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Warum berichten unsere Pädagogen*innen immer wieder von Überlastung? Mit dieser Frage ist eine Gruppe von Eltern vor nicht allzu langer Zeit an mich herangetreten. Sie haben eine Arbeitsgruppe gebildet und möchten sich mit diesem Thema beschäftigen. Ich selbst bin Arbeitspsychologin, Mama zweier Mädels an dieser Schule und im Rahmen meiner Elternmitarbeit begleite ich seit 6 Jahren das Team. Das Ziel meiner Arbeit: Pädagogen*innen an einer reformpädagogischen Schule, die gesund bleiben und mit Freude bei der Arbeit sind.

Auf die Frage der Eltern bin ich dann in mich gegangen, habe die Arbeit der letzten Jahre reflektiert und mich mit dem Team besprochen. Die Antwort ist eigentlich ganz klar: der größte Belastungsfaktor sind die Eltern – so traurig das auch klingen mag. Alle Teammitglieder sind einer Meinung: die Arbeit mit den Kids bereitet ihnen viel Freude und ist meistens auch energiebringend. Die Arbeit im Team passt auch sehr gut. Die eine oder andere Besprechung ist zu viel, es bleiben immer wieder spannende Projekte liegen, weil die Zeit fehlt und ab und zu stellt auch die Bürokratie eine Herausforderung dar. Alles part of the job und auch ok – wären da bloß nicht die Eltern.

Unsere Schule ist recht klein. Sie wird von rund 90 Schüler*innen zwischen 7 und 15 Jahren besucht. Auch wenn wir seit ein paar Jahren eine konfessionelle Schule sind, ist das Schulgeld, das monatlich zu bezahlen ist, doch recht hoch und mit der Höhe des Schulgeldes steigt wahrscheinlich auch der Anspruch der Eltern „etwas Besonderes“ – einen Mehrwert im Vergleich zur Regelschule zu bekommen. Immer wieder fällt die Aussage von Seiten der Eltern „wir zahlen ja dafür“. Und mit dieser Aussage üben sie, wenn auch nicht bewusst, Druck auf das Team aus.

Das Team ist sehr bemüht immer wieder Außergewöhnliches zu leisten. Manchmal scheint es so, als hätte das den gegenteiligen Effekt. Warum? Weil man es niemals allen recht machen kann und die Zielgruppe der Eltern, deren Kinder eine reformpädagogische Schule besuchen ist doch – auch wenn man sich das nicht erwartet – sehr heterogen. Manche Eltern wünschen sich einen sehr freien Schulunterricht. Andere wiederum sind stark verunsichert, wenn die Struktur fehlt. Manche wünschen sich Lernchecks, manche sogar Noten und andere wiederum am liebsten keinerlei offensichtliche Leistungsbeurteilung bis zum Ende der Schulpflicht. Und die Pädagogen*innen – die stehen dazwischen und mühen sich damit ab die Freude an der Arbeit nicht zu verlieren. Nebenbei bemerkt – alle diese Themen sind in einem verschriftlichten Schulkonzept festgelegt, das den Eltern schon vor dem Eintritt ausgehändigt wird – und dennoch führen sie immer wieder zu Diskussionen.

Nur kurz erwähnt, um nicht zu vergessen – der Redebedarf der Eltern. Der, so denken manche Eltern zumindest, in einer Schule, in der man zahlt, auch entsprechend lange gestillt werden sollte. Auch das kostet Zeit und erfüllt man die Erwartungen der Eltern nicht und hört sich ihre Sorgen nur unzureichend an, so gehen sie in den Widerstand und dann wird es erst recht anstrengend.

Gemeinsam mit dem Team haben wir die verschiedensten Varianten überlegt. Die Quintessenz: es sind immer nur ein eine Hand voll Eltern, die anstrengend sind. Die Zusammenarbeit mit dem größten Teil der Eltern ist fruchtbar und wertschätzend. Das Ziel: den Fokus auf jene Eltern zu legen die Energie bringen oder zumindest energieneutral sind.

Und zum Schluss noch ein paar Vorschläge für Eltern: 

  1. Auch wenn ihr eingeladen seid, im Unterricht zu hospitieren: Vielleicht reichen drei Mal im Jahr, um so einen groben Eindruck zu erhalten. Es muss nicht jede Woche sein.
  2. Überlegt vorher, wie wichtig die Kontaktaufnahme am Sonntagabend zu der Lehrperson ist. Und dann teilt die Wichtigkeit durch 25… denn soviel Schüler:innen betreut die durchschnittliche Lehrkraft. 
  3. Außer im Fußball gibt es vermutlich nirgends so viele Expertinnen wie im Bildungsbereich. Die Lehrkräfte wissen meist was sie tun und das was sie tun tun sie nach bestem Wisen und Gewissen. Sie haben sich den Beruf ausgesucht und machen ihn im Normalfall gut und gerne. Natürlich kann es Ausnahmen geben. Aber gerne einfach mal „the benefit of the doubt“ geben. 
  4. Und zu guter Letzt Rosegger – schließlich sind wir in der Steiermark: Wenn du wen gern hast, lege ihm alles zum Guten aus – dann hast du meistens recht. 

Die Autorin ist Arbetispsychologin und aktive Mitwirkende in der Elternarbeit in der Steiermark.

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Lehrplanänderungen. Neue Curricula. Neue Arbeitsverträge. Verlängerung des Lehramt-Studiums. Verkürzung des Lehramt-Studiums. 

Wie in jedem Beruf kommt es wohl auch im Lehrberuf immer wieder zu Veränderungen. Und gerade in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft, die Medien und die Umstände, rascher weiterentwickeln als sonst, ist das wohl auch nachvollziehbar und gut. Nur manchmal kommt man da als Student:in nicht so ganz mit. 

Gut, wenn Lehrpläne angepasst werden, betrifft uns das zunächst einmal nicht direkt. Wir stehen schließlich noch nicht in der Schule und hätten eine Jahresplanung o.ä. die wir dann verändern oder umschmeißen müssten. Und im Studium wird der Lehrplan, der eigentlich später unsere Arbeitsgrundlage bildet, wenn du Glück hast, nur in den Fachdidaktik-Vorlesungen kurz einmal behandelt. Denn „bis Sie in der Klasse stehen, wird sich der Lehrplan sowieso noch einmal verändern“, wie ein Professor einmal zu uns sagte. (Ob das nun ein Argument dafür ist, sich damit gar nicht zu beschäftigen, sei in Frage gestellt.) D.h. wir bekommen zwar mit, dass der Lehrplan, für welche Schulstufe und für welches Fach auch immer, wieder einmal eine Generalsanierung bekommt, so richtig damit auseinandersetzten, tun wir uns aber nicht. Also zumindest nicht im Studium. Und wenn wir ehrlich sind, werden die meisten Student:innen auch ihre Freizeit nicht damit verbringen, sich durch den meist sehr kryptisch geschriebenen Lehrplan zu kämpfen. Was ich also damit sagen will, ist, dass Veränderungen im Bereich der Lehrpläne durchaus gut und erforderlich sind. Nur der Umgang damit im Studium (und vielleicht auch in den Schulen) könnte ein wenig besser laufen. Denn ob es so zielführend ist, das erste Mal in einen Lehrplan reinzusehen, wenn ich am nächsten Tag meine erste Schulstunde halten muss, weiß ich nicht so ganz. Und ja klar, die Verantwortung liegt dabei sicher auch zu einem größeren oder kleineren Teil bei uns Student:innen. Doch wenn wir schon von Lehrplan oder eben Curricula-Veränderungen sprechen, könnten wir dieses Anliegen doch durchaus einmal auf den Tisch legen und so vielleicht erreichen, dass wir uns auch im Studium schon damit auseinandersetzten, müssen. 

Wenn wir schon dabei sind: Curriculum Veränderungen sind auch so eine mystische Sache. Irgendwie sind sie immer auf einmal da und keiner weiß, wie und was sich genau verändert hat. Man kann umsteigen auf das neue, es ist aber auch kein Problem, wenn man im alten bleibt. Außer, es vergehen zu viele Jahre. Klar, solche Änderungen durchzuführen, und dann tausende von Studierenden in ein neues System einzugliedern, ist eine Mammut-Aufgabe. Nur vielleicht wäre es ja ein möglicher Ansatz, Veränderungen, die durchaus wichtig sind, in kleineren Bereichen wie den einzelnen Lehrveranstaltungen anzusetzen, anstatt immer das Große-Ganze zu verändern. 

Dass sich also Lerninhalte auch auf Ebenen der Unis verändern, ist essenziell für ein immer innovativer werdendes Schulsystem in Österreich. Wie wir mit diesen Veränderungen aber umgehen, könnten wir durchaus noch einmal überdenken. Und wie das Ganze dann nach der Verkürzung des Lehramt-Studiums aussieht, darüber reden wir dann, wenn es so weit ist. 

Anna Lemmerer, Lehramtsstudentin in Wien und Schulgschichtn-Redakteurin

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Wie wird mit dem Thema psychischer Gesundheit an deiner Schule umgegangen?

Sarah*: Unsere Direktorin hat sich darum bemüht, Unterstützungspersonal an die Schule zu holen und auch zu halten. An jeweils 3 Tagen pro Woche ist eine Schul-Sozialarbeiterin sowie eine Beratungslehrerin und an 3-4 Tagen eine Jugend-Coach da. Dieses Personal beschäftigt sich auf Anfrage der Lehrpersonen und/oder in Absprache mit der Direktion mit Schüler:innen. Anlässe dafür gibt es viele, meistens kommt das Unterstützungspersonal meiner Wahrnehmung nach aber dazu, wenn es einen negativen Vorfall mit den betreffenden Kindern und Jugendlichen gab. Dies ist meiner Einschätzung nach auf die begrenzten Ressourcen, die dem Unterstützungspersonal zur Verfügung stehen, zurückzuführen, obwohl Prävention in der emotionalen und sozialen Arbeit effektiver als Reaktion ist.

Seit April kooperieren wir außerdem einmal wöchentlich mit einem Verein, der mit Kindern arbeitet, die durch Krisen und Krieg eventuell traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Zudem arbeiten an unserer Schule 4 Integrationslehrer:innen, die sich in Integrationsklassen um besondere Lernbedürfnisse der Schüler:innen kümmern. Diese Klassen sind im besten Fall kleiner als die anderen Klassen, damit die I-Lehrer:innen sich wirklich mit den Kindern beschäftigen können.

Last but not least kommt einmal pro Woche Personal vom MIT (= multikulturelles Integrationsteam) an unseren Standort.

Elisabeth*: Wir haben 12 Wochenstunden Unterstützung von einer Psychagogin und genauso viele von einer Schulsozialarbeiterin. Wir haben ca. 270 Schüler:innen und mindestens ein Drittel würde permanente Betreuung brauchen. Die Gründe sind unterschiedlich. Entschieden wird bei Erstgesprächen nach Dringlichkeit. Aus der Sicht der beiden Fachfrauen durchaus einleuchtend, weil die Ressourcen beschränkt sind. Aus der Sicht der Schüler:innen, denen es schlicht und einfach nicht gut geht, warum auch immer, eine Katastrophe. Auch wenn uns als Lehrer:innen auffällt, dass es einem Schüler oder einer Schülerin nicht gut geht, müssen wir damit rechnen, dass nicht zeitnah geholfen werden kann.

Im Kollegium sind die Ansichten in Bezug auf psychische Erkrankungen durchaus geteilt. Es gibt jene, die nur wenig Einfühlungsvermögen haben. Die im Jahr 2024 immer noch der Meinung sind, die Schüler:innen sollen sich einfach zusammenreißen. Genau bei diesen Kolleg:innen wird die Arbeit der Beratungslehrerin meistens argwöhnisch betrachtet. Auch der Verdacht wird laut geäußert, dass sich die Kinder nur vor den Unterrichtsstunden drücken wollen. Andere Kolleg:innen erkennen die Nöte der Mädchen und Jungen und agieren dementsprechend.

Hat sich dabei in den letzten Jahren etwas verändert?

Sarah: Ich bin erst seit 3 Jahren an der Schule. Seitdem arbeiten die selben Unterstützungspersonen an unserem Standort. Das ist natürlich sehr hilfreich, weil ich glaube dass eine gute Zusammenarbeit Zeit und Routinen braucht.

Vorher wechselten die Unterstützungspersonen nach Angaben von Kolleg:innen häufiger, auch weil z.B. die Sozialarbeit an einer Schule andere Rahmenbedingungen vorgibt als die Arbeit in einer betreuten Wohngemeinschaft.

Es fällt uns schwer zu beurteilen, ob die psychische Belastung von Kindern in den letzten Jahren, z.B. durch die Schulschließungen durch Covid-19, zugenommen hat. Unverändert hoch ist jedenfalls die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen, die von sozialer Ungleichheit und Rassismus betroffen sind. An einer Schule wie unserer, wo über 90% der Kinder Erfahrungen mit Migration und Armut haben, konzentrieren sich diese beiden Lasten leider auf den Schultern vieler Schüler:innen.

Elisabeth: Ja, die psychischen Probleme werden mehr. Ich persönlich glaube, dass das immer noch die Nachwirkungen der Corona-Zeit sind. Aber auch die Bereitschaft unserer Schüler:innen offen über psychische Probleme zu reden, ist gewachsen. Umso schlimmer ist, dass wir sie oft auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten müssen. Oder wir verweisen auf Fachleute, die nicht in der Schule arbeiten. Das stellt aber für viele ein Hindernis dar. Außerhalb der vertrauten Umgebung wird nicht gerne um Hilfe gebeten.

Bekommt ihr die (externe) Unterstützung, die ihr benötigt?

Sarah: Es ist sehr gut, dass wir das genannte Unterstützungspersonal an der Schule haben. Allerdings wäre es wichtig, dass dieses Personal genügend Stunden, Räume und Ressourcen zur Verfügung hätte, um bereits präventiv, nicht erst in Reaktion auf einen negativen Vorfall, zum Einsatz zu kommen. Denn es muss betont werden, dass Kinder, die ihre psychische Belastung nicht durch auffälliges Verhalten äußern, sondern sich zurückziehen, eventuell von Lehrpersonen und Unterstützungspersonal übersehen werden.

Elisabeth: Wir bräuchten einfach mehr niederschwellige, mehrsprachige Hilfsangebote an der Schule. Externe Hilfe zu bekommen, darf nicht „ewig“ dauern. Wir brauchen in dieser Richtung auch gezielte, mehrsprachige Elternarbeit. Viele unserer Eltern haben große Scheu, wenn es um die psychische Gesundheit ihrer Kinder geht. Auch da fehlt es an Unterstützung. Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung, dass Mehrsprachigkeit bei den Beratungslehrer:innen und Schulsozialarbeiter:innen enorm wichtig ist.

Wie siehst du deine Rolle als Lehrperson, um deine Schüler:innen in ihrem Wohlbefinden zu unterstützen?

Sarah: Ich denke, dass ich als Lehrperson im Klassenzimmer auf Struktur, Sicherheit und ein wertschätzendes Klima achten muss, damit die Belastungen, die Kinder von außen mitbringen, nicht noch durch den Besuch der Schule verstärkt werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass es im Unterricht und in den Pausen so ruhig sein soll, dass sich alle wohl und sicher fühlen. Lernen ist neurowissenschaftlich gesehen übrigens überhaupt erst dann möglich. Ich bemühe mich, den Kindern den Unterrichts- und Schularbeitsstoff transparent, verlässlich und auf Augenhöhe zu vermitteln, um ihnen Stress durch Schularbeiten zu ersparen. Es muss darüber hinaus Raum für Kinder geben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, kleine Fehler im Sozialverhalten zu machen und aus ihren Fehlern zu lernen. Soziales Lernen ist ebenso ein Schulfach wie Mathematik und wird im besten Fall fächerübergreifend vermittelt.

Zu meinem Selbstverständnis als Lehrperson gehört außerdem die Kooperation mit dem Unterstützungspersonal. Das heißt zum Beispiel, dass ich mir Zeit nehme, um über Fälle in der Klasse zu sprechen, mir anzuhören, was Sozialarbeiterin und Beratungslehrerin berichten und Erkenntnisse gegebenenfalls im Umgang mit dem Kind oder Jugendlichen zu implementieren. 

Ein echter Spagat ist es, auf Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen und trotzdem Schritt mit Schularbeiten und Abgabeterminen zu halten. Diesen Spagat schaffe ich manchmal nicht und verlasse das Klassenzimmer in dem Wissen, dass ich den Kindern Unmögliches abverlange. Aber statt mich selbst zu kasteien habe ich begonnen, meine Kritik am Schulsystem, nicht an Individuen, zu formulieren. Die fällt immer drastischer aus und reiht sich in einen seit Jahren bestehenden Kanon ein. Das Schulsystem in Österreich gehört zu den teuersten auf der ganzen Welt, bringt aber nur mangelhafte Ergebnisse.

Elisabeth: Klar gehen Lehrer:innen auch an ihre Grenzen, wenn Schüler:innen, die psychische Probleme haben, in ihren Klassen sind. Es erfordert ein hohes Maß an Sensibilität von Seiten der Lehrkräfte. Und die Frage aller Fragen, die wir uns stellen müssen, ist, ob wir im Stande sind zu helfen. Ich persönlich hole mir in solchen Fällen Rat von Expert:innen. Klar, ich will helfen. Ich kann zuhören und auch vermitteln. Ich verbalisiere das auch, wenn Schüler:innen sich mir anvertrauen. Ich sage klar, wenn ich mich überfordert fühle. Und in Wahrheit zeige ich damit, dass es okay ist, sich Hilfe zu holen.

Wir haben viel Nachholbedarf in Bezug auf die psychische Gesundheit unserer Schüler:innen. Es gibt viel zu tun.

*Namen von der Redaktion geändert.

Beide Lehrer:innen unterrichten an Mittelschulen in Wien.

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Meine Liste mit den Schularbeitsnoten der 4b zirkuliert in der WhatsApp-Gruppe der Schüler*innen. Ich habe sie ihnen weder geschickt, noch habe ich ihnen die Noten schon gesagt. Jemand muss an meine Sachen gegangen sein, die ich in der Pause immer am Tisch liegen lasse. Ich vertraue meinen Schüler*innen, das wissen sie. Jemand muss in Windeseile mein Notenheft geöffnet, das Handy gezückt und ein Foto geschossen haben. Ich bin schockiert, enttäuscht, und richtig wütend…

„Das Lehrerzimmer“

Dieser Vorfall liegt bereits fünf Jahre zurück. Trotzdem kam er mir sofort in den Sinn, als ich kürzlich den Film „Das Lehrerzimmer“ im Kino sah. Im Film können wir eindrücklich beobachten, wie an einer Schule ausgelöst durch Diebstähle zunehmend die Stimmung kippt. Die Suche nach dem Dieb oder der Diebin treibt die Handlung voran: Wer ist schuld? 

Im Mittelpunkt steht eine engagierte Lehrerin, die versucht das Richtige zu tun. Das versuchen auch andere, und dabei wird alles nur noch schlimmer. Schnell verbreitetet sich eine ungute Atmosphäre. Misstrauen, Kontrolle, und Angst wachsen – die Anspannung ist im Kinosessel spürbar. Aus Lehrer*innen werden Ermittler*innen, Gespräche zu Verhören, Anschuldigungen gemacht und Beweise gesammelt. Wer war zur falschen Zeit am falschen Ort? Wer könnte ein Motiv haben? Wer verstrickt sich in Widersprüchlichkeiten? Wer hat vielleicht die „falsche“ Herkunft? 

Am Ende des Films sind mehr Fragen offen als beantwortet, und die Frage, wer gestohlen hat, sowieso. Einzig klar ist: Die Situation ist komplex.

Auf der Suche nach dem richtigen Handeln 

Wer in einer Schule arbeitet, kennt solche Szenarien. Etwas passiert, ob klein oder groß, und sofort beginnt die Suche nach der oder dem Schuldigen. Wer hat in der Pause die Wasserflasche über dem Heft von Ivana verschüttet? Wer hat die Prügelei am Gang begonnen? Wer hat das iPad von David genommen? Wer hat gepetzt? Wer hat das Fenster aufgemacht? Wer hat für Unordnung gesorgt? Und so weiter. Nicht nur von Seiten des schulischen Personals, sondern gerade auch Schüler*innen fordern mit oft großer Vehemenz ein, dass ein Urteil gefällt wird: Wer ist schuld? In einem Moment stehe ich da und halte Pausenaufsicht, im nächsten Moment soll ich Polizistin und Richterin gleichzeitig spielen. Stunden um Stunden, die ich in der Vergangenheit damit zugetragen habe, entsprechende „Ermittlungen“ anzustellen, stets im Bemühen fair und richtig zu handeln.  

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es nach vielen Vorfällen eine relevantere Frage als die nach der Schuld gibt: Was brauchst du? Was wünschst du dir? Und zwar an die ganze Gruppe gestellt, nicht nur an Opfer und Täter*in einer konkreten Handlungssituation. Was brauchen wir alle um weitermachen zu können? Um ein Miteinander (wieder) zu ermöglichen? Um das Vertrauen (wieder) herzustellen? Um das Geschehene hinter uns lassen zu können? 

Diese Fragen können wir als Lehrer*innen stellen. Das können Schüler*innen als Peer-Mediator*innen machen. Manchmal braucht es dafür auch externe Mediator*innen. Und das schließt nicht aus, dass es auch Konsequenzen („Strafen“) geben kann oder soll. Gerade weil Situationen oft komplex sind, sollten Konsequenzen jedoch Produkt eines anders gestalteten Prozesses sein. Manchmal nimmt das mehr Zeit in Anspruch, viele Male sogar weniger.  

Aus Fehlern lernen

Auch vor 5 Jahren wollte ich in erster Linie herausfinden, wer schuld ist, wer es getan hat. Wer war an meinen Sachen, und hat meine Privatsphäre und mein Vertrauen verletzt? Und natürlich habe ich es herausgekriegt. Gerade weil die Basis zu dieser Klasse so stark war, hat meine Welle an Vorwürfen und emotionalem Druck wirkungsvoll eingeschlagen. Ich habe schnell und mit wenig Aufwand herausbekommen, wer es getan hat. Ein Erfolg war es jedoch keiner, wie ich bald erkennen sollte. Es war der Schüler, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte. Früher als schlecht in Mathe abgestempelt, ist er in meinem Unterricht aufgeblüht, hat sich angestrengt und beeindruckende Leistungen erbracht. Einige Tage nach der Schularbeit habe ich der Klasse gesagt, dass ich die Ergebnisse schon hätte, sie ihnen aber noch nicht sagen würde. War das aus Unbedachtheit? Eine „Erziehungsmethode“? Praktischen Umständen geschuldet? Ich erinnere mich leider nicht mehr. Aber dieses „Ihr-müsst-noch-warten“ hat mit allen Schüler*innen etwas gemacht, und den Schüler, dem seine Mathematik-Leistungen so wichtig geworden waren, hat es unter großen Stress und psychischen Druck gesetzt. Er konnte nicht länger warten, keine weiteren Minuten oder gar Stunden mit Grübeln und Sorgen verbringen, er wollte unbedingt sein Ergebnis wissen, wo es doch so verlockend am Tisch vor ihm lag. Und er wollte den anderen auch zur Erleichterung und Klarheit verhelfen. Damals war die Sache für mich abgehakt, nachdem ich wusste, wer es getan hat und wer Konsequenzen bekommen würde. Heute frage ich mich, wie sich die Beziehung zwischen mir und meinen Schüler*innen weiterentwickelt hätte, hätte ich all diese anderen Fragen gestellt. 

Wenn ich statt „Wer ist schuld?“ gefragt hätte „Was brauchen wir?“.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Mittelschule in Wien.

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ein Kommentar von Bernhard Lahner, er arbeitet in einer Förderklasse, Bildungsaktivist

In den letzten Wochen wurde oft über Gewalt an Schulen und den darauffolgenden bildungspolitischen Lösungen diskutiert. Für all jene, die im System sind, läuft dieser Diskurs leider in die falsche Richtung. Grund dafür ist, dass es zum Beispiel Förderklassen, also Kleingruppenklassen mit maximal 6 Schüler:innen und 2 Lehrer:innen, schon seit Jahrzehnten gibt und auch dieses Setting ist oft nicht mehr handlebar.

Die Genese der “SES – Schwersterziehbarenschule” und Förderklasse

Schon seit Jahrzehnten wurden Schüler:innen, die aufgrund sozial-emotionaler Beeinträchtigungen, Traumas, Misshandlungen oder psychischen Erkrankungen, die in einer Regelklasse mit 25 Mitschüler:innen überfordert waren, in Kleingruppen beschult. Ganz ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Eine Kommission aus Expert:innen berät regelmäßig über einzelene Schüler:innen, um ihnen die bestmögliche Bildung zu ermöglichen.

In diesem kleinen, fast schon familiären Setting, sollte es mehr Zeit für die individuelle Verarbeitung der eigenen Geschichte der Schüler:innen geben. Unterstützung kommt von Psychagog:innen (Lehrer:innen mit psychologischer Zusatzausbildung) und ein intensiver Austausch mit den Eltern ist Pflicht. Des Weiteren wurde, wenn nicht bereits geschehen, die Schulpsychologie herangezogen und es wird versucht, weitere außerschulische Beratungsangebote den Betroffenen und den Erziehungsberechtigten schmackhaft zu machen.

Damals gab es für Pädagog:innen, die in diesem Bereich arbeiteten, eine eigene Ausbildung an der Pädagogischen Akademie. Diese spezielle Ausbildung gibt es so nicht mehr und wird heute an den Hochschulverbünden individuell mit Schwerpunktseminaren angeboten.

Der Status quo

Wie die 90iger so waren, können sich die älteren unter uns noch vorstellen. Wir telefonierten heimlich mit unserem Crush mit dem Drehscheibentelefon der Großeltern und machten uns Dates bei der einen großen Linde im Wald aus. Ja, damals war alles besser. Natürlich nicht, aber es soll die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung zeigen, zu dem Zeitpunkt, als offenbar Bedarf für “Kleingruppenklassen” bestand.

Heute sind wir überfordert mit der technologischen Entwicklung von Computerspielen, Smartphones, KI und Co. bei gleichbleibendem Lehrplan. Hier wird laufend additiv ergänzt und den Schule alle möglichen Schwachsinnigkeiten aufoktroyiert.

Das wir gesellschaftlich seit Jahrzehnten einen immer schnelleren Wandel u.a. durch Innovationen und Technik erleben ist allseits bekannt. Das wir von einer Industriellen in eine Dienstleistungsgesellschaft schlittern, merken wir auch seit Jahren mit Blick auf veröffentlichte Jobangebote.

Erschwerend zur Entwicklung der kommenden Generationen kommen Finanz- und Gesundheitskrisen, Kriege und immer gewalttätigere Sprache im politischen Diskurs durch Rechtsextreme, die TikTok, Insta und Telegram bestens beherrschen.

Unsere, schon sehr vulnerablen Jugendlichen, springen auf diese Influencer nicht nur an, sie halten das Gesagte auch oft für das einzig Wahre und Richtige. Die Gründe sind vielfältig, aber was sich aus der Praxis beobachten lässt, ist, dass ein Großteil dieser Jugendlichen das Vertrauen in demokratische Institutionen schon verloren hat und auch keine Ressourcen für zusätzliche Informationsbeschaffung oder eine angemessene Reflexion hat. Angefangen in der Kindergruppe, in der sie mit ihrem “aufgeweckten” Verhalten auffallen, weiter in der Volksschule, in der sie bei erhöhten Bewegungsbedarf abgestraft und zum Sitzen gezwungen werden. Dann in außerschulischen Bereichen wie Gesundheitseinrichtungen, in denen sie lange durchgetestet werden, ein Befund ausgestellt wird und danach nichts mehr passiert. Die Schulen werden allein gelassen. Schon einzelne Kinder und Jugendliche können in der Volks- oder Mittelschule ganze Klasse “sprengen”. Mobbing und Gewalt ist oft die einzige Strategie, die bei psychisch vulnerablen Personen ins Außen kommt, um die inneren Dämonen bezwingen zu können. Jetzt beginnt die letzte Maßnahme, die Schule machen kann. Sie schützt die restlichen Kinder, indem sie den “Rabauken” suspendiert – und alleine lässt. In unserer veralteten Logik sperren wir “nicht-passfähige Personen”, wie auch Menschen mit Behinderungen, einfach weg und überlassen sie sich selbst.

Die Negativspirale dreht sich immer schneller und schneller, weil alle Beteiligten, also Eltern, Pädagog:innen und das betroffene Kind, in diesem System überfordert ist und es keinerlei Unterstützung gibt. Nach maximal 4 Wochen Suspendierung beginnen die Muster von Neuem oder werden schlimmer, weil der/die betroffene Schüler:in mit sich alleine gelassen wird oder sich mit anderen suspendierten Kindern im öffentlichen Raum trifft.

Wir brauchen ein “koste es was es wolle an den Pflichtschulen” – und zwar JETZT

Wirtschaft und Politik beklagen Fachkräftemangel und wir wundern uns, warum die Schere zwischen arm und reich größer wird und sich der “Mittelstand” in Luft auflöst.

Für die kapitalistische Kaufkraftstärkung und Wirtschaftsförderung werden Millionen, wenn nicht Milliarden in die Hand genommen und der soziale Bereich wird auf allen Ebenen vernachlässigt und sich selbst überlassen.

“Koste es, was es wolle” muss sofort für den Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich gelten. Wir brauchen in all diesen Bereichen interdisziplinäre und multiprofessionelle Teams mit kleinstmöglicher Bürokratie und größtmöglicher Hilfe. Mit FISCH (Familie in Schulen) wird seit wenigen Jahren, Schuleinsteiger:innen und deren Eltern bei Verhaltensauffälligkeiten bestmögliche Unterstützung angeboten. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche, bei denen oft eine gute Diagnostik fehlt und Kleinkriminalität, Misshandlung und Gewalt an der Tagesordnung steht, werden allein gelassen, genauso wie die Professionellen in Krisenzentren, WGs, Parksozialarbeiter:innen, Pädagog:innen und außerschulische Bildungseinrichtungen.

Es braucht eine massive bildungspolitische Offensive im Bereich der sozial-emotionalen und psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Krise ist ein kleiner Puzzlebaustein, aber verpufft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Förderklassen brauchen vor Ort Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Therapeut:innen, Ergotherapeut:innen, etc. Alle Professionist:innen, die auf Kinder und Jugendliche positiv einwirken können, um sie bestmöglich zu unterstützen und von Suchtkrankheiten, Gefängnis und Arbeitslosigkeit zu bewahren. Da müssen wir investieren und den Fokus legen.

Die Finger in die Wunde legen

Alle Entscheidungsträger:innen, alle im Sozialbereich tätigen, alle Betroffenen wissen das.

Jeder von uns kennt jemanden, in Lebenskrisen, in depressiven Verstimmungen, mit Persönlichkeitsstörungen, mit mentaler Ungesundheit. Wir alle kennen und wissen es. Und auch wir alle dulden diesen Zustand, sehen bewusst weg und putzen uns mit Glaubenssätzen wie, “das sind nur wenige Menschen”, etc. ab. Aber nein, es sind nicht wenige Menschen und es werden täglich mehr. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, der nächsten Generationen. Wir müssen den Finger in die Wunde legen und uns als Gesellschaft an der Gesellschaft entschuldigen und endlich die richtigen und notwendigen Maßnahmen setzen.

Es ist 5 nach 12 und alle politischen Maßnahmen, Ideen und bereitgestellten Gelder sind zu wenig. Es braucht sofort einen nationalen Schulterschluss im Sozial, Bildungs- und Gesundheitsbereich. Es braucht Vernetzung, Austausch und konkrete Verbesserungen. Wir können nicht zulassen, dass die einzige Antwort gegenüber vulnerablen Gruppen das Wegsperren ist. Wir haben hier und jetzt die Verantwortung und müssen uns dieser bewusst sein.

Bernhard Lahner BEd, Förderklassenpädagoge im sozial-emotionalen Bereich, Bildungsaktivist