der PCR-Test. Nach OECD nun WHO. Klassenrankings werden auf Dashboards im Dauertakt in den leitenden Unterrichtsmedien veröffentlicht. Die Tests sind teuer, die Stäbchen der neue Maßstab.

Umkehrung der Werte

Negativ gilt plötzlich als positiv. Die alten Werte sind die neuen. Die ehemals hinten rechts Sitzenden kämpfen zur Überraschung der Freiheitsliebenden aggressiv für Grund- und Präsenzrechte. Die Kritischen, die früher gerne friedlich links vorne neben dem offenen Fenster saßen, müssen in Zukunft auch bei denen hinten rechts sitzen, meinen die Lehrer*innen. Moralisch sich upgradende Denker lesen nun ausschließlich Leitmedien. Die Welt ist kehrvert. „Sie sind mit Abstand die beste Klasse!“, läuft als Werbeslogan über die Bildschirme. Vor einem Jahr wäre diese Aussage noch positiv konnotiert gewesen. Jetzt isoliert uns diese Botschaft. Noch dazu kein Singen, Tanzen, Umarmen, laut Lachen, Feiern. Ein „Aerosolemio“ – und schon schwingen sich die Aeorosole zu einem Tröpfchencluster hoch.

Ökonomisierung der Schule

 „Wir sollten das lehren, was uns von Robotern unterscheidet“, hatte Jack Ma einmal gemeint, als er noch seine Meinung sagen durfte, ohne untertauchen zu müssen. Oder untergetaucht zu werden… Die Klasse, ja die ganze Schule wird ökonomisiert. Neue Leute geben den Ton an, wie die personifizierte Daueralarmglocke von Charité. Oder Bill, der neue Freund, der große Bruder und reiche Onkel. Er kennt sich bei Viren aus. Durch sie lassen sich nach Resets immer wieder neue, beherrschende Betriebssysteme verkaufen und implementieren. „Kann man Freunde kaufen?“, will jemand beim Fernlernen über Teams wissen, das irgendwie auch zu Bill gehört. „Nein, keine echten. Aber dafür der Titel Menschenfreund.“ „Kann man sich dann noch in den Spiegel schauen?“ „Oja, für 2,5 Millionen Dollar. Kein Problem.

Wir sind zu Virenträgern geworden, potentielle Gefährder

Die Jüngsten unter uns mutierten sogar vom Hoffnungs- zum Virenträger. Sie leiden, meist stumm. Selten an der Krankheit, oftmals an der Angst, Schuld und Einsamkeit. Sie tragen den Lockdown mit. Und sie tragen die Gesundheits-, die Schulden- und die Umweltlast. Zumindest in der Zukunft. Hoffentlich sind sie dann nicht nachtragend. Vorbeugend werden sie jedenfalls zuhause gelassen, viel zu viele finden sich jetzt in einem psychischen Knockdown wieder. Die Schulpsychologie muss immer wieder triagieren. Wie das Verlassen des Beichtstuhls empfinden einige das Gefühl nach einem negativen Corona-Test. Negativ ist gleichbedeutend mit einem sündenlosen Körper. Sind Virologen auch mutiert – zu unseren neuen Hohepriestern im weißen Kittel in heiligen Laboren, das patentierte Orakel namens PCR-Test befragend? „Wenn ich das Orakel mehr als dreißig Mal befrage, erhalte ich ziemlich sicher eine positive Antwort“, erklärt Robert, der gerade seine eigene Suppe in seinem Labor kocht.

Die Fehler-Politik

Stündlich erfahren wir, welche meist älteren Klassenkollegen wieder verstorben sind. Es ist sehr traurig. Das Durchschnittsalter beträgt über 80 Jahre, aber natürlich sterben manchmal auch Jüngere. Wir konzentrieren uns im Unterricht auf Todesfälle und Erkrankungen. Es ist beängstigend. Ich weiß noch, wie vor Jahren an den Schulen begonnen wurde, bei Tests die korrekten Ergebnisse zuerst auszuweisen, danach die Fehler. Unsere Corona-Lehrer*innen aber wurden von der Direktorin mit einem säuerlichen Lächeln angewiesen, ausschließlich die Fehler zu veröffentlichen. Die korrekten Antworten werden ausgeblendet. Die Verbesserungen auch. Alles wird von einem Experten – ich nenne ihn mal Johns – auf einer speziellen Tafel, einem sogenannten Dashboard, international ausgewiesen. Die Fehler wachsen und wachsen.
Der Ausblick ist düster. Positives Denken und Optimismus gelten mittlerweile als psychische Erkrankungen. Bei Fehlverhalten werden nun auch die Mitschüler*innen jedes Alters angehalten, dies unverzüglich der Schulleitung zu melden.

