Lesezeit: 4 Minuten

Die Zensuren

In einer ersten Klasse liest die Klassenlehrerin die endgültigen Noten vor. Es herrscht Totenstille.

Mathematik 3, Deutsch 2, Englisch 1, Geografie 1, Biologie 1, Bewegung und Sport 1, Bildnerische Erziehung 1, Geografie 2, Musik 1. Du hast das Schuljahr mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen.

Dragana springt auf und jubelt. „Und ich hab so Angst gehabt, dass ich einen Vierer habe.“  Ich wundere mich. Dragana ist das, was man als eine gute Schülerin bezeichnet. Okay, ab und zu vergisst sie ihre Hausübungen oder ist nicht so perfekt auf eine Überprüfung vorbereitet. Weil sie eine gute Schülerin ist, wird ihr das verziehen. Also wo genau sollte da eine Vier herkommen?

Als die Lehrerin Valentinas Noten vorliest, merke ich, dass Valentina immer mehr in sich hineinkriecht. Jede Vier macht sie ein Stückchen kleiner. Beim Sehr gut in Bildnerischer Erziehung lächelt sie kurz. Dann versinkt sie wieder in sich. Auch die Zwei in Bewegung und Sport stimmt sie nicht wirklich froh. Ein bisschen wundere ich mich, weil ich sie im Theaterunterricht als sehr bewegungsfreudige Schülerin erlebe, ständig Handstand an die Wand machend oder Räder schlagend. Tanzfreude hat sie ohnehin enorm viel in sich. Vielleicht hat sie die Zwei, weil sie ab und zu ihre Sportsachen vergisst. Als nicht so gute Schülerin kann sie nicht auf Nachsicht hoffen.

Es geht weiter.

Denis jubelt über eine Vier in Mathematik. Mehmet zuckt mit den Schultern und unterstreicht mit einer Handbewegung, dass ihm die Schule ohnehin egal ist. Nicoletta kämpft mit den Tränen und Anna hält sich die Ohren zu, weil sie keine Lust auf ihre Noten hat.

Die Frage

Die Klassenlehrerin verlässt den Raum, ich bleibe mit den Schüler*innen zurück. Kurz nachdem die Türe zufällt, entlädt sich die Spannung.

Unfair!“ „Meine Eltern bringen mich um!“ „Geil, ich bekomme ein neues Handy!“ „Nicht einmal eine einzige Eins habe ich!“ „Ich hasse die Schule!“ „Ehrlich, bei mir ist das so. Ich kann lernen, so viel ich will, aber meine Noten ändern sich nicht!“ „Voll! Bei mir auch. Für Geografie habe ich gar nichts gelernt, aber ein Zwei bekommen.“ „Kenn ich. Deshalb lerne ich gar nichts mehr.

Nach zwei lauten Minuten ist der größte Frust draußen. Ich habe mir das alles angehört, habe nicht eingegriffen. Ab und zu dürfen Kinder auch laut sein, müssen sie sogar.  Ich bin sowieso der Meinung, dass man Kinder und Jugendliche erst dann nachhaltig erreicht, wenn man sie einmal so richtig laut erlebt hat.

Eine Frage hätte ich an euch.“ Ich muss die Stille nützen. „Was habt ihr dieses Schuljahr gelernt?“ Schweigen. „Ehrlich, was habt ihr gelernt?“, hake ich nach.

Nichts“, ruft Dennis. Andere stimmen ihm zu. Ich bin fassungslos. Wo kommen dann all die Noten her, wenn diese Schüler*innen, ihrer Ansicht nach, nichts gelernt haben. Irgendwann meldet sich Dragana zu Wort. „Dezimalzahlen“, ruft sie. Zumindest etwas denke ich mir. Auch wenn das Kapitel Dezimalzahlen das allerletzte Kapitel war, das wir in diesem verrückten Schuljahr durchgenommen haben. Aber es hängt allem Anschein nach noch im Kurzzeitgedächtnis. Ein anderer Gedanke kommt mir auch. Vielleicht fällt es Dragana deshalb so schwer sich selbst einzuschätzen, weil sie keine Ahnung hat, was sie in diesem Schuljahr gelernt hat.

