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Schule ist mehr als Unterricht. Sie ist ein Beziehungsraum. Lernen geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo Kinder sich gesehen, respektiert und sicher fühlen. Als Lehrpersonen wissen wir: Ohne Beziehung keine Bildung. Genau an diesem Fundament rüttelt das Kopftuchverbot – und zwar mit voller Wucht.

Denn das Verbot betrifft nicht abstrakte Symbole oder politische Debatten. Es betrifft konkrete Kinder. Mädchen, die jeden Morgen vor uns sitzen. Die lachen, lernen, zweifeln. Und denen wir nun signalisieren sollen: Ein Teil von dir ist hier nicht erwünscht.

Beziehungsarbeit lebt von Vertrauen – nicht von Zwang

Viele Lehrpersonen investieren jahrelang in den Aufbau tragfähiger Beziehungen zu ihren Schüler:innen. Besonders zu jenen, die bereits Ausgrenzung, Rassismus oder institutionelles Misstrauen erlebt haben. Vertrauen entsteht langsam. Es braucht Zuhören, Ernstnehmen, Schutz.

Ein Kopftuchverbot wirkt all dem entgegen.

Wie sollen wir Vertrauen aufbauen, wenn wir gezwungen sind, einem Kind zu sagen, dass seine Kleidung – und damit seine Identität – ein Problem sei? Wie sollen Mädchen sich uns anvertrauen, wenn ausgerechnet wir zum verlängerten Arm eines Gesetzes werden, das sie kontrolliert, beschämt und diszipliniert?

Gerade für Kinder, die potenziell tatsächlich unter Druck oder Gewalt leiden, ist Vertrauen der einzige wirksame Schutzfaktor. Doch dieses Verbot zerstört die Grundlage dafür. Es isoliert die Mädchen weiter, statt ihnen Räume zu öffnen. Es treibt sie in die Unsichtbarkeit, statt sie zu stärken.

„Kinderschutz“ ohne Kinderperspektive ist Augenwischerei

Das Argument, das Kopftuchverbot diene dem Schutz von Kindern, klingt fürsorglich – hält aber einer pädagogischen Realität nicht stand. Wir Lehrpersonen wissen: Schutz entsteht durch Ressourcen, durch Zeit, durch multiprofessionelle Unterstützung. Durch Sozialarbeit, Beratungsstellen, Gewaltschutzeinrichtungen. Nicht durch Verbote.

Ein pauschales Gesetz, das alle Mädchen mit Kopftuch unter Generalverdacht stellt, ist keine Schutzmaßnahme, sondern ein Misstrauensvotum. Es entmündigt genau jene, die angeblich „gerettet“ werden sollen – ohne sie je gefragt zu haben.

Studien zeigen zudem klar, dass antimuslimischer Rassismus Mädchen und Frauen besonders hart trifft. Schule sollte ein Ort sein, der vor Diskriminierung schützt – nicht einer, der sie gesetzlich festschreibt.

Neutralität heißt nicht Unsichtbarmachung

Als Lehrpersonen wird von uns Neutralität erwartet. Doch Neutralität bedeutet nicht, nur bestimmte religiöse Ausdrucksformen zu verbieten. Sie bedeutet Gleichbehandlung. Wenn Kreuze hängen dürfen, wenn andere religiöse Zeichen akzeptiert sind, dann ist die Fixierung auf den Hijab kein Ausdruck von Neutralität, sondern von selektiver Ausgrenzung.

Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft – und sollte zugleich ein Ort sein, an dem Vielfalt gelebt und reflektiert wird. Nicht ein Ort, an dem Vielfalt sanktioniert wird.

Unsere pädagogische Verantwortung

Lehrpersonen haben die Pflicht, ein diskriminierungsfreies, rassismuskritisches Lernumfeld zu schaffen. Diese Verantwortung können wir nicht einfach an Gesetze abtreten – vor allem dann nicht, wenn diese den Grundwerten guter Pädagogik widersprechen.

Das Kopftuchverbot stellt uns vor ein Dilemma: Entweder wir setzen ein Gesetz um, das Beziehungen zerstört. Oder wir bleiben unserer professionellen Haltung treu – und stellen das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt.