Ein neues Schulfach wird eingeführt: Virologie

Ökologie, Psychologie, Soziologie, politische Bildung, Geschichte werden vom Lehrplan gestrichen. Neue Wissenschaftlichkeit nennt sich dies. Orchideenfächer wie Musik, Sport und Werken werden abgeschafft. „Sind die alle verwirrt? Das ist doch ein lupenreiner Tunnelblick“, findet ein Klassenkollege. „Wir sind alle schon ver-virt“, gebe ich bei der Videokonferenz zur Antwort. „Bald haben wir einen Lach-down.“ Der Lehrer verwarnt mich, als ich noch von „Wirr-ologie“ und vom Wirt rede, den ich dringend brauche wie ein Virus. Als ich dann behaupte, Corona wäre mittlerweile mehr Spaltpilz als Virus, beschimpft er mich als Verschwörungstheoretiker und stummt mich. Der Lehrer erklärt dann noch, dass die Grippe heuer keine Chance habe. Ein Schüler, der ihn daraufhin „Influenza-Leugner“ nennt, wird auch gestummt. Eine Klassenkollegin, die gesteht, dass das Unter- und Nachrichten sie nach unten drücke, drückt der Lehrer weg. Neue Toleranz und Liberalität nennt er dies später. Da eh alles verdreht zu sein scheint, verdrehe ich die Buchstaben von Pfizer und öffne den Drehverschluss von meinem Zipfer.

Unter-richten statt aufrichten

Eine Zeitung im Süden Deutschlands interviewt Bill. Er freue sich schon auf die nächste Pandemie, meint er. Zehnmal stärker werde sie. Ich sehe ihn lächeln. Wieso weiß er das? Die neue Realität also. Unterrichten statt aufrichten. Das neue pädagogische Konzept. Wer dagegen aufbegehrt, gilt als empathielos und intelligenzfrei. Außerdem wären Menschen schlechte Wirte. Technokraten würden uns schon in optimierte Maschinen verwandeln, dann hätten wir das Potential, auch Computerviren zu tragen. Neuroverlinkte Doppelvirenträger. Schöne, neue Welt. Die neue Normalität. „Wir müssen einfach besser zurückbauen“, meint der Klaus vom Schulforum. Er ist wieder mal in eine Besprechung geschwabt.

Ausblick

Zum Schluss aber wagen wir aber doch einmal einen unverschämt positiven Blickwinkel: Stellen wir uns vor, die Pädagog*innen und Expert*innen führen uns statt in den Nebel in das Leben.
Vielleicht haben sie das Wort Nebel nur verkehrtherum gelesen, weil gerade alles etwas kehrvert läuft? Sie haben ab jetzt bei allen Maßnahmen die Verhältnismäßigkeit im Auge, ohne zu verharmlosen. Sie geben ermutigende Ziele vor und glauben an die Schüler*innen. Neue Expert*innen erscheinen auf den Bildschirmen. Nicht mehr jene, deren Botschaft auf uns hereinprasselt wie ein mitleidloser lauter Bach, uns in Formation bringend. Sie begeistern uns für eine achtsame, gesunde und ökologische Lebensweise und sehen die Krise als Chance. Sie wissen: Wir sind freie Wesen mit unantastbarer Würde. Sie erklären, wir sollten den Wirt heilen und nicht das Virus bekriegen. Sie wissen auch um die Weisheit des ungesicherten Lebens. Die neuen Lehrer*innen lassen die Jüngeren unter uns wieder leben und schützen die Älteren besser und transparenter als die Monate zuvor. Sie leben Differenzierung, Pädagogik ohne Angst, positives Denken, wertschätzende Beurteilungen.
Sie halten Versprechungen ein und sehen die Jüngsten als Hoffnungs- statt Virenträger.

Ich sehe vor meinen Augen die derzeitigen Pädagog*innen – und male mir aus, ob sie das schaffen. Mir wird schwarz vor Augen.

Vielleicht könnte eine verpflichtende psychotherapeutische Begleitung für diese Pädagog*innen helfen. Behandeln wir nicht ständig psycho-therapeutisch sowieso die Falschen? Vornehmlich jene, die an den kranken Maßnahmen erkranken? Bevor wir die Pädagog*innenen in diesem Beispiel therapieren – sollten wir uns nicht davor noch schnell von den Psychopath*innen verabschieden und diese isolieren? Wie wäre es mit Psychopath*innen-Tests bei unseren Lehrer*innen? Wahrscheinlich ist der neue Anal-Abstrich aus China für solche Tests gedacht. Vielleicht bräuchten wir dann kaum noch Therapien, da zu viele Ärsche positiv auf den Psychopath*innen-Test getestet würden. Dann bekommt die „Heimquarantäne“ auch wieder eine andere Bedeutung. Und sogar die Spritze.

Auf einen neuen Weg raus aus dieser Krise!

Mit dem alten Richten nach unten wird’s ganz sicher nichts. Mit den alten und echten Rechten, die nach Freiheit grölen und das Recht mit Füßen treten, auch nichts. Und was machen wir, wenn die jetzigen Pädagog*innen weiterhin nicht als gute Hirten taugen? Wir führen uns selbst aus dem Sumpf und richten uns auf. Wir verzichten auf Lehrkräfte, die nach unten richten. Wir lernen aus eigener Kraft. Wir wissen die Richtung. Die Reise beginnt mit dem Selbstwert. Die neue Pädagogik ist unser Kompass. Und bei dieser begleiten in Zukunft die Lehrer*innen nur mehr. Sie richten nicht. Höchstens auf!

Gerald Ehegartner ist Lehrer an einer Mittelschule in Niederösterreich.