Ich stelle diese Frage auch in anderen Klassen. Meistens bekomme ich die gleich ernüchternde Antwort. Ein Mädchen antwortet, dass sie nun wüsste, was Corona sei. Am liebsten würde ich sie umarmen.

Wozu also Notengebung?

Am 2.7. war Heinz Faßmann in der ZiB2 zum Interview eingeladen. Lou Lorenz Dittelbacher fragte nach einer möglichen Note im Krisenmanagement der Schulen.

Weil ich ja durchaus für Ziffernnoten bin, möchte ich hier keine Ausweichantwort geben. Ich würde mir ein Gut geben.

Mit ist ohnehin schon länger klar, dass es kaum Chancen gibt, die Schule in den nächsten Jahren zu einem beurteilungsfreien Raum wachsen zu lassen. Mit der nicht vorhandenen Unterstützung von obersten Stelle gehe ich mal davon aus, dass meine mittlerweile zweijährige Enkeltochter auch ab sechs Jahren ein Sehnsuchtsziel haben wird, nämlich nur Einser im Zeugnis.

Aber was sagt das aus? Was bedeutet das Gut, dass sich Faßmann selbst für sein Krisenmanagement gegeben hat? Was sagt ein Zeugnis mit lauter Einsern aus? Was kann das Kind? Was hat es gelernt?

Kinder und Jugendliche wollen sich vergleichen. Das ist eines der Argumente, die ich nicht mehr hören kann. Ja, sogar den jüngsten Volksschulkindern ist es wichtig, dass sie Ziffernnoten haben. Dann wissen sie, woran sie sind. In erster Linie dienen die Zensuren in diesem Fall den Eltern, die ihre Kinder mit anderen vergleichen wollen. Später vergleichen sich die Schüler*innen tatsächlich, weil sie es nicht anders gelernt haben.

Ohne Noten würde ich nichts lernen, sind sich die meisten Schüler*innen einig. Die meisten Lehrer*innen sehen das ähnlich.

Schule als beurteilungsfreier Raum – eine Illusion?

Einigkeit herrscht auch darüber, dass, würde man auf Noten verzichten, ohnehin alles beim Alten bliebe. Mit dementsprechenden Formulierungen wäre ja dennoch klar, dass der/die Schüler*in  versagte, ein Ziel nicht erreicht hat. Ich teile diese Meinung sogar.

Bei der Forderungen nach Abschaffung der Noten gehe ich einen Schritt weiter. Ich will die Schule und damit auch Lernen zu einem beurteilungsfreien Raum machen.  Es muss doch irgendwann Schluss sein mit der Anhäufung von Bulimiewissen. Warum kann man nicht mal Kinder und Jugendliche fragen, was sie lernen wollen. Bei allem was sie wissen und erlernen wollen braucht man ein Basiswissen. Auch diese Erfahrung  werden die Schüler*innen ganz schnell machen. Lernen um des Lernens Willen, das wäre mein ersehntes Ziel.

Klar, würde es zu einer Umstellung im Bereich Schule und Notengebung kommen, müssen wir damit rechnen, dass zu Beginn der Lerneifer der Schüler*innen schwinden würde. Nur bin ich mir sicher, dass dieser nach einer Übergangsphase wieder zum Leben erwacht. Und vielleicht wissen dann zumindest ein paar Schüler*innen, was sie in diesem Schuljahr gelernt haben.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 2 Minuten

Herr Professor, können wir nicht noch eine Stunde Geo machen? Das ist so wichtig.“ Das Thema: Rassismus. Die Umsetzung: Fotos, Eigenerfahrungen, ganz viel Gespräch – super reflektiert. „Herr Professor, es ist so schön… können wir nicht rausgehen?“ Sicher. Spaziergang. Die Straße entlang hin zum Wiederkehr. „Mein Normal: Unternehmen entlasten – Jobs schaffen“ ist am NEOS-Plakat bei der schulnahen Bushaltestelle plakatiert. Was bedeutet das? Warum hängt das? Durch welche Entlastung können welche Jobs geschaffen werden? Wie sehen es die anderen Parteien? Spazieren wir weiter. Information, Fragen, Debatte. Fazit: „Das hat so viel Sinn gemacht. Voll super.“ Und außerdem: „Ich hab über das Rassismus-Thema nachgedacht. Darf ich Ihnen nachher noch ein Video zeigen?“ Klar.