Viele von uns wissen längst, auf welcher Seite wir stehen.

Denn gute Schule beginnt dort, wo Kinder nicht lernen müssen, Teile von sich selbst an der Türe abzugeben.

Franziska Haberler mit Unterstützung von schule.brennt

Lesezeit: 4 Minuten

Seitenwechsel? 

Als Schulleiter?

So manch einem im Schulsystem ist der Begriff „Seitenwechsel“ schon mal untergekommen… und einige wissen vielleicht sogar, was damit gemeint ist.

Für alle anderen: Auf der Website des Vereins Seitenwechsel wird mit den Worten „Aus dem Klassenzimmer ins Unternehmen – und zurück“ geworben. Genauer gesagt, die Initiative will Lehrer*innen anspornen, die Schule für ein Jahr zu verlassen, um in dieser Zeit in einem Unternehmen in der Privatwirtschaft (im weitesten Sinne) zu arbeiten. Mit der Idee, Erfahrungen über die „Welt da draußen“ zu sammeln, und diese nach Rückkehr an die Schule sinnvoll nutzen zu können.

So weit, so sehr gut. Denn viel zu oft neigen wir Lehrer*innen dazu, Kindern zu erklären, was sie denn so alles in der Berufswelt können müssen – und in Wahrheit haben wir wenig Ahnung davon. Besonders, wenn wir selbst aus Lehrer*innen-Familien stammen, und im schlimmsten Fall sogar eine Lehrer*in als Partner*in haben. Oje, was brauchen die Kinder denn dann im Berufsleben wirklich? Wie läuft die Welt da draußen? Was tut sich in den Firmen, was müssen die Menschen da können, worauf wird Wert gelegt?

Das beginnt aber schon viel banaler, etwa bei simplen organisatorischen Dingen: Welche Lehrperson hat schon mal Gehaltsverhandlungen geführt oder Urlaubszeiten ausverhandelt? Welche Lehrperson hat seit der Bewerbung bei der Bildungsdirektion jemals wieder wo beworben?

Viel mehr aber geht es um inhaltliche Aspekte. Was von meinem geliebten Unterrichtsfach wird im Job wirklich benötigt? Sind das Wissen und die Kompetenzen, die ich vermitteln will, in der Arbeitswelt relevant? Zeitgemäß?

Viele Fragen also, die wir in der Schule zwar oft reflektieren (hoffentlich!), aber kennen wir die Antworten wirklich? Oder malen wir sie uns nur aus?

Dazu kommt, dass es grundsätzlich immer gut ist, sich einfach mal von bewährten Abläufen zu verabschieden, was Neues zu probieren, über den Tellerrand zu schauen und den eigenen Horizont zu erweitern! Eh klar!

Ja, der Seitenwechsel ist also sehr sinnvoll. So habe ich – in meiner Funktion als Schulleiter – das meinen Lehrer*innen auch stets präsentiert, und auch die eine oder andere dazu bewegen können, sich darauf einzulassen. Bei allen Tücken: Denn einerseits ist es für eine engagierte Lehrer*in gar nicht so einfach, die eigenen „Babys“ für ein Jahr zu verlassen. („Sie verlassen uns?… Sie Verräter!“)

Und generell: Raus aus der Komfortzone, raus aus den gewohnten Abläufen? Weg von den lieben Kolleg*innen? Aber auch nicht zu vergessen: Keine Ferien mehr, nur mehr 5 Wochen Urlaub? Und dann noch eine Firma finden, die uns zumindest annähernd unser Lehrer*innen-Gehalt bezahlt, obwohl wir ja eigentlich ohne einschlägige Qualifikationen kommen? 

Gar nicht so einfach. Dennoch habe ich, wie gesagt, immer wieder versucht, den Seitenwechsel meinen Lehrer*innen schmackhaft zu machen. Bis ich irgendwann mal innegehalten und nachgedacht habe: Warum mach ich das denn nicht selber? Gilt das oben genannte nur für Lehrer*innen, aber nicht für Schulleiter*innen?

