„Bewegung und Sport“ ist mehr als ein Ball im Turnsaal

Lesezeit: 4 Minuten

„Ah spiel‘ mit ihnen einfach Völkerball!“ Diesen Satz habe ich vor so mancher Supplierstunde im Lehrerzimmer gehört. Er fasst in wenigen Worten den Stellenwert von Bewegung und Sport in unserem Schulsystem zusammen. Warum ich damit nicht leben konnte und was in Österreichs Turnsälen fehlt, versuche ich hier aufzuzeigen.

Ist uns Bewegung in der Schule wurscht?

Als NMS-Lehrer ist es nicht ungewöhnlich,  Fächer „fachfremd“ zu unterrichten. In meiner Schulzeit habe ich aber festgestellt, dass „Turnen“ einerseits von Lehrer*innen als Supplierstunde geliebt wurde, („Bis die Kinder umgezogen sind, ist die Stunde eh schon vorbei“ oder „Geh ma in den Park, Kinder“) aber auch gefürchtet war, denn im Turnsaal „ist es immer so laut“. Ja, Sportstunden mit 10-14-jährigen sind herausfordernd, aber andere Stunden sind das auch! Wie bei jedem anderen Fach, sorgt eine gute Vorbereitung für eine gelungene Stunde, Motivation und Spaß bei den Schüler*innen.

In der Realität ist „Sport und Bewegung“ aber kein Hauptfach, sondern nicht einmal ein Nebenfach. Mein „Lieblingswort“ war: „Wurscht-Fach“. In diese Kategorie fielen laut Grundtenor in der Schule auch Zeichnen oder Werken. Im Endeffekt also Stunden, von denen man oft sagt: „Na mit unseren Kindern geht das nicht“ oder: „Da verletzt sich ja wer“.

Dann kommen wir in einen Teufelskreis: Die Jugendlichen werden immer unsportlicher, ihnen wird weniger zugetraut, sie werden noch unsicherer und vermeiden Sport aus Scham. Aus gesellschaftlicher Sicht ein Wahnsinn.

Woher kommt diese Wurschtigkeit für den Sportunterricht? Dieselben Lehrer*innen, die diese Aussagen machen, sind zum Teil selbst sportlich oder feuern ihren Nationalhelden Marcel Hirscher im Fernsehen an. Liegt es vielleicht daran, dass sie es den Schüler*innen nicht zutrauen? Da bin ich mir nicht so sicher, denn ich glaube es ist nicht nur ein Problem der NMS. In meiner Gymnasialzeit waren es auch Völkerball und Fußball, die den geschlechtergetrennten Unterricht dominierten. In dem Fall waren die “Völker” auch noch dazu die „A-Klasse“ und  die „B-Klasse“. Aber das ist eine eigene Geschichte.

Völkerball als Sinnbild des Sportunterrichts

Auch ich habe als fachfremder Lehrer zwei Jahre lang Bewegung und Sport unterrichtet und war anfangs vom Fitnesszustand der Klasse geschockt. Noch schlimmer allerdings empfand ich die fehlende Affinität zu Bewegung im Allgemeinen. Besonders  die Mädchen nahmen Bewegung sehr oft negativ wahr. Für mich als begeisterten Sportler war es schockierend zu sehen, wie die Klasse nach 2 Minuten „Aufwärmen“ buchstäblich in den Seilen hang. Das einzige Spiel, das die Mehrheit begeisterte, war „Völkerball“. Abgesehen vom Namen, der quasi das „Abschießen“ des gegnerischen „Volkes“ benennt, steht dieses Spiel sinnbildlich für den Niedergang jedes kreativen Schulsports und ich sehe sogar Parallelen zu unserer Gesellschaft:

  • Die Starken setzen sich durch (weil sie die anderen „abfetzen“)
  • Es fördert Vermeidungstaktiken (einmal abgeschossen, bleib ich lieber in der Ecke)
  • Ein bis zwei Spieler*innen pro Mannschaft diktieren das Geschehen

Natürlich kann man das Spiel „Parteiball“ nennen, die Regeln anpassen und mit weichen Bällen spielen, aber darum geht es nicht: Schulsport muss die gesamte Facette des Sports abdecken. Im Lehrplan finden sich eine Reihe von Ideen und Anregungen, was Sportunterricht fördern und trainieren könnte:

  • Bewegungsfertigkeiten (mit und ohne Geräte)
  • Leichtathletik
  • Stabilisation und Koordination
  • Schwimmen
  • Kunststücke in der Gruppe
  • Musik und Rhythmus in Bewegung und Tanz
  • Erfahrungen mit gleitenden und rollenden Geräten

Sport ist vielfältig

Alle vier Jahre wird bei den Olympischen Sommerspielen der Welt eine breite Palette an unterschiedlichsten Sportarten frei ins Haus übertragen, von manchen habe selbst ich noch nie gehört. Und genau die sind es, die vielleicht die*den ein oder andere*n Schüler*in ansprechen und dazu motivieren könnten regelmäßig Sport zu betreiben, wenn die Lehrperson diese Perspektive aufzeigen würde. Gerade die Arbeit als Klassenvorstand hat mir bewusst gemacht, wie wenige Kinder echte Hobbies haben.