Dynamisches Lernen, gemeinsames Reflektieren und Diskutieren, Thematisierung gesellschaftspolitisch relevanter Phänomene – es macht Sinn und nach dem Unterricht wird im lebendigen digitalen Raum weiterdebattiert. Es beschäftigt und ermutigt. Die halbierte Klassenportion ist erfreut über die Möglichkeit nachzufragen und Meinung kund zu tun. Es geht leichter von der Hand für beide Seiten. Man fühlt sich gehörter denn je im Kleingruppenformat. Sacré bleu und quelle surprise.

Dass es so bleibt (weniger Schüler*innen je Lehrer*in in Kombination mit gesteigerter Diskussionsmöglichkeit im dem Wetter angepassten Outdoor-Unterricht): Illusion. Also zurück zum alten Schema ab September? Schema F: Notendruck, Lernzwang, zu viele Kinder auf zu wenig Raum. Doch kann es das geben? Eher zu wenig Lehrer*innen und zu wenig Raum. Änderungsbedarf, Investitionspflicht – Outdoorklassen, späterer Unterrichtsbeginn, gesünderes Angebot in der Schulkantine, interaktives Lernen in Kleingruppen, verbesserte Kommunikationsstruktur im analogen und digitalen Raum, gemeinsames Reflektieren über Erlebtes, Sinndebatte über die Reifeprüfung, individualisiertes Lernen statt kollektivem Schweigen – ein Aufschrei der verstummt. Denn, das was kommt, sei fördernd, innovativ und sozial, der Mehrwert sei unbestritten: die Sommerschule.

Geh bitte… da geht dir ja keiner freiwillig hin“, so der allgemeine Tenor im Konferenzzimmer (m)einer Wiener AHS. Also ab ins Schema F – mit den Eltern reden, ihnen vermitteln, dass das schwache Kind MUSS. Wir müssen sie zwingen und für die Notenschwäche bzw. die Inkompatibilität mit dem existierenden System bestrafen. Der vom Minister ausgeschickte Stundenplan für die Volksschule (wie sieht es für NMS und AHS aus?), liest sich verheißungsvoll: Förderung der Kreativität, Erkundung der Umgebung, Basteln, Bewegung, Sprachtraining… so macht (Sommer)-Schule Sinn. Was aus mir „spricht“, ist die tiefe Überzeugung, dass Lernen Freude bereitet und dass Kinder Sinnhaftigkeit und Freude erkennen, spüren und schätzen. Lasst uns mit den Kindern reden und sie davon überzeugen, vom Lernen mit Sinn, Freude und Variation – abwechslungsreich und vielfältig, bewusst und individuell.

Aber: Wenn schon, dann g’scheit.

Von einer, meiner AHS läge der nächste Sommerschul-Standort 40 Öffi-Minuten entfernt. Es gibt schlichtweg keine einzige Sommerschule im zweitgrößten Wiener Gemeindebezirk mit massenhaftem Förderpotenzial – auch im Sommer. Den Eltern wird nun sieben Tage vor Meldeschluss vermittelt, dass sie ihre nach den Anstrengungen der Corona-bedingten schulischen Neuerungen die Ferien herbeisehnenden Kinder anmelden können, wenn sie denn wollen. Schema F. Die unzähligen Eltern mit nicht-deutscher Muttersprache und mangelhaften Deutsch-Kenntnissen, die vielzähligen Eltern, die von der beruflich-familiär-sozialen Konstellation täglich bis an und über’s Limit gefordert werden, die hunderttausenden ambitionierten Kinder mit Gestaltungs-, Partizipations- und Lernmotivation werden mit einem formellen Schreiben allein gelassen, wenn nicht die Klassenlehrer*innen die Notwendigkeit erkennen, individuell, persönlich, empathisch, geduldig, motivierend mit denen zu reden, die bereit sind und wollen, wenn das Angebot stimmt: mit unserer Zukunft, unseren Kindern. 

