Lesezeit: 5 Minuten

Ein Bericht zur Realität in der Mittelschule

Es ist vollkommen verständlich, dass, will man in Österreich leben, sich auch in Deutsch verständigen muss. Logisch. Die Landessprache ist Deutsch und die muss man beherrschen können – in Wort und Schrift. Ach, und der schöne, weiche Akzent im österreichischen Deutsch macht die Sprache nur noch angenehmer.

Dafür nimmt ein zugewanderter, elfjähriger Schüler sogar in Kauf, erstmal nicht in eine Klasse zu kommen, die seinen Vorkenntnissen und seinem Alter entspricht. Die Familie denkt sich: Ach geh! Er wird es schon schaffen. Bald hat er Schulfreunde, alle sprechen Deutsch untereinander und in den Fächern, in denen er in seinem Heimatland gut ist, wird er auch glänzen.

Die Traumgedanken wurden alle über den Haufen geworfen. Aber nicht nur durch die Pandemie, sondern auch durch eine Lernsystematik der deutschen Sprache, die einem Spießrutenlaufen gleicht, wobei das Ziel MIKA heißt.

Anfang 2020 zogen meine Enkelkinder (6 und 11) nach Wien und mein Enkel wurde in die 5. Klasse eingestuft – entspricht der 1. Klasse Mittelschule. In seinem Heimatland hatte er die 5. Klasse mit sehr guten Noten schon abgeschlossen. Er war ein gesprächiger, lustiger und guter Schüler. Er hatte sich – also nicht nur er, sondern wir auch – schon vorgestellt, wie Mathe und Erdkunde und Geschichte in Deutsch sein würden. Und, dass er bald Physik lernen würde.

Von wegen! Nach dem Deutschunterricht durfte er zum „normalen“ Unterricht rübergehen. Alle von der Deutschförderklasse. Er verstand diesen oder jenen Teil des Unterrichts (nicht zu vergessen, er hatte die 5. Klasse ja schon gemacht), aber es schien normal zu sein, dass die Deutschförderklasse nur geduldet wurde, denn keine/keiner bekam ein einziges Mal ein Übungsblatt, als dieses ausgeteilt wurde. Soll das Integration heißen? Als Schüler*in der Deutschförderklasse wird man nicht in den normalen Unterricht integriert. Man ist dabei und zählt doch nicht als Mitglied. Dabei wäre das so wichtig, die Übungen mitzumachen!

Und die Kommunikation?

Na, wie war dein Tag heute?“ Gemurmel war die Antwort.

Erzähl doch mal! Was habt ihr heute gelernt? Und deine Schulkolleg*innen? Sprecht ihr ein bisschen Deutsch untereinander?

Die lakonische Antwort: „Nein!“ „Ja, warum denn? Hast du keine Klassenkolleg*innen? Sitzt du alleine da? Kinder reden doch immer miteinander. Und du magst doch so zu sprechen.

Ich kann aber kein Türkisch, kein Arabisch, kein Hindi, kein Rumänisch, kein Bulgarisch und kein Kroatisch. Und keiner kann Portugiesisch!

Ok, dafür seid ihr ja in der Deutschförderklasse. Alle lernen Deutsch zusammen.

Du verstehst nicht Oma, sie bilden Gruppen und sprechen untereinander in ihren Landessprachen, ich spreche Englisch mit dem einen und dem anderen.

Na, das wird ja heiter!“, dachte ich mir.

Das System der Deutschförderklassen ist so auf das Deutschlernen fokussiert, dass es einen wichtigen Teil des Erlernens einer Sprache vergisst – nämlich den Gesellschaftskontext.

Man erlernt keine Sprache um mit sich selber oder mit der Wand zu sprechen. Man erlernt eine neue Sprache, um zu kommunizieren. Zur Kommunikation muss ein Wille da sein, der durch eine Notwendigkeit ausgelöst wird. Diese Notwendigkeit entsteht, wenn man etwas erklärt, wenn man etwas haben möchte, wenn man etwas erzählt oder wenn man verstehen möchte, usw. Diese Situationen finden nur statt, wenn man in einer Gruppe integriert ist. Gedankenaustausch mit der Wand funktioniert vielleicht bei Eigenbrötlern, aber nicht bei Kindern. Sie brauchen Gesellschaft.

Plötzlich war aber das nur eines der Probleme. Es kam ein größeres dazu. Die Pandemie wurde ausgerufen und alle mussten zuhause bleiben. Meine Tochter war mit meiner kleinen Enkelin beschäftigt, die auch einen Berg von Übungsblättern zu bewältigen hatte, und die noch nicht richtig lesen und schreiben konnte. So ging der Hilferuf über den Ozean an die Oma.

Es ist frühmorgens, irgendwann Ende April. In Brasilien 5.15 Uhr, in Wien 10.15. Ich habe es geschafft, mich pünktlich an den Computer zu setzen (nicht immer ging das so schnell). Seit drei Wochen helfe ich meinem Enkel sich in den Übungsblättern zurechtzufinden. Schwere Entscheidungen muss er verstehen und treffen: der-das-die? Den oder dem? Er hatte eine Mappe bekommen, in der wahllos Übungsblätter für den normalen Deutschunterricht reingelegt waren. Zuerst habe ich mal diese organisiert, von einfach zu schwer, vom Nominativ zum Dativ, usw. Das letzte Blatt waren Übungen zum Relativpronomen. Es hat lange gebraucht, bis wir dieses Blatt anfingen.

Ich verstehe, dass alle Lehrkräfte plötzlich vor unerwarteten Herausforderungen standen. Es gab keinen Plan für die Deutschförderklassen. Die Übungsblätter von der ersten Mappe waren der damals aktuelle Grammatikstoff der 5. Klasse. Aber die Erklärungen dazu? Woher und wie sollten die Schüler*innen wissen, wie die Übungen zu machen wären? Das Warum-Wieso-Weshalb fehlte. Was machten diejenigen, die keine*n Privatlehrer*in zuhause hatten?

Fotos von den Übungsblättern wurden geschickt, ich suchte im Internet nach, um sie für mich runterzuladen. Bis auf ganz wenige, fand ich alle. Whatsapp und der Computer liefen auf Hochtouren, bis das Handy heiß wurde. Aber am Schluss waren wir beide stolz, dass der Präsens schon mal richtig konjugiert worden war.

Es folgten noch zwei weitere Mappen mit Übungsblättern, auch aus dem Internet. Diese aber waren logischer aufgebaut, was sehr geholfen hat.

Doch ohne die Sprachkenntnisse umsetzen zu können, war das negative MIKA-Resultat vorauszusehen. Nochmals Deutschförderklasse im zweiten Halbjahr. Doch vorher kam das Sommer-Camp. Mein Enkel war so glücklich, dass er endlich Gleichaltrige treffen und normalen Unterricht in Deutsch geben würde! In diesen zwei kurzen Wochen hat er sein Selbstbewusstsein stärken können, denn er durfte seine Vorkenntnisse zeigen, Erfahrungen teilen, hat Freundschaften geschlossen und wurde wieder gesprächig, auch in Deutsch.

Im zweiten Halbjahr lief der ganze Schulunterricht online. Täglich drei bis vier Stunden. Eine Meisterleistung der Lehrkräfte. Dadurch bildeten sich keine Gruppen, alle saßen im gleichen Boot, alias vor dem Computer, es durfte nur Deutsch gesprochen werden und mit dem Verstehen und Kommunizieren verlief das Deutschlernen leichter. Mein Enkel bewältigt seine Aufgaben schon lange alleine.

Der zweite Anlauf auf den MIKA-Test steht auf dem Programm. Mittlerweile ist mein Enkel zwölf geworden. Und wenn er es nicht schafft, muss er in der Deutschförderklasse noch ein Semester bleiben? Und wenn er es schafft, muss er die ganze 1. Klasse Mittelschule wiederholen? Also nochmal die 5. Klasse? Dann ist er mit vierzehn in der 2. Klasse Mittelschule, wo das normale Schulalter zwölf ist. Erst mit zwanzig bekommt er seinen Abschluss? Was nützt es dann überhaupt Deutsch zu büffeln, wenn er vom Regen in die Traufe und nicht vorwärts kommt? Warum gibt es keine Zwischenlösung für diejenigen aus den Deutschförderklassen, und MIKA-Testler mit positiven Ergebnissen, sodass diese Schüler*innen am Ende eines Schuljahres eine Prüfung ablegen, die es ihnen ermöglicht, den Sprung in die nächste höhere Klasse zu wagen? Für Mathe, Chemie und Physik braucht man nicht viele Deutschkenntnisse, für Musik, Zeichnen, Malen, Werken und Sport auch nicht. Aber man lernt etwas sehr wichtiges: Freundschaften aufbauen, Gruppenarbeit, anderen helfen, von seinen Erfahrungen erzählen können, Gedanken austauschen. Die Texte über die Römer könnten auch im Parallel-Deutschunterricht bearbeitet werden und so das Verstehen der Grammatik erleichtern. Wie interessant kann doch ein Erdkundeunterricht gestaltet werden, wenn man den halben Globus bei sich in der Klasse sitzen hat?

Aber, das Gefühl „des-doch-nicht-dazu-Gehören“ haftet während der ganzen Zeit, in der Deutsch gefördert wird. Es gibt keine plausible Erklärung dafür, dass Deutsch so gelehrt werden muss, außer des sturen Pragmatismus. Warum wird Grammatik nicht erklärt sondern gepaukt und auswendig gelernt, wie anno dazumal? Listen und Listen. Viele waren von Webseiten, die eher Deutsch für den Erwachsenenunterricht lehrten.

Hut ab. Den Schüler*innen von Deutschförderklassen meinen großen Respekt. Diese Kinder müssen eine große Disziplin haben, die viele Erwachsene nicht besitzen. Sie müssen nur Hürden bewältigen. Eine nach der anderen. Es geht gar nicht um Integration. Im Grunde spielt diese keine Rolle mehr. Man muss Deutsch richtig sprechen, dann muss man den MIKA-Test schaffen und erst dann geht man in das normale Leben wieder zurück, sprich in den echten Unterricht. Erst dann existiert man! Aber ein normaler Unterricht ist das nicht, wenn man nicht unter Gleichaltrigen sitzt. Der Unterschied in der Auffassungsgabe von zehnjährigen zu elfjährigen ist groß und wird noch größer zu vierzehnjährigen.

Es wird von Kindern erwartet, dass sie sich grammatikalisch richtig ausdrücken und nicht, dass sie sich aufgenommen fühlen, dass sie kommunizieren, dass sie sich integrieren. Eine soziale Parallelklasse wird aufgebaut, für die die Chancen zum Arbeitsmarkt oder zum Zugang auf die Uni schon so früh erschwert werden.

Die Autorin lebt in Brasilien und ist Großmutter von zwei Kindern, die in Wien eine Mittelschule besuchen.

Lesezeit: 2 Minuten

Sie haben sich in einer anderen Schule beworben, obwohl Sie bei uns unterrichten? Waren wir für Sie also nur eine Zwischenschule?“ „Ist das, was wir lernen für Sie zu kindisch?“  „Verdienen Sie dort mehr?

Meine Schüler*innen sprechen aus, was ich mir denke. Wieder eine Kollegin, die uns verlässt, weil sie spontan eine Stelle an der AHS bekommen hat. Freudenstrahlend erzählt diese Kollegin es den Kindern am 23. Dezember. „Wisst ihr, dafür hab ich ja studiert. Natürlich schaut man sich dann auch während des Schuljahres um.“ 

Ahja. Danke. Wir, also meine Schulleiterin und ich als ihre Stellvertreterin, haben am 21. Dezember davon erfahren. Auf drei angenehme Tage vor Weihnachten waren wir eingestellt. Noch ein paar nette Stunden, die dieses verrückte Jahr ausklingen lassen. Eine spontane Stellenausschreibung ist es geworden. Sechs Bewerber*innen, fünf davon mit der absolut falschen Ausbildung. Bewerbungsgespräch am 23. Dezember. Inklusive der Absage dieses Bewerbers am gleichen Tag – er habe schon eine andere Stelle. Gut. Wir starten also im Jänner mit Supplieren im Distance-Learning. 

Aber die Kollegin ist glücklich! Sie fährt ab jetzt lieber eine Stunde mit dem Auto in eine Richtung, um in der AHS zu arbeiten, als in der eigenen Stadt in der Mittelschule. 

Wir bleiben zurück an unserer Mittelschule. Wir anderen Kolleg*innen, die in dieser Schule mit Leidenschaft unterrichten. Die viel Energie und Liebe in unsere Arbeit stecken. 

Und die Kinder bleiben zurück, weil es die zweite Lehrerin in zwei Jahren ist, die genau diese Entscheidung getroffen hat. Die Kinder, die es verdient haben, eine stabile Lehrperson in einem Hauptfach zu haben. 

Uns wird so oft suggeriert, dass wir ja „nur eine Mittelschule“, also „weniger wert“ sind. Manche Kinder kommen zu uns und sagen, sie seien zu dumm fürs Gymnasium, deshalb seien sie bei uns. Das wird den Kindern in der Stadt beigebracht. Es dauert Monate ihr Selbstbewusstsein aufzubauen. 

Wenn ich sage, ich arbeite an einer Mittelschule, und dann sogar noch als Sonderschullehrerin, bekomme ich mitleidige Blicke und die Aussage „Puh, das könnte ich nicht.“ 

Heuer hatte ich ein Online-Kennenlernen mit interessierten Eltern. Der dritte Sohn soll bitte zu uns kommen. Die anderen Kinder gehen ins beste Gym der Stadt. Der dritte Sohn wird dem Druck dort nicht standhalten. Die Noten passen nicht. Die Eltern bitten mich darum, ihnen das System der Mittelschule zu erklären, sie wissen eigentlich nichts davon. Warum auch, den Eltern wird in vielen Volksschulen vermittelt, dass, überspitzt formuliert, nur aus den Kindern, die ins Gymnasium gehen, etwas werden kann. 

Manchmal frage ich mich wirklich wie man dieses System durchbrechen kann. Ganz sicher nicht, indem das Fenster für die Ausschreibungen der Bundesschulen zwei Wochen vor dem Fenster der Allgemeinen Pflichtschulen ist. Ist es also auch da so. Die Kolleg*innen dürfen sich zuerst bei den AHSen bewerben, und wer dann „übrig bleibt“, der muss sich halt dann wohl oder übel für die Mittelschule aufopfern. 

Und wir, uns werden dann diese frohen Weihnachten mit Vorstellungsgesprächen und Rechtfertigungen vor den Eltern, warum schon wieder eine neue Lehrerin in diesem Fach kommt, beschert. 

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in der Steiermark.

Lesezeit: 6 Minuten

Digitalisierung als Thema im Unterricht ist spätestens seit den beiden Lockdowns bei allen Lehrer*innen als Vernunft-Thema angekommen. Doch warum gelingt eine Umsetzung noch nicht so, wie das innerhalb der Schulen und von außen gewünscht wird und wie es sinnvoll wäre? Welche Hindernisse stehen im Weg? Welche Ressourcen sind aber auch vorhanden, die es zu nützen gilt? Wo gilt es anzusetzen um nachhaltige Digitalisierung zu ermöglichen? Einige zentrale Learnings und Thesen aus der externen Begleitung von Mittelschulen in Wien und Niederösterreich auf ihrem Weg zu einer nachhaltigen Digitalisierung.

Eigentlich arbeiten wir vom Schul-Coaching als freiberufliche Organisationsberater mit ganz „normalen“ Firmen zusammen. Wir begleiten Veränderungsprozesse und unterstützen Unternehmen insbesondere bei Innovations- und Digitalisierungsschritten. Das ist für viele Firmen eine große Herausforderung und benötigt meist einen längerfristigen Change-Prozess mit vielen Veränderungsschritten und unterschiedlichen Interventionen auf zahlreichen Ebenen. Gelingen kann das nur, wenn die Mitarbeiter*innen auch beteiligt, abgeholt und mitgenommen werden. Erfolgreiche Neuausrichtung bedeutet in vielen Bereichen insbesondere eine Mind-Set-Änderung bei allen involvierten Personen, Führungskräften wie Mitarbeiter*innen. Ein solcher Prozess ist immer auch mit Phasen der Ablehnung, mit Widerständen und Frustrationen verknüpft. Auf der anderen Seite gibt es immer auch Erfolgserlebnisse, mit der Zeit entsteht so ein neu entwickeltes Gefühl und Erleben von Gemeinsamkeit. Mit der richtigen Anleitung und Prozesssteuerung führt ein erfolgreicher Change-Prozess letztlich zu echter Motivation basierend auf der Überzeugung, etwas zum Sinnvollen zu verändern.

Nein, an Schulen ist das nicht anders.  Nur die Voraussetzungen sind deutlich anders und machen solche Prozesse nicht einfacher.


Welche Hindernisse stehen einem gelingenden Digitalisierungs-Prozess an den Mittelschulen oft im Wege? 

Die nachhaltige Einführung von Digitalisierung im Unterricht benötigt einen großen Change-Prozess, das Wissen und die Kompetenzen dazu sind an Schulen nicht vorhanden.

 „Wie machen wir das jetzt mit dem Digitalisierungskonzept?“, „Wie binde ich da möglichst viele ein?“, „Wann mache ich was am Besten?“ sind klassische Frage, die uns zu Beginn immer wieder gestellt werden. Nachhaltige und gelingende Digitalisierung braucht neue Arten der Zusammenarbeit zwischen den Lehrer*innen an einem Standort, aber auch ein adaptiertes Verständnis von Unterricht – kurz einen gesamtheitlichen Schulentwicklungsprozess. Das Wissen über das Aufsetzen solcher Prozesse ist an Schulen meist nicht vorhanden. Das macht eine nachhaltige Veränderung deutlich schwerer und mühsamer, Frustration und Resignation sind dann oft die Folgen, wenn kurzfristige Digitalisierungsimpulse ins Leere laufen.

Die zahlreichen Verordnungen und Vorgaben von „oben“ haben dazu geführt, dass Digitalisierung als etwas erlebt wird, das zum Lehrerjob noch dazukommt und damit wenig Lust auf das Thema macht, auch weil so ein echter Mehrwert oder Nutzen nicht erkannt wird.

„Ständig gibt es neue Vorgaben?“ „Nun kommt schon wieder ein neues Notensystem?“ „Und die Digitalisierung kommt dann auch noch dazu, da fehlt mir dann meistens die Zeit!“ Die Lehrer*innen der Mittelschulen sind enttäuscht. Sie wurden in den letzten Jahren mit neuen pädagogischen und didaktischen Konzepten, Ratschlägen und Vorgaben überhäuft. Teilweise war die Haltbarkeitsdauer der Vorgaben nur sehr gering. Das hat Widerstand und Frustration ausgelöst und mittlerweile werden solche Vorgaben bestenfalls nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen oder gar ignoriert. Eine Verordnung löst noch kein Problem, sondern hinterlässt meist das Gefühl noch etwas zusätzlich machen zu müssen. Es fehlt das Gefühl mitreden und gestalten zu können und transparenter in Entscheidungsprozesse eingebunden zu sein.

Die digitalen Rahmenbedingungen an Schulen sind sehr unterschiedlich und undurchsichtig, die digitalen Kompetenzen der Lehrer*innen ebenso.  Die als mangelhaft beschriebene digitale Ausstattung wird immer wieder als perfektes Schutzschild genommen, nichts verändern zu können.

„Wir brauchen mal eine gute Ausstattung, dann können wir erst gut starten.“ „Das Anstecken des Beamers dauert jedes Mal 20 Minuten.“ „Ich tu‘ mir das nicht an, da verliere ich immer wieder wertvolle Unterrichtszeit, weil nichts funktioniert.“ Zum Teil ist die Ausstattung an den Mittelschulen nicht ausreichend. Klassen, die kein Internet haben, die Zuverlässigkeit des WLAN lässt zu wünschen übrig und so weiter. Das wird gerne als Schutzschild dafür herangezogen, dass ein digitaler Unterricht noch nicht funktionieren kann. Doch immer wieder gibt es an denselben Schulen einzelne Lehrer*innen, die schon sehr erfolgreich digitale Medien und Tools  einsetzen und als echten Mehrwert erleben. Das Schutzschild wird auch deswegen hochgezogen, da das Thema “Digitalisierung” für viele ein Angst-Thema ist, ja sogar mit Scham besetzt ist. Man gibt nicht gern vor Kolleg*innen zu, dass man beim Thema digital unterrichten noch ganz am Anfang steht oder überhaupt noch keine Erfahrungen hat, man möchte sich aber insbesondere vor den Schüler*innen auch keine Blöße geben. Diese sind mit Digitalisierung aufgewachsen und haben oft deutlich mehr Kenntnisse und Kompetenz. Die oft klassisch gelebte Lehrer*innenrolle gerät dadurch mitunter ins Wanken.

Der Job der Direktorin/des Direktors an einer Mittelschule ist eine klassische Managementposition. Um diese Funktion ausfüllen zu können, fehlen die entsprechenden Ressourcen, Befugnisse und die Möglichkeit, sich die benötigten Kompetenzen anzueignen bzw. von außen beizuziehen.

„Ich kann meine Lehrer*innen zu nichts zwingen.“ „Ich bin voll ausgelastet mit dem Ausfüllen von Listen und der Administration, da kommt das Strategische leider oft zu kurz.“ „Ich habe keine Unterstützung, keine Assistenz, ich muss alles selber machen.“ Direktor*innen sind fast durchwegs ehemalige Lehrer*innen. Sie bringen dadurch ein hohe Feldkompetenz für pädagogische Rahmenbedingungen mit. Klassische Management-Skills fehlen ihnen aufgrund der Vorerfahrungen. Außerdem sind sie mit überschaubaren Ressourcen und Befugnissen ausgestattet. Soll ein Change-Prozess und damit nachhaltige Schulentwicklung gelingen, braucht es beides oder die Möglichkeit sich entsprechend Unterstützung und Begleitung von außen holen zu können. Da fehlt es meist an den finanziellen Möglichkeiten für professionelle externe Expertise.

Und trotzdem, es bewegt sich etwas an den Mittelschulen und es ist möglich etwas zu bewegen, denn zahlreiche Ressourcen sind vorhanden.


Welche Ressourcen sind das?

Bei fast allen Lehrer*innen ist angekommen, dass das Thema Digitalisierung im Schulalltag und auch im Unterricht zu integrieren und notwendig ist, um den Anschluss an die Lebensrealität der Schüler*innen nicht zu verlieren.

„Ja, es wäre schon gut, verstärkt digital zu unterrichten!“ „Die Schüler*innen müssen auf die Möglichkeiten und Gefahren hingewiesen werden!“ „Sie werden das für ihren Beruf benötigen.“ Allen Lehrer*innen, mit denen wir gesprochen haben, sind die Kinder, die sie unterrichten, ein echtes Anliegen. Sie wollen ihnen einen möglichst guten Start in die Zukunft ermöglichen, das wird als wesentliche Aufgabe des Lehrerberufs an Mittelschulen beschrieben. Und durchgehend wird gesehen, dass Digitalisierung ein ganz wesentliches Thema sein wird und eigentlich auch schon länger ist. Das ist eine ganz große Chance. Doch klar ist auch, dass bei den meisten Lehrer*innen eine verstärkte Digitalisierung zwar vom Kopf her gedacht wird, also als Thema in der Vernunft verankert ist, aber ein Herzensthema und damit ein echtes intrinsisches Anliegen ist es nicht. Sie haben fast durchgehend ein anderes Unterrichten gelernt und in der Praxis für sich entwickelt.

Schüler*innen sind dankbar, wenn digitalisierte Elemente in den Unterricht integriert werden.

„Ja, die Aufmerksamkeit bei den Schüler*innen ist deutlich höher.“ „Schüler*innen helfen immer ganz bereitwillig, wenn ich technische Probleme habe.“ „Wenn ich ihnen ein Video von mir zur Verfügung stelle, dann schauen sie sich das auch an.“ Schüler*innen sind prinzipiell dankbar und noch mehr dankbar, wenn sich der Unterricht mehr ihrer Lebenswelt annähert und mit dieser etwas zu tun hat. Sich Messen und Vergleichen sowie Gamification sind bei Schüler*innen großgeschrieben, aber auch die Möglichkeit sich gegenseitig auf digitalen Wegen zu helfen und zu unterstützen wird wohlwollend aufgegriffen. Auf Schüler*innen ist in dem Prozess der Digitalisierung Verlass, nehmen wir sie als solche wahr, ernst und auch mit.

An jeder Schule gibt es mittlerweile Early-Adopters und sehr engagierte Lehrer*innen, die sich dem Thema Digitalisierung verschrieben haben.

„Ich probiere immer wieder etwas Neues aus und zeige das gerne meinen Kolleg*innen.“ „Es ist wichtig zu wissen, dass wir da eine engagierte Kollegin haben, die immer wieder aushilft, wenn man nicht weiter weiß.“ „Ohne diese Kolleg*innen wäre ich als Direktorin aufgeschmissen.“ Noch an jeder Schule sind wir auf mehrere Lehrer*innen gestoßen, die von sich aus Digitalisierung als Bereicherung für einen modernen Unterricht integrieren. Da werden von Schüler*innen selbstständig Videos zu Themen erstellt. Es gibt interaktiven Unterricht mit Blended-Learning-Elementen. Lehrer*innen, die Unterrichtsstunden mit unterschiedlichen digitalen Lernmaterialien bereichern. Aber nicht nur das: Sie sind auch hilfsbereit, nein es geht sogar noch weiter, es ist ihnen ein Anliegen ihr Wissen an die Kolleg*innen weiterzugeben. Kollaboration und Zusammenarbeit wird von ihnen als Notwendigkeit verstanden, um den Anforderungen gerecht zu werden. Da gibt es schon ganz viele. Das Ziel muss sein, diese Vorreiter*innen an ihren Schulen zu stärken und zu bestärken.

Zahlreiche Organisationen, Institutionen und engagierte Einzelpersonen sind bereit, das österreichische Bildungssystem zu unterstützen und weiterzuentwickeln.

„Ohne die Fellows von Teach for Austria hätten wir ein echtes Problem.“ „Externe Unterstützung brauchen wir da unbedingt, das schaffen wir nicht alleine!“ „Es gibt schon so viele praktische Angebote von Verlagen und anderen Anbietern, das ist großartig.“ In Österreich haben viele Menschen erkannt, dass etwas zu tun ist im österreichischen Bildungssystem. Damit wir unseren Kindern eine gute Zukunft mit der passenden Ausbildung bieten können, muss sich etwas verändern. Sie entwickeln neue Angebote in Zusammenarbeit mit den Schulen, sie möchten unterstützen, sie gründen Initiativen, Volksbegehren und Vereine. Nützen wir dieses Engagement und binden wir sie verstärkt in die zukünftige Gestaltung der österreichischen Bildungslandschaft ein.


Das ist eine thesenhafte Ist-Stands-Erhebung auf Basis von zahlreichen Lehrer*innen- und Direktor*innen-Gesprächen. Was sind die Hindernisse, die wir immer wieder vorfinden, was sind die Ressourcen, die aber ebenso überall vorhanden wären? Nein, das ist noch nicht der fertige Plan, wie Digitalisierung an Österreichs Schulen im Allgemeinen und an den Mittelschulen im Besonderen gelingen kann. Aber es ist für uns als Organisationsberater eine Grundlage dafür, wichtige Hebel für nachhaltige Veränderung an den Schulen zu erkennen und gezielt zu nutzen.


Leonhard Kern und Alfred Schierer sind freiberufliche Organisationsberater und haben die Initiative Schul-Coaching gegründet. Sie begleiten Schulen u.a. am Weg zu nachhaltigen Digitalisierungsschritten im Rahmen von Schulentwicklung.

Lesezeit: 5 Minuten

Die Schüler*innensicht

„2020“ war ein heftiges Jahr für uns alle. Wenn ich an alle Vorfälle zurückdenke, die wir in diesem Jahr erlebt haben, denke ich mir: „Wow, was wir nur alles überwunden haben?

Wir haben viele Schmerzen und Rückschläge in jedem Bereich unseres Lebens erlitten – am meisten unsere Psyche. Manchmal hat es Situationen gegeben, wo man einfach gedacht hat: „Es reicht! Wirklich! Es reicht. Was soll das alles?

Aber die Geschehnisse achten leider nicht auf unsere Gedanken und unsere Psyche; sie passieren einfach. Das Jahr 2020 hat vielen Menschen auf unserer Erde Schmerzen abverlangt. Wegen der Corona-Pandemie haben viele Menschen Familienmitglieder, Freund*innen und Bekannte verloren. Am Jahresanfang war alles noch normal. Mitte Februar hat der Fluch des Jahres 2020 seine Wirkungen gezeigt. Begonnen hat es mit den Waldbränden in Australien, wo viele Tiere gestorben sind. Danach folgte eins nach dem anderen. Anfang März ist Corona in Österreich aufgetaucht. Es wirkte zuerst wie ein Scherz. Ich erinnere mich noch an den Tag, wo meine Freund*innen gesagt haben, in Tirol gebe es die erste infizierte Person. Damals hätte ich mir nicht erträumen können, dass es so weit kommen würde. Das Schuljahr 2020 hat meine Mentalität ruiniert; das mit dem Distance Learning, dem Lockdwon, den eingeschränkten Sozialkontakten usw. – das war oftmals einfach alles viel zu viel. Stress, Sorgen und Ängste. Das alles folgte aufeinander und überkreuzte sich. Und wir als Menschen wussten nicht, was wir machen sollten. Was können wir als winzige kleine Wesen auf dieser riesigen Erde in so einer Situation denn auch schon machen? Es kam mir manchmal auch vor, als hätten sich all die schlechten Sachen abgesprochen und ausgemacht, dass sie alle gemeinsam im Jahr 2020 auftauchen.

Während des Lockdowns im April bin ich eines Tages auf ein Gedicht auf Instagram gestoßen:

Und die leute blieben zuhause
und sie lasen bücher und hörten zu
und sie ruhten sich aus und übten
und sie schufen kunst und spielten
und sie lernten neue formen des seins
und sie lauschten tiefer
jemand meditierte
jemand betete
jemand tanzte
jemand begegnete seinem schatten
und die menschen begannen unterschiedlich zu denken
und die menschen heilten
und in abwesenheit der menschen die unwissend lebten
gefährlich meinungslos und herzlos
begann sogar die erde zu heilen
und als die gefahr endete
und die menschen sich einander fanden
trauernd für die toten
und sie trafen neue entscheidungen
und träumten von neuen visionen
und sie schufen neue lebensweisen
und sie heilten die erde
ganz genau so wie sie selbst geheilt wurden

Als ich dieses Gedicht gelesen hatte, dachte ich mir: „Wow, schon vor ca. 140 Jahren konnte die Schriftstellerin Kathleen O’Meara vorhersehen, was in den kommenden Zeiten passieren würde.“ Das Gedicht beschreibt für mich genau das, was viele von uns im Lockdown gemacht haben: lesen, zuhören, meditieren, Zeit mit sich selbst und der Familie verbringen und alles weitere. Ein zum Denken anregendes Gedicht.

Ein Satz meiner Großmutter kommt mir dabei ins Gedächtnis. Sie sagte zu mir, dass es immer noch das Schlimmste vom Schlimmsten gebe. Deshalb hoffe ich mir nur, dass wir nicht schlimmere Vorfälle in den kommenden Jahren erleben werden. Ich drücke mir und uns die Daumen für das Jahr 2021. Hoffentlich werden wir ein erholsames, schönes 2021 haben!

Zeynep Kocak, Schülerin an einer BHAK in Wien

Die Lehrer*innensicht

Jänner und Februar 2020

In China gibt es ein Virus, Corona heißt es. Wahnsinn, in kürzester Zeit werden Krankenhäuser errichtet. Lockdown. Keiner darf vor die Tür, außer in Notfällen. Viele Menschen sterben.

Während der Gangaufsicht stellt sich Nenad zu mir. „Corona wird noch ein richtiges Problem für die ganze Welt werden,“ sagt er. „Wieso? China, ist ja richtig weit weg. Kann ich mir nicht vorstellen,“ antworte ich. „Glauben Sie mir, Sie werden noch an mich denken.“ Er geht zurück in die Klasse.

März bis Mitte Mai 2020

Ich denke oft an Nenad und seine Worte. Wir arbeiten von zuhause aus, versuchen die Schüler*innen so gut wie möglich zu erreichen. Kein Mensch hat damit gerechnet. Viele unserer Schüler*innen haben keine Laptops.  Wir alle haben wenig Ahnung, wie Distance Learning funktionieren soll. Wir sind nicht digitalisiert, lernen mit den Schüler*innen gleichzeitig.  Draußen scheint die Welt still zu stehen.  Aber es gibt Lichtblicke. 30 Laptops werden gespendet, 60 werden von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt, dazu Handy- und Internetguthaben.  Und der Lockdown zeigt Wirkung, die Zahlen gehen nach unten. Wir dürfen wieder in die Schule.

Mitte Mai bis Ende Juni 2020

Wir unterrichten wieder, wenn auch in kleinen Gruppen, aber wir sind wieder da. Vielen Schüler*innen ist die Freude anzusehen. Sie kommen gerne, sie wollen lernen.  Zeugnis und Noten spielen für sie nicht so eine große Rolle, und wir dürfen Milde walten lassen, sieht man von den Deutschförderklassen ab.  Da muss beinhart geprüft werden. Sieht so aus, als würde diesen Schüler*innen ihr nicht vorhandenes Sprachverständnis zum Verhängnis.  Also trocknen wir Tränen und machen Mut. Irgendwann werden sie die Sprache so weit beherrschen, dass sie sich auch wie andere Schüler*innen fühlen dürfen.

September bis Mitte November 2020

Wir spielen ganz normal Schule. Große Klassen, Tests, Schularbeiten und normaler Unterricht. Die Infektionszahlen gehen in die Höhe. Unruhe macht sich breit. Alle sind nervös. Alle dachten, Corona ist vorbei.  Ab und zu ist eine Klasse in Quarantäne, immer wieder gibt es Verdachtsfälle und die scheinbare Normalität beginnt zu zerbrechen.  Alle ahnen wir, der nächste Lockdown steht vor der Türe.

Mitte November bis Dezember 2020

Das prägendste Bild dieser Wochen? Schüler*innen, die schwere Schultaschen und Einkaufstaschen schleppen. Besser ist es immer alle Sachen zuhause zu haben.  „Scheiß Corona!“, ruft ein Schüler laut und muss prompt vor die Klassentüre. Warum? Das entzieht sich meiner Kenntnis.

Maria Lodjn, Lehrerin an einer Mittelschule in Wien

Die Elternsicht

Ich bin kein Mensch für Neujahrsvorsätze, doch kurz dachte ich Anfang Januar 2020 darüber nach, was ich an meinem Leben verbessern könnte. Das einzige was mir einfiel, war, dass ich gerne einen richtig guten Thailänder in Wien finden möchte. Eine Original Tom Yan Gung, so glaubte ich, würde mein Dasein deutlich bereichern. Das wurde mein Vorsatz. Wenig wusste ich.

Dann kam der März und der erste Lockdown. So saß ich plötzlich da, mit drei Kindern an drei verschiedenen Schulen. Mit drei Laptops und drei iPads, mit zwei Smartphones, einem Laserdrucker, zwei WLAN Netzwerken ohne Datenlimit, die dennoch an ihre Grenzen stießen, und einem Mann, der seine Zeit statt mir bei den Kindern zu helfen, lieber mit seiner 25 jährigen Geliebten und Angestellten auf irgendeinem Hof verbrachte, während ich mir mit der Machete einen Weg durch den Arbeitsplandschungel der Kinder schlug. Dass auch ich Vollzeit arbeite und dies parallel zu meinem Mutteralltag, brauche ich nicht extra zu erwähnen, das ist ja „das neue Normal“.

Kürzlich sagte der Diakon eines kleinen Ortes auf die Aussage eines gestressten Elternteils, dass er für so etwas wirklich keine Zeit habe: „Nun ja, Zeit – haben wir alle gleich viel…!

Und das stimmt. Ich stehe also um 5:00 Uhr auf, beantworte die nächtlichen Anfragen meines Brotjobs, mache mich ab 5:30 Uhr mit meiner 8jährigen Tochter an ihren Arbeitsplan, erst analog, dann auch über Padlet, nähe mit drei Kindern MNS Masken mit Kaffeefiltern, bastle Fledermäuse, lerne, wie die österreichischen Gebirge auf Englisch heißen, da mein Sohn sich ein fancy-bilinguales Gymnasium ausgesucht hat, befasse mich mit Genetik und creative Common Lizenzen, da Sohn Nummer zwei eher naturwissenschaftlich orientiert ist und wir parallel ein Referat zu Ionenverbindungen schreiben müssen. Dann analysieren wir die Welle, fassen Borchert zusammen und schreiben Dialoge auf Spanisch. Ich lerne MS Teams, One Note, Webuntis, Moodle, alles so nebenbei. Abends um 22:35 Uhr beantworte ich die letzte Frage aus meinem Arbeitsumfeld.

Der Sommer brachte eine kurze Verschnaufpause. Ich fuhr in mein Heimatland und tankte neue Energie und dringend benötige Vertrautheit. Ja, auch ich gehörte zu den hochansteckenden Reiserückkehrern. Ich konnte nicht anders.

Zusammengefasst? Es war ein lehrreiches Jahr. Neben allen neuen technischen Kompetenzen, Plattformen, Softwaresystemen und Improvisationskünsten lernte ich vor allem, dass wir uns durch die Corona-Krise wieder im Jahr 1950 befinden, dass die unsichtbaren Dienstleistungen von Frauen tatsächlich ungesehen bleiben. Dass die Welt vermutlich zusammenbrechen würde, wenn es diese im Hintergrund nicht gäbe. Aber ich lernte auch, dass scheinbar aussichtslose Situationen einen Ausweg haben, dass auch der dunkelste Lockdown sein Ende findet und es schlussendlich nach dem Lockdown eigentlich auch doch nur wieder vor dem Lockdown ist.

Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Steiermark.

Lesezeit: 3 Minuten

Kinder unter 10 Jahren gelten als nicht besonders ansteckend. Ich bin älter als 10 Jahre und meine Kolleg*innen ebenfalls.

In einer Halbtagsschule ist es bestimmt möglich, dass nur mehr eine Lehrperson in der Klasse ist, in einer GTVS geht sich das nicht aus. Es ist also unumgänglich, dass Lehrpersonen und Freizeitpädagog*innen in verschiedenen Klassen sind.

Kinder unter 10 Jahren gelten auch nicht als K1-Person. Mulmig ist mir dann aber doch, wenn ich weiß, dass Eltern von Schüler*innen auf COVID-19 positiv getestet wurden. Die uns versprochenen FFP2-Masken kamen erst diese Woche, natürlich nur 1 Stück pro Person. Als sonstige Maßnahmen bleiben nur Lüften und Hände waschen mit kaltem Wasser.

Ich persönlich kann dem Online-Unterricht durchaus etwas abgewinnen, schon allein, weil man per Knopfdruck alle Kinder auf „stumm“ schalten kann. In der Klasse würde ich mir diese Funktion manchmal auch wünschen. Fast alle Kinder kommen zu meiner täglichen Online-Stunde. Ein Ritual, das den Kindern schon aus dem ersten Lockdown bekannt ist. Viele meiner Kinder können mittlerweile schon selbstständig herausfinden, welche Aufgaben für den jeweiligen Tag zu erledigen sind, und wissen, wie man mir via Chat Fragen stellen kann. Das klappt jetzt deswegen so gut, weil im März bereits eine Kollegin wissen wollte, ob und wie wir MS Teams verwenden können. Erst Wochen später wurde das Programm allen Wiener Schulen zur Verfügung gestellt und eingerichtet. Wir hätten uns viel Arbeit und Mühe erspart, wenn uns das vorher jemand mitgeteilt hätte. Von „Oben“ hieß es aber nur, es würde etwas kommen, man wisse nur noch nicht was und dürfe darüber keine Auskunft geben.

Nun gut, wie bringt man aber nun eine ganze Schule dazu dieses Programm dann auch zu nutzen? Mit einem Computerraum in der Schule wäre es ja relativ einfach, allen Kindern zu zeigen, wie man sich anmeldet und MS Teams verwendet. Nur den haben Volksschulen nicht!

Wir haben jeweils 2 PCs in den Klassen und nur einen funktionierenden Beamer für die ganze Schule.  Dazu kommen Lehrer*innen, die zu Hause weder PC noch Laptop besitzen, weil sie das bis jetzt ja nie gebraucht haben. Diese Kolleg*innen haben zuvor auch noch nie an einem Online-Meeting teilgenommen und können sich daher nur schwer vorstellen, wie man so unterrichten soll. Einen Dienstlaptop zu haben wäre natürlich hilfreich. Doch den gibt es nicht. Der Kopierer lief daher vor dem Lockdown heiß, weil alle ganz viele Übungsmappen erstellen mussten. In der Aula wurden wieder Kästen aufgestellt, damit die Eltern Arbeitsunterlagen holen und bringen können. Denn viele Haushalte verfügen über keinen Drucker. Um vernünftig am Online-Unterricht teilzunehmen, braucht es viel. Es braucht einen PC oder Laptop mit Kamera und Mikrofon, ein Smartphone – es muss aber das richtige sein, weil MS Teams weder auf einem alten iPhone noch auf Huawei funktioniert –, schnelles Internet, einen Drucker und einen Scanner – diesen braucht man z.B. um Aufsätze verschicken zu können, Kinder unter 10 schreiben üblicherweise noch viel mit der Hand – und einen ruhigen Arbeitsplatz. Im Idealfall braucht es auch noch Personen, die einem helfen können, wenn man nicht weiterweiß oder bei den jüngeren Kindern schauen, was zu tun ist und bei der Technik helfen. Das alles verdeutlicht erneut, dass im Lockdown wiederum privilegierte Haushalte weniger Nachteile haben als andere, die mit erhöhten Hürden zu kämpfen haben.

Eltern, die über diese genannten Ressourcen bzw. Möglichkeiten nicht verfügen, wurde hingegen geraten ihr Kind/ihre Kinder zur Betreuung in die Schule zu schicken, wodurch sie sich wiederum einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzen.

Meine Schule hat Glück. Sie hat eine hilfreiche und engagierte IT-Kustodin und viele lernwillige Kolleg*innen, die sich sehr viel Mühe geben, dass der Unterricht bestmöglich weitergeht und alle Kinder erreicht werden. Was wir ohne sie gemacht hätten, weiß wohl niemand und ich möchte mir nur ungern vorstellen, wie das eigentlich an anderen Volksschulen läuft.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Volksschule in Wien.