Zu den Highlights in der Freizeit zählten: In den Park gehen, chillen und Freunde treffen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig ein regelmäßiges Hobby neben dem Berufsalltag ist.

Ja, all dies bedarf einer gewissen Planung, Vorbereitung und manchmal auch externer Partner*innen, aber es würde den Schüler*innen einen hohen Mehrwert bringen. Doch es liegt nicht nur an den Lehrer*innen. Es fehlt zumeist an Platz, Material und Stunden um dies umzusetzen. Gleichzeitig muss der Breitensport auch wirklich bei der „Breite“ ankommen und allen zugänglich sein. Hier fehlt es an Schwimmhallen, Leichtathletik-Infrastruktur und Indoor-Sportplätzen um mehr als Tennis oder Fußball spielen zu können.

Ja, man kann sich auf all das ausreden. Auch ich habe es vielleicht in der ein oder anderen Stunde gemacht. Aber man kann auch in einem kleinen Turnsaal mit 25 Kindern einen qualitativ hochwertigen und abwechslungsreichen Unterricht gestalten. Auch in 40 Minuten (schnelles Umziehen fördern!) kann man eine Klasse gut auspowern! Material gibt es genug, anbei teile ich gerne ein paar tolle Seiten.

Warum ist mir das so wichtig?

Ich war selbst  – und bin es immer noch – eine Niete im Geräteturnen. Seile, Ringe und Reck waren für mich der Grund, weshalb ich öfters länger zum Umziehen brauchte oder doch mal plötzlich „Bauchweh“ hatte. Gut war ich in Ballsportarten (die haben mir den Einser gerettet) und im Laufen. Aber das wurde leider nie gefördert. So kam ich erst nach 10 Jahren mittelmäßigen Fußballspielens, mit 23 Jahren darauf, dass ich womöglich beim Laufen deutlich besser als der Durchschnitt war. Viel zu spät eigentlich. Spaß macht es mir immer noch aber ich hätte mir einen vielfältigen Sportunterricht und eine individuelle Förderung meiner Stärken gewünscht. Dann hätte ich schon als Teenager dem Laufen mehr Zeit widmen können. Ich selbst hatte das Glück, in einer sportaffinen Umgebung aufzuwachsen, aber wie ist es mit den Schüler*innen in der NMS, die oft nur Fußball und Völkerball kennen? Würde jemand vielleicht die Stärke im Weitsprung oder beim Bodenturnen erkennen, könnte man ihn*sie zu den richtigen Vereinen schicken.

Kinder hätten ein Hobby neben der Schule und dadurch vielleicht mehr Energie fürs Lernen und das Leben.

Was jede*r umsetzen kann

Sport und Bewegung sind in der Gesellschaft nicht „wurscht“, sondern sollten, kombiniert mit gesunder Ernährung, ein fixer Bestandteil eines vielfältigen Schulangebots sein. Selbst in normalen „Schulstunden“ kann man durch 5-minütige Impulse, ohne viel Material, im Klassenraum Kraft, Bewegung und Koordination fördern. Würden sich die Schüler*innen an einem Schultag mit fünf Unterrichtsstunden in jeder Stunde 10 Minuten bewegen, hätten wir die tägliche Turnstunde in den Klassenzimmern umgesetzt, die Kids könnten sich in den verbleibenden 40 Minuten besser konzentrieren und ihre Kraft, Koordination und Ausdauer verbessern. Aus diesen Gründen halte ich es für enorm wichtig, dass diese kleinen Schritte im Sportunterricht bewusst gesetzt werden und so ein Schritt zu mehr Bewusstsein für den Schulsport und die Bewegung in den Klassenzimmern gemacht wird.

Der Autor war bis 2018 Lehrer an einer NMS in Wien.

Links:

Lehrplan der NMS

Bewegungskompetenzen in 7000 Videos

Die schnelle Sportstunde

Sportunterricht nach Sportarten

Aufwärmen im Unterricht

Ideen zur Bewegung im Unterricht

1 Kommentar
  1. Winter Heinz
    Winter Heinz sagte:

    Der Autor hat völlig Recht , auch nur kürzere oft ganz einfache Übungen aktivieren und entspannen zugleich Gehirn
    und Körper, immer zeigen auch Kinder gern Übungen vor und arbeiten dann besser mit und können sich besser lonzentrieren. Nicht immer ist Sport sozialintegrativ
    stimmt, ein bischen Konkurrenz haben Schüler manchmal gern.
    Die Videoanregungen.sind super

    Heinz Winter
    Ich würde gern noch unterrichten

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