Also dann: bitte g’scheit.

Der Autor ist Lehrer an einer AHS in Wien.

Lesezeit: 3 Minuten

Still ist es geworden

Im Schulhaus ist so still wie schon lange nicht mehr. Am Gang sehe ich selten Schüler*innen und aus den Klassenräumen dringt kaum Lärm. Meine Kolleg*innen sehe ich ab und zu, manche in der Früh, manche mal zwischendurch und manche schon seit drei Tagen nicht mehr. Und auch in den diversen Lehrer*innenzimmern ist kaum etwas los. So könnte ein Albtraum beginnen, denke ich mir. Wenn es ein Traum wäre, dann müsste jetzt aus irgendeiner Ecke ein schleimiges, grünes Monster kriechen, das mich mit lautem Schmatzen langsam zerkaut.

Vielleicht ein Geschenk?

Die ersten Tage der Schulöffnung fühlten sich eigenartig an. Die Stille machte mir zu schaffen. Ich empfand sie als  bedrückend, auch weil die Verunsicherung und die Angst aller deutlich zu spüren waren. Es war keine neue Normalität. Nichts war normal. Es war und ist immer noch eine Ausnahmesituation.

In der zweiten Woche ging es mir besser. In mir keimte der Gedanke auf, dass diese letzten Schulwochen ein Geschenk sein könnten. Die Klassen sind in zwei Kleingruppen geteilt. Aufgrund der aktuellen Bestimmungen sollten die Schüler*innen keinen Notendruck mehr haben. Sie können sich, rein theoretisch, nur mehr die Zensuren verbessern. Auch von den Lehrer*innen fällt der Druck weg, denn es muss nicht mehr irgendein Kapitel des Lehrplans noch schnell abgeschlossen werden.

Was geht, geht. Was nicht mehr geht, geht eben nicht mehr.

Dieser Umstand öffnet neue Türen, nämlich sechs Wochen Zeit mit Kindern und Jugendlichen für lustvolles Lernen abseits eines vorgegebenen Plans. Es könnten die besten sechs Wochen meines Lehrerinnendaseins werden. Wir machen das, was uns gefällt.

Mit einer Klasse möchte ich in jedem Fall die Werkstücke fertig machen, die wir vor Corona angefangen haben. Zum einen, weil es schade wäre, wenn diese unfertig im Mistkübel landen. Zum anderen steckt da jede Menge Arbeit und Herzblut der Schüler*innen drinnen.

Dann werde ich versuchen mit theaterpädagogischen Mitteln den Lockdown zu thematisieren. Vielleicht gelingt uns ja eine kleine Präsentation zum Abschluss des Jahres.

Wenn es das Wetter erlaubt, will ich mit den Schüler*innen in den Park gehen. Sie sollen sich am Spielplatz mit ihren Freund*innen austoben, das nachholen, was zehn Wochen lang verboten war.

Es dürfen zwar keine Lehrausgänge gemacht werden, aber in jedem Wiener Bezirk steckt ganz viel Geschichte, die es zu erkunden gilt. Außerdem könnten Klimawandel und andere aktuelle Tagesthemen behandelt werden.

Geile Zeit, denke ich mir. Was für ein Geschenk.

Die Wirklichkeit

Soweit es mir möglich ist, ziehe ich meine Pläne durch, stoße dabei aber sehr schnell auf Widerstände. Als ich mit einer Gruppe in den Werkraum gehen will, ist meine Kollegin wenig begeistert. Die Gruppe A hat eine einzige Mathematikstunde in dieser Woche. Die muss genützt werden, um im Kapitel XY weiterzukommen. Denn schließlich brauchen die Schüler*innen auch eine Hausübung. Das ist so vorgeschrieben. Ich halte dem entgegen, dass sie ja ohnehin in anderen Unterrichtsfächern unter Garantie Arbeit für die freien Tage bekommen würden. Ich schlage vor, dass sie zur Abwechslung einen Arbeitsauftrag in Bildnerischer Erziehung bekommen könnten. Denn mir ist aufgefallen, dass einige Schüler*innen in der Coronazeit ein Sketch-Book angelegt haben.