Natürlich nicht! Auch als Schulleitung ist es wichtig, die Welt da draußen zu kennen, vielleicht noch wichtiger als in der Lehrer*innenrolle. Immerhin steuert die Schulleitung das Schiff mit Kurs auf die Zukunft, in der die Absolvent*innen bestehen müssen. Jetzt kann man bis zu einem gewissen Grad darauf vertrauen, dass die Behörde, die Obrigkeit, schon vorgibt, wo es hingehen soll, und dass die Lehrpläne etc. bestens auf das Leben danach vorbereiten.

Oder – besser – man verschafft sich selbst ein Bild von der Sache!

Jawoll, dachte ich, das wär was! Der Verein Seitenwechsel, konkret in Person meines ehemaligen Schulleiters Erwin Greiner, hat dieses Vorhaben nach Leibeskräften unterstützt. Bald wurden Kontakte geknüpft, Möglichkeiten ausgelotet. So weit, dass ich im Sommer 2024 ein einwöchiges Praktikum – meinen ersten Ferialjob seit Studienzeiten ;) – machen durfte, und zwar bei den Wiener Stadtwerken. Beeindruckend war das, eine Woche einen Einblick in einen Konzern zu bekommen, mit 17.000 Mitarbeiter*innen, mehreren namhaften Konzernunternehmen wie Wiener Linien oder Wien Energie, einer tollen Unternehmensphilosophie, und etlichen Betätigungsfeldern! Wow! Seitenwechsel, ich komme!

Doch schon bald zeigte sich eine sehr triviale Hürde: Als Schulleiter verdient man ja ein Lehrer*innengehalt plus eine Leitungszulage, ist also noch teurer als eine (ohnehin schon teure) Lehrer*in. Wer will so jemanden einstellen? Jemanden in den Konzern holen, der in Wahrheit nix kann (zumindest auf die berufsspezifischen Qualifikationen bezogen), aber mehr bezahlt bekommt als die anderen Mitarbeiter*innen?

Das geht gar nicht, weder aus Konzernsicht, noch aus meinem persönlichen Verständnis von Fairness.

Entsprechend einfach gestalteten sich die Gehaltsverhandlungen: Nach relativ wenig Hin und Her war ich einverstanden, trotz deutlicher Gehaltseinbußen den Job anzunehmen. „Geld kann gar nie so wichtig sein“ ließ Steinbäcker den Großvater sagen, und recht hat er! Es geht vielmehr um die neuen Ufer, die neuen Horizonte, die neuen Erkenntnisse! Verhungern werd ich schon nicht.

Ich erhoffe mir also einen Gewinn an Erfahrungen, der für mich persönlich nützlich sein kann – professionell wie privat. Darüber hinaus glaube ich aber auch, dass die Schule profitieren wird. Nach 11 Jahren Schulleitungen sind viele Dinge zur Routine geworden, vieles läuft wie am Schnürchen… mit allen positiven und negativen Konnotationen. Wahrscheinlich sind blinde Flecken entstanden, manche Abläufe werden jährlich wiederholt, ohne hinterfragt zu werden… wir tun Dinge, weil wir das schon immer so gemacht haben. Mit anderen Worten: Zu viel Routine kann zur Stagnation und Betriebsblindheit führen (auch wenn der Job nicht gerade langweilig ist).

Außerdem bringt eine neue Führung (selbst wenn die nur interimisch für ein Jahr arbeitet) neue Ideen in die Schule und greift vielleicht Dinge an, die bisher unberührt geblieben sind.

Das musste natürlich gut vorbereitet sein. Ich habe mich also schon lange vor der definitiven Entscheidung zum Seitenwechsel vergewissert, dass es Leute gibt, die in meiner Abwesenheit die Schule führen können und wollen (und das auch in meinem Sinn tun). Gleichzeitig habe ich das Einverständnis meines Vorgesetzen SQM in der Bildungsdirektion eingeholt, und erst nachdem beides fixiert war, war der Seitenwechsel in trockenen Tüchern.

Und dann, bei der Semesterkonferenz im Jänner 2025, habe ich den bevorstehenden Seitenwechsel meinen Lehrer*innen präsentiert. Diese waren – gelinde gesagt – überrascht, manche sogar schockiert. („Du verlässt uns…?“). Nach dem anfänglichen Schockmoment wurde mein Vorhaben aber mehrheitlich positiv gesehen, allerdings immer in Begleitung der Worte „Du kommst aber eh wieder?“ ;)

Dann war ein halbes Jahr Zeit, um meine Vertretung einzuführen, denn Schulleitung lernt man nicht von heute auf morgen (in der Praxis passiert das zwar leider oft so, aber besser ist natürlich eine ordentliche Vorbereitung und Übergabe). Wir haben also ein halbes Jahr oft gemeinsam an Prozessen gearbeitet, gemeinsam Gespräche geführt, um einen reibungslosen und guten Übergang zu schaffen.

Ja, und jetzt stehe ich buchstäblich vor den Toren meines neuen Arbeitgebers, den Wiener Stadtwerken. Vor je einem halben Jahr in der Konzernleitung und im zentralen Lehrlingsmanagement der Wiener Linien! Voll Neugier, voll Vorfreude voll Erwartungen!

Seitenwechsel, here I come!

Michel Fleck, Schulleiter und Seitenwechsler

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Als Lehrerin und Klassenvorständin an einer Wiener Mittelschule bin ich regelmäßig mit den herausfordernden Lebensumständen der Schüler:innen konfrontiert. Viele Situationen lassen sich in einem oder mehreren Gespräch mit den Schüler:innen und Eltern klären. Allerdings gibt es auch Umstände, die eine sozialarbeiterische Expertise benötigen. 

Maria, Elif, David und Antonio*

So zum Beispiel bei Maria. Sie fehlte oft in der Schule und war, wenn anwesend, sehr still. Kam sie nicht in die Schule, meldete sich der Vater bei mir. Die Gründe für das Fernbleiben waren vielfältig: Ein verstauchter Knöchel, die kaputte Brille, Bauchweh, Kopfweh odg. Die Fehlstunden häuften sich und es erfolgte eine Meldung beim Schulkooperationsteam. Als Antwort kam, dass die Familie (Tochter und Vater, die Mutter war verstorben) bereits seit längerem engmaschig vom Jugendamt betreut wird, was mir nicht bekannt war. Die Konstellation zwischen Maria und ihrem Vater war sehr speziell, sodass diese für einen längeren Zeitraum durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt wurde. Schließlich übersiedelte Maria zu ihrer Tante und schloss erfolgreich die Mittelschule ab. 

Bei Elif verständigte ich das Schulkooperationsteam, da der Vater sie beim Elterngespräch aufs wüste beschimpft hatte. Sie war in der 4. Klasse, sprachlich sehr gewandt, jedoch blieben ihre schulischen Leistungen aus. Der Vater war derart frustriert, dass er mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte und sich so einer Verantwortung als Erziehender entziehen wollte. Da sein Bruder mit dem Jugendamt schlechte Erfahrungen gemacht hatte, war sein anfängliches Interesse für die Zusammenarbeit mit dem Schulkooperationsteam gering, konnten aber in einem Gespräch abgeschwächt werden. Elif und ihre Familie wurden ca. zwei Monate betreut und auch sie schloss erfolgreich die Schule ab. 

Manchmal kam es zum Kontakt mit dem Jugendamt, obwohl ich selbst keine Meldung vorgenommen hatet. Im Fall von David war dessen Familie aufgrund seiner zwei Brüder in Betreuung. Hier wurde bei mir telefonisch nachgefragt, ob bei David alles passt, was ich bejahen konnte. Ebenso bei Antonio, der regelmäßig in therapeutische Behandlung ging, wurde ich telefonisch nach dessen Wohlergehen kontaktiert. Gegen Ender der 4. Klasse berichtete er mir, dass er nun sein Abschlussgespräch mit dem Jugendamt hatte, da dieses nun nicht mehr notwendig sei.

Erst vor kurzem habe ich erneut eine Meldung vorgenommen, da Dario, 11 Jahre, bereits mehrere Polizeikontakte hatte. Darios Mutter fühlt sich überfordert. Gemeinsam mit dem Schulkooperationsteam wird nun versucht, dass Dario eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung findet.

Herausforderungen

Die geschilderten Fälle zeigen eine kleine Bandbreite an unterschiedlichen Situationen, mit denen ich als Lehrperson bisher konfrontiert wurde. Bevor eine externe Stelle kontaktiert wird, sollte aus meiner Sicht vorrangig mit der zuständigen bzw. dem zuständigen Schulsozialarbeiter am Standort Kontakt aufgenommen werden. Leider ist dieser Posten an meiner Schule schon seit längeren nicht besetzt, sodass eine wichtige Schnittstelle fehlt. Die Schüler:innen könnten so direkt an der Schule betreut werden und aus Lehrer:innen Sicht hätte ich vor Ort eine Person, die mich unterstützt. Denn öfters stehe ich vor der herausfordernden Frage, ob die Umstände derart gravierend sind, dass eine externe Stelle eingeschaltet werden soll oder nicht. Und wenn ja, ob ich gleich eine Meldung beim Jugendamt machen soll oder erstmals das Schulkooperationsteam einschalte. 

Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, dass die Eltern die Sozialarbeit nicht als Bestrafung sehen, sondern als Erleichterung bzw. Unterstützung. Sind diese von Anfang an dagegen, wird es schwer, sinnvoll zusammenzuarbeiten. Nützlich ist an dieser Stelle das Schulkooperationsteam, als vorgelagerte Stelle vom Jugendamt. Viele Eltern haben durch diverse Erzählungen große Vorbehalte gegenüber dem Jugendamt (beispielsweise der Vater von Elif) und glauben, dass ihnen sofort ihr Kind weggenommen wird. 

Herausfordernd ist, dass vergangene bzw. bestehende Kontakte mit dem Jugendamt bzw. Schulkooperationsteam mir als Lehrperson nicht immer bekannt sind, wie etwa in dem oben geschilderten Fall von Maria. Hier wäre es wünschenswert, wenn es zwischen den verschiedenen schulischen Institutionen einen besseren Austausch bzw. eine bessere Info-Weitergabe gäbe. Hätte ich bei Maria von Anfang an eine Ansprechperson gehabt, hätte ich diese viel früher kontaktiert und mir die Arbeit einer neuen Meldung sparen können. Aus Lehrer:innensicht wäre es auch hilfreich zu wissen, wie engmaschig die Betreuung ausfällt.

Vor der Arbeit des Jugendamtes bzw. des Schulkooperationsteams habe ich großen Respekt. Viele Fälle bringen einem zum Nachdenken und es ist nicht immer einfach, mit einem freien Kopf zum Unterrichtsalltag zurückzukehren. So gesehen ist es für mich eine enorme Erleichterung, wenn ich eine Meldung beim Jugendamt vornehme bzw. den Kontakt zum Schulkooperationsteam aufnehme und den Fall an Sozialarbeiter*innen übergeben kann. Es wächst damit die Hoffnung, dass sich die Situation zum Guten wendet und es entlastet im besten Fall auch den Alltag, sodass man sich wieder mehr aufs Unterrichten, aber auch auf andere Schüler*innen und deren Themen konzentrieren kann. 

*die Kinder heißen eigentlich anders

Die Autorin ist Lehrerin an einer Wiener Mittelschule.

Lesezeit: 3 Minuten

In der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen stellen Schule und Familie in der Regel die zentralen Sozialisationsinstanzen dar. Wenn in einem dieser Systeme Spannungen, Überforderungen oder strukturelle Defizite auftreten, kommt Schulsozialarbeit ins Spiel – oft in enger Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe. Die Tendenz ist steigend. Es gibt einige Schulen, die beinahe wöchentlich Gefährdungsmeldungen machen (müssen), weil das Kindswohl gefährdet, die Entwicklung nicht adäquat unterstützt und/oder die Lebensumstände zuhause prekär sind. 

Schulsozialarbeit: Prävention, Intervention und Beziehung

Schulsozialarbeit verfolgt das Ziel, Kinder und Jugendliche in ihrer persönlichen, sozialen und schulischen Entwicklung zu fördern. Sie arbeitet systemisch, vertraulich und freiwillig – und doch sehen sich viele Familien mit Misstrauen konfrontiert, sobald der Begriff „Sozialarbeit“ fällt. Zu groß ist die Sorge, in eine Schublade gesteckt oder gar pathologisiert zu werden – viele Eltern sind  des Weiteren der Ansicht, „das Jugendamt nehme ihnen die Kinder weg!“. 

Die Aufgabe der Schulsozialarbeit ist es zu vermitteln, zu begleiten und Brücken zu bauen– zwischen Schule und Elternhaus, zwischen pädagogischem Anspruch und sozialer Realität. Im Wiener Kontext bedeutet das oft, mit Eltern zu kommunizieren, deren Vertrauen in staatliche Institutionen historisch oder biografisch beschädigt ist – sei es aufgrund von Fluchterfahrungen, Armut, Rassismus oder generell fehlender Teilhabe.

Das Jugendamt: Partner oder Bedrohung?

In der öffentlichen Wahrnehmung ist das ehem. Jugendamt, heute Kinder- und Jugendhilfe Wien, vielfach mit einer gewissen Ambivalenz behaftet. Während es in seiner Aufgabe als Kinderschutzinstanz agiert und wichtige Unterstützungsleistungen bietet – von Familienbegleitung über Kriseninterventionen bis hin zu Fremdunterbringungen –, wird es von vielen Eltern primär als Kontrollinstanz erlebt. Gerade wenn Schule eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt initiiert, fühlen sich Erziehungsberechtigte häufig übergangen oder in ihrer Kompetenz infrage gestellt.

Diese Spannung kann nur durch transparente Kommunikation, niederschwellige Kontaktangebote und eine sensible, kulturbewusste Haltung aufgelöst werden. Schulsozialarbeiter:innen sind hier entscheidend: Sie können Übersetzer:innen zwischen Lebenswelten sein, Ängste abbauen und helfen, das Jugendamt nicht als Gegner, sondern als Ressource zu begreifen und hiermit eben auch Lehrkräfte unterstützen, die mit ihren pluralen Aufgaben oft an die Grenzen des menschlich Machbaren stoßen. 

Ganztagsschule: Chance und Herausforderung zugleich

Ganztägige Schulformen bieten grundsätzlich einen fruchtbaren Boden für nachhaltige sozialpädagogische Arbeit. Die erweiterte Verweildauer der Kinder in der Schule schafft Zeiträume für Beziehungsaufbau, kreative Angebote, sozial-emotionale Lernfelder und intensive Begleitung. Zugleich zeigen sich in Ganztagsschulen jedoch auch strukturelle Spannungen: Das pädagogische Personal steht oft unter hohem Druck, multiprofessionelle Teams arbeiten nicht immer reibungslos zusammen, und Eltern fühlen sich – besonders in sozial belastenden Situationen – häufig von Entscheidungen überrollt und/oder ausgeschlossen. Im schlimmsten Fall möchten Eltern schon nicht mehr mit der Schule kooperieren. „Das/ Der/ Die ist jetzt eure Aufgabe – ich möchte keine Beschwerden/Nachrichten mehr von Ihnen erhalten!“

Hier kann eine enge Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Schulsozialarbeit und Schulteam helfen, systemische Lösungen zu entwickeln: etwa durch gemeinsame Fallbesprechungen, Intervisionsformate oder die Entwicklung von Unterstützungskonzepten für Schüler:innen mit komplexen Problemlagen. Das Schulkooperationsteam ist hier ein erster Ansprechpartner. 

Elternarbeit: Beziehung statt Belehrung

Elternarbeit ist der Schlüssel zur Wirksamkeit schulsozialer Maßnahmen. Doch gerade in Zeiten, in denen denen Jugendliche und Kinder vermehrt mit psychischen Problemen und Unwohlsein zu kämpfen haben, ist diese Arbeit nicht trivial. Sprachliche Hürden, Scham, Erschöpfung oder lebensweltliche Differenzen erschweren den Dialog. Schulsozialarbeiter:innen müssen sich hier als Ermöglichende begreifen – nicht als Instanzen der Bewertung. Aufsuchende Formate, Elterntreffs in vertraulicher Atmosphäre, die Zusammenarbeit mit Community-Leader:innen und/oder Dolmetschdiensten können hier wirksame Mittel sein.

Ziel muss es sein, Eltern in ihrer Rolle zu stärken, statt sie zu korrigieren – und gleichzeitig das Wohl des Kindes im Blick zu behalten. Es gilt, Vertrauen nicht nur einzufordern, sondern aktiv herzustellen. Der Kinder- und Jugendhilfe ist es ein Anliegen ist, mit den Familien gut zu kooperieren – und dabei immer im Sinne des Kinderschutzes gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.

Fazit: Eine gemeinsame Verantwortung

Die Herausforderungen, vor denen Wiener Mittelschulen stehen, sind strukturell, sozial und komplex. Niemand kann diesen komplexen Aufgaben allein begegnen. Was es braucht, ist ein echtes Zusammenspiel – auf Augenhöhe mit den Familien, mit offenen Kommunikationswegen, ausreichend Ressourcen und einer klaren gemeinsamen Vision: Alle Kinder verdienen die bestmögliche Unterstützung, unabhängig von Herkunft, Sprache oder sozialem Status.

Die Schule kann dabei ein Ort sein, an dem Bildung und Sozialarbeit nicht nebeneinander, sondern miteinander wirken – im Dienst der nächsten Generation.

D

Franziska Haberler, Lehrerin an einer Wiener Mittelschule – in Co-Autorenschaft mit Ingrid Pöschmann, Öffentlichkeitsarbeit der MA 11.

Lesezeit: 3 Minuten

Neue Chancen durch den Pflichtschulabschluss

Einmal im Monat kommen nachmittags 70 – 100 Erwachsene an unsere Schule. Die meisten sind aufgeregt, manche haben Mappen, andere Plakate in ihrer Hand. Dabei handelt es sich nicht um die Eltern von unseren Schüler*innen. Es sind junge Erwachsene (die meisten sind zwischen 20 und 25 Jahren), die an unserer Mittelschule in Form von Externistenprüfungen ihren Pflichtschulabschluss nachholen. 

AMS Jugendcollege

Die Vorbereitung erfolgt in sogenannten Jugendcolleges, die es in Wien seit kurzem gibt. Dabei handelt es sich um ein schulähnliches Angebot für 18 – 25-jährige Asylberechtigte und Subsidiär Schutzberechtigte mit dem Ziel, die Personen so rasch wie möglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Teilnehmer*innen verbringen wöchentlich 32 Stunden im College, das in zwei Module (basic und advanced) gegliedert ist. Je nach Vorwissen und individuellen Bedürfnissen der Personen werden Alphabetisierungskurse, Finanzbildung, Praktika, sozialpädagogische Betreuung oder die Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss angeboten. Seit September 2024 stehen vom AMS Wien und der Stadt Wien jährlich rund 4 000 Ausbildungsplätze zur Verfügung. (vgl. Presse Service Rathauskorrespondenz, 07.02.2024)

Rechtlicher Rahmen

Bevor die jungen Erwachsenen an unsere Schule kommen, werden diese gezielt auf ihre Prüfungen vorbereitet. Gemäß der Rechtsvorschrift für Pflichtschulabschluss-Prüfungs-Gesetz § 3 (1) umfasst diese Prüfung fünf Gebiete:

  • „Deutsch – Kommunikation und Gesellschaft“
  • „Englisch – Globalität und Transkulturalität“
  • „Mathematik“
  • „Berufsorientierung“
  • sowie zwei der folgenden Prüfungsgebiete: „Kreativität und Gestaltung“, „Gesundheit und Soziales“, „Natur und Technik“

In Deutsch sowie Mathematik ist eine einstündige schriftliche sowie eine mündliche Prüfung verpflichtend, die an einem Tag hintereinander statt finden. In den anderen Gegenständen können die Prüflinge wählen, ob sie eine schriftliche oder mündliche Prüfung bzw. Präsentation haben wollen. 

Positive Überraschungen

Seit letzten Herbst werden auch an meiner Schule Externistenprüfungen für Schüler*innen des AMS Jugendcollege abgehalten. Die Freude darüber war anfänglich endend wollend. Viele Faktoren, wie etwa der Ablauf, der Zeitaufwand oder die Bezahlung waren unklar. Hilfreich war, dass andere Schulen bereits Erfahrungen mit dieser Prüfungsform hatten und diese an uns weitergaben.

Als Deutsch-Lehrerin durfte ich nun bereits mehrmals das Gebiet „Deutsch-Kommunikation und Gesellschaft“ abprüfen. Der Großteil der Prüflinge ist männlich und kommt aus Syrien. Besonders spannend ist die mündliche Prüfung. Dabei müssen sie sich vorstellen und zu ihren Zukunftsplänen reden sowie zu einem vorab ausgewählten Bild.  

Im Prüfungsgespräch werden die herausfordernden Lebensumstände deutlich: Der Großteil ist alleine nach Österreich gekommen. Die Familie lebt in Syrien, in der Türkei oder im Libanon und wurde schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Manche haben bereits eine eigene Familie gegründet, jedoch lebt diese nicht immer in Wien. Esat hat beispielsweise eine 4-jährige Tochter in der Türkei. Er hofft, dass er diese bald sehen wird. Nassima ist schon mehrere Jahre in Wien. Sie hat einen 4-jährigen Sohn.

In vielen Fällen wurde die schulische Laufbahn mit 11/12 Jahren unterbrochen. Danach verlaufen die Bildungswege unterschiedlich. Dennoch haben die Prüflinge allesamt ein klares Ziel vor Augen: Sie wollen eine Ausbildung starten. Sei dies als Krankenpfleger, KFZ-Mechaniker, technischer Zeichner oder als Bürokauffrau. 

Manche haben in dem Bereich, in dem sie arbeiten wollen, bereits Berufserfahrungen gesammelt, wie beispielsweise Ahmed, der in Syrien als Schweißer arbeitete. Allerdings fehlt ihm ein formaler Abschluss, damit er den Beruf in Österreich auch ausüben darf.

Um beim Vorbereitungskurs für die Prüfung mitmachen zu dürfen, müssen gewisse Sprachkenntnisse vorgewiesen werden. Viele haben nach zwei Jahren in Österreich ein beeindruckendes Sprachniveau erreicht. Dennoch zeigen sich bei der mündlichen Prüfung Unterschiede. Da ist etwa Abdullah, der fließend Deutsch spricht und die Prüfung mit Bravour meistert. Er spielt in einem Cricket Team und ist stark in das Mannschaftsleben eingebunden. Nasim zeichnet sich durch seinen gewandten und humorvollen Sprachgebrauch aus. Er kellnerte etliche Monate in Wien. Deutlich wird einmal mehr, dass Sprache vor allem in der Anwendung mit Menschen, die die Sprache bereits gut sprechen, gelernt wird. 

Während der Prüfung wird auch über die Unterschiede zwischen dem Heimatland und Österreich gesprochen. Bei manchen ist dir Erinnerung an ihr Herkunftsland jedoch schon sehr verblasst, da dieses schon in sehr jungen Jahren verlassen wurde. 

Parallelen zur Matura

Die Stimmung während eines Prüfungsnachmittages in der Schule ist speziell. Man schaut in nervöse und aufgeregte Gesichter. Ich werde an meine Matura erinnert. Und tatsächlich gibt es Parallelen: Mit dem Pflichtschulabschluss geht ein Lebensabschnitt zu Ende und er ermöglicht neue Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Oft habe ich allerdings den Eindruck, dass die Wertschätzung des Pflichtschulabschluss gesellschaftlich nicht besonders hoch ist.

Nach einem Nachmittag mit Externistenprüfungen ändert sich meine Perspektive auf den Pflichtschulabschluss enorm. Der Großteil der Prüflinge ist gut vorbereitet. Die Kanditat*innen sind höflich und sie wollen zeigen, was sie können. Man merkt, wie bedeutend der Abschluss für die Prüflinge ist. Sie nehmen die Prüfungen ernst, denn sie haben ein klares Ziel vor Augen: Eine bessere Zukunft. 

In dieser Zukunft, so der Wunsch der Prüflinge, haben sie eine abgeschlossene Ausbildung und einen Job. Sie sind unabhängig. Sie haben in Österreich Freund*innen und können Österreich etwas zurück geben. Es ist erfüllend, ein kleiner Teil dieser „besseren“ Zukunft zu sein.  

https://presse.wien.gv.at/presse/2024/02/07/neues-jugendcollege-wien-bereitet-5-000-asylberechtigte-auf-arbeitsmarkt-vor (21.2.2025)

https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20007930 (21.2.2025)

Die Autorin ist Lehrerin an einer Wiener Mittelschule.