Fülle ein paar Seiten in deinem Sketch-Book. Wer keines hat, bekommt eines. Wir zahlen es mit dem Geld der Klassenkasse. Dann kann jede*r Schüler*in mitmachen. Ich mag diese Idee.

Mein nächstes Angebot ist, dass wir gemeinsam eine Choreografie entwickeln könnten. Zuhause soll die dann gefestigt werden.

Nein, das sind alles keine richtigen Hausübungen, wird mir deutlich gemacht. Es muss Mathe sein.

So wie es Mathe sein muss, muss es auch Deutsch, Englisch, Biologie und so weiter sein. Schließlich müssen wir ganz dringend jetzt noch sechs Wochen Schule spielen.

Wieder eine nicht genützte Chance

Kein Monster hat Schüler*innen und Lehrer*innen verschluckt. Die Stille rührt daher, dass in den meisten Klassen die Schüler*innen auf ihren Plätzen sitzen und geduldig dem hauptsächlich angebotenen Frontalunterricht folgen, der nur eines zum Ziel hat: Nämlich in den kommenden sechs Wochen so viel wie möglich nachzuholen, damit der Start ins neue Schuljahr möglichst reibungslos verläuft. Vielleicht gelingt es ja sogar, dass alle Kapitel des Lehrplans erfüllt werden. Was für ein Erfolg. Trotz zehn Wochen Distanzlehre, wurde alles in die Köpfe der Kinder und Jugendlichen hineingestopft. Ob es dort hängenbleibt, ist eine andere Frage.

Schade. Wir hätten die Chance gehabt zu beweisen, dass Schule auch ohne Notendruck großartige Lernerfolge liefern könnte.

Anmerkung der Autorin:

Aber in ein paar Klassen gibt es kleine, feine Projekte. Und das finde ich großartig.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

Lesezeit: 2 Minuten

Der Übertritt von der Volksschule in die nächsthöhere Schule ist ein großes Ereignis für ein Kind und ein großer Schritt für seinen weiteren Bildungsweg. Doch bevor dieser neue Weg begangen werden kann, gibt es noch viel zu bewältigen in der Volksschule.

Schularbeiten, Tests und Überprüfungen stehen an! Ein gefühltes Hinarbeiten von einer Prüfung zur anderen belastet die Kinder sehr. Doch nicht nur in der Schule stehen die Kinder unter Strom, nein, auch zu Hause wird von den Eltern viel verlangt. „Mein Kind muss ins Gymnasium“, heißt es oft bei Elterngesprächen, „was können wir tun?“. Das „Wir“ wird stak in den Vordergrund gestellt, da Kinder in diesem Alter noch enorm auf die Hilfe von anderen beim Lernen angewiesen sind. Hier offenbart sich aber oft das große Problem, dass Eltern aus bildungsferneren Schichten die nötige Hilfe ihrem Kind nicht bieten können. Die Problematik in unserem Bildungssystem ist aber, dass in diesem Alter schon selektiert wird, wer eine höherbildende Schule besuchen darf und wer nicht.

Doch leider gibt es auch die andere Seite. Manche Schüler*innen bekommen eine Gymnasiumreife ausgeteilt und melden sich in der 4.Klasse in einer NMS an. „Ich war auch in der Hauptschule, mein Kind soll auch dort hin gehen.“ Die Eltern fühlen sich überfordert und haben Befürchtungen ihrem Kind in einer höheren Schule nicht helfen zu können.

Kinder mit Eltern aus bildungsferneren Schichten haben somit von Grund aus schlechtere Chancen einen hohen Bildungsabschluss zu erreichen.

Jährliche Überprüfungen, die von der Bildungsdirektion vorgeschrieben sind, kennen die Schüler*innen schon seit der 1. Klasse. Alles beginnt mit dem Lesen und Schreiben lernen sowie dem sinnerfassenden Lesen. In der 4. Klasse kommen die IKM (Informelle Kompetenzmessung) Überprüfungen bzw. die Bildungsstandardtests hinzu. Ein einfaches Erledigen dieser Prüfungen ist es leider nicht. Der Lehrer bzw. die Lehrerin muss die Kinder auf diese Tests speziell vorbereiten. Denn die Formulierungen sind sehr kompliziert und mit einem großen Wortschatz geschrieben, die leider nicht jede*r Schüler*in gleich versteht. Oft wird etwas Einfaches verlangt, jedoch so hochgestochen beschrieben, dass es Schüler*innen falsch lösen.

Hilf mir es selbst zu tun“, sagte schon Maria Montessori. Um den Kindern einen Schritt ins eigenständige Lernen bieten zu können, bedarf es jedoch recht viel Übung. Da ist es gut, sich Hilfe zu holen. Lese- und Rechenpaten sind in der Schule eine große Hilfe und Unterstützung. Sie bieten ihre Arbeit unentgeltlich an und kommen regelmäßig in die Schule um im Unterricht zu helfen.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Volksschule in Wien.

Lesezeit: 3 Minuten

Aus gegebenen Anlass findet die Konferenz im Festsaal statt. Die Stühle stehen im Abstand von mindestens einem Meter. Zögernd nehmen wir die Masken ab. Dürfen wir das denn? Ja, wir dürfen, sagt die Schulleiterin.

Ich gucke aus dem Fenster. Der graue, regenverhangene Himmel hat sich allem Anschein nach meiner Stimmung angepasst. Die in den Gängen angebrachten Hinweisschilder über die neuen Regeln der Zusammenarbeit wirken nach. Alles bestimmt und exakt durchgeplant. Die Benützung des Eingangstors, einzeln eintreten, Hände desinfizieren, zügig in das jeweilige Stockwerk gehen, Schuhe vor der Klasse ausziehen und zu dem Platz gehen, den die Lehrer*innen für die Schüler*innen vorgesehen haben. Aufstehen ist nur mir ausdrücklicher Erlaubnis der Lehrer*innen erlaubt. Der Aufenthalt in den Gängen ist nur mit Maske erlaubt.

Wer sich nicht an die Regeln hält, wird für diesen Tag vom Unterricht ausgeschlossen.

Die Schule vor Corona fällt mir ein. Alles lebte und pulsierte. Es wurde umarmt, die Köpfe wurden zusammengesteckt, Wasserflaschen geteilt und oft guckten fünf Schüler*innen gemeinsam Videos auf einem Smartphone.

Die Konferenz

Es folgt zu Beginn eine längere Einführung und Auffrischung des Regelwerks. Vieles, was manchen selbstverständlich erscheint, stellt andere vor Rätsel.

Die Einteilung der Pausen erfolgt individuell. Die Pausenglocke, eines der Relikte aus der K&K-Zeit, wird deaktiviert. Zumindest etwas positives, denke ich mir.

Ein Kollege meldet sich zu Wort.

„Ich würde dann durchgehend unterrichten. Pause brauchen die eh keine, weil sie ja aufs Klo dürfen, auch während der Stunde. Und, also wenn ich tatsächlich Pause mache, dann reichten ja auch fünf Minuten zum Essen.“

„Ja, was machen wir den mit denen in der Pause? Das wird ja fad!“

Ich krame in meinem Rucksack. Irgendwo hatte ich noch Schokolade. Schokolade beruhigt die Nerven. Meine Nerven brauchen das jetzt, genau in dieser Sekunde. Ha! Da ist sie, Erdbeer-Schokolade. Was für ein Glück.

Dann fällt das Thema, wie kann es anders sein, auf die Notengebung.

„Also mit einem Fünfer dürfen sie in jedem Fall aufsteigen? Mit zwei oder mehr nur nach Beschluss der Klassenkonferenz?“

„Na meistens ist ein zweites Nichtgenügend in Aussicht und das Lehrer*innen-Team entscheidet dann. Alles klar! Den Kevin* müssen wir eh nicht mitnehmen. Keine Angst!“ Es folgt erleichterndes Gekicher. Wer will schon Kevin in der Klasse haben?

„Nein, Jadranka wiederholt fix. Von der habe ich seit Wochen nichts gehört. Vielleicht wurde sie von ihren Eltern nach Serbien geschickt. Also, sicher sogar. Ich habe ja nichts von ihr gehört.“ Kluge Eltern, denke ich mir. Schließlich arbeiten beide im Pflegebereich.

„Geh bitte! Immer diese Ausreden! Krise hin oder her. Leisten müssen sie dennoch was. Den Rest ihres Lebens werden sie auch nicht gefragt werden, ob sie es denn zuhause schwer hatten.“ Totschlagargument Nummer eins, fällt mir ein.

Ich schiebe mir eine Rippe Schokolade in den Mund. Der Geschmack nach Blendi-Erdbeer-Zahnpasta lenkt mich ab. Leider nur kurz.

Wieder einmal dreht sich alles um die Beurteilung der schulischen Leistungen. Ich bin fassungslos. Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze und stehen vor dem Nichts. Kinder und Eltern können wochenlang der Enge viel zu kleiner Wohnungen kaum entfliehen. Soziale Kontakte müssen eingeschränkt werden. Kindergärten und Schulen sind geschlossen. Familiären Konflikten kann kaum etwas entgegenhalten werden. Und die Institution Schule hat nur eine Sorge. Nämlich kann ich jetzt Mohamed durchfallen lassen, oder muss ich den in die nächste Klasse mitnehmen. Leistung ist Leistung. Keine Leistung ist keine Leistung. Wer nicht folgt, fliegt!

Die zweite Rippe Schokolade bleibt mir fast im Hals stecken.

Hallo Schule? Was geht?

Die Corona-Note

Ich bin keine Freundin der Notengebung. Weil ich mir schon sehr lange bewusst bin, dass mit Hilfe von Zensuren maximal Anpassungsleistung gemessen wird. Wer sich am besten mit dem System Schule arrangiert, zählt zu den Systemgewinner*innen. Aber, wenn die Sehnsucht nach Beurteilung so groß ist, dann führen wir doch die Corona-Note ein. Dann benoten wir die nicht-schulischen Leistungen, die die Schüler*innen in den letzten Wochen der Krise erbracht haben.

Yussuf, 12 Jahre: Sehr gut in allen Bereichen. Er kümmert sich tagsüber um seine kleinen Geschwister, weil die Mutter im Handel arbeitet. Der Vater ist gleich zu Beginn der Corona-Krise untergetaucht.

Elena, 14 Jahre: Sehr gut in allen Bereichen. Sie erklärt seit Wochen nicht nur ihrer Kernfamilie, wie Schule und Leben in der Krisenzeit funktionieren. Übersetzt Formulare, füllt Ansuchen aus, nicht nur die, die die Schule betreffen.

Manuela, 11 Jahre: Sehr gut in allen Bereichen. Sie erträgt seit Wochen ihre häusliche Situation. Die sie ständig überwachende Mutter, der kontrollsüchtige Vater, der angeblich nur aus reinem Verantwortungsgefühl handelt. Der geistig behinderte Bruder, der die elterliche Aufmerksamkeit bekommt, die nach Totalüberwachung der Tochter noch vorhanden ist. Den Schutzraum Schule gibt es zurzeit nicht.

Ali, 15 Jahre. Sehr gut in allen Bereichen. Er verzichtet seit Wochen auf sein Fußballtraining. Er liebt es, weil er nicht zuhause sein muss. Weil er sich so richtig auspowern kann. Dann vergisst er, dass der Kühlschrank nicht immer voll ist, und die sorgenvolle Blicke seiner Eltern, wenn sie abends über den Kontoauszügen sitzen. Jetzt kann auch er dem Ganzen nicht entfliehen. Also baut er seine Eltern auf, spricht ihnen Mut zu.

Maxi, Elisabeth, Justin, Ayse, Vanessa, Dragana und all die anderen: Sehr gut in allen Bereichen, weil sie das Distance-Learning perfekt gemeistert haben.

Ich bin für eine Gesamtnote über die letzten Wochen. Alle erhalten eine Eins. Und die können ja meine geschätzten Kolleg*innen in die Jahresnote einfließen lassen. Dann dürfte der positive Abschluss des Schuljahres 19/20 kein Problem mehr sein, auch bei Kevin.

*Namen wurden geändert